Während meiner Ferienwoche in Kosovo ist Slobodan Milosevic gestorben. In dem Dorf, wo ich mit meinem Mann seine Verwandten besucht und gewohnt habe, gab es seit Rugovas Tod gar keinen Strom mehr. Stellt euch vor, mit Milosevics Tod ist der Strom zurückgekehrt. Zwar nur wenige Stunden pro Tag, aber diese sparen viele Euros für das Benzin für den Generator.

Als die Familie vom Tod des Kriegsverbrechers erfuhr, wollten sie die Nachricht erst gar nicht wahrhaben. Das sei ein Gerücht.

Als sie dann den Leichenwagen sahen, der Milosevic zur Autopsie nach Russland brachte, glaubten sie an Selbstmord, da ihm in den kommenden Tagen wichtige Aussagen bevorstanden, in denen er weitere Kriegsverbrecher hätte verraten müssen. Eine Cousine von 2rd, 2rd male meinte: „Hoffentlich setzen ihm die Russen kein neues Herz ein.“

Sicherlich flackerte in den Köpfen der Familienmitglieder ein erster Gedanke auf: „Gut, dass er gestorben ist.“ Ein wenig Freude hatten sie schon. Aber wen befriedigt dieser Tod schon? Die Getöteten werden nicht wieder lebendig, viele Schusslöcher sind immer noch zu sehen, die schwarzen Wände, die Ruinen, das traumatisierte Volk, die Erinnerungen, der Hass bleiben. Die Familie hätte sich gewünscht, dass Milosevic der Prozess zu Ende gemacht, dass er gerecht bestraft würde, dass er noch mehr hätte erzählen müssen. Ansonsten hätte er 20 Jahre früher sterben sollen, denn jetzt habe er ja all seine Ziele erreicht.

Ebenso war die Familie über die Berichterstattung des kosovarischen Fernsehens enttäuscht. Es hat ausgesehen, als würde Slobodan vom ganzen serbischen Volk betrauert, als hätte er als Kriegsheld sein Leben gelassen, als wäre er rundum geliebt. War es nicht das serbische Volk, das sein Haus in Belgrad angezündet und ihn ins Gefängnis getrieben hat?

Aber eigentlich interessiert Milosevics Tod die Familie gar nicht besonders. Sie haben andere Sorgen. Seit Rugovas Tod laufe nichts mehr in geordneten Bahnen. Die Probleme und Ängste häufen sich.

Rugova ka shku,
Kosova ka maru.“

Rugova ist von uns gegangen,
Kosovo ist verloren.

Viele Politiker haben in der vergangenen Woche ihre Posten gewechselt, aufgegeben oder sind gar gestürzt worden. Niemand weiss, um was es eigentlich geht und was aus der Provinz werden wird. Es herrscht ein Durcheinander und das Volk befürchtet, Korruption übernehme die Herrschaft. Jeder kämpft für einen Stuhl, für seine Stellung, für die eigene Karriere, nicht für eine bessere Zukunft des Landes. Milosevics Tod nützt in dem Sinne keinem.