2nd, male arbeitet nun schon mehrere Jahre für eine internationale, indische Firma. Das ist der Grund, weshalb ich wieder viel mehr über dieses Land, das ich als Kind so intensiv bereist habe, nachdenke und lese.

Es ist einerseits schwer zu verstehen, dass Indien immer noch so mausarme Menschen hat und eine so katastrophalen Umgang mit Mädchen und Frauen zulässt. Andererseits auch wieder nicht.

Indien führt uns vor, wie unmöglich Verbote von Diskriminierungen sind, wenn sie nicht bei den Kindern und in der Bildung aller Schichten anfangen. Das Verbot der Diskriminierung durch Kastenzugehörigkeit hat nicht mehr verändert, als dass man gegenüber Nicht-Indern nicht darüber redet und einer Unkrautjäterin neben einer Sehenswürdigkeit vielleicht nicht mehr die Beine unter dem Körper wegkickt, wenn sie zu langsam ist. Die indischen Frauenrechtlerinnen, aber vor allem die Schlagzeilen betreffend Vergewaltigungen, die dem Tourismus empfindlich schaden, haben dazu geführt, dass es immerhin in städtischen Gebieten zu mehr Anzeigen kommt. Das ist das Entscheidende. Denn Indien leidet nicht an seinen Gesetzen, Indien leidet an der Kluft zwischen Gesetzgebung und Lebenswirklichkeit. Letztere ist wie in allen Gesellschaften Jahrhunderte alt und wird durch Tradition weiter gereicht. Die vergleichsweise neue Gesetzgebung wird dagegen noch Jahrzehnte im Nachteil bleiben. Andererseits ist sie einer der Gründe, weshalb Indien gerade in der IT Erfolg hat. Seit sie europäische und amerikanische Firmen aufkaufen, haben sie sogar Personal gewonnen, welches westliche Kundschaft überzeugen kann, denn das ist schier unmöglich für in Indien sozialisierte Menschen. Das starke indische Prestigedenken führt nicht nur dazu, dass wir hier mehr von den Atom- und Mondlandungsplänen als von dem verheeerenden Wassermangel erfahren, sondern es killt auch die Lust, selbständig zu handeln, sich hochzuarbeiten, sämtliche intrinsische Motivation. Das alles sind aber Motoren westlicher IT-Erfolge.

Wo ich persönlich das grösste Potential sähe, wäre in der Durchmischung durch Ehe. Zwischen den Kasten, Religionen und Nationen. Und genau dort bewegt sich Indien nicht mehr als der Kosovo. Wer sich mischt, muss immer noch gehen.

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In Delhi um 6 aufgestanden, auf dem Inlandflug ein wunderbares Masala Dosa zum Frühstück. Um 11 in Pune angekommen, eine Stunde im Taxi zum Campus, Registrierung von Mensch und Laptop in einem grossen Buch und einem Computer, Stempel vom Chef mit zwei Sternen auf der Schulter, dann weiter zum Guest House. Registrierung von Mensch und Laptop und Röntgen des Letzteren daselbst, drei Formulare ausfüllen, dann ins Büro, und vor dem Sitzungszimmer abermals Registrierung von Mensch und Laptop durch einen Official, diesmal in zwei grossen Büchern.

Nun langsames Anlaufen mit den lokalen Kollegen, eine Stunde bei 40° über den Campus schlurfen und die verschiedenen Sitzungsräume für morgen auskundschaften. Dazwischen Kaffee für die einen und spätes Mittagessen für die anderen; es ist inzwischen zwei. Gegen fünf ist dann langsam allen klar, dass wir uns für morgen auch inhaltlich noch vorbereiten müssen, folglich angeregte Debatte bis halb neun, dann Abendessen, informell die wirklich wichtigen Dinge besprechen, um 10 nochmal eine Stunde mit Sao Paulo telefonieren, vorletzte Vorbereitungen, Zähneputzen, Duschen.

Jetzt ins Bett.

2nd, male lässt herzlich grüssen.

Was vorher geschah:

Meine Freundin ist seit Herbst 2007 wieder in Kroatien, obwohl sie beide Kinder in der Schweiz bekommen und auch Arbeit im Pflegebereich gefunden hatte. Hier die Links zu den vorherigen Beiträgen Re-Migration und Re-Migration 2. Die Verwandtschaft meiner Freundin war schon vorher zurückgegangen und sie konnte die Kinderbetreuung und ihren Pflegeberuf als Alleinerziehende ohne Familie nicht so lösen, wie sie sich das für die Kinder vorstellte. Sie fürchtete, ihr Sohn und ihre Tochter würden typische „Schlüsselkinder“ und schwache Schüler. Ich hatte persönlich ein schlechtes Gewissen und war auch traurig, dass sie ging. Aber ich hätte die Entscheidung nur abwenden können, wenn ich meinen eigenen Beruf zu Gunsten der Kinderbetreuung reduziert hätte. Das ging damals fast nicht und niemand erwartete es von mir. Trotzdem schwingt bis heute Wehmut mit. Die Zweifel, ob es nicht anders zu machen gewesen wäre, bleiben. Wir kannten die Kinder sehr gut, ich hatte sie tagelang und nächtelang bei mir, war bei der Geburt der Tochter Mirjam (im Treppenhaus) dabei gewesen und hing besonders an ihr.

Nun sind sie also seit acht Jahren zurück in Kroatien und immer zu Weihnachten pflegen wir längere Korrespondenz, zu der ich statt Geschenke Euros für dies und das, was in den Erzählungen als Mangel aufgetaucht, sende. Es ist unglaublich, wie bescheiden meine Freundin mit den inzwischen fast erwachsenen Kindern lebt. Im Sommer hat sie zudem zwei Pflegetöchter aufgenommen. So wohnt sie heute mit vier Jugendlichen in einem Häuschen mit sechs Zimmern, zusammen mit ihrem Bruder, dessen Frau und deren autistischem Sohn. Auf meine Nachfrage, wie diese Pflegetöchtern zu ihr gelangt seien, schreibt sie:

Meine Liebe!

danke dir fur dein schnelles Brief, habe sehr freude zu wissen das es euch gut geht! Problemen wird es immer geben, aber Hauptsache schauen wir mit anderen Blick auf diese Probleme, weil Leben soll man leben. Wie mutig ist deine Schwester und ihr Mann! Ich schicke ganz liebe Grusse und gratuliere mit Herzen fur das neue Kinderlein!

Die Eltern meiner neuen Maedchen starben ganz tragisch im Sommer. Eine ist die alteste Freundin von Mirjam, sie gehen zusammen in die Klasse. Es lauft eigentlich gut, fur mich nicht immer einfach , aber du weisst es, wie das kompliziert ist mit Pflegekinder, sehr birokratisch. Meine Maedchen heissen Lenia, die ist 17 jahrig, ist wunderschon und sehr erwachsen und Vanja, die 15 jahrig ist, die ist einfach ein Teeneiger. Aber beide leiden sehr! Schlimmere Tragödie, die konnte nicht sein! Ihr Vater hat die Mutter erschossen, aus Eifersucht. Sie wussten, das die Mutter jemand hatte und sie wollte sich trennen. Beide tot. Einfach Horror !

Gesundheitlich war Vanja ganz schlecht mit Herzaritmien, nun ist das besser geworden, Gottseidank! Hoffe nur, das die beide stark werden, nur das mochte ich. Und an das Gute in sich glauben wie auch in den Menschen. Zum Gluck haben sie die Pensionkasse vom Vater, weil er wahrend dem Krieg in Armee war und Pension bekam als Invalide. Hoffe, das sie studieren, dann konnen sie die Pension dazu benutzen, es ist erlaubt, bis sie 26 sind.

So, liebe Freundin, leben wir Tag zu Tag, aber das Gute ist uber uns, obwohl die Welt ganz anders aussieht. Das wissen wir immer! So viel Gutes in diesen schweren Zeiten passiert, das habe ich auch bei dir und deiner Familie gespurt: Dankbarkeit und nur das Gute tun in Kleinem. Nur in Kleinem ist auch ganz gross. Sei gesegnet du und deine ganze Familie.

Deine Freundin aus Kroatien

Das neue Blogk-Mädel ist angekommen und viele liebe Wünsche, Gaben und gute Gedanken haben es schon erreicht. Herzlichen Dank dafür!

Vor gut neun Jahren hat meine Schwester die Geburtsanzeige ihrer ersten Tochter gezeichnet, vor sieben Jahren die ihres Sohnes. Und das ist nun die Dritte:

Vorderseite:

Geburtsanzeige3-Vorderseite

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„Alles ist parat, sogar vier Probeeier in den momentan erhältlichen Farben gefärbt. 2nd2nd rechnet mit 300 Eiern, da die Jungfärberinnen nun nachgewachsen und auch sehr produktiv sind.“

Das ist die Nachricht, die mich morgens um 06.00 aus dem Block erreicht. Karfreitag ist ein guter Anlass für eine Momentaufnahme der blogk-Sippe:

1st, female, die Schreiberin der Nachricht, ist emsig wie eh und je, auch wenn sie ihr Arbeitsleben vermisst und all das Gartnen, Kochen und Backen, das Bereitstellen und Unterstützen sowie das ewige Integrieren nicht immer anregend findet. Aber was will sie schon machen? Die Anpruchsgruppen sind nun mal definiert und ab und zu ein Match auf Grossleinwand im Pub oder eine Diskussion im Café Littéraire liegt trotz allem drin.

2nd, female ist beruflich wie privat absorbiert mit der Begleitung der heutigen Jugend. Zuweilen ist sie unzufrieden, vor allem weil sie zu wenig vor die Türe und kaum zum Lesen kommt. An manchen Tagen hält sie die Integrations- und Integriermöglichkeiten für ausgeschöpft, an anderen hat sie neue Ideen dazu. Dass der Kompetenzunterricht ein Thema wird und die Finnen – die Vorbilder – ganz ernsthaft die Fächer abschaffen, motiviert sie, noch etwas in der Schule zu bleiben.

2nd, male ist wie immer beruflich eingespannt, die liebste Freizeitbeschäftigungen bleiben Küche, Literatur und Sprachen. Ausser dem Kochen lässt sich alles wunderbar mit Reiseberuf verbinden, gerade wenn es sonst an Herausforderungen mangelt, weil die Kundschaft halt nicht immer jede Veränderung mit Palmwedeln und Freudestrahlen begrüsst, sondern bremst und hemmt und trötzelt. Vielleicht kommt irgend einmal noch ein Flugausweis zu den vielen Motoren-Permis.

2nd2nd, female ist von uns die Vielseitigste. Als Heilpädagogin, Mutter, Präsidentin des Quartiervereins, unerschrockene Kämpferin für Recht und Gesetz auch im Ghetto, Werberin für Bern-West und für Veränderung im Kleinen wie im Grossen, in der Wohnung wie im Schulzimmer, hat sie permanent Hochsaison. Es sind der Herausforderungen viele und leider manchmal auch der Tragödien. Es ist ein gutes Umfeld nötig, um diese Belastungen auszuhalten und ich glaube, sie ist mit unserem ganz zufrieden.

2nd2nd, male hat als Hausmeister soeben stolz den höchsten Gerüstbau Berns begleitet und seine multikulturelle Bewohnerschaft wie immer gut im Auge. Der hier im Blogk geschilderte schwere Anfang in dieser Funktion ist vergessen, die Menschen können sich ihren Block ohne ihn nicht vorstellen. Seine Landsleute aus der Schweiz und aus Kosovo verhalten sich respektvoll, wenn ihre psychische Stabilität das zulässt (und sie nicht zu seiner Blutsverwandtschaft gehören). 2nd2nd, male ist aber auch ein Hausmann. Er versenkt jeden Morgen gesundes Znüüni in passenden Tupperwares und unterstützt die Kinder bei allem, was sie wollen, können und müssen, von Mobilität über Sport bis hin zur Hygiene. Zudem ist er ein treuer Chauffeur von 1st.

3rd, male hat sein dreimonatiges Praktikum in der Psychiatrischen Anstalt gut gemanagt und auch sonst alle seine Prüfungen an der Hochschule bestanden. Seinen baldigen Geburtstag feiert es hauptsächlich unsertwegen, er steht nach wie vor nicht gern im Mittelpunkt, obwohl er viele gute Freunde hätte zum Feiern. Aber die 20 gefällt ihm, er meint, er sei froh, den Teenager los zu sein. Er hat eine von uns allen geschätzte Freundin, die kurz vor der Abschlussprüfung als Pflegefachfrau steht und dann auch gleich mit dem weiteren Studium beginnt. In seiner Freizeit organisiert 3rd Treffen für Metaller, die erfolgreich und stets ausverkauft sind, auch dann, wenn sie in Höhlen stattfinden.

3rd, female beendet bald die Basisstufe und steigt ein in die normale Volksschule, worauf sie sich sehr freut. Der Schulort liegt viel näher und gerade das entspricht ihrem grossen Bedürfnis nach Selbstständigkeit. Singen, tanzen, schauspielern und zeichnen sind vordringliche Beschäftigungen für sie und ihre exzellenten geografischen Kenntnisse sowie ihre permanente Umsicht beeindrucken Lehrpersonen und Familie. Sie bleibt eine begeisterte Schwimmerin und wird die Saison bestimmt in den nächsten Tagen eröffnen. Zusammen mit ihrem Bruder besucht sie neu die Albanischschule, was sie wirklich sehr zu interessieren scheint. Sie ist nicht besonders gelassen, dafür enorm engagiert.

2nd3rd, male ist der Coolste von allen, er regt sich selten auf und behauptet sich und manchmal auch falsche Dinge voller Selbstvertrauen. Weil er ziemlich schlau ist, durfte er zum Test, überspringt nun zwei Stufen und besucht ab Sommer mit seiner Schwester die 3. Klasse. Als Ausgleich lernt er von seiner Grossmutter Gartenarbeit und von seiner strengen Albanischlehrerin schnurgerades Schreiben. Er ist ein begeisterter Fussballspieler und liebt alles, was ihn schneller macht, v.a. Roll- und Schlittschuhe.

So, jetzt gehe ich ins Orgelkonzert und danach Eier färben. Dazu mehr demnächst in diesem Theater.

Kommentare wie der heutige Es ist unsere Schande auf der Bund-Titelseite von Stephan Israel regen mich weniger auf als früher (als ich über unsere Schande 9/11 gelesen habe, hat mir das noch den Schlaf geraubt). Aber sie bereiten mir nach wie vor Mühe, vor allem, wenn im Zusammenhang mit dem Schock um so viele Tote noch das Wort „scheinheilig“ fällt, was häufig dazugehört.

Es ist richtig, wir haben uns als Schweiz immer wieder mit falschen Entscheidungen auseinanderzusetzen: Mit Abgewiesenen, im Nationalsozialismus Verfolgten. Mit Abstimmungsergebnissen, die Mitbürger und Mitbürgerinnen ungleich machen.

Aber ich verstehe es nicht, wenn in Kommentaren unser Verhalten und das unserer Politik (und der Deutschlands, ebenfalls verurteilt, da ohne Aussengrenze) so mir nichts dir nichts zur Schuld wird. Und damit nicht genug: Ob menschliches Entsetzen über die Katastrophe oder christliche Nächstenliebe mit hilflosen Helfern und Spenden als Tropfen auf den heissen Stein: Alles scheinheilig!

So selten, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann, lese ich über die Verantwortung der Regierungen in all den Ländern Afrikas, aus denen diese Menschen flüchten. Häufig Länder mit natürlichen Ressourcen von globalem Interesse, die weit über die unsrigen hinausgehen. Oft solche, von denen wir abhängig sind, nur schon für die Innereien unserer Smartphones. Regierungen, die ihre Bevölkerung weder schulen noch an irgend einem Geschäft teilhaben lassen. Regierungen der Südhalbkugel, die die Schuldgefühle der Nordhalbkugel gut einzusetzen wissen.

Der Kommentar bringt am Ende einige Stichworte auf, die ganz sicher in unsere politische Agenda gehörten, leider viel zu kurz. Migrationspartnerschaften mit afrikanischen Ländern sind nicht so einfach, die Schweiz ist in dieser Debatte von der Nachwuchsfinanzierung bis zu Good Governance seit Jahren vorne dabei und riskiert, sich auch hier schuldig zu machen.

Orte für den Aufenthalt von Flüchtlingen zu finden, ist auch nicht leicht – unsere alleinige Schande? Afrikanische Zugewanderte haben es hier schwer, das ist unbestritten. Seit langem versuche ich mich in Unterstützung eines Jungen aus Kenya. Und ich sehe selbst, wie vielen Vorurteilen afrikanische Menschen ausgesetzt sind. Leider sind diese nicht einfach zu widerlegen; die jedem Fortschritt zuwiderlaufende Herrschaft der Clans und die Anzahl Delinquenter in der Schweiz ist schwer wegzudiskutieren. Wir können nur differenzieren.

Die nächste Asylgesetzrevision kommt bestimmt. Und leider wird sich kaum ein Journalist mit der Umsetzung herumschlagen. Man wird in den Medien der Verschärfung und Repression einmal Verständnis und ein anderes Mal Kritik entgegenbringen. Die Integrationsartikel aus dem neuen Gesetz wird die Berichterstattung unter den Tisch fallen lassen, wie bei den beiden vergangenen Revisionen auch. Denn Integration gibt vielleicht ab und zu eine nette Basketball-mit-Kopftuch-Geschichte, alles andere ist zum Gähnen.

Ich bedaure das sehr und es reut mich auch. Ich habe ständig das Gefühl, wir verlören so viel Zeit und Menschen. Integration ist eine komplizierte, von der ganzen Gesellschaft zu gestaltende, demokratische und zukunftsweisende Aufgabe. Und was dabei herauskommt, ist immer Veränderung für alle Seiten, deshalb ist es ja so eine Zumutung. Es wäre gut, wir würden das einfach wieder mehr diskutieren, uns austauschen. In den Städten ist in jedem kleinsten Kreis in jeder Gesellschaftsschicht mindestens einer Migrant, beim Stammtisch auf dem Land serviert er mindestens das Bier. Wir sollten besser mit den Widersprüchen der Zuwanderung umgehen lernen, indem wir noch mehr nachdenken und unser Urteil abwägen. Ob Migration oder Integration: Ein jeder hat hier persönliche Herausforderungen, da müssen wir anfangen. Es ist selten eine Frage der Schuld, sondern eine Frage von Mut und Geduld.

Heute hat Deutschland gewonnen, 2:1 gegen Italien. Deutschland im EM-Final! In allen Quartieren Berns sind Deutsche aus Restaurants, Kirchgemeindehäusern und Wohnungen gestürmt, haben einander und jedem Passanten erzählt, wie es zu den beiden genialen Toren gegen das schwache – nein das starke! Bestens aufgestellte! – Italien gekommen sei, haben von den Balkonen und aus den Bars heraus die Namen ihrer Spieler skandiert, sich in ihre Autos gesetzt, Fahnen daraus flattern lassen, sich in einen endlosen Konvoi eingereiht und ein Riesenhupkonzert veranstaltet, das nur überschallt wurde vom immer wiederkehrenden Ruf: „Es lebe Deutschland!“.

Aber nein, so war es nicht. Das wäre nicht tolerierbar.

Inès El Iaboudy will eine Alltagsgeschichte erzählen aus ihrem Hochhaus in Bobigny, 18 Stöcke, in dem nun auch der dritte von drei Aufzügen ausfällt. Ausgebrannt. Die anderen zwei waren schon seit vielen Monaten ausser Dienst. Arbeitslose Jugendliche haben einen Trägerdienst eingerichtet, mit Zeitplan. Freiwillig. Sie tragen seither die Einkaufstaschen der älteren Frauen und die Kinderwagen der jüngeren in die höheren Stockwerke.

Eine hübsche Geschichte, weit ab vom Klischee.

Quelle ist ein sehr guter Artikel zum Thema Banlieue und Ghettoisierung aus unserer gestrigen Tageszeitung. Wer Französisch lesen mag, dem sei der Bondy Blog ans Herz gelegt.

Fasnacht 2012

(Posting im Auftrag von 2nd2nd, male. Wunderbar!)

Umzug-2nds-1

Mit dem Ärger darüber verblassen auch die Gefühle für die Heimat,
sagt Peter Bichsel sinngemäss.

Umzug-2nds-2

Wir ärgern uns am neuen Ort noch nicht und über den alten nicht mehr.
Es lebt sich ganz gut in der Schwebe.

sind rührend. Der vis-à-vis, der sich – benebelt vom Alkohol – vor unserer Tür aufbaute, so gut es eben ging und bekannte, es sei so, so schade, dass wir ausziehen, ich sei eine „so, so gueti Frou“. Die langjährig befreundete Makedonierin, die vorbeikam und sich gleich zweimal entschuldigte: „Für alle meine Fehler, die ich gemacht habe in diese ganze Zeit, wo wir wohnen zusammen.“ Und: „Dass ich bin krank und bin mit meine Enkel die ganze Zeit und kann nicht dir helfen mit Zügel.“ Und die Schweizer Nachbarn, die einerseits etwas ungehalten und andererseits auch verständnisvoll sind und immer wieder betonen, wie wichtig wir für den ganzen Block und den Quartierverein gewesen seien. Die siebenköpfige Familie aus dem 8. Stock, die sehr gerne unsere Wohnung übernähme und für dich ich deswegen der Verwaltung gschrieben hatte, die bedankte sich so überschwänglich, dass es mir peinlich war,. Ich fürchte, sie überschätzen meinen Einfluss enorm. (Und wenn die Verwaltung hier kompetent wäre, sähe vieles anders aus.)

Natürlich ahnen die Leute, dass wir auch wegen des Zustandes, in dem unsere Blöcke und Wohnungen sind, wegziehen. Aber darüber reden möchte ich mit ihnen nicht. Denn die meisten müssen ja hier bleiben, um ihre verschiedenen Heimaten, ihre versprengten Familien und deren teilweise grotesken Ansprüche mit ihrem Einkommen zu finanzieren. Ich sage deshalb allen, wir zögen zu der Verwandtschaft von 2nd, male. Das stimmt (zufällig, wir haben uns auf eine normal ausgeschriebene Wohnung beworben) und vor allem versteht das jeder hier gut.

Auch wenn ich nicht weit weg sein werde, werde ich die Leute von hier im Alltag vermissen. Mir ist die Nachbarschaft sehr wichtig und wie ich gestern gemerkt habe, auch 3rd, male. Wir sassen in der Quartierpizzeria und 3rd meite, nachdem er mit ein paar Alkis geplaudert hatte, dass er sich die neue Nachbarschaft schlecht vorstellen könne. Er kennt nur die Namen von den Einträgen im Waschküchenbuch, das ohnehin viel sauberer und ungebrauchter aussieht als unseres. 3rd ist hier aufgewachsen, er kennt x-silbige Familiennamen, spanische Trippelnamen und eine Menge „ics“ und „itis“. Es reut ihn ein wenig, nicht mehr zwischen den Welten zu wechseln, sondern im Schulalltag und Wohnalltag eine ähnliche mittelständische Umgebung zu haben. Mir geht es genau so.

Aber eigentlich wissen wir ja bloss, wie’s war mit den alten Nachbarn und nicht, wie’s wird mit den neuen.

…macht Weihnacht, indem ihre Mitlieder:

Multikulturell lesbare Weihnachtswünsche laminieren und im Blogk-Eingang platzieren
Eine Liste über die Geschenke an den Hausmeister führen, damit kein Dank untergehe
Geschenke und Weihnachtskonfekt zwischen den Blöcken hin- und her transportieren
Dinge, um die der Haushalt vor dem Umzug reduziert werden muss, online verkaufen
Kräuter zu Pesto verarbeiten (der weisse Trüffel war am Ende doch zu teuer)
Leute via Liftschacht beruhigen, wenn der Aufzug stecken geblieben ist
Weihnachtslieder und deren Noten zusammensuchen
mit den kleineren Kindern spazieren gehen
Den Weihnachtsbaum schmücken
Die Kerzen anzünden
singen und danken

allen hier fröhliche Tage wünschen.

1st, head of this blog, steht vor einer Phase, die andere „Pensionierung“ nennen würden.

Damit alle Bücher und Daten zu Autorinnen und Autoren, die ihr (und vielen aus der Region) am Herzen liegen, wirklich und wahrhaftig noch vor diesem Termin vollständig und umfassend zugänglich werden, arbeitet sie jede (Familien-freie) Minute an diesem digitalen Projekt.

Es folgen aber hier auch wieder beitragsreichere Zeiten.

So long!

Ima-Engel

Alles Gute und Schöne zum ersten Advent allerseits!

Der Familie Blogk wird diese Zeit Veränderungen bringen. Zum ersten Mal seit 20 Jahren wird ein Familienzweig das Hochhaus und diese Postleitzahl verlassen. 2nd, female, 2nd, male und 3rd, male werden umziehen. Seit 3rd vor zehn Jahren den Engel oben gemacht hat, wohnen wir auf einer Baustelle, unsere Umgebung ist ein Provisorium und täglich erleben wir, wie der Einsatz der Bewohner für ihr Quartier mindert – auch unserer eigener.

Man hört ja als sozial und politisch engagierter Mensch immer von anderen Menschen, die sich weniger aufregen, gesünder leben und ganz allgemein gelassener sind, dass man die Welt nicht ändern könne, nur sich selbst. Nun machen wir das.

Wir kommen im Moment nicht so zum Bloggen, weil wir halt anderes zuerst machen: Aktiv und passiv in die Schule und Bibliothek gehen, hausmeistern, Schnittstellen in Garten und IT pflegen, eine Menge Ehrenämter, was gemäss neustem SPIEGEL recht positiven Einfluss auf die Lernfähigkeit einer Region hat. Besonders die Vereinsmeierei, woran wir auch gar nie gezweifelt haben.

Generationenübergreifend lacht Familie Blogk über die wunder- und sehr gut memorierbare Übersetzung eines türkischen Heulers. Voilà: „Keks, alter Keks“:

Dass Ramadan vorbei ist, ist wirklich ein Grund zum Feiern, ich bin jedes Mal erleichtert. Nie habe ich einen Fastenmonat ohne hochhergehende Emotionen und ohne zerdeppertes Geschirr erlebt, ganz egal ob die Leute um mich herum gläubig sind, ganz egal ob sie wirklich fasten. Zu Beginn dieses Fastenmonats ist der Vater meines Schwagers (2nd2nd, male) gestorben. Auch wenn er kaum ein Wort mit seinem verstossenen Sohn gewechselt hat, war sein Tod für diesen traurig, er machte Reisen und schwierige Begnungen nötig, es war ein gefühlsmässiges Minenfeld. Mitten im Fastenmonat hatten wir hier ja auch noch das eine oder andere rassistisch verwertbare Verbrechen, was der Grundstimmung nicht gerade zuträglich war.

Der ältere Bruder meines Schwagers hat die ganze Familie Blogk ja seit jeher abgeschrieben. Inzwischen ist es soweit, dass er seine Kinder aus dem x-ten Stockwerk anschreit, wenn sie mit ihrem Cousin und ihrer Cousine, also mit meiner Nichte und meinem Neffen, draussen vor dem Block spielen. Aus dem Hochhaus muss man ziemlich laut schreien und drohen, um die eigenen Kinder dazu zu bringen, sich auf dem Spielplatz unter einen Baum zu setzen und nicht mehr zu bewegen. Aber es funktioniert. Er ist nun das Familienoberhaupt und befehligt neben seiner Frau, seinen Geschwistern und Kindern nun auch die verwitwete Mutter. Der jüngere Bruder meines Schwagers hat seine Lehre erfolgreich abgeschlossen und nun eine Braut aus dem Heimatland bekommen. Mit der Schwester meines Schwagers hatte unsere Familie bisher ein gutes Einvernehmen. Aber nun hab ich sie am 5. Geburtstag unserer gemeinsamen Nichte beleidigt und erzürnt. Ohne Absicht, aber das spielt keine Rolle. Da war noch Ramadan.

Bitte, Allah, schaff ihn ab.

Blick-nach-vorn

Ich arbeite morgen noch einen Tag,
meine Schwester beginnt mit dem Beladen der Gefährte,
mein Schwager beendet seine Hausmeisterarbeit und übergibt
sie dem Stellvertreter. Meine Nichte und mein Neffe wählen Bücher aus
zum Mitnehmen. Mein Mann studiert in Übersee, mein Kind wäscht die letzte
Schmutzwäsche und packt seine Gitarre ein. Meine Mutter muss leider einen lieben
Menschen beerdigen, sie wird danach bestimmt noch in den Garten gehn und giessen.
So verabschiedet sich die Blogk-Familie für drei, vier Wochen in den Süden.
Wir wünschen allen eine gute Zeit mit Aus- und Weitblick. Merci beaucoup.

Blogk rechnet jetzt laufend das Alter der Blogk-Bewohnerinnen und -Bewohner. Ein weiterer Hinweis darauf, dass wir den Tag pflücken sollten. Thank you, 2nd, male.

Ich war letzte Woche bei der Dentalhygienikerin, die dieses Mal ein Dentalhygieniker war. Er stellte sich vor und erzählte mir, meine Dentalhygienikerin mache ein Austauschjahr in den USA und werde beim nächsten Mal wieder für mich da sein. Ich hörte seinen merkwürdigen Akzent, las nochmal sein Namensschild und konnte ihn doch nicht schubladisieren. Nachdem er mir eine ausgezeichnete Behandlung hat angedeihen lassen – was bei mir nicht einfach ist, weil meine Zähne es nicht sind -fragte ich ihn dann doch, woher sein Name stamme? „Aus Iran“ antwortete er. Und da ich ja zu den Unbelehrbaren gehöre, die Zuwanderung nötig finden, erkundigte ich mich noch, ob er schon länger hier sei und was er plane, wenn die Stellvertreung auslaufe? Er sagte, er sei nun acht Jahre in der Schweiz und vorher in Skandinavien gewesen und wie es weitergehe, werde sich weisen. Acht Jahre schon, entgegnete ich, dann sei es wohl zu spät, ihn willkommen zu heissen und zu fragen, wie es ihm gefalle hier. Oh, nein, nie zu spät, meinte er strahlend, ich sei die erste, die frage. Und also redeten wir, bis die nächste Klientin kam.

Eigentlich wüsste ich es ja, es schreit mir von Plakatwänden und aus Schlagzeilen entgegen: In der Schweiz muss jeder permanent dankbar sein, dass er sich überhaupt auf unserem helvetischen Boden bewegen darf. Und sobald er nur ein bisschen dazugehört, hackt er auf den nächsten ein, der neu kommt. Nur Touristen werden gefragt, ob und wie es ihnen hier gefällt.

Die einfache Regel, dass das Verhalten von Gastgebern und Gästen auf Gegenseitigkeit beruht und dass einer von beiden in Güte anfangen muss, was in Minne weitergehen soll, kennt jeder. Schliesslich wird sie von der Odyssee, dem Nibelungenlied, der Bibel, vom Talmud und Koran seit jeher vermittelt und mit apokalyptischen Beispielen von Fehlverhalten illustriert. Was nur hindert hier und heute die simple Anwendung?

Gestern fuhr zum letzten Mal der Vierzehnerbus.

1st, female war dabei, als die Haltestellen zwischen Stöckacker und Bethlehem angehängt wurden. Und ich kann mich gut erinnern, als wir in den Siebzigerjahren endlich eine Haltestelle vor dem Block bekamen. 3rd, male hat den weiteren Ausbau in Richtung des neuen Bahnhofs Brünnen-Westside erlebt, als zwei neue Haltestellen dazugekommen sind. Seit heute haben wir nun also ein Tram – die Nummer 8. Ein bisschen Nostalgie darf sein, aber die Zukunft gehört auf die Schiene.

Letzter_Bus

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