2011


Sackgeld

Der Heimleiter, von allen „Vater“ genannt, verteilt das Taschengeld.
Die Buben dürfen auf das Jahresende für ein paar Tage „nach Hause“ fahren.

Anfangs der 60er Jahre heissen diese Institutionen zwar nicht mehr „Erziehungsanstalt“, sondern „Erziehungsheim“. Es wird aber immer noch mit harter Hand geführt. Fürs Ausreissen fasst bub sich im Büro des „Vaters“ eine Tracht Prügel, von Hand oder mit dem „Hälslig“. Als junge Erzieherin versuche ich, den mir anvertrauten Knaben eine Art Heim zu geben, wenigstens den 16 in meiner Gruppe. Immer wieder muss ich vom „Vater“ ermahnt werden, dass ich es hier mit Schwererziehbaren zu tun habe und wir verantwortlich dafür sind, aus 64 hoffnungslosen Fällen nützliche Glieder der Gesellschaft zu machen.

Vor Weihnachten kommt der Beauftragte des Kantons ins Heim, um vor Ort zu kontrollieren, ob alles gut läuft. Vorher muss das ganze Haus auf Hochglanz gebracht werden. Die Zöglinge schleppen Kübel mit Seifenwasser und fegen zusammen mit den Erzieherinnen Treppen und Gänge. Die „Mutter“, Ehefrau des Heimleiters, dirigiert die Untergebenen, heisst den Gärtner Gestecke und Türkränze anzufertigen, die Hausbeamtin das Leinen auf den Tisch zu breiten, die Köchin die Bernerplatte anzurichten, denn der Beamte kommt jedes Jahr pünktlich nach dem Schlachten und hat nichts gegen Speckseiten- und Bratwurstgeschenke. Schliesslich setzt er sich in seinem Büro in Bern das ganze Jahr hindurch für das Heim ein. Der Kontrollbeamte kann zufrieden sein: Das Essen ist gut, das Schlachtpaket üppig, die Jahresabrechnung vom Heim, zu dem ein grosser Landwirtschaftsbetrieb und eine Gärtnerei gehören, sieht nach erfreulichem Gewinn aus. Kein Wunder, denn vierundsechzig Buben im Alter von 7 bis 15 Jahren haben geackert, gesät, Kartoffeln gepflanzt, Kühe und Schweine gehütet, Beete und Felder gejätet, Beeren und Obst gepflückt, Ställe ausgemistet, Gras, Getreide und Heu eingebracht, Jauche ausgebracht, gekocht, Wäsche aufgehängt, geputzt und die Kinder des „Vaters“ und der „Mutter“ bedient.

Nach der Weihnachtsfeier im Heim mit Züpfe, Hamme, Kartoffelsalat und einem Geschenk (Socken, Unterhosen, Leibchen, Nastücher, 1 Tafel Schokolade), dürfen die Buben für ein paar Tage nach Hause fahren, meist in ein Zuhause, das ihnen fremd geworden ist, denn die Familien werden kaum in die Erziehung der „versorgten“ Kinder einbezogen.

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…macht Weihnacht, indem ihre Mitlieder:

Multikulturell lesbare Weihnachtswünsche laminieren und im Blogk-Eingang platzieren
Eine Liste über die Geschenke an den Hausmeister führen, damit kein Dank untergehe
Geschenke und Weihnachtskonfekt zwischen den Blöcken hin- und her transportieren
Dinge, um die der Haushalt vor dem Umzug reduziert werden muss, online verkaufen
Kräuter zu Pesto verarbeiten (der weisse Trüffel war am Ende doch zu teuer)
Leute via Liftschacht beruhigen, wenn der Aufzug stecken geblieben ist
Weihnachtslieder und deren Noten zusammensuchen
mit den kleineren Kindern spazieren gehen
Den Weihnachtsbaum schmücken
Die Kerzen anzünden
singen und danken

allen hier fröhliche Tage wünschen.

1st, head of this blog, steht vor einer Phase, die andere „Pensionierung“ nennen würden.

Damit alle Bücher und Daten zu Autorinnen und Autoren, die ihr (und vielen aus der Region) am Herzen liegen, wirklich und wahrhaftig noch vor diesem Termin vollständig und umfassend zugänglich werden, arbeitet sie jede (Familien-freie) Minute an diesem digitalen Projekt.

Es folgen aber hier auch wieder beitragsreichere Zeiten.

So long!

Ima-Engel

Alles Gute und Schöne zum ersten Advent allerseits!

Der Familie Blogk wird diese Zeit Veränderungen bringen. Zum ersten Mal seit 20 Jahren wird ein Familienzweig das Hochhaus und diese Postleitzahl verlassen. 2nd, female, 2nd, male und 3rd, male werden umziehen. Seit 3rd vor zehn Jahren den Engel oben gemacht hat, wohnen wir auf einer Baustelle, unsere Umgebung ist ein Provisorium und täglich erleben wir, wie der Einsatz der Bewohner für ihr Quartier mindert – auch unserer eigener.

Man hört ja als sozial und politisch engagierter Mensch immer von anderen Menschen, die sich weniger aufregen, gesünder leben und ganz allgemein gelassener sind, dass man die Welt nicht ändern könne, nur sich selbst. Nun machen wir das.

Wir kommen im Moment nicht so zum Bloggen, weil wir halt anderes zuerst machen: Aktiv und passiv in die Schule und Bibliothek gehen, hausmeistern, Schnittstellen in Garten und IT pflegen, eine Menge Ehrenämter, was gemäss neustem SPIEGEL recht positiven Einfluss auf die Lernfähigkeit einer Region hat. Besonders die Vereinsmeierei, woran wir auch gar nie gezweifelt haben.

Generationenübergreifend lacht Familie Blogk über die wunder- und sehr gut memorierbare Übersetzung eines türkischen Heulers. Voilà: „Keks, alter Keks“:

Ecken und Kanten

Damit auch in diesem Jahr alles klappt mit der Zukunft, durfte ich unter der strengen Anleitung der Fachfrau (als Versuchskaninchen) einen Probelauf in der
hauseigenen Buchbinderei starten.
Die elf Jugendlichen, Kinder von Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern, hantierten heute geschickt mit Stechzirkel,
Leinenband und Weissleim. Es war ein anstrengender, aber lustiger
Tag. Die Bücher in den Gestellen freuten sich auch über so viel fröhlichen
und ungewohnten Betrieb.

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Unglaublich, was man alles „falsch“ machen kann in einem Leben. Schon die Kleinigkeiten, nichts Lebenswichtiges, füllen elektronische Kuhhäute.
Daran dachte ich heute, als mein Schwiegersohn (mit südosteuropäischen Wurzeln) das Grosse-Bajram-Fleisch in die Pfanne haute und hoffte, mit wenig Öl und viel Hitze den Goût der Kindheit darin wieder zu finden. Aussichtlos, nichts schmeckt mehr genau so, wie in der Kindheit. Die nötigen Zutaten bringt man nie mehr zusammen, was auch ein Glück sein kann.

Ich erinnerte mich an meine Apfelrösti. Jahrelang versuchte ich als tüchtige Haus- und andere Frau, die Öpfurösti meiner Schwiegermutter nachzukochen. Aussichtslos. Einmal war das Brot zu weiss, zuwenig altbacken, zu ruch, zu dick oder zu dünn geschnitten, in zuviel Butter geröstet statt im Ofen nur angetrocknet. Ein anderes Mal die Äpfel zu süss, zu wenig gefallen (unbedingt Fallobst) zu wenig weich, zu saftig oder das Verhältnis Äpfel-Brot nicht passend, dann alles zu heiss oder zu lau.

Item – Nun wieder zum Opferfest-Fleisch von heute. Das war Rind! Was den Koch nicht störte, war doch in seiner Kindheit die Hauptsache „Fleisch“. Man legte es direkt auf die heisse Ofenplatte, verzehrte es gemeinsam restlos und ohne erzväterliche Geschichtsgarnitur. (Streng genommen müsste es Schaf sein, denn damals, als Vater Abraham das Messer ansetzte, um seinen geliebten Sohn Isaak zu opfern, war im allerletztem Bruchteil der Sekunde ein Widder da und kein Rind.)

Nicht nur in der „Küche“, auch in der „Kirche“ kann man so vieles falsch machen. Eine Kollegin, schon sehr lange konvertiert, hat sich beim Kleinen Bajram furchtbar aufgeregt über die oberflächlichen Gläubigen, die sich nicht an den Mondkalender halten und aus irgend einem weltlichen Grund das Fasten ein paar Minuten zu früh brechen.
Und jetzt noch Rind, statt Schaf – wo soll das noch enden?

Noch einmal im Garten essen

Jetzt falled d’Blettli wieder
de Summer isch verbii
und d’Schwälbli flüged alli furt
mir wüssed nüd wohii.

Leb wohl, du schöne Summer
du söttischt nonig gah
wenn d’über s Jahr denn wider chunnscht
denn simer alli froh.

Ein letzter milder Abend zum Zusammensitzen und Essen im Garten,
letztes Bad im Freien, Sommerschuhe und Kleider „einwintern“,
wieder öfters im Haus spielen,
sich Frisur mässig vom neuesten Baumschnitt am Bundesplatz inspirieren lassen,
einmal eine Kuh in der Stadt fotografieren (leider nur Teilansicht),
mit den Jungkrähen durch die Stadt flattern, damit sie sich auskennen, wenn sie gross sind,
Laub rechen, rechen, rechen, die Melodie mit summen, wenn der Glockenturm
Herbstlieder spielt und ein bisschen in die Sommerfötis klicken …
Und zu der Idylle noch etwas Schwarzes: Das LikeaBike von Kleinesbübchen wurde gestohlen,
vor meiner Wohnungstür, und wir denken, dass das Velo
schon in Mazedonien ist – wir Wüsten!

Letztes Bad im Freien Herbst im Weyermannshaus
Sandalen gereinigt Wer hat an meinem Schreibtischchen gewerkelt?
Simmentalerfleck zu Besuch in der Stadt Baumschnitt \"Calmly-Rey\" vor dem Bundeshaus
Ordnung machen vor dem Bundeshaus Herbstfrage. Wann wieder Meer?

Als Frau Schnyder ins Altersheim übersiedelte, nahm sie die Kasperli-Figuren mit. Ihr Mann, ein Grafiker, hatte diese als frischgebackener Vater modelliert und Frau Schnyder hatte die Kostüme genäht. Eigentlich wollten die erwachsenen Kinder die Figuren schon lange entsorgen und verstanden nicht, dass ihre Mutter solch unnötigen Kram ins Heim mitnahm. Wenn ich der alten Frau eine Auswahl Bibliotheksbücher vorbei brachte, kochte sie mir Tee, nahm dann den Kasper, das Grittli, den Polizisten hervor und erzählte von früher. Als Frau Schnyder gestorben war, erhielt ich Bescheid, dass sie mir die Kasperlifiguren hinterlassen hatte. Aber aus dem Erbe wurde nichts. Die Söhne wollten die Puppen nun unbedingt haben, riefen mich ständig an, versuchten mir auf die Tränendrüsen zu drücken. Schliesslich seien die Handpuppen von Papa, einem Künstler, gemacht, ein wichtiges Andenken und wertvoll. Es sei doch seltsam, dass Mama sie nun einer wildfremden Person … Ganz klar, dass ich nicht auf meinem verbrieften Recht beharrte.

Noch einmal sollte ich etwas erben.

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Vor 32 Jahren kaufte meine Nachbarin aus Mitleid mit ihnen, drei Stecklinge in einem Sonderangebot des Orangen Riesen. ‚Bonsai‘ stand auf dem Preisschild. Hedi pflanzte die drei Winzlinge in der Nähe des Küchenfensters in ihren Reihenhausgarten.

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