Alles oder nichts


Heute nur dies:
Meine Regenbogen-Arena um 19:12 Uhr:
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Mit dem Umweg über ein ebenerdig gelegenes Geschäft, das nach dem Umbau aussah wie eine Kreuzung zwischen Sennhütte und Kraal, werde ich heute späte Kundin eines Ladens, der sich ein paar Schritte von der Tramhaltestelle entfernt befindet. Auch hier ist renoviert worden. Weil meine Fachfrau noch einen italienischen Anruf entgegen nehmen muss, habe ich Zeit, mich umzusehen. Obwohl in den Räumen jetzt Brillen verkauft werden, kommen bei mir Kindheitserinnerungen auf, als man hier feinste Mercerie, Stoffe, Spitzen, elegante Handschuhe und Strümpfe angeboten bekam. Nicht nur die Knöpfe wurden in Paris eingekauft. Der Geschäftsinhaber und seine Frau besuchten auf ihren Reisen u.a. Braque und Picasso und legten den Grundstein zu einer eindrücklichen Kunstsammlung.
Meine Optikerin entschuldigt sich für die Verzögerung, denn abgemacht waren 45 Minuten Beratung. Ich beschrieb kurz meine Brillenwünsche und schon bald bekam ich 2 Platten mit Fassungen vorgelegt – jugendlich, modisch und in verschiedenen Farben. Wie hier schon mal geschrieben, wollte ich nichts Rotes und wähle dann eine von Carolina Herrera – in Rot.
In den nächsten zwei Stunden lasse ich mir auch eine schlichte Sonnenbrille mit sehr guten Gläsern anpassen. Inzwischen weiss ich schon einiges über das Leben meiner Optikerin. Noch zwei weitere Stunden und wir wären beste Freundinnen. Allerdings muss ich wegen Lieferschwierigkeiten noch auf die Brillen warten. Ein Frachtschiff namens „Ever Given“ sei aufgehalten worden und man habe noch nicht alle Container entladen und deren Waren aufdröseln können.

Es sei wieder mal Zeit für einen Familienausflug, meinten die Jungen im Mai. „Wie wär’s mit Ballenberg? Da gibt’s für Jede und Jeden etwas“, schlägt die Freundin meines Enkels vor. Am ersten Junisonntag sind wir dann tatsächlich im Berner Oberland – ich nicht besonders begeistert, aber keine Familienausflugsverderberin.
Bis jetzt hatte ich dieses Freilichtmuseum immer gemieden, aber schon bei der Führung durch den Kräutergarten „het’s mer dr Ermu ine gno“ – einfach zauberhaft, diese Kräuter und dazu die alten Rezepte und Geschichten.

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Im Westen grollt der Donner und einige flinke Blitzchen zucken über dem Jura. Meine Enkelin sitzt mit mir auf dem Balkon. Aus einer grossen Schüssel essen wir frischgepflückte Erdbeeren und schauen dem näher kommenden Gewitter zu. Solche gemütlichen Pausen sind momentan rar.
Der Juni ist wie Dezember im Sommer : jedes Dräckli wird in diesen Monat gepresst – alles, was einem fünf Monate lang zuwider war, sämtliches, was man schon laange einmal machen wollte, der ganze Krempel, der auf keinen Fall auf „nach den Sommerferien“ verschoben werden kann. Die Jungkrähen schnüren feste Schuhe, packen Rucksäcke und Fahrradhelme, kurven im Postauto (das auf einsamem Strässchen von einem Einheimischen-Fahrzeug gerammt wird) in Bergdörfer, übernachten in Alphütten ohne WLAN, wandern stundenlang um fribourgische „Dents“ und rasen dann auf Trottis hinunter in ihre Zivilisation.

Endlich mache ich einen Termin bei der Optikerin – online, weil „Warten war gestern“. In meiner Kindheit als „Brüllegügger“ fuhr ich mit Grossmutter zu Dr. Della Casa, welcher der einzige Optiker in der näheren und weiteren Umgebung war. Später folgte ich den begeisterten Empfehlungen eines Freundes und liess mir eine Brille mit Horn/Seide-Fassung anfertigen. Schon nach kurzer Zeit gefiel mir diese teure Brille aus pakistanischem Büffelhorn nicht mehr. Als Frau Vögeli ihr neues Geschäft in der Schweizerhof-Passage eröffnete, brachte sie mir aus Amerika eine lässige Halbbrille mit getigerter Fassung mit. Gerne wäre ich Kundin in diesem Laden geblieben, hätte es darin nicht eine schmale, steile Wendeltreppe gegeben. Im nächsten Geschäft waren es die Armsessel, welche einem beim Aufstehen am Hintern hängen blieben wie ein Melkstuhl – peinlich!
(Fortsetzung oben)

Noch ein bisschen gross, aber gut ausbalanciert (gemalt von Kleinesmädchen, 2nd3rd, female)

Heute bin ich gegen 6 Uhr aufgestanden, habe das Gemüse und die Kräuter auf dem Balkon gegossen und das Mittagessen zum Mitnehmen für die beiden Schulkinder vorbereitet. Dabei überlegte ich mir, was sich für uns Frauen seit dem letzten Frauenstreik 2019 verbessert hat. Über die mehr als 100 Milliarden Franken, welche Frauen pro Jahr weniger verdienen, wollte ich nicht schreiben, auch nichts von diesem lächerlichen Drittel Rente, welcher den Frauen vorenthalten wird. Ich suchte nach etwas Positivem. Ah, hier: Die Zahl der weiblichen CEOs ist von 3 auf 5 gestiegen.
(Diese Führungsfrauen meistern mit Bravour u.a. auch die unzähligen, heiligen Papi-Tage. Sie verschieben wichtige Temine, bei welchen die Papis anwesend sein sollten und suchen an Nach-Papi-Tagen Stellvertreter*innen, damit sich die Papis erholen können. Meine Töchter kommen wegen Papi-Tagen oft sehr spät von der Arbeit nach Hause.)
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… Bewölkungsverdichtung. Gelegentlich Regen. Schnee ab 1400 bis 1600 Meter.

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Dieses Foto haben wir am 15. April extra für den diesjährigen Welttag des Buches und des Urheberrechts gemacht.
Von links nach rechts: „So schwer – So leicht“, „Äpfel – Rezepte aus dem Obstgarten“, „Reportagen April/Mai 2021“, „Die Gefährtin des Wolfs“, vorne: „Glück“, „Leben! – Juden in Wien nach 1945“ (Foto: 3rd, male)

Obwohl meine Vorfahr*innen alle sehr gerne lasen, waren Bücher bis in meine Generation Mangelware.
Lesen lernte ich im Alter von fünf oder sechs Jahren bei meiner Grossmutter. Sie hatte für uns Kinder das Sonntagsschulblättchen „Der Schäflihirt“ abonniert, welches vom Evangelischen Brüderverein herausgegeben wurde. Mir gefielen die Geschichten vom wilden Löwen, der sich mit dem Lied „Gott ist die Liebe“ bändigen liess. Auch vom kleinen Negerbübchen, welches mit der Mutter auf dem Acker Maiskörner steckte konnte ich nicht genug bekommen. Im „Schäflihirt“ war viel von den Heiden in Afrika die Rede und dass sie unbedingt Jesus kennen lernen müssten. Dieses „Ausland“ interessierte mich brennend, und wahrscheinlich lernte ich deshalb lesen. Da weder meine Grossmutter als ehemalige Fabrikarbeiterin in einer Seilerei noch meine Mutter, aufgewachsen als Verdingkind bei einem Kleinbauern, viel Ahnung hatten von der kindlichen Entwicklung, wurde ich nie dafür gelobt. Als ich in die erste Klasse kam, war ich erstaunt, dass die anderen Kinder nicht lesen konnten, und ich versuchte so zu tun, als ob ich es auch nicht könnte. In der 3. Klasse schenkten mir die Eltern das Buch „Christeli“ von Elisabeth Müller. Noch heute kann ich Teile aus Müllers Büchern auswendig.

GLuD, gibt es in meiner näheren und weiteren Familie diesen Büchermangel nicht mehr. Mein Traum aus der Kindheit, einen Eisenbahnwagen voller Bücher zu „besitzen“, ging in Erfüllung.
Nachdem ich im vergangenen BleibenSiezuHause-Jahr viele Bücher gelesen hatte, überkam mich im Winter eine Lesemüdigkeit, überhaupt eine allgemeine Müdigkeit. Mir fehlten u.a. die Begegnungen und Diskussionen in meinem Café Littéraire und das ewige Distanzhalten stimmte mich trübsinnig.
Diese Woche habe ich wieder einmal ein Buch in einem „Schnuuss“ gelesen: Sarid, Ishai : Siegerin, Kain und Aber, 978-3-0369-5840-8

Oh Wunder, es hat sich gelohnt, unnachgiebig zu sein: Wir haben den Schulgartenschlüssel wieder bekommen!
Der heutige Tag der Erde stand unter dem Motto: „Restore our earth – Stellt unsere Erde wieder her!“ Genau das machten wir in unserem möglichen Rahmen.
Danke den Zuständigen der Verwaltung Stadt Bern, dem Präsidenten der Schulkommission und dem Vertreter meiner Partei für „Natur Bern West“.
Wir fingen wieder neu und klein an, nachdem wir die Pflanzen Ende Dezember ausgegraben, verschenkt oder an Pflegeplätze gegeben hatten. Danke allen, die den Knollen und Wurzeln eine Herberge boten!

Der Hausmeister baute mit seinem Freund an einem Unterstand für die Gartengeräte.

Voilà, jeder Stein fand seinen Platz.

Heute jäteten wir, sammelten die dürren Äste und den Abfall ein und nahmen die Gespräche durch den Gartenzaun wieder auf.
Als ich so vor mich hin hackte und schaufelte, meinte mein Enkel: „Ima, du bist ja wieder henne fit.“

Alles sah noch ziemlich leer und löchrig aus, aber Sonnenhut, Gartenmelde, Jungfer im Grünen, Borretsch, der Knoblauch und natürlich die Tulpen reckten sich der Frühlingssonne entgegen.
Noch nie genoss habe ich ihren Anblick so sehr, wie in diesem kalten Frühling.

Eigentlich hatte ich, zugehörig der Risikogruppe, das Kästchen „Inselspital“ angekreuzt. Das bedeutet, dass ich DIEIMPFUNG im Impfzentrum des Inselspitals bekommen wollte. Auf wunderbare Weise erhielt ich aber einige Stunden nach meiner Registrierung den Bescheid, dass ein Impfteam mich zu Hause aufsuchen würde. Ich müsse mich aber gedulden, man würde sich dann per Telefon melden. Interessant, ich hatte nichts gegen diesen einzigartigen Service einzuwenden. Nachdem ich mich sieben Wochen geduldet hatte, kam der versprochene Anruf. Laut und sehr langsam wurde mir im Walliserdialekt mitgeteilt, dass ich an diesem Vormittag die erste Impfung erhalten würde. Es kamen dann ein junger Mann und eine Frau um die Fünfzig, welche beide von der Aussicht – Alpen bis ins Luzernische, Voralpen bis ins Freiburgische und Jurahügel bis zum Weissenstein – aus dem 16. Stock fasziniert waren.
Sie verabschiedeten sich in normaler Lautstärke.

Drei Wochen später kündigte mir eine Frau Mürgi per Telefon die 2. Impfung an:
„Mir chöme im mittlere Morge.
Äs cha gäng wider Verzögerige gä.
Tüet de nid grad drvo loufe, we mer no nid grad da si!
Mir chöme sicher.“
Natürlich versprach ich Frau Mürgi, nicht davon zu laufen und auf das Team zu warten.
Während der Wartezeit fotografierte ich einen Teil meiner Osterdekoration, denn es wurde einem in den Medien gegen den Pandemiekoller ja immer wieder geraten, u.a. die Wohnung zu dekorieren:
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Da kann’s stürmen, schneien, bei Minustemperaturen einem den Wintermantel um die Waden winden oder sogar erdbeben, der Frühling ist da und mit ihm der Bärlauch. Der Orange Riese überschlägt sich gerade mit Produkten, welchen saisongemäss dieses Wildkraut beigemischt wird: Brat- und Lionerwürste, Schinken, Fusscreme, Käse, Antischuppenschampoo, Brotaufstriche, Teigwaren, Saucen, Salate, Möbelpolitur gegen Wasserflecke … Verarbeitet mag ich Bärlauch jedenfalls nicht mehr sehen.
Den ganzen Winter über hat mich der Verlust des Gartens geplagt. Den Fussweg dem Zaun entlang vermied ich, denn ich wollte mir den tristen Anblick der leergeräumten Beete und des nun mit Abfall verschmutzten Sitzplatzes ersparen. Im Januar machte ich einmal einen „verbotenen“ Besuch im Garten, um so viele Schneeglöckchenbüschel auszugraben wie ich tragen konnte. Diese pflanzte ich dann in die Rabatten vor den Block. Zusammen mit dem Hausmeister und zur Freude einiger Bewohner*innen jätete und hackte ich anfangs März auch das Kräuterbeet vor dem Haus. Wir klaubten die unzähligen Zigarettenkippen, die bei uns täglich von den Balkonen vom Himmel fallen, zwischen Rosmarin- und Lavendelbüschen raus, bis alles „e gueti Falle“ machte (gut aussah). Vielleicht war ja jetzt die Zeit gekommen, wo ich mich auf das „Chräbele“ von Blumenrabatten und einem gemütlichen Schwatz mit den Nachbarn – im Moment sind es glückliche Impfgeschichten – auf dem Bänklein vor dem Block beschränken sollte?
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… lokal gefeiert in Berns Westen.

Für sie git’s nüt wo’s nid git
U aus wo’s git, git’s nid für ging
Sie nimmt’s wie’s chunnt u lat’s la gah

Aus: Patent Ochsner: W. Nuss vo Bümpliz *


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