Mutters Jahrgang

Väterlicherseits kommen wir von dort, wo die Sandsteinfelsen schroff aus den Wäldern ragen, die von eiszeitlichen Gletschern ausgewaschenen Fluhhöhlen seit der Steinzeit bewohnt sind und das enge Tal am besten von der auf einem Sandsteinplateau gelegenen Strafanstalt überblickt werden kann. Alles auf diesem winzigen Flecken hat hier Geschichte. Das Gefängnis zum Beispiel war vor 900 Jahren ein Männerkloster mit Frauengasthaus.
Im alten Schulhaus, worin neben Asylbewerbern auch das Dorfmuseum untergebracht ist, wird die Ausstellung „Glaube, Glamour und Geschenke“ zum Thema „Konfirmation“ gezeigt. Nie hätte ich mir vorgestellt, dass es darüber so viel zu berichten gibt. Der Nostalgiewert ist enorm. Meine Schwestern und ich kommen so richtig in Fahrt, besonders beim Betrachten der Konfirmationsfotos ab 1927. Eifrig und mit Unterstützung der Museumsaufseher Röthlisberger und Liechti, suchen wir darauf nach Verwandten und Bekannten.

Johanna als Konfirmandin

Unsere Mutter (1938), scheint uns mit ihren langen Zöpfen die Hübscheste des Jahrgangs.

Onkel Walter (1940), Onkel Ruedi (1943), Tante Liseli (1944), Onkel Ernst (1945). Von Tante Marie, Tante Gritli und Onkel Fritz gabs aus Geldmangel kein Gruppenbild, und unseren Vater, konfirmiert 1927, haben wir auf dem ältesten Foto übersehen.
Herr Röthlisberger, ein pensionierter Käser, kennt sich in der Geschichte der Gemeinde bestens aus, übersetzt alte Schriften aus Kirchenrodeln. Ich frage nach unseren Vorfahren väterlicherseits. Friedrich ist 1766 hier geboren. Klar, der Friedrich aus dem Birrbach, neben der Glockengiesserei Moser. Die alten Glocken dort hinten an den Dachbalken wurden hier gegossen. Friedrich ersteigerte sich dann aus einer Konkursmasse ein Heimetli im Oberdorf, was sein karges Einkommen etwas aufbesserte. Man kennt sich doch. Was sind schon 244 Jährchen?
Ich trinke am Brunnen vor dem alten Schulhaus noch einen Schluck Wasser und werfe einen Blick auf die Kreuzfluh, eine steile Sandsteinnase, die aus den Bäumen ragt.

Übrigens:
auch unsere Konfirmationsfotos in einer Gemeinde auf einem ganz anderen Berg, wurden genau angeschaut und analysiert

Nachtrag vom 16.09.10
Gerade hat mir die Botanikerin in unserer Institution erzählt, dass an der Kreuzfluh die sehr seltenen Grenobler Nelken wachsen.