Aus erster Hand


Meine Dusche

Das Eingangstor ist nur wenig geöffnet. Auf dem Boden kleben gelbe Abstandhaltestreifen. Weit und breit sehe ich keine Badegäste, schon gar niemanden von den befürchteten Risikölern. Elektriker montieren ein Kabel über dem Infoschalter. Nein, die privaten Umkleidekabinen auf der Terrasse seien abgesperrt, ich müsse die allgemeinen benutzen, sagt mir der Anlageleiter.
Dass er die Anlage leitet weiss ich aus einem letzthin in der Zeitung erschienenen Interview mit Bild. Niemand scheint in Eile zu sein, der Ansturm der RentnerInnen zu so früher Stunde ist nicht eingetroffen. Herr Giger freut sich, dass ich ihn auf den Zeitungsbericht anspreche, den er schon vergessen zu haben scheint. Gerne erzählt er mir noch ein bisschen mehr von seinem Heimatstädtchen mit dem trutzigen Schloss über dem wilden Fluss, wo er aufgewachden und zur Schule gegangen ist. Im Schwimmbad unter der Sandsteinfluh hat er schwimmen gelernt, später dann im Ort eine Lehre gemacht und heute wohnt er immer noch dort.
Da meine Eltern aus dieser Gegend stammten, sind wir bald in einem interessanten Gespräch. Der Leiter erzählt mir von der Megabaustelle quasi vor seiner Haustür. Ein Dorfbach, der sich bei Gewitter in ein reissendes Ungetüm verwandle, werde nun gezähmt, Kostenpunkt etwas über 14 Mio Franken. Ich sehe, es läuft etwas in dem lauschigen Tälchen auf dem Land.
Mein Vater ging mit uns Kindern dort oft spazieren. Im Winter brach er für uns lange Eiszapfen am Bachufer.
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In Delhi um 6 aufgestanden, auf dem Inlandflug ein wunderbares Masala Dosa zum Frühstück. Um 11 in Pune angekommen, eine Stunde im Taxi zum Campus, Registrierung von Mensch und Laptop in einem grossen Buch und einem Computer, Stempel vom Chef mit zwei Sternen auf der Schulter, dann weiter zum Guest House. Registrierung von Mensch und Laptop und Röntgen des Letzteren daselbst, drei Formulare ausfüllen, dann ins Büro, und vor dem Sitzungszimmer abermals Registrierung von Mensch und Laptop durch einen Official, diesmal in zwei grossen Büchern.

Nun langsames Anlaufen mit den lokalen Kollegen, eine Stunde bei 40° über den Campus schlurfen und die verschiedenen Sitzungsräume für morgen auskundschaften. Dazwischen Kaffee für die einen und spätes Mittagessen für die anderen; es ist inzwischen zwei. Gegen fünf ist dann langsam allen klar, dass wir uns für morgen auch inhaltlich noch vorbereiten müssen, folglich angeregte Debatte bis halb neun, dann Abendessen, informell die wirklich wichtigen Dinge besprechen, um 10 nochmal eine Stunde mit Sao Paulo telefonieren, vorletzte Vorbereitungen, Zähneputzen, Duschen.

Jetzt ins Bett.

2nd, male lässt herzlich grüssen.

Die Kleinkrähen und ihre Eltern verbrachten einen Teil der Frühlingsferien bei ihren skipetarischen Verwandten im Dorf. Dieses liegt in einer abgelegenen Gegend an der Grenze zu Montenegro und Albanien. Erwerbsarbeit ist rar und man ist froh, dass von der neunköpfigen Mehrgenerationenfamilie einer Arbeit hat. Blerim verdient in einer Fensterfabrik ca. 300 Euro im Monat. Dazu kommt noch eine Familienzulage von 70 Euro. Obwohl sich die Familie zum grossen Teil selbst versorgt, bleibt für die bescheidensten Zusatzwünsche (z.B. ein ausländischer TV-Kanal zum Fussball schauen) absolut nichts übrig. Mit materiellen Gütern werden die Kinder nicht verwöhnt, aber es fehlt ihnen nicht an Zuwendung und Fürsorge seitens der Eltern und Grosseltern.

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Nachdem ihr ID-Ausweis geprüft worden ist, befestigt sie das Schild mit dem Aufdruck „Bibliothek“ seitlich an ihren Gürtel. Heute bekommt sie neben dem Schlüssel für Lift und Treppenhaus vom Wachmann ein schwarzes Telefon. Viel lieber hätte sie ein blaues, aber im Moment ist keines frei. Das bedeutet, dass der Arzt oder der Psychologe im Haus ist.
Im Gegensatz zum blauen darf man das schwarze Telefon nicht legen, nur stellen. Beim Legen geht gleich der Alarm los. Das Telefon meint dann, dass der Benutzer/die Benutzerin auch liegt, im schlimmsten Fall auf dem Boden – niedergeschlagen von einem Insassen.
Als sie den schwarzen „Knochen“ das erste Mal ausgehändigt bekam, legte sie ihn ahnungslos auf den Schreibtisch. Ohrenbetäubendes Schrillen! Wie, wo, was drücken? Sie stürzte durch die Gänge, lief mit dem Ungetüm ins obere Stockwerk. Auch hier menschenleer. Endlich erlöste sie ein Aufseher aus ihrer Bedrängnis, indem er einfach zum Telefon sagte: „Fridu us em Zwöite – Fäualarm vo dr Bibliothekarin.“
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Eine verwitwete Seniorin zur anderen, die gerade Witwe geworden ist:

„I ha dir no mis härzleche Bileid wölle usspräche.
I ha ke Charte gschribe.
Eigentlech schribeni überhoupt nüt meh.
Scho sit vierzg Jahr hani nid es Mau öppis ungerschribe.
Es isch mer eifach verleidet.
Sogar d’Amäldig für d’Klassezämekunft hani ihm ggä.
Är het de ds Formular usgfüllt.
Woni no ha ungerschribe, isch es ihm nie rächt gsi.
Entwäder hani z’fescht nach links gschribe oder z’vil nach rächts.
Mängisch isch ihm d’Ungerschrift z’höch obe gsi oder z’töif unger.
Wenis mit em Platz bpreicht ha, de het är gseit:
‚Die blöde ä-Zeiche u i-Tüpf wo du gäng machsch.'“

Fatmire, eine der vielen Grossmütter im Block, erzählt, wie es kam, dass ihr Sohn Mergim seinen Namen nicht liebt.

Es sind schon einige Jahrzehnte her, dass ihr Mann einen Nachbarjungen aufs Feld mitnahm. Nachdem er dem Buben etwas zu essen gegeben hatte, hiess er ihn am Rand des Ackers sitzen zu bleiben und zu warten, bis er mit der Arbeit auf dem Mähdrescher fertig sei. Man ahnt es schon: das Kind geriet unter die Maschine und starb. Der Mann wollte nur noch ins Gefängnis. „Bitte, bitte, sperrt mich ein!“ Er wurde aber von der Polizei bald nach Hause geschickt. Es war ein schrecklicher Unfall. Wie konnte man diese Schuld abtragen? Fatmire bekam Zwillinge, zwei Knaben. Einer wurde nach dem Toten Mergim benannt. Nach wenigen Monaten wurde Mergim krank. Weit und breit kein Spital, kein Arzt. Auch dieser Mergim starb. Das Ehepaar spielte mit dem Gedanken, den zweiten Zwilling umzubenennen, verwarf aber dann schuldgepeinigt den unüblichen Schritt. Fatmire bekam noch einmal einen Jungen, der – welch ein Glück – ein grosser und starker Mergim wurde.
Mergim möchte gerne anders heissen.

Stern aus Tisch

(Ein Tisch bleibt nicht immer ein Tisch. Hier wurde er ein Stern über dem Engel aus einer Agenda.)

Weihnachtsbrief meiner Schwester H.

Liebe Schwoscht
Als wir noch nicht pensioniert waren, hatten wir viel mehr Zeit. Aber heute sind die Agenden voll und hie und da sogar überbucht.
Warum die Foti mit dem Gartengrill, wirst du denken. Wie du ja weisst, bin ich ständig am Aussortieren, Umtischen und Düreluege.
Mein Ziel war es, im 2015 den grossen und den kleinen Gartentisch wegzuschaffen, wenn es nicht anders geht, sie zu zerstören, zu verbiegen, dass sie ins Auto passen und schlussendlich mit dem Kran in die Mulde krachen.
Da las ich doch von U.P. Twellmann, Holzbildhauer in Münsingen. Er verändert, bis der Prozess des Zerstörens und Erschaffens wieder eins werden.
Mit dieser Botschaft im Kopf fuhr ich mit meiner Tochter Monika in den Trubschachen in die Kreativ-Schmiede Stalder.
Meine Tochter wünschte sich nämlich auf ihrem Bauernhof einen grösseren Grill.

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Was vorher geschah:

Meine Freundin ist seit Herbst 2007 wieder in Kroatien, obwohl sie beide Kinder in der Schweiz bekommen und auch Arbeit im Pflegebereich gefunden hatte. Hier die Links zu den vorherigen Beiträgen Re-Migration und Re-Migration 2. Die Verwandtschaft meiner Freundin war schon vorher zurückgegangen und sie konnte die Kinderbetreuung und ihren Pflegeberuf als Alleinerziehende ohne Familie nicht so lösen, wie sie sich das für die Kinder vorstellte. Sie fürchtete, ihr Sohn und ihre Tochter würden typische „Schlüsselkinder“ und schwache Schüler. Ich hatte persönlich ein schlechtes Gewissen und war auch traurig, dass sie ging. Aber ich hätte die Entscheidung nur abwenden können, wenn ich meinen eigenen Beruf zu Gunsten der Kinderbetreuung reduziert hätte. Das ging damals fast nicht und niemand erwartete es von mir. Trotzdem schwingt bis heute Wehmut mit. Die Zweifel, ob es nicht anders zu machen gewesen wäre, bleiben. Wir kannten die Kinder sehr gut, ich hatte sie tagelang und nächtelang bei mir, war bei der Geburt der Tochter Mirjam (im Treppenhaus) dabei gewesen und hing besonders an ihr.

Nun sind sie also seit acht Jahren zurück in Kroatien und immer zu Weihnachten pflegen wir längere Korrespondenz, zu der ich statt Geschenke Euros für dies und das, was in den Erzählungen als Mangel aufgetaucht, sende. Es ist unglaublich, wie bescheiden meine Freundin mit den inzwischen fast erwachsenen Kindern lebt. Im Sommer hat sie zudem zwei Pflegetöchter aufgenommen. So wohnt sie heute mit vier Jugendlichen in einem Häuschen mit sechs Zimmern, zusammen mit ihrem Bruder, dessen Frau und deren autistischem Sohn. Auf meine Nachfrage, wie diese Pflegetöchtern zu ihr gelangt seien, schreibt sie:

Meine Liebe!

danke dir fur dein schnelles Brief, habe sehr freude zu wissen das es euch gut geht! Problemen wird es immer geben, aber Hauptsache schauen wir mit anderen Blick auf diese Probleme, weil Leben soll man leben. Wie mutig ist deine Schwester und ihr Mann! Ich schicke ganz liebe Grusse und gratuliere mit Herzen fur das neue Kinderlein!

Die Eltern meiner neuen Maedchen starben ganz tragisch im Sommer. Eine ist die alteste Freundin von Mirjam, sie gehen zusammen in die Klasse. Es lauft eigentlich gut, fur mich nicht immer einfach , aber du weisst es, wie das kompliziert ist mit Pflegekinder, sehr birokratisch. Meine Maedchen heissen Lenia, die ist 17 jahrig, ist wunderschon und sehr erwachsen und Vanja, die 15 jahrig ist, die ist einfach ein Teeneiger. Aber beide leiden sehr! Schlimmere Tragödie, die konnte nicht sein! Ihr Vater hat die Mutter erschossen, aus Eifersucht. Sie wussten, das die Mutter jemand hatte und sie wollte sich trennen. Beide tot. Einfach Horror !

Gesundheitlich war Vanja ganz schlecht mit Herzaritmien, nun ist das besser geworden, Gottseidank! Hoffe nur, das die beide stark werden, nur das mochte ich. Und an das Gute in sich glauben wie auch in den Menschen. Zum Gluck haben sie die Pensionkasse vom Vater, weil er wahrend dem Krieg in Armee war und Pension bekam als Invalide. Hoffe, das sie studieren, dann konnen sie die Pension dazu benutzen, es ist erlaubt, bis sie 26 sind.

So, liebe Freundin, leben wir Tag zu Tag, aber das Gute ist uber uns, obwohl die Welt ganz anders aussieht. Das wissen wir immer! So viel Gutes in diesen schweren Zeiten passiert, das habe ich auch bei dir und deiner Familie gespurt: Dankbarkeit und nur das Gute tun in Kleinem. Nur in Kleinem ist auch ganz gross. Sei gesegnet du und deine ganze Familie.

Deine Freundin aus Kroatien

Das neue Blogk-Mädel ist angekommen und viele liebe Wünsche, Gaben und gute Gedanken haben es schon erreicht. Herzlichen Dank dafür!

Vor gut neun Jahren hat meine Schwester die Geburtsanzeige ihrer ersten Tochter gezeichnet, vor sieben Jahren die ihres Sohnes. Und das ist nun die Dritte:

Vorderseite:

Geburtsanzeige3-Vorderseite

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Ihr Hilfswerk hat keinen Namen. Ihre Reisen bezahlt sie aus der eigenen Tasche. Kosten für die Administration fallen kaum an. Vom 11. Stock eines Hochhauses in Berns Westen leitet Elizabeth Neuenschwander mit ihren 85 Jahren drei Schulen (zwei Drittel sind Mädchen) und ein Frauenzentrum in Afghanistan und Pakistan. Jeden Samstag – bei niedrigem Telefontarif – spricht sie mit ihrer Assistentin in Kabul, welche ihr wöchentlich auch einen Bericht zu den Projekten per E-Mail sendet.
Mindestens zweimal im Jahr erhalten die zuständigen Botschaften in Genf einen unerbittlichen Besuch von der zierlichen alten Frau. Ohne ein gültiges Visum wird sie das Gebäude nicht verlassen. Das weiss mann aus Erfahrung

In diesem Monat ist es wieder soweit. Die Reise geht nach Kabul, wo Frau Neuenschwander sich mit der Leiterin des Frauenzentrums und dem Leiter der Schulen treffen wird, zur Sicherheit in einem Privathaus. Und natürlich wird sie dabei sein, wenn die Absolventinnen des Nähkurses ihr Diplom erhalten. Wer zwei Jahre fleissig gelernt hat, bekommt neben einem Diplom die Nähmaschine geschenkt.

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