Aus erster Hand


Meine Dusche

Das Eingangstor ist nur wenig geöffnet. Auf dem Boden kleben gelbe Abstandhaltestreifen. Weit und breit sehe ich keine Badegäste, schon gar niemanden von den befürchteten Risikölern. Elektriker montieren ein Kabel über dem Infoschalter. Nein, die privaten Umkleidekabinen auf der Terrasse seien abgesperrt, ich müsse die allgemeinen benutzen, sagt mir der Anlageleiter.
Dass er die Anlage leitet weiss ich aus einem letzthin in der Zeitung erschienenen Interview mit Bild. Niemand scheint in Eile zu sein, der Ansturm der RentnerInnen zu so früher Stunde ist nicht eingetroffen. Herr Giger freut sich, dass ich ihn auf den Zeitungsbericht anspreche, den er schon vergessen zu haben scheint. Gerne erzählt er mir noch ein bisschen mehr von seinem Heimatstädtchen mit dem trutzigen Schloss über dem wilden Fluss, wo er aufgewachden und zur Schule gegangen ist. Im Schwimmbad unter der Sandsteinfluh hat er schwimmen gelernt, später dann im Ort eine Lehre gemacht und heute wohnt er immer noch dort.
Da meine Eltern aus dieser Gegend stammten, sind wir bald in einem interessanten Gespräch. Der Leiter erzählt mir von der Megabaustelle quasi vor seiner Haustür. Ein Dorfbach, der sich bei Gewitter in ein reissendes Ungetüm verwandle, werde nun gezähmt, Kostenpunkt etwas über 14 Mio Franken. Ich sehe, es läuft etwas in dem lauschigen Tälchen auf dem Land.
Mein Vater ging mit uns Kindern dort oft spazieren. Im Winter brach er für uns lange Eiszapfen am Bachufer.
(mehr …)

In Delhi um 6 aufgestanden, auf dem Inlandflug ein wunderbares Masala Dosa zum Frühstück. Um 11 in Pune angekommen, eine Stunde im Taxi zum Campus, Registrierung von Mensch und Laptop in einem grossen Buch und einem Computer, Stempel vom Chef mit zwei Sternen auf der Schulter, dann weiter zum Guest House. Registrierung von Mensch und Laptop und Röntgen des Letzteren daselbst, drei Formulare ausfüllen, dann ins Büro, und vor dem Sitzungszimmer abermals Registrierung von Mensch und Laptop durch einen Official, diesmal in zwei grossen Büchern.

Nun langsames Anlaufen mit den lokalen Kollegen, eine Stunde bei 40° über den Campus schlurfen und die verschiedenen Sitzungsräume für morgen auskundschaften. Dazwischen Kaffee für die einen und spätes Mittagessen für die anderen; es ist inzwischen zwei. Gegen fünf ist dann langsam allen klar, dass wir uns für morgen auch inhaltlich noch vorbereiten müssen, folglich angeregte Debatte bis halb neun, dann Abendessen, informell die wirklich wichtigen Dinge besprechen, um 10 nochmal eine Stunde mit Sao Paulo telefonieren, vorletzte Vorbereitungen, Zähneputzen, Duschen.

Jetzt ins Bett.

2nd, male lässt herzlich grüssen.

Die Kleinkrähen und ihre Eltern verbrachten einen Teil der Frühlingsferien bei ihren skipetarischen Verwandten im Dorf. Dieses liegt in einer abgelegenen Gegend an der Grenze zu Montenegro und Albanien. Erwerbsarbeit ist rar und man ist froh, dass von der neunköpfigen Mehrgenerationenfamilie einer Arbeit hat. Blerim verdient in einer Fensterfabrik ca. 300 Euro im Monat. Dazu kommt noch eine Familienzulage von 70 Euro. Obwohl sich die Familie zum grossen Teil selbst versorgt, bleibt für die bescheidensten Zusatzwünsche (z.B. ein ausländischer TV-Kanal zum Fussball schauen) absolut nichts übrig. Mit materiellen Gütern werden die Kinder nicht verwöhnt, aber es fehlt ihnen nicht an Zuwendung und Fürsorge seitens der Eltern und Grosseltern.

(mehr …)

Nachdem ihr ID-Ausweis geprüft worden ist, befestigt sie das Schild mit dem Aufdruck „Bibliothek“ seitlich an ihren Gürtel. Heute bekommt sie neben dem Schlüssel für Lift und Treppenhaus vom Wachmann ein schwarzes Telefon. Viel lieber hätte sie ein blaues, aber im Moment ist keines frei. Das bedeutet, dass der Arzt oder der Psychologe im Haus ist.
Im Gegensatz zum blauen darf man das schwarze Telefon nicht legen, nur stellen. Beim Legen geht gleich der Alarm los. Das Telefon meint dann, dass der Benutzer/die Benutzerin auch liegt, im schlimmsten Fall auf dem Boden – niedergeschlagen von einem Insassen.
Als sie den schwarzen „Knochen“ das erste Mal ausgehändigt bekam, legte sie ihn ahnungslos auf den Schreibtisch. Ohrenbetäubendes Schrillen! Wie, wo, was drücken? Sie stürzte durch die Gänge, lief mit dem Ungetüm ins obere Stockwerk. Auch hier menschenleer. Endlich erlöste sie ein Aufseher aus ihrer Bedrängnis, indem er einfach zum Telefon sagte: „Fridu us em Zwöite – Fäualarm vo dr Bibliothekarin.“
(mehr …)

Eine verwitwete Seniorin zur anderen, die gerade Witwe geworden ist:

„I ha dir no mis härzleche Bileid wölle usspräche.
I ha ke Charte gschribe.
Eigentlech schribeni überhoupt nüt meh.
Scho sit vierzg Jahr hani nid es Mau öppis ungerschribe.
Es isch mer eifach verleidet.
Sogar d’Amäldig für d’Klassezämekunft hani ihm ggä.
Är het de ds Formular usgfüllt.
Woni no ha ungerschribe, isch es ihm nie rächt gsi.
Entwäder hani z’fescht nach links gschribe oder z’vil nach rächts.
Mängisch isch ihm d’Ungerschrift z’höch obe gsi oder z’töif unger.
Wenis mit em Platz bpreicht ha, de het är gseit:
‚Die blöde ä-Zeiche u i-Tüpf wo du gäng machsch.'“

Fatmire, eine der vielen Grossmütter im Block, erzählt, wie es kam, dass ihr Sohn Mergim seinen Namen nicht liebt.

Es sind schon einige Jahrzehnte her, dass ihr Mann einen Nachbarsjungen aufs Feld mitnahm. Nachdem er dem Buben etwas zu essen gegeben hatte, hiess er ihn am Rand des Ackers sitzen zu bleiben und zu warten, bis er mit der Arbeit auf dem Mähdrescher fertig sei. Man ahnt es schon: das Kind geriet unter die Maschine und starb. Der Mann wollte nur noch ins Gefängnis. „Bitte, bitte, sperrt mich ein!“ Er wurde aber von der Polizei bald nach Hause geschickt. Es war ein schrecklicher Unfall. Wie konnte man diese Schuld abtragen? Fatmire bekam Zwillinge, zwei Knaben. Einer wurde nach dem Toten Mergim benannt. Nach wenigen Monaten wurde Mergim krank. Weit und breit kein Spital, kein Arzt. Auch dieser Mergim starb. Das Ehepaar spielte mit dem Gedanken, den zweiten Zwilling umzubenennen, verwarf aber dann schuldgepeinigt den unüblichen Schritt. Fatmire bekam noch einmal einen Jungen, der – welch ein Glück – ein grosser und starker Mergim wurde.
Mergim möchte gerne anders heissen.

Stern aus Tisch

(Ein Tisch bleibt nicht immer ein Tisch. Hier wurde er ein Stern über dem Engel aus einer Agenda.)

Weihnachtsbrief meiner Schwester H.

Liebe Schwoscht
Als wir noch nicht pensioniert waren, hatten wir viel mehr Zeit. Aber heute sind die Agenden voll und hie und da sogar überbucht.
Warum die Foti mit dem Gartengrill, wirst du denken. Wie du ja weisst, bin ich ständig am Aussortieren, Umtischen und Düreluege.
Mein Ziel war es, im 2015 den grossen und den kleinen Gartentisch wegzuschaffen, wenn es nicht anders geht, sie zu zerstören, zu verbiegen, dass sie ins Auto passen und schlussendlich mit dem Kran in die Mulde krachen.
Da las ich doch von U.P. Twellmann, Holzbildhauer in Münsingen. Er verändert, bis der Prozess des Zerstörens und Erschaffens wieder eins werden.
Mit dieser Botschaft im Kopf fuhr ich mit meiner Tochter Monika in den Trubschachen in die Kreativ-Schmiede Stalder.
Meine Tochter wünschte sich nämlich auf ihrem Bauernhof einen grösseren Grill.

(mehr …)

Was vorher geschah:

Meine Freundin ist seit Herbst 2007 wieder in Kroatien, obwohl sie beide Kinder in der Schweiz bekommen und auch Arbeit im Pflegebereich gefunden hatte. Hier die Links zu den vorherigen Beiträgen Re-Migration und Re-Migration 2. Die Verwandtschaft meiner Freundin war schon vorher zurückgegangen und sie konnte die Kinderbetreuung und ihren Pflegeberuf als Alleinerziehende ohne Familie nicht so lösen, wie sie sich das für die Kinder vorstellte. Sie fürchtete, ihr Sohn und ihre Tochter würden typische „Schlüsselkinder“ und schwache Schüler. Ich hatte persönlich ein schlechtes Gewissen und war auch traurig, dass sie ging. Aber ich hätte die Entscheidung nur abwenden können, wenn ich meinen eigenen Beruf zu Gunsten der Kinderbetreuung reduziert hätte. Das ging damals fast nicht und niemand erwartete es von mir. Trotzdem schwingt bis heute Wehmut mit. Die Zweifel, ob es nicht anders zu machen gewesen wäre, bleiben. Wir kannten die Kinder sehr gut, ich hatte sie tagelang und nächtelang bei mir, war bei der Geburt der Tochter Mirjam (im Treppenhaus) dabei gewesen und hing besonders an ihr.

Nun sind sie also seit acht Jahren zurück in Kroatien und immer zu Weihnachten pflegen wir längere Korrespondenz, zu der ich statt Geschenke Euros für dies und das, was in den Erzählungen als Mangel aufgetaucht, sende. Es ist unglaublich, wie bescheiden meine Freundin mit den inzwischen fast erwachsenen Kindern lebt. Im Sommer hat sie zudem zwei Pflegetöchter aufgenommen. So wohnt sie heute mit vier Jugendlichen in einem Häuschen mit sechs Zimmern, zusammen mit ihrem Bruder, dessen Frau und deren autistischem Sohn. Auf meine Nachfrage, wie diese Pflegetöchtern zu ihr gelangt seien, schreibt sie:

Meine Liebe!

danke dir fur dein schnelles Brief, habe sehr freude zu wissen das es euch gut geht! Problemen wird es immer geben, aber Hauptsache schauen wir mit anderen Blick auf diese Probleme, weil Leben soll man leben. Wie mutig ist deine Schwester und ihr Mann! Ich schicke ganz liebe Grusse und gratuliere mit Herzen fur das neue Kinderlein!

Die Eltern meiner neuen Maedchen starben ganz tragisch im Sommer. Eine ist die alteste Freundin von Mirjam, sie gehen zusammen in die Klasse. Es lauft eigentlich gut, fur mich nicht immer einfach , aber du weisst es, wie das kompliziert ist mit Pflegekinder, sehr birokratisch. Meine Maedchen heissen Lenia, die ist 17 jahrig, ist wunderschon und sehr erwachsen und Vanja, die 15 jahrig ist, die ist einfach ein Teeneiger. Aber beide leiden sehr! Schlimmere Tragödie, die konnte nicht sein! Ihr Vater hat die Mutter erschossen, aus Eifersucht. Sie wussten, das die Mutter jemand hatte und sie wollte sich trennen. Beide tot. Einfach Horror !

Gesundheitlich war Vanja ganz schlecht mit Herzaritmien, nun ist das besser geworden, Gottseidank! Hoffe nur, das die beide stark werden, nur das mochte ich. Und an das Gute in sich glauben wie auch in den Menschen. Zum Gluck haben sie die Pensionkasse vom Vater, weil er wahrend dem Krieg in Armee war und Pension bekam als Invalide. Hoffe, das sie studieren, dann konnen sie die Pension dazu benutzen, es ist erlaubt, bis sie 26 sind.

So, liebe Freundin, leben wir Tag zu Tag, aber das Gute ist uber uns, obwohl die Welt ganz anders aussieht. Das wissen wir immer! So viel Gutes in diesen schweren Zeiten passiert, das habe ich auch bei dir und deiner Familie gespurt: Dankbarkeit und nur das Gute tun in Kleinem. Nur in Kleinem ist auch ganz gross. Sei gesegnet du und deine ganze Familie.

Deine Freundin aus Kroatien

Das neue Blogk-Mädel ist angekommen und viele liebe Wünsche, Gaben und gute Gedanken haben es schon erreicht. Herzlichen Dank dafür!

Vor gut neun Jahren hat meine Schwester die Geburtsanzeige ihrer ersten Tochter gezeichnet, vor sieben Jahren die ihres Sohnes. Und das ist nun die Dritte:

Vorderseite:

Geburtsanzeige3-Vorderseite

(mehr …)

Ihr Hilfswerk hat keinen Namen. Ihre Reisen bezahlt sie aus der eigenen Tasche. Kosten für die Administration fallen kaum an. Vom 11. Stock eines Hochhauses in Berns Westen leitet Elizabeth Neuenschwander mit ihren 85 Jahren drei Schulen (zwei Drittel sind Mädchen) und ein Frauenzentrum in Afghanistan und Pakistan. Jeden Samstag – bei niedrigem Telefontarif – spricht sie mit ihrer Assistentin in Kabul, welche ihr wöchentlich auch einen Bericht zu den Projekten per E-Mail sendet.
Mindestens zweimal im Jahr erhalten die zuständigen Botschaften in Genf einen unerbittlichen Besuch von der zierlichen alten Frau. Ohne ein gültiges Visum wird sie das Gebäude nicht verlassen. Das weiss mann aus Erfahrung

In diesem Monat ist es wieder soweit. Die Reise geht nach Kabul, wo Frau Neuenschwander sich mit der Leiterin des Frauenzentrums und dem Leiter der Schulen treffen wird, zur Sicherheit in einem Privathaus. Und natürlich wird sie dabei sein, wenn die Absolventinnen des Nähkurses ihr Diplom erhalten. Wer zwei Jahre fleissig gelernt hat, bekommt neben einem Diplom die Nähmaschine geschenkt.

(mehr …)

Abends hing Mamoun meistens im „Ombra“ herum und hielt erfolgreich Ausschau nach einsamen Herzen. Seine Kindheit hatte er im südliche Atlas hinter sich gebracht, einem trocken zerklüfteten Gebiet, jedem kleinsten grünen Hälmchen feindlich gesinnt.
Nachdem die holländische Familie, welche ihn als Mädchen Bübchen für alles in ihre Genfer Villa mitgenommen hatte, ohne ihn weiter gezogen war, fand er in Bern ein paar magrebinische Landsleute, über die er bald alles wusste: wer mit wem, wann, wo warum und so. Abends im „Ombra“ wurde Mamoun umringt von hellhäutigen Bärnermeitschi, welche eifrig ihr Schulfränzösich an diesem blendend aussehenden jungen Mann ausprobierten. Solch exotische Männer waren anfangs der Sechzigerjahre in der Bundesstadt rar und all die Einwanderungverhinderungsinitiativen noch nicht angedacht.
(mehr …)

Der asiatische Nachbar ist Vater eines Mädchens geworden. Der Hausmeister gratuliert ihm zur Geburt des Kindes.
„Wie heisst sie denn, die Kleine?“
„Vagina“, antwortet der stolze Papa.
In der Regel vermeidet es der Hausmeister, sich in persönliche Angelegenheiten der Blockbewohner einzumischen. Hier sieht er aber dringenden Handlungsberdarf und bittet den Nachbarn in sein Büro. Über „Vagina“ lässt sich nicht an der Haustür diskutieren.
Höflich, aber eindringlich erklärt der Hausmeister dem frischgebackenen Vater, was das Wort „in diesem Land“ bedeutet und wie geplagt Tochter Vagina mit ihrem Namen spätestens in der Schule wäre. Ja, sogar der Lehrerin könnte es peinlich sein, ihre Schülerin anzusprechen.
„Ich möchte aber einen Namen mit V, denn mein Name beginnt auch mit V“, gibt der Mann zu bedenken.
„Bald ist Valentinstag“, überlegt der Hausmeister, „wie wäre es denn mit Valentina?“

Herr V. wird sich eine eventuelle Namensänderung überlegen.

Hulk

(„Blumenmädchen“ das Grüne ist von Jeff Koons, Foto: FAZ, 24.06.14)

Natürlich ist meine Freundin Caroline selber gross, trotzdem konnte ich’s nicht lassen, ihr den klugen Rat eines Mannes für ihren ersten Besuch der Art Basel mit zu geben:
Schaue nur – Kaufe nichts! (Simon de Pury, Kunsthändler).

Hier das „klitzekleine querschnittchen-appetithäppchen von der art basel“ für die Daheimgebliebene:

Liebe Frau Blogk
um es grad vorwegzunehmen, ich fand die art basel ganz famos. wir waren zu viert, schwärmten aber im zweierteam durchs geschehen. mittags kurz eine sehr überteuerte bratwurst und ebensolches wasser einverleiben, dann gings weiter. geschaut hab ich viel, gekauft natürlich nichts. wenn man für ein gütterli wasser schon 6.50 bezahlt, liegen schiele, botero, miró … nicht mehr drin.
es hatte hammersaumässiggute werke! frisch gewagtes, zum beispiel ein asiate, der zig hundert murmeln zusammenklebt. zu sehen war ein krieger, sitzend, lebensgross. ich stelle mir schon mal gerne vor, wie der körbeweise glasklare märmle in seinem atelier zu stehen hat. vielleicht ein wenig chaotisch werkelt, die glaskugeln auch den boden bekugeln, der künstler in fiebriger andacht am werk, rutscht aus, wahrscheinlich nicht murmelnd, sondern sich laut artikulierend! unsereins, die des fernöstlichen nicht mächtig sind, nicken trotzdem mitfühlend.
aber nicht nur die kunst hatte es mir angetan, auch die leute waren sehenswert. wie schillerndschrill gezierte fische, gleiten sie, oft im schwarm, vorüber. wunderbar!
ich finde auch jeff koons immer erfrischend (ja, der mit der Cicciolina, sagt frau Blogk). er arbeitet mit metall. das fertige produkt scheint schwebend leicht. seine kunterbunten werke sehen aus wie die ballontierchen, die clowns, vielleicht auch superclowns? … für kinder anfertigen. ausgestellt war ein aufgeblasener badedelfin mitsamt haltegriffen und ventil. so gut! die dinger sehen wirklich federflockigleicht aus. wenn man aber klopft, was man natürlich nicht soll, tönt es metallisch. sehr verspielt, sehr vergnüglich sowas zu sehen.
nach fünf stunden intensiver kunstkonsumation waren wir doch recht knille. so viele eindrücke. ich habe heute morgen im radio gehört, dieses jahr gab es einen besucherrekord, und das die art basel die grösste kunstmesse der welt sei!!! wusste ich nicht.
nächstes jahr gehe ich gerne wieder!

ganz ungekünstelte, dafür herzliche grüsse, sende ich dir in deinen montagabend.

Caroline

Olivenöl

Olivenöl von Haddsch Boras

Mit einem langstieligen Löffel rührt meine Nachbarin den goldbraunen Inhalt des Glases sorgfältig um. Das kostbare Arganöl müsse wieder mit der Mandel-Honigmasse vermischt werden. Anschliessend gibt sie jedem etwas Amlou in ein Tellerchen. Eigentlich bin ich auf ein Frühstück mit Kaffee und Gipfeli eingestellt, aber nun siehts mehr nach „Berber“ aus. Während wir beiden Frauen Brotstücke in Amlou tunken, Kaffee trinken, dazu frische Ananaswürfel essen, lerne ich eine weitere Persönlichkeit aus dem fernen Magreb kennen: Haddsch Boras, Produzent dieses weltbesten Amlou (mit Mandeln und nicht etwa mit den billigen Erdnüssen).

Er hält diskret den grössten Teil der regionalen Fäden in der Hand, trägt ausser an Festtagen immer einen blauen Arbeiter-Overall, packt an, seis an der Ölpresse, bei den Bienenstöcken, der Ernte der Arganmandeln und Oliven, auf seinen Fangbooten, beim Ausnehmen der Fische, dem Seifensieden oder in seinen Hotels. (Meine Nachbarin nimmt an, dass der Overall eine Tarnung ist, denn Monsieur Boras hasst es, ständig von Bittstellern belagert zu werden). Der „Häsh“ (Haddsch) schätzt die Gesellschaft von Europäern, kauft Ölpressen ausschliesslich in Deutschland, hilft Fremden bei Schwierigkeiten mit Behörden oder wenn ihnen z.B. die Autoreifen aufgeschlitzt worden sind – aber sein Gott ist der Einzige. Die Moschee im Ort liess er bauen. Am Freitag ist Couscous-Tag, das heisst, dass die ganze Region zum freien Essen eingeladen ist. Dann übernimmt Boras‘ Frau – ebenso Mekka gepilgert und deshalb „Häsha“ (Haddscha) – mit ihrer kräftigen Stimme das Kommando über die Helferinnen.

Bis wir das Amlou aus den Tellerchen gewischt haben, höre ich noch einige Geschichten aus der Gegend von Essaouira, Sidi Kaouki, Tamanar und Agadir.
Zum Olivenöl schenkt mir die Nachbarin auch noch eine Argan-Seife.

Arganseife

Juppi, schon bald werde ich falten- und cellulitefrei sein, eine makellose Haut, seidig glänzendes Haar und nie mehr rissige Nägel haben! Sobald dieses Wunder eingetreten ist, werde ich hier ein Foto aufschalten.

Jeden Abend telefoniert Frau Stoll aus dem 11. Stock mit ihrer Tochter in der Innerschweiz. Nun ist die Neunzigjährige während des Gesprächs über das Telefonkabel gestolpert. (Kabellos kam für sie nie in Frage). Der Hausmeister, bereits im Pyjama, erhält von Frau Stolls Tochter einen Notruf. Eilig zieht er sich an. Für solche Fälle hat er einen Wohnungsschlüssel von den Angehörigen erhalten.
Er findet die Gestürzte ins Kabel verwickelt auf dem Boden vor dem Küchentisch.
Zuerst stellt er sich der Frau vor und sagt, dass er ihr jetzt helfen werde aufzustehen. „Ja, ja, Sie sind der mit den schönen Zähnen“, meint Frau Stoll und lässt sich stützen, während der Hausmeister am Handy die Tochter hinter den sieben Bergen beruhigt.
Eigentlich kam die alte Frau in die Küche, um etwas zu essen, aber es ist nichts da. „Mögen Sie Reis? Ich habe für meine Kinder welchen gekocht und hole Ihnen gerne etwas.“ Hurtig bringt der Hausmeister Reis und Gurkenscheibchen, setzt Wasser für Kaffee auf.
Frau Stoll fühlt sich wohl und erzählt trotz der späten Stunde munter von ihren Lieblingen, den Katzen. Alles in der Wohnung ist mit Katzenbildern geschmückt, natürlich auch der Lavabostöpsel. Auf dem Tischset ist eine Aarelandschaft mit grüner Wiese abgebildet und darauf ein winziger roter Punkt. Das sei ihr VW Golf, den man ihr weggenommen habe. Noch immer schmerzt die Trennung von ihrem geliebten Auto. So etwas verkraftet man nie mehr. „Sie müssen den Kaffee trinken, solange er noch warm ist,“ sagt der Hausmeister. Nein, ins Altersheim möchte Frau Stoll nicht, da sind lauter fremde Leute. „Aber ich bin doch auch fremd und nun reden Sie schon nach wenigen Minuten mit mir,“ gibt der Hausmeister zu bedenken, „Sie würden dort viele antreffen, die sich mit Katzen auskennen und Sie wären nicht mehr allein.“
Wer weiss, vielleicht kommt es einmal so weit, aber nicht jetzt, jetzt möchte Frau Stoll noch ein bisschen Musik hören von ihrem besonderen Liebling. Der Hausmeister hilft mit der CD, wünscht eine gute Nacht und verspricht, am Morgen wieder vorbei zu schauen.
Den nächsten Abend wird „Aeschbi“ übernehmen, bis dann wieder die Tochter aus dem Innern der Schweiz anreist, um sich um die Mutter zu kümmern.

Eine der unzähligen „Liebeserklärungen“ an ihr Quartier von der Facebook-Gruppe „Du bisch vo Bethlehem …
(im Moment 2243 Mitglieder):

Bethlehem by night (von Tamara und Noel, Musik: The Darque-Roads)

Er sitzt im „Höfli“ vor einem Glas Rotem, rote Rose und Ehrenurkunde hat er neben sich auf den Tisch gelegt. An der heutigen HV ist er für 45 Jahre Parteizugehörigkeit geehrt worden. Als Lokführer sei er jahrelang „das Kreuz“ gefahren: Romanshorn-Genf, Basel-Domodossola, sei dann in die oberen Etagen der Schweizerischen Bundesbahn aufgestiegen. „Weisst, ein Bürojob,“ meint Küre und nippt an seinem Glas. Für den heutigen Anlass habe er auf den Englischkurs der Pro Senectute verzichtet. Nein, er plane keine Amerikareise, er sei oft „drüben“. Dann erzählt er von seiner Tochter, die er besucht und die in der Nähe von New York lebt. Genauer genommen auf Long Island, noch genauer in den Hamptons. „Wow, eine Supergegend!“ sage ich und sehe vor mir weisse Strände und teure Star-Villen aus „Gala“. (Ist Küres Tochter vielleicht sogar ein Kindermädchen in einer Promifamily, geht es mir durch den Kopf).
Seine Tochter sei sehr lieb – Küre strahlt vor Stolz. Bei kühlem Wetter wärme Fränzi Vaters Pyjama im Tumbler an. Die Tischrunde ist völlig hingerissen von diesem originellen Liebesbeweis. Bitte, weiter erzählen! Die Tochter sei nicht nur sehr lieb, tut uns Küre den Gefallen, sie sei auch sehr schön! Der Mann hat unsere volle Aufmerksamkeit. Lieb und schön gepaart – ein Wunder! Nun wage ich endlich zu fragen, was Fränzi in dieser illustren Gegend so mache. „Sie modelt für Yves Saint Laurent die Pelzkollektion, dafür sind die ganz jungen Models nicht geeignet“, erklärt uns der Fachmann. Vor Kurzem sei sein Schwiegersohn zum Admiral der US Navy befördert worden. Wunderbar sei auch seine Enkelin, habe an ihrem Grossvater den Narren gefressen, sei talentiert und fleissig, bringe immer gute Noten nach Hause. In Amerika gehe halt kein Talent verloren. Stundenlang könnten wir Küre zuhören – ein stolzer, glücklicher Mann. Er müsse einfach nur gesünder essen, schimpfe seine Schwester, immer sitze er vor Rotem, Brot und Salami, damit müsse endlich Schluss sein.

Küre gibt mir noch die Adresse von Fränzis Model-Agentur. Die Frau ist wirklich schön: dunkle Chrüselihaare, strahlend blaue Augen – eine Venus von Bümpliz in den Hamptons.

Seit der HV gibt es eine stets wachsende Anzahl Männer, die ihren Schlafanzug im Tumbler vorgewärmt haben wollen – der Backlash ist programmiert.

Ein Plakat habe er aufgehängt, daneben einen rosa Büstenhalter und ein Wäschesäcklein. Immer und immer habe er demonstriert, wie sich die BH-Haken in der Wäschetrommel einhängen und so die Maschine blockieren – deshalb das Wäschesäcklein. Das gehe ärgerlicherweise besonders den Frauen, die erst in der Schweiz eine Waschmaschine kennen lernten, zu einem Ohr rein und zum andern raus.

Wie bei den Wäschewagen redet der Hausmeister hier an eine Wand. Natürlich steigt er auch in seiner Freizeit in die Waschküche, falls sich wieder etwas verhakt hat.

Im Block neben den Bahngeleisen, nicht weit von dem unseren entfernt, seien übers Wochenende alle Keller ausgeräumt worden. Den weissen Lieferwagen habe niemand verdächtig gefunden. Die Bewohner hätten angenommen, dass jemand umziehe. Es sei nur ein Schloss geknackt worden, dann hätten sich die Diebe durch alle Kellergatter hindurch gesägt und alles rübisundstübis entwendet: Autopneus, Wein, Sportartikel, Möbel und eine beträchtliche Menge an Goldschmuck und teuren Uhren, welche die ganz Schlauen in einem Kinderbadewännchen oder einem Sonnenschirm sicherer und erst noch billiger versteckt glaubten, als in einem Banksafe. „Ja, Gottfriedli, hat denn niemand das Sägen gehört?“ „Nein, sie haben immer nur gesägt, wenn ein Zug durchfuhr.“

Vom Zug kann man also sagen: „Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall.“

Besonders, wenn man Besuch habe, sei es unangenehm mit den neuen Nachbarn. Am schlimmsten, wenn die Gäste an Einfamilienhäuser oder bessere Quartiere gewöhnt seinen oder gar Vorurteile Berns Westen gegenüber hätten. Da liessen die Klischees grüssen, und man komme schon ein bisschen in den Erklärungsnotstand, wenn das benachbarte Paar sich heftig anbrülle, Türen zugeworfen würden und Möbeln und Geschirr holterdipolter rumflögen. Das Schlimmste seien die Schreie und das Weinen der Frau. Am Anfang sei man ja hingegangen und habe geklopft, um das Ärgste zu verhindern. Das habe aber nichts gebracht. Der Mann habe behauptet, bei ihnen sei alles ruhig, nur s e i n e jamaikanischen Nachbarn hätten sich wieder einmal um eine Frau gestritten.

Passiert das mir, tue ich so, als ob das normal wäre, erwähne kurz, dass das Paar es schwer habe, mache einige Andeutung zu diesem „Schwer“ und die Besucher sind zufrieden, denn nun haben sie endlich einmal Häusliche Gewalt direkt gehört.

Übrigens: Zum Einwandern aus einem nicht EU-Staat brauche es nur gute Ideen. Man leihe sich im Familienclan 1000 Euro, kaufe damit einen bulgarischen Pass und schon sei man – die Schweizer sind blöd – in der Schweiz. Der Cousin von Behar wird nächste Woche erwartet.

Als die reformierte Kirche Ende der achziger Jahre den Jugentreff schloss und den Beitrag an die Quartierbibliothek (Fr. 4000.-/Jahr) mit der Begründung aufkündigte, die Angebote würden ja hauptsächlich von „Nichtchristen“ genutzt, trat sie aus der Kirche aus. Der Pfarrer bat sie inständig, diesen Entschluss zu überdenken und sich wenigstens ein Türchen … Die Austrittsgründe möge sie doch bitte einem Ausschuss des Kirchgemeinderats darlegen. Sie unterschrieb das Austrittsformular bei der Kirchensekretärin Frau Freudiger, die ausserdienstlich ins Büro kam (der Gerechtigkeit halber muss geschrieben werden, dass auch ihr Pensum um 15% gekürzt worden war). Somit fiel das Türchen zu.
Das war vor 25 Jahren.

Da der Schnee anstatt auf der Erde im Sprunggelenk sich anhäuft, also kein festlicher Schneespaziergang, beschliesst sie, wieder einmal in die Kirche zu gehen. Die Auswahl der Events im Quartier sind vielfältig: „Kirche im Quartier“, „Familiengottesdienst mit anschliessendem Nachtessen“, „Festliche Mitternachtsmesse“, „Christnachtfeier“, „Gemeindeweihnacht“, „Weihnachtsgottesdienst mit oder ohne Abendmahl“. Sie wählt Familiengottesdienst „Mitsingweihnachten“ da sie gerne mitsingt, d.h. im Alter nun gerne mitbrummt. Sie weiss unzählige Strophen auswendig, aber leider werden die Lieder in der Kirche alle zu hoch angestimmt.

Zusammen mit zwei willigen Familienmitgliedern marschiert sie unter dröhnenden Glockenklängen (der moderne Turm ist viel zu niedrig), vorbei an den Reihenhäusern, deren Fenster festlich scheppern, zur Kirche. Rechaudkerzen in Konfigläsern weisen den Weg. Das Gotteshaus ist gut besetzt. An drei Rottannen (einheimisch, anspruchslos, preisgünstig) brennen die Kerzen. Keine Kugel verdirbt die Schlichtheit. Ausser dem Notebook auf dem Pult vorne im Schiff hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert.

Sogar der grosse Stern hängt noch an der Wand, in den Achzigern gepatchworkt von den Dienstagsfrauen der Kirche.
Man hat sie damals zu diesem geselligfrohen Sticheln Nähen auch eingeladen. Obwohl sie zu dieser Zeit mit der Nadel flink umgehen konnte und so manch altes Kleidungsstück in herzige Kinderkleidchen umnähte, hielt sie sich von diesen Dienstagsfrauen fern. Ihre Freundin Heidi hat das nicht getan, trat in die bereits eng zusammengesteppte Gruppe ein. Heidis Dienstagsstiche an den Sternenschnipseln wurden von der Oberdienstagsfrau jeden Montag aufgetrennt, weil zu wenig fein. Heidi verliess, völlig zerknittert und zerstochen die Frauengemeinschaft noch bevor „der Stern“ alle seine Zacken hatte.

(mehr …)

Halva – Eine weitere Geschichte, gesammelt von 1st, Mai 2002, erzählt von dem Mädchen L., das wir nach seiner fünfjährigen Flucht aus dem Irak in unsere Familie aufgenommen hatten.

Als ich in Griechenland in Veria im Gefängnis ankam, wollte ich Halva essen. Wir hatten sie in der Türkei gekauft und mit uns den ganzen mühsamen Weg geschleppt. Wir hatten sie noch dabei, als die griechischen Soldaten uns an der Grenze schnappten. Eigentlich wollten wir früh morgens mit einem Plastikboot zusammen mit 30 Leuten nach Griechenland fahren.
Ich bin froh, dass die Soldaten vorher gekommen sind, denn wir mussten eine Nacht lang still im kalten Wasser ausharren. Ich spürte meine Beine nicht mehr. Es sind schon viele Männer, Frauen und Kinder umgekommen, und die Fische haben sie gefressen. Wenn die Kurden nicht mehr flüchten, gibt es in Griechenland keine Fische mehr.
Im Gefängnis spürte ich also einen toten Hunger. Ich biss in die Halva, biss auf etwas Hartes – es war ein grosser Fingernagel von einem Mann.
Sie haben ihn extra reingetan.
Ich schwöre dir ….

Nächste Seite »