Alles oder nichts


… Seelenbalsam können uns Bücher sein. Caroline Schlegel-Schelling fürchtete, ohne sie zu vertrocknen und Colette bekannte, Schreiben sei zwar harte Arbeit, aber zugleich das höchste Glück. Madge Jenison, die Ahnfrau aller leidenschaftlichen Buchhändlerinnen schwärmte schon vor 100 Jahren von der Lebenskraft, die in Büchern stecke, und ein neue Buch sei wie warmes Gold. (Aus: Büchernärrinnen, hrsg. von Brigitte Ebersbach et al., ebersbach & simon, 2015, ISBN 978-3-86915-099-4)

Zum Glück haben diese Pionierinnen …

… engagierte Nachfolger*innen, die das Bücherschiff mit Mann und Maus und natürlich auch mit Frau und Frosch durch stürmische Zeiten lotsen. Danke!

(Nachtrag: Bild aus dem nach Aktionsende vom Netz genommenen Werbe-Video, in welchem das LIBER-Projekt zur Unterstützung der schweizerischen Buchbranche vorgestellt wurde, 28.10.2021 – 28.11.2021)

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Herbstferien und immer noch Corona! Eine Jungkrähe wartet noch auf die 2. Impfung, und wir Erwachsenen hatten einfach keine Energie, „mögliche“ Ferien zu planen. Also keine Toscana, kein Thermalbad, zu spät fürs Ferienhäuschen im Jura – was soll’s, haben wir nicht einen Stall voller kleiner und grosser Esel im Block?

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Sie zeigt mir auf ihrem Handy das fantastische Arrangement von weissen und blauen Zuckerrosen auf einer wagenradgrossen Platte. In der Mitte steht die rote Samtschachtel in Herzform für die Ringe. Jeder eingeladenen Familie wird dann auch eine herzförmige Schachtel in rotem Samt mit weisser Spitze und goldenen Bändern, gefüllt mit selbst gemachten Süssigkeiten, überreicht. Nein, um das Essen müsse sie sich nicht kümmern, nur um die Dekoration und die Geschenke für die Gäste. Morgen wird das Hochzeitsfest ihres jüngeren Sohnes gefeiert, erzählt mir meine tamilische Nachbarin im Lift. „Sie sind eine Künstlerin!“ sage ich tief beeindruckt, wünsche viel Glück und steige im 16. Stock aus.

Seit drei Wochen kämpfe ich mich durch den Stapel Juli-Zeitungen, denn ungelesen mag ich sie nicht bündeln. Obwohl: muss ich bei dieser Weltlage noch wissen, dass der Japankäfer bald auch im Kanton Bern zuschlägt, der Wolf im Graubünden das schon getan hat, dafür mit dem Tode bestraft wurde und die Tigermücke sich in Basels Schrebergärtenregenwasserfässern angesiedelt hat?

Zu reden gibt, dass das Tarnkappenflugzeug nicht wirklich unsichtbar ist, lese ich in meiner Tageszeitung. Welche Enttäuschung für zahlreiche Ja-Stimmer*innen am 27.09.2020, die sich einen unsichtbaren Militärjet wünschten. Eben hat der Hausmeister meinen Zeitungsbund entsorgt, merci vielmal!

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Heute nur dies:
Meine Regenbogen-Arena um 19:12 Uhr:
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Nach dem Umweg über ein ebenerdig gelegenes Geschäft, das nach dem Umbau aussah wie eine Kreuzung zwischen Sennhütte und Kraal, werde ich heute späte Kundin eines Ladens, der sich ein paar Schritte von der Tramhaltestelle entfernt befindet. Auch hier ist renoviert worden. Weil meine Fachfrau noch einen italienischen Anruf entgegen nehmen muss, habe ich Zeit, mich umzusehen. Obwohl in den Räumen jetzt Brillen verkauft werden, kommen bei mir Kindheitserinnerungen auf, als man hier feinste Mercerie, Stoffe, Spitzen, elegante Handschuhe und Strümpfe angeboten bekam. Nicht nur die Knöpfe wurden in Paris eingekauft. Der Geschäftsinhaber und seine Frau besuchten auf ihren Reisen u.a. Braque und Picasso und legten den Grundstein zu einer eindrücklichen Kunstsammlung.
Meine Optikerin entschuldigt sich für die Verzögerung, denn abgemacht waren 45 Minuten Beratung. Ich beschrieb kurz meine Brillenwünsche und schon bald bekam ich 2 Platten mit Fassungen vorgelegt – jugendlich, modisch und in verschiedenen Farben. Wie hier schon mal geschrieben, wollte ich nichts Rotes und wähle dann eine von Carolina Herrera – in Rot.
In den nächsten zwei Stunden lasse ich mir auch eine schlichte Sonnenbrille mit sehr guten Gläsern anpassen. Inzwischen weiss ich schon einiges über das Leben meiner Optikerin. Noch zwei weitere Stunden und wir wären beste Freundinnen. Allerdings muss ich wegen Lieferschwierigkeiten noch auf die Brillen warten. Ein Frachtschiff namens „Ever Given“ sei aufgehalten worden und man habe noch nicht alle Container entladen und deren Waren aufdröseln können.

Es sei wieder mal Zeit für einen Familienausflug, meinten die Jungen im Mai. „Wie wär’s mit Ballenberg? Da gibt’s für Jede und Jeden etwas“, schlägt die Freundin meines Enkels vor. Am ersten Junisonntag sind wir dann tatsächlich im Berner Oberland – ich nicht besonders begeistert, aber keine Familienausflugsverderberin.
Bis jetzt hatte ich dieses Freilichtmuseum immer gemieden, aber schon bei der Führung durch den Kräutergarten „het’s mer dr Ermu ine gno“ – einfach zauberhaft, diese Kräuter und dazu die alten Rezepte und Geschichten.

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Im Westen grollt der Donner und einige flinke Blitzchen zucken über dem Jura. Meine Enkelin sitzt mit mir auf dem Balkon. Aus einer grossen Schüssel essen wir frischgepflückte Erdbeeren und schauen dem näher kommenden Gewitter zu. Solche gemütlichen Pausen sind momentan rar.
Der Juni ist wie Dezember im Sommer : jedes Dräckli wird in diesen Monat gepresst – alles, was einem fünf Monate lang zuwider war, sämtliches, was man schon laange einmal machen wollte, der ganze Krempel, der auf keinen Fall auf „nach den Sommerferien“ verschoben werden kann. Die Jungkrähen schnüren feste Schuhe, packen Rucksäcke und Fahrradhelme, kurven im Postauto (das auf einsamem Strässchen von einem Einheimischen-Fahrzeug gerammt wird) in Bergdörfer, übernachten in Alphütten ohne WLAN, wandern stundenlang um fribourgische „Dents“ und rasen dann auf Trottis hinunter in ihre Zivilisation.

Endlich mache ich einen Termin bei der Optikerin – online, weil „Warten war gestern“. In meiner Kindheit als „Brüllegügger“ fuhr ich mit Grossmutter zu Dr. Della Casa, welcher der einzige Optiker in der näheren und weiteren Umgebung war. Später folgte ich den begeisterten Empfehlungen eines Freundes und liess mir eine Brille mit Horn/Seide-Fassung anfertigen. Schon nach kurzer Zeit gefiel mir diese teure Brille aus pakistanischem Büffelhorn nicht mehr. Als Frau Vögeli ihr neues Geschäft in der Schweizerhof-Passage eröffnete, brachte sie mir aus Amerika eine lässige Halbbrille mit getigerter Fassung mit. Gerne wäre ich Kundin in diesem Laden geblieben, hätte es darin nicht eine schmale, steile Wendeltreppe gegeben. Im nächsten Geschäft waren es die Armsessel, welche einem beim Aufstehen am Hintern hängen blieben wie ein Melkstuhl – peinlich!
(Fortsetzung oben)

Noch ein bisschen gross, aber gut ausbalanciert (gemalt von Kleinesmädchen, 2nd3rd, female)

Heute bin ich gegen 6 Uhr aufgestanden, habe das Gemüse und die Kräuter auf dem Balkon gegossen und das Mittagessen zum Mitnehmen für die beiden Schulkinder vorbereitet. Dabei überlegte ich mir, was sich für uns Frauen seit dem letzten Frauenstreik 2019 verbessert hat. Über die mehr als 100 Milliarden Franken, welche Frauen pro Jahr weniger verdienen, wollte ich nicht schreiben, auch nichts von diesem lächerlichen Drittel Rente, welcher den Frauen vorenthalten wird. Ich suchte nach etwas Positivem. Ah, hier: Die Zahl der weiblichen CEOs ist von 3 auf 5 gestiegen.
(Diese Führungsfrauen meistern mit Bravour u.a. auch die unzähligen, heiligen Papi-Tage. Sie verschieben wichtige Temine, bei welchen die Papis anwesend sein sollten und suchen an Nach-Papi-Tagen Stellvertreter*innen, damit sich die Papis erholen können. Meine Töchter kommen wegen Papi-Tagen oft sehr spät von der Arbeit nach Hause.)
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… Bewölkungsverdichtung. Gelegentlich Regen. Schnee ab 1400 bis 1600 Meter.

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Dieses Foto haben wir am 15. April extra für den diesjährigen Welttag des Buches und des Urheberrechts gemacht.
Von links nach rechts: „So schwer – So leicht“, „Äpfel – Rezepte aus dem Obstgarten“, „Reportagen April/Mai 2021“, „Die Gefährtin des Wolfs“, vorne: „Glück“, „Leben! – Juden in Wien nach 1945“ (Foto: 3rd, male)

Obwohl meine Vorfahr*innen alle sehr gerne lasen, waren Bücher bis in meine Generation Mangelware.
Lesen lernte ich im Alter von fünf oder sechs Jahren bei meiner Grossmutter. Sie hatte für uns Kinder das Sonntagsschulblättchen „Der Schäflihirt“ abonniert, welches vom Evangelischen Brüderverein herausgegeben wurde. Mir gefielen die Geschichten vom wilden Löwen, der sich mit dem Lied „Gott ist die Liebe“ bändigen liess. Auch vom kleinen Negerbübchen, welches mit der Mutter auf dem Acker Maiskörner steckte, konnte ich nicht genug bekommen. Im „Schäflihirt“ war viel von den Heiden in Afrika die Rede und dass sie unbedingt Jesus kennen lernen müssten. Dieses „Ausland“ interessierte mich brennend, und wahrscheinlich lernte ich deshalb lesen. Da weder meine Grossmutter als ehemalige Fabrikarbeiterin in einer Seilerei, noch meine Mutter, aufgewachsen als Verdingkind bei einem Kleinbauern, viel Ahnung hatten von der kindlichen Entwicklung, wurde ich nie dafür gelobt. Als ich in die erste Klasse kam, war ich erstaunt, dass die anderen Kinder nicht lesen konnten, und ich versuchte so zu tun, als ob ich es auch nicht könnte. In der 3. Klasse schenkten mir die Eltern das Buch „Christeli“ von Elisabeth Müller. Noch heute kann ich Teile aus Müllers Büchern auswendig.

GLuD, gibt es in meiner näheren und weiteren Familie diesen Büchermangel nicht mehr. Mein Traum aus der Kindheit, einen Eisenbahnwagen voller Bücher zu „besitzen“, ging in Erfüllung.
Nachdem ich im vergangenen BleibenSiezuHause-Jahr viele Bücher gelesen hatte, überkam mich im Winter eine Lesemüdigkeit, überhaupt eine allgemeine Müdigkeit. Mir fehlten u.a. die Begegnungen und Diskussionen in meinem Café Littéraire, und das ewige Distanzhalten stimmte mich trübsinnig.
Diese Woche habe ich wieder einmal ein Buch in einem „Schnuuss“ gelesen: Sarid, Ishai : Siegerin, Kain und Aber, 978-3-0369-5840-8

Eigentlich hatte ich, zugehörig der Risikogruppe, das Kästchen „Inselspital“ angekreuzt. Das bedeutet, dass ich DIEIMPFUNG im Impfzentrum des Inselspitals bekommen wollte. Auf wunderbare Weise erhielt ich aber einige Stunden nach meiner Registrierung den Bescheid, dass ein Impfteam mich zu Hause aufsuchen würde. Ich müsse mich aber gedulden, man würde sich dann per Telefon melden. Interessant, ich hatte nichts gegen diesen einzigartigen Service einzuwenden. Nachdem ich mich sieben Wochen geduldet hatte, kam der versprochene Anruf. Laut und sehr langsam wurde mir im Walliserdialekt mitgeteilt, dass ich an diesem Vormittag die erste Impfung erhalten würde. Es kamen dann ein junger Mann und eine Frau um die Fünfzig, welche beide von der Aussicht – Alpen bis ins Luzernische, Voralpen bis ins Freiburgische und Jurahügel bis zum Weissenstein – aus dem 16. Stock fasziniert waren.
Sie verabschiedeten sich in normaler Lautstärke.

Drei Wochen später kündigte mir eine Frau Mürgi per Telefon die 2. Impfung an:
„Mir chöme im mittlere Morge.
Äs cha gäng wider Verzögerige gä.
Tüet de nid grad drvo loufe, we mer no nid grad da si!
Mir chöme sicher.“
Natürlich versprach ich Frau Mürgi, nicht davon zu laufen und auf das Team zu warten.
Während der Wartezeit fotografierte ich einen Teil meiner Osterdekoration, denn es wurde einem in den Medien gegen den Pandemiekoller ja immer wieder geraten, u.a. die Wohnung zu dekorieren:
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Da kann’s stürmen, schneien, bei Minustemperaturen einem den Wintermantel um die Waden winden oder sogar erdbeben, der Frühling ist da und mit ihm der Bärlauch. Der Orange Riese überschlägt sich gerade mit Produkten, welchen saisongemäss dieses Wildkraut beigemischt wird: Brat- und Lionerwürste, Schinken, Fusscreme, Käse, Antischuppenschampoo, Brotaufstriche, Teigwaren, Saucen, Salate, Möbelpolitur gegen Wasserflecke … Verarbeitet mag ich Bärlauch jedenfalls nicht mehr sehen.
Den ganzen Winter über hat mich der Verlust des Gartens geplagt. Den Fussweg dem Zaun entlang vermied ich, denn ich wollte mir den tristen Anblick der leergeräumten Beete und des nun mit Abfall verschmutzten Sitzplatzes ersparen. Im Januar machte ich einmal einen „verbotenen“ Besuch im Garten, um so viele Schneeglöckchenbüschel auszugraben wie ich tragen konnte. Diese pflanzte ich dann in die Rabatten vor den Block. Zusammen mit dem Hausmeister und zur Freude einiger Bewohner*innen jätete und hackte ich anfangs März auch das Kräuterbeet vor dem Haus. Wir klaubten die unzähligen Zigarettenkippen, die bei uns täglich von den Balkonen vom Himmel fallen, zwischen Rosmarin- und Lavendelbüschen raus, bis alles „e gueti Falle“ machte (gut aussah). Vielleicht war ja jetzt die Zeit gekommen, wo ich mich auf das „Chräbele“ von Blumenrabatten und einem gemütlichen Schwatz mit den Nachbarn – im Moment sind es glückliche Impfgeschichten – auf dem Bänklein vor dem Block beschränken sollte?
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… lokal gefeiert in Berns Westen.

Für sie git’s nüt wo’s nid git
U aus wo’s git, git’s nid für ging
Sie nimmt’s wie’s chunnt u lat’s la gah

Aus: Patent Ochsner: W. Nuss vo Bümpliz *


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… dann erwachen die alten Menschen und sie fangen an zu hüpfen wie Kälber, die zum ersten Mal nach draussen gehen.

Diese Zeilen schrieb Heinz im März 2007 an seinen Pflegevater Jakob Glauser. Heinz war schon damals seit vielen Jahren gelähmt und konnte die Arbeiten auf seinem Bauernhof nur vom Rollstuhl aus mitverfolgen.

Heute vor zwei Wochen, dreissig Jahre nach seinem Hirnschlag, ist mein Pflegebruder Heinz an Krebs gestorben.
In den ersten Lebensjahren wurden er und seine fünf Geschwister von den Eltern verlassen und dann von der „Fürsorge“ in verschiedene Pflegefamilien verteilt.*
Als Erwachsene nahmen die beiden Schwestern Nelli und Rita wieder Kontakt mit den lange von ihnen getrennten Geschwistern auf.
Dass Heinz uns als glücklicher Mensch in Erinnerung bleiben darf, ist das Verdienst seiner Frau und seiner drei Töchter.
Sie gaben ihm in diesen schweren Jahren Liebe und Halt, so dass er im Frühling mit den Kälbern „hüpfen“ konnte.

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Saharastaub schwebt über Liebewil

Nach dem samstäglichen Einkauf mit meiner Tochter holt sie zwei Becher heissen Coffeetogo im geschlossenen Restaurant. Wir setzen uns dann ins Auto und fahren aufs Land. Es dauert nur wenige Minuten und schon sind wir zwischen dampfenden Miststöcken, Reitpferden in Wärmedecken, mit Rossmist belegten Gartenbeeten (Neid meinerseits). Die Tür- und Fensterrahmen der Häuser sind noch in weihnächtlicher Tannenzweigen- und Strohsterndekoration. Auf einer braunen Wiese steht ein Kran neben Rundballen in weissem Plastik. Wir parkieren dann artig auf einem Feldweg, so dass die Hunde mit ihren Menschen noch durchkommen, trinken Kaffee aus dem Kartonbecher und schauen auf die Bergketten, manchmal hinter grauen Wolken.

Gestern fuhren wir übers Bottigenmoos nach Liebewil, welches nach Herzwil kommt. Da gibt es behäbige Berner Bauernhäuser, Speicher, Scheunen, Ofenhäuser, Ausweichstellen zum Kreuzen, kopfsteingepflästerte Hausplätze mit starken Autos.
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Am frühen Nachmittag mache ich einen Besuch bei meinen Enkelkindern im 12. Stock. Zusammen mit ihrer Mutter sind sie daran, eine kleine Tanne aus Plastik in einem Topf zu schmücken. Auf der Spitze sitzt ein silberner Vogel, an den hellgrünen Ästen glänzen winzige Silberkugeln und verschneite Tannzapfen. Um das Minibäumchen ist bereits eine Minilichterkette gewunden.
Von der Zimmerdecke hängt ein Sternenstrang mit einem Glas für eine Kerze. Kleinesmädchen schleppt einen weiss gekleideten Nikolaus herbei. Er ist beinahe so gross wie das Kind und trägt eine Laterne. Ein paar Handgriffe von Papa Hausmeister und die Laterne samt Samichlausenkragen leuchtet.
Eigentlich hätte Frau Schwebel noch eine weitere Laterne zu vergeben, aber meine Tochter winkt entschieden ab, sieht mehr als genug Lampen in der Wohnung.

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Es ist spannend zu spüren, wie die neuen Übungen ganz andere Muskelpartien bewegen, die wir schon längere Zeit vergessen haben, schreibt mir meine Schwester Hanni über ihre Physio im Therapiebad. Mir scheint, dass ich seit dem 23. September (Saisonende im Schwimmbad) von den über 650 Muskeln nicht einmal die 50 in meinem Gesicht bewege.
Gestern, an diesem martinssömmerlichen Sonntag, widmete ich mich wieder einmal dem TMB-Kreuzworträtsel im „Magazin“. Obwohl es nicht zu den Schwierigsten gehört, war ich trotzdem froh, einigermassen hurtig das Lösungswort zu finden (HEIZPILZSAISON). Bei 23 waagrecht Randständiger a.D. und Namensvetter der Ikone aus Courgenay setzte ich die 5 richtigen Buchstaben subito ein (hatte ja schon das senkrechte S von den Humus aufbereitenden Bintjefressern).

Seitdem auch der Garten eingewintert ist, bleibe ich morgens gegen sechs Uhr noch eine Weile auf dem Bettrand sitzen, schaue, wie der Tag beginnt und was das Wetter so macht. Manchmal steigt der Nebel auf meine Fensterbank, auf welcher eingewanderte Käfer nach Wärme krabbeln oder es hängen Wolken tief über den Bergketten und der Stadt. Dann gibt es diese Sonnenaufgänge, wo sich die Alpen gestochen scharf von einem orangen Himmel abheben. Absolut dramatisch wird es ca. acht Tage nach einem Wirbelsturm in der Sahara. Durch den Saharastaub in der Luft bekommen sogar die Hauswände der Hochhäuser etwas ab von dem goldroten Licht.

Ein Umgewöhnen an „die Situation“ ist es schon, nachdem ich mein Leben lang dazu angehalten wurde, statt mit der Faust dreinzuhauen (habe mich gerade mit „Fust“ verschrieben, da ich auf eine neue Waschmaschine warte), das Gespräch zu suchen, auf den anderen zuzugehen, wenn nötig, ihm/ihr die Hand zu reichen oder in Trauer wie in Freunde zu umarmen, ein Krankenbsüechli zu machen, mir Zeit für einen Schwatz am Gemüseregal des Orangen Riesen zu nehmen. Damit ist jetzt Schluss. Trotz meiner Vermummung und der stets angelaufenen Brille werde ich erkannt und in nötigem Abstand begrüsst, was mich ein bisschen wundert. Das kann nur an meiner Postur und der Kleidung liegen, denn beide sind seit Jahrzehnten immer gleich.

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Immer und immer wieder drücken die Baumwurzeln durch den asphaltierten Pausenplatz nach oben. Selbst zarteste Gräser jeglicher Art entwicklen Riesenkräfte und durchbrechen den Belag.
Bevor die Schule beginnt, rückt mann Wurzeln und Gräsern zu Leibe mit einer heissen, teerigen Masse …

Garaus

… und macht damit jeder Himmelsstürmerin und jedem Himmelsstürmer den Garaus.
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„Wir kommen aus dem Morgenland und haben schwarze Ohren.
Die Sonne hat uns schwarz gebrannt, drum sehn wir aus wie Mohren.
Meister, gib uns Arbeit.“

Die Kindergruppe geht sprechend auf das Kind zu, welches den Meister spielt.

Meister: „Was für welche?“
Mohren: „Schöne und gute.“
Meister: „Zeigen Sie mal vor.“

Die Schwarzgebrannten zeigen die Arbeit pantomimisch.
Sobald der Meister diese erraten hat, springen die Kinder zurück. Wer vom Meister gefangen werden kann, muss bei ihm bleiben und mitraten.

Unzählige Male haben wir dieses Spiel gespielt. So übermütig und gut man zu dem Vers hüpfen konnte, blieben mir die Zeilen als Kind ein Rätsel. Würden unsere Moren mit ihren rosarotweissen Ohren im Morgenland auch schwarz gebrannt? Was können Moren (Mutterschweine) überhaupt arbeiten?
Ich glaube, ich habe das Wort „Mohr“ in meiner Kindheit nie verstanden.

Manchmal spielten wir auch „Was weit dir mache, we dr schwarz Ma chunt?“

Ein Kind fragt:
„Was weit dir mache, we dr schwarz Ma chunnt?“
Die anderen Kinder antworten:
„Usriisse u flieh!“
Sie rennen los und der schwarze Mann muss versuchen, sie vor dem abgesprochenen Ziel zu fangen.

Bis zu meinem sechsten Lebensjahr war ich nie jemandem begegnet, der eine andere Hautfarbe hatte.
Ich kannte nur „das Negerli“ von der Sonntagsschule. Ich liebte es, wie es so auf der grünen Missionskasse kniete in seinem weissen Hemdchen, die Händchen zum Dank zusammengelegt und etwas erhoben. Wenn dann die Geldstücke von uns Kindern in die Kasse fielen, nickte das schwarze Kerlchen dankbar. Ohne dieses Nicken hätte mir die Sonntagsschule viel weniger gut gefallen.
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Helvetia III

(Bild: Frauenrechte beider Basel)

Seit vierzig Jahren sitzt Bettina Eichins „Helvetia auf der Reise“ über dem Rhein, herausgestiegen aus der Münze, also des Geldes, ist unterwegs, um sich müde, nachdenklich und abgewandt auf ihrem Sockel auszuruhen – Eigenschaften, die an Frauen nicht geschätzt werden. Sie schaut rheinabwärts zur Chemie und über die Grenzen. Sie hat abgerüstet und ihre Hoheitssymbole hinter sich abgelegt, der Koffer ist ein Hinweis auf ihr Unterwegssein, auf ein Jahrhundert Kofferpacken, Flucht und Aufbruch. (Ch.Dueblin: Interview mit B.Eichin 2010)

Eine nachdenkliche Helvetia mit Koffer an der Schweizer Grenze – staatszersetzend fand das ein Oberer von der Sandoz 1986 und entzog ihr einen Auftrag, den die Künstlerin nach dem Grossbrand mit vergiftetem Rheinwasser nicht nach seinen Vorgaben gestalten wollte.

Ins neue, bereits angebrochene Frauenjahr gehe ich mit Bettina Eichins Worten, die auch nach 20 Jahren noch passen:

Für die nachfolgenden Generationen wünsche ich mir eine gerechte Welt, eine lebbare Umwelt und Frieden. Ich wünsche mir, dass meine Generation, die die momentanen Krisen vorbereitet und verursacht hat, für Gerechtigkeit, Umwelt und Frieden alle Kräfte mobilisiert. Dafür wünsche ich mir weltweit Heere von grauen PantherInnen, die nicht für sich selber, sondern für eine lebenswerte Zeit nach uns sofort auf die Barrikaden steigen und handeln!

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Coronadecke

Die einen bauen eine Baumhütte, die anderen häkeln Pfanntatzen, schreibt mir meine Schwester Hanni. Sie hat ihre 48. Decke aus einem alten Duvetbezug fein gequilltet. Sie nennt die Decke „Corona“.
(Zu sagen ist, dass meine beiden Schwestern Hanni und Rosy begabt sind, besonders arbeitsintensive, präzise Handarbeiten in wunderschönen Farben zu schaffen, dazu sind diese erst noch praktisch und halten lange.)
Schon immer fiel es uns schwer, etwas wegzuwerfen, und oft wundere ich mich, dass aus uns keine Messies geworden sind. Wir hatten und haben das Glück, in ausrangierten Stücken gleich das Neue zu sehen und die Umgestaltung so bald wie möglich in Angriff zu nehmen.
Ich erinnere mich an meine Mutter, die einmal ein Kleiderpaket – getragene Kleider von Bekannten für uns Kinder – öffnete, das zerknitterte Packpapier bügelte, dann mit den einzigen Ölkreiden blau und rot eine Blumenwiese darauf malte. Das Bild hängte sie in unserer finsteren Küche über einen hässlichen Fleck an der Wand. Das sah einfach prima aus!

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