In jeder Familie gibt es Geschichten, welche, zum völligen Überdruss bei den Kindern, von Eltern immer und immer wieder erzählt werden. Ich bin da keine Ausnahme. Die von den Frigöörli habe ich während Jahren hundert Mal „gebracht“.
Wie die erste und zweite Klasse vor dem Klettergerüst in Viererreihe steht und auf „Los“ sich je vier Kinder auf die schrägen Stangen stürzen. Hurtig klettern sie hinauf, berühren das Ende wo sich gerade und schräge treffen, sausen wieder hinunter, lassen sich in die Sandkuhle plumpsen. Das schnellste Kind bekommt ein Frigor-Schöggeli aus der roten Schachtel, welche die Lehrerin Fräulein Schneider zum Geburtstag erhalten hat. Es ist 1953, und ich habe so etwas herziges, wie diese kleine Schokolade noch nie gesehen. Ein Blick auf meine KonkurrentInnen gibt mir Hoffnung, muss ich doch nur gegen zwei anklettern. Meine Schwester in derselben Gruppe habe ich nicht zu fürchten.
Los – hinauf – hinunter. Die Waden brennen. An der Stange hängt meine hübsche Schwester, klammert sich daran fest. Ihre langen blonden Zöpfe und ihre Schürze berühren den Sand. Ihr Gesicht ist rot vor Anstrengung. Ich marschiere zur Lehrerin, um meinen Preis entgegen zu nehmen. Halte ich schon die Hand ausgestreckt?
Fräulein Schneider geht an mir vorbei, hin zu dem Kind, welches wie ein Faultier an der Stange hängt, hilft ihm, wieder sicheren Tritt zu fassen und gibt ihm das Frigöörli, welches eigentlich mir gehört. „Für dich wars kein Problem, hinauf zu klettern, aber für Hanneli wars eine grosse Leistung, so lange hängen zu bleiben. Deshalb gehört ihr der Preis. Los, die Nächsten!“
Klar habe ich im Laufe der Jahre unzählige rote Schachteln mit quadratischen Schokoladetäfelchen erhalten, auf dass sich meine masslose Enttäuschung endlich verflüchtige. Mit Erfolg, denn ich möchte heute keine Frigor-Schoggi mehr, und diese Geschichte habe ich hier zum letzten Mal erzählt.

Die ersten vier Jahre nach dem Krieg hat in der Heimat meines Mannes niemand eine Rechnung für die Elektrizität bezahlt. Der Strom wurde an der Hauptleitung abgezapft und in Haus, Stall und Hof gezogen. Erst jetzt wurde den einzelnen Familien für diese Zeit Rechnung gestellt: 1000 Euro. Woher nehmen, wenn viel dringender ein neuer Generator gekauft werden müsste? Wenigstens tragen ab dem Eindunkeln alle Hausfrauen ein Feuerzeug mit eingebautem Taschenlämpchen mit, was mich schon öfters nicht im Dunkeln hat tappen lassen.

Es gäbe Aussichten auf eine Stelle bei der Post, teilte uns der gleichaltrige Cousin meines Mannes mit. Ein attraktives Angebot: 500 Euro Monatslohn und ein freies Wochenende.

Dort, wo er lebt, beträgt die Arbeitslosigkeit beinahe 100%. Alle sind auf Unterstützung durch im Ausland lebende Verwandte angewiesen. Der interessierte Cousin stürmte mit anderen jungen Männern die kosovarische Post. Was tun, um die eigenen Chancen zu erhöhen?

Zurück im Dorf informierte uns der enttäuschte Cousin: „Wer dem Post-Chef 5’000 Euro schenkt, wird angestellt. Ich hätte drei Monate gratis für sie arbeiten können, damit hätten sie auch gewonnen. Aber so viel Geld hat ja kein arbeitsloser Mensch.“

So arbeitet bis heute immer noch „nur“ sein Bruder. Durch Beziehungen hat dieser eine Stelle in einer Sägerei bekommen, wo er vierzehn Stunden pro Tag und sieben Tage pro Woche Baumstämme hebt und schiebt. Ein Mal im Monat hat er frei. Mit diesen 200 Euros versorgt er neun Leute.

Einer hat eine Stelle.
Acht haben frei.
Stelle.
Frei.

Der fünfjährige Sohn des ältesten Cousins meines Mannes besucht in einem kosovarischen Dorf die erste Klasse. Wenn er in der Schule ist, geht er nicht auf’s Klo. Es stinke widerlich und sei so schmutzig, dass er „es“ problemlos verklemmen könne. In der Schule trinke er auch kein Wasser. Auf seinem Schulweg sieht er nämlich stellenweise die Wasserleitung und den vielseitigen Abfall dazu. Einmal sei sogar ein Wurm aus einem Hahn gekrochen. Seither sei für ihn die Sache klar: Wasser trinke und lasse er erst wieder zu Hause.

Auch mein Mann hat eben diese Schule besucht. 1986 war er dort in der ersten Klasse. Toiletten wie heute gab es damals im Dorf noch keine. Am Waldrand neben dem Pausenplatz stand eine Holzhütte, die noch grässlicher stank, da weder ein Abfluss noch Wasser vorhanden waren. Wenn er das Klo aufsuchen musste, nahm er eine Handvoll Laub mit. Aus dem Brunnen auf dem Schulhof trank er immer Wasser. Würmer habe er keine gesehen. Aber zu Hause trinkt es sich natürlich noch heute am Besten.

Zusammen mit meinem Enkel klappere ich sämtliche Sportgeschäfte und -abteilungen der Stadt ab, sportlich treppauf und treppab. Wir sind auf der Suche nach einem Fussballtricot, einem speziellen. Chelsea hätten sie, aber nur in XL. Drogba könnte man drauf drucken lassen. Die Verkäuferin telefoniert in sämtliche Filialen, aber Kindergrössen sind ausverkauft. 3rd hat sich inzwischen auf unseren Wanderungen durch Gassen und Passagen, vorbei an Biker-Tricots, Surfbrettern und Wanderschuhen ein neues Ziel gesetzt: ein Maradona-Leibchen Grösse 152. Schweinsteiger, Klose und Riquelme werden verworfen, aber nicht, bevor ich einige biografische Daten der Stars erklärt bekomme, welche ich natürlich mit grösstem Interesse „aufsauge“. Ich sei eine Grossmutter nicht wie andere, mit mir könne man sooo gut über Fussball reden, meint das Kind zufrieden. Endlich stossen wir in einem Gestell auf die Farben Argentiniens – leider zu klein. Auch hier ist der junge Verkäufer nett, erklärt, dass es im Moment bös sei mit Shirts, da kein WM-Jahr, aber vielleicht im Internet …
Während ich zu Hause dann einen Teller Nudeln koche, sucht der frischgebackene Maradona-Fan im Internet – und wird fündig. Allerdings kostet der Versand aus dem Ausland mehr als das Tricot.
Wir beschliessen, den Kauf noch eine Nacht zu überschlafen.
Alternativen zum Tricot gibt es nicht, nicht einmal die neuen Hosen „Ronaldinho“ und Fussballschuhe hat der Junge schon.

Die Gratiszeitung „21Minuten“ hat Konkurrenz bekommen. Bernmobil bietet für die Fahrt ein chinesisches Massage-Programm an. Die Übungen sind äusserst Platz sparend und können ideal in überfüllten Bussen absolviert werden (siehe Flyer).
Angekommen am Bahnhof, ist Ihre Konzentrationsfähigkeit verbessert, denn Sie haben die Ohrläppchen mit Daumen und Zeigefinger massiert bis sie rot wurden. Auch die Bauchschmerzen sind weg und die Verdauung ist reguliert durch das Anwinkeln des linken Arms über der Brust, dessen Ellbogenunterseite mit dem Daumen der rechten Hand in der Vertiefung 18 mal massiert wurde. (Wechseln zur anderen Seite.) Gegen Frühlingsmüdigkeit und allgemeine Unlust am Morgen aufzustehen, legen Sie sich die linke Hand auf die rechte Schulter mit am Körper anliegendem Ellbogen, heben Sie mit den vier Fingern die darunter liegende Muskulatur und kneten Sie 9 mal den Punkt Jian-Jing. (Wechsel zur anderen Seite.)

(mehr …)

Chinesisch

In dieser Form findet man Gabeln in China Town San Francisco

(Geschenk von 2nd’s, wohlbehalten wieder in Berns Westen „gelandet“)

Nach Palmen, Oliven, Oleander, Bambus, Lorbeer, Zypresse wird nun auch die Feige eingetopft, eingezwängt und massiv zurück gestutzt. In angeketteten Kübeln soll sie die Eingänge zu den Geschäften schmücken. Die Sonne scheint in die alte Gasse, ein prächtiges Fotowetter mit richtiger Ferienstimmung.
Ich selber bin in Eile, sehe das ja jeden Tag (muffel, muffel).
„Juhuu!“
An einem grossen Holztisch eines Restaurants unter ausladendem
Sonnenschirm winken mir einige Frauen zu, bieten mir einen Stuhl mit Seidenkissen an. „Hast du Zeit? Komm, was möchtest du trinken?“ Auf dem Tisch stehen braune Glasflaschen mit altmodischem Bügelverschluss.
Ich begrüsse die lustigen Weiber – drei Generationen – und vergesse augenblicklich meine Eile. Hier sitzt der starke Teil einer weit verzweigten türkisch-kurdischen Sippe bei „Ramseier Suure“, meinem Lieblingsmost. Einer der Söhne aus der dritten Generation bringt auch mir eine Flasche. Er ist flott gekämmt, der Lausbub, trägt ein Schildchen am Hemd „Ich schnuppere hier!“ und schenkt mir gewandt ein: „E Guete!“
Macht er das nicht wunderbar? Wir sprechen über unsere Kinder, wie schön und klug sie zum Glück sind usw. Ab und zu klingelt eines der Handys auf dem Tisch und ich realisiere, dass ich hier mit der kompetenten Stellvertretung des Wirts suure Moscht trinke. Vor drei Jahren hat ein junger Mann aus der Familie das Restaurant in der unteren Altstadt übernommen. Die Frauen managen die Lieferanten, die Bestellungen, das Personal, die Arbeitspläne, kein Problem. Gerade kommt eine Rentnerin aus der Nachbarschaft vorbei. Sie hat für das Restaurant Dekorationskerzen bemalt, gelb mit roten Rosen. Sogleich bringt ihr die Kellnerin einen Milchkaffee, man kennt sich. Der Most macht uns ganz fröhlich. Wir sprechen über das kleine Dorf wo sie alle herkommen, nicht weit vom Ceyhan, welches übersetzt Schwarzes-Hassan-Dorf heisst und sind uns einig, dass wir einmal mit unseren Familien den Sommer dort verbringen, im Schatten des Dorfbaumes bei Feigen und Melonen.
Etwas unsicher auf den Beinen gehe ich wieder zurück an meinen Schreibtisch.

(Die Familie kenne ich schon viele Jahre. Den Kindern, auch dem Wirt, habe ich Deutsch und Rechnen beigebracht und ich bereue es nicht, streng gewesen zu sein. Eine der Töchter studiert Jura. Ist es nicht beruhigend, eine Juristin im Bekanntenkreis zu haben?)

Schwester & Co. sind gut in Chicaco gelandet. Schwager hat mir eine MMS von ihm und meinem Neffen mit Elvis Brillen geschickt. Schon beeindruckend, auf welchen Wegen sie die USA bereisen. Ich würde mich in diesem riesigen Land bestimmt in einem riesigen Dessert verlieren.

In zwei Stunden fahren auch wir an den Flughafen. Mein Mann will endlich Kleinesmädchen seiner Familie zeigen. In einer Woche kommen wir schon wieder zurück. Dann bin ich sehr gespannt, hier im Westen Berns etwas über den Westen der USA zu hören.

1st ist seit ungefähr 12 Jahren eine ganze Woche ohne eine/n von uns. Ich weiss, dass sie 3rd, male (meinen Neffen) derart vermisst, dass sie jede Ecke eines MMS von ihm bezoomt. In acht Tagen sitzen wir schon wieder alle bei ihr und essen Brot mit Anke u Chäs. Und jetzt, ab nach Prishtina. Tung!

Anke

Grosse Probleme zu lösen ist mir leider nicht beschieden. So versuche ich mich, um nicht zu verzweifeln, an den kleinen, mit welchen es mir meist auch nicht besser geht. Hier ein Beispiel:
Seit einiger Zeit kaufe ich den „Bärner Anke“ angeboten vom Orangen Riesen als Produkt „Aus der Region“. Dieses wird in der Emmentaler Schaukäserei von Hand gemodelt.

gemodelt

Um die Butter, das „Mödeli“, auf einen Butterteller zu kippen, müsste das Bild auf der geschlossenen Seite der Verpackung liegen. Aber nein, Sonne mit Berg und Butterblume, sind dort, wo ich die Verpackung öffne. Daher ist das fragile Model oft zerdrückt. Benutze ich ein Messer, eine Tortenschaufel oder einfach die Finger, um diese A-Z-Handarbeit auf den Butterteller zu befördern?
Als interessierte Konsumentin nahm ich vor einigen Tagen mit der Infostelle der Emmentaler Schaukäserei Kontakt auf und schilderte mein Probelm, welches zwar kein weltbewegendes, aber im Alltag doch ein lästiges sei.
Heute bekam ich von Fritz Jakob folgende Antwort:

Sehr geehrte Frau C.

Zuerst möchte ich mich entschuldigen für die späte Reaktionszeit, ich war die letzten Tage ausser Haus. Sie haben sich freundlicherweise zu unseren Buttermödeli gemeldet.

1. zerknisterte Model.
Da der ganze Prozess (Produktion, Modellierung, Verpackung und Auszeichnung) Handarbeit ist haben wir tatsächlich teilweise leicht zerdrückte und zerknisterete Mödeli. Die Käser werden laufend angehalten sich Mühe zu geben.

(mehr …)

Am Donnerstag sei er noch bei der Coiffeuse gewesen, habe anschliessend, wie immer, im „Bären“ einen Milchkaffee getrunken. Und gestern Freitag dann dieses grauenhafte Ende! Nein, einen solchen Tod wünsche man niemandem. Es sei nur zu hoffen, dass er bewusstlos gewesen sei, als er in die brennenden Tannäste fiel. Sein Bruder habe ihn gefunden, wie er im Feuer lag, schon ganz verkohlt. Fritz sei doch ein so Besonnener gewesen, habe schon manchen Frühling draussen dürre Äste verbrannt. Trotz falsch programmiertem GPS seien Polizei und Rega in kürzester Zeit auf der Egg gewesen, konnten aber nur noch an Ort und Stelle einsargen. Nun müsse man auf den Bericht des „Gerichtsmedizinischen“ warten.
Die Leute im Dorf sind geschockt, und auch ich halte mich an meinem Gartenrechen fest, während die Wirtin mir diesen gestrigen Unfall schildert.

Bevor ich heute früh aufs Land fuhr, erzählte mir ein Nachbar, dass es auf unserer Baustelle einen schrecklichen Unfall gegeben habe. Ein Bauarbeiter sei von einer Betonsägemaschine erfasst und schwer verletzt worden. Der Nachbar war so früh unterwegs, weil er nicht schlafen konnte. Von seinem Balkon aus hatte er alles mit angesehen. „Die Schreie gehen mir immer noch durch Mark und Bein“, sagte er mit zitternder Stimme.

Am Freitag, dem 13. kann’s nicht liegen, denn es war am Donnerstag, als sich der deutsche Tornado-Jet in ein oberländisches Einbahn-Tal „verirrte“.

…im Frühling? In der vorweihnächtlichen Zeit gekauft, blüht er wie verrückt, macht neue Blätter und wächst unaufhaltsam in Höhe und Breite. 1st sagt, Kleinesmädchen sei mein Weihnachtsstern, ich solle den anderen entsorgen, er sei giftig. Nächsten Dezember könne ich mir ja einen neuen kaufen. Entsorgen? Den wunderschönen Stern, dem ich soviel Liebe und Zuwendung geschenkt habe? Kann ich so hartherzig sein? Ob ich ihn in die freie Wildbahn aussetzen soll, damit er hier nicht doch noch Überhand nimmt und im Büro und Treppenhaus jeglichen Platz versperrt? Ich hätte ihn gerade mit dem Weihnachtsbaum entsorgen sollen, bevor ich ihn so lieb gewinnen konnte. So sagt mir doch, was macht frau mit dieser Pflanze im Sommer?

Obwohl noch viel „Schnee in der Luft ist“ und Vater eigentlich am liebsten zu Hause bleibt, freut er sich seit Tagen auf den Besuch im grössten Stall des Dorfes. Der junge Bauer hatte ihn eingeladen, seine Rinder und Kälber, ohne Ausnahme von schweizerischen Spitzenstieren abstammend, zu besichtigen.
Ein ganz besonderes Angebot, da die Züchter sonst keine fremden Leute die Ställe betreten lassen.
Seit Jahren hatte Vater es akzeptiert, dass er selbst im Stall seines Schwiegersohnes und Nachfolgers auf dem Hof nicht mehr ein und aus gehen konnte. Er lasse die Jungen machen, welche sich der neuen Zeit anpassen müssten. Trotzdem tat es ihm weh, dass er nie mehr gefragt und die Landwirtschaft mehr und mehr zum reinen Geschäft wurde.
Auf seinen Rollator gestützt steht er nun im grossen Stall, wo sich gegen hundert Rinder frei bewegen können, stellt Fragen und folgt interessiert den Erklärungen des Fachmannes.
Dass die Tiere bei unserem Erscheinen unruhig werden, findet der Bauer nicht schlimm, im Gegenteil, eine Abwechslung tue ihnen gut. Kleinesmädchen strampelt mit den Beinen und fuchtelt mit den Händchen, fängt an zu „muhen“ und erschreckt damit die schwarzen Kälber.
Gegen hundert Rinder recken ihre Köpfe dem Meister zu, wollen gestreichelt werden. Er macht uns auf seine besonderen Lieblinge aufmerksam. Z.B. auf ein kleines Rind, welches neben den Grossen den vordersten Platz halten kann. Bei Nr. 583, einem dunkelbraunen Tier mit schwarz umrandeten Augen und einer tulpenförmigen weissen Blesse auf der Stirn konsultiert der Bauer eine Liste, die er immer in Brusttasche trägt. Das Rind heisst „Datscha“.
Wie er denn bei so vielen Häuptern den Überblick behalte, wenn sie „stierig“ (brünstig) würden, will Vater wissen. Die passenden Bullen ermittle man per Computer. „Natursprünge“ seien nur noch selten, immer dann, wenn eine künstliche Besamung nicht klappe. Wichtig sei es, dass sich die Tiere wohl fühlten, dann sei die Nachzucht kein Problem.
Das Futter produziert Bauer Stefan auf dem Hof und ergänzt es, besonders bei trächtigen Tieren, mit einer „Müsli“-Mischung u.a. aus Hafer, Mais und Affenbrot, ein Schweizer Produkt, obwohl man heute nicht sicher sein könne, ob wirklich alle Zutaten im Innland angebaut würden.
Bevor er seinem Liebling, einem Rind mit glänzend schwarzem Fell, eine Handvoll hinhält, knabbert er selber einige Flocken und Körner.
Nach dem Besuch im Stall machen wir mit Vater noch eine gemächlige Besichtigungsfahrt durch die Felder, zum Teil steile, aber sonnseitige Äcker. Versiert steuert 2nd2nd, male den schweren Chrysler (ausgeliehen von 2nd, male, der im Moment mit der Familie in der Mojave Wüste unterwegs ist) über die steinigen Wege. Vater ist ganz aufgeräumt, kennt alle Häuser, die an den Hängen kleben, jede kleinste Abzweigung in einen abgelegenen „Chrachen“, er weiss, wem Land und Holz gehören und erzählt von früher, als Mutter noch lebte, die auch alle Leute kannte.

(mehr …)

Obwohl die Kräutersuche in diesem Jahr mühsam war, die guten Plätzchen um- und abgegraben, gelang es doch mit einiger Anstrengung, eine Handvoll hundekotfreie Pflänzchen zu finden. „Ich spring nur über Gräbelein und find‘ kein einziges Blättlein“, jammerte meine Tochter frei nach Grimm und schwenkte verzweifelt ihre leere Plastiktasche. Hätte ich das Färben nicht besser der Firma EiCo überlassen?
Aber schliesslich sassen wir dann doch mit einigen Zuhausegebliebenen um den grossen Tisch und drapierten Blättchen, Blüten und Halme auf die Eier.
Natürlich füllten wir auch die den Eierschachtel beigelegten Wettbewerbstalons aus. Erstaunlicherweise konnte sich niemand für den ersten Preis, einen Chevrolet Matiz, erwärmen. Alle waren für den dritten: einem Brunch für zehn Personen auf einem Bauernhof in der Region. Der Gewinner würde selbstverständlich die Tischrunde einladen.
Da die Talons schon seit dem 26. Februar im Umlauf sind, haben wir kaum Chancen, auf diesem Wege zu Hamme, Züpfe, Niidle, Chäs u Anke zu kommen.

(mehr …)

In Wien werden die Hauswarte „Hausmeister“ genannt. Ist dieser Posten aber von einer Frau besetzt, so ist sie nicht „Hausmeisterin“, sondern „Hausbesorgerin“, erklärt mir die Cousine meines Schwiegersohnes, welche mich zusammen mit ihren fünf Kindern im 13. Stock besucht. Sie „besorgt“ das Haus, in welchem sie wohnt. Es ist ein Bau aus dem 18. Jahrhundert in der Wiener Innenstadt gelegen, mit hohen Zimmern, altem Parkett, Türen mit Glasfenstern und einem Lift mit Spiegel im Goldrahmen. Eigentlich mögen die Hausbesitzer, Rechtsanwälte seit Generationen, weder Ausländer noch Kinder. Aber bei der siebenköpfigen Familie aus dem Kosovo machten sie eine Ausnahme, denn auch in Wien sind versierte Hausbesorgerinnen rar.

… vo Züri habe sie avisiert. Er sei auf dem Weg nach Bern. Er werde nicht locker lassen, bis der Lift (Aufzug) wieder funktioniere. Man könne halt nicht einfach aufs Dach steigen und einen neuen Lift einbauen. Die Steuerung sei bereits ersetzt worden. Ausserdem seis mit den Liften wie mit den Autos, da gebe es halt Sachen, die man nicht so „auf einen Chutt“ herausfinde. Das brauche Zeit. Man sei immer dran. Ich solle nicht meinen, dass man dem Problem nicht auf den Grund gehen wolle. Der Hauswart sei auch gerade zu einer Besprechung gekommen. Mit der zuständigen Firma sei man sehr zufrieden. Ich müsse halt Geduld haben.
Die Liegenschaftsverwalterin, nicht Auto-, sondern angefressene Töff-Fahrerin, wünscht mir noch schöne Ostern.
Seit zwei Wochen fahre ich mit dem Lift im Nebeneingang bis in den 9.Stock, steige eine Treppe hinunter, gehe über den engen Balkon an der östlichen Hauswand Richtung Norden und steige in meinem Treppenhaus wieder ein. Noch vier Stockwerke und ich stehe vor meiner Wohnungstür.

„Äxtra Eine vo Züri“ ist eben eingetroffen, ein verbittert aussehender Mann mit schütterem Haar und tiefen Sorgenfalten um Mund und Stirne.

Kran en face

Von Angesicht zu Angesicht mit dem Kranführer sollten die vor fremden Blicken sonst Verschonten im 12. Stock langsam lernen, sich weder nackt zu bewegen noch sonst irgendwie ungebührlich zu benehmen, denn im Cam-Zeitalter liesse sich sogar ein offener Hosenstall in den eigenen vier Wänden filmen und irgendwie halböffentlich verbrämen.

(Der Kranführer hatte seine Freude weil ich ihn zuerst vergessen – räusper – und dann verewigt habe. Er hat gewinkt. Das kann ich jedoch nicht veröffentlichen, da die für sein Einverständnis notwendige verbale Kommunikation so hoch über dem Bauplatz bedauerlicherweise gottseidank nicht möglich ist.)

3rd, female schläft (endlich). nicht mehr. 2nd, male murmelt: „Es Stündli schlaafe, es Stündli chräije“, während er die alte BERNINA auseinanderbaut, um ihren Schaden zu finden und zu beheben. Und wenn jemand um Mitternacht noch etwas Aufbauendes lesen möchte, so sei ihm eine alte BERNINA Gebrauchsanweisung ans Herz gelegt, denn Problembeschreibungen wie „Das Krausziehen des Nähgutes“ entspannen ungemein.

2nd2nd, male liest das GEO Buch, in welchem Menschen aus der ganzen Welt ihr Hab und Gut vor der Wohnung auf die Strasse stellen, um sich von Peter Menzel mit allem fotografieren zu lassen.

2nd2nd, female häkelt einen Essmäntel (warum Mäntel, wenn’s gar keine Ärmel hat?) für Kleinsmädchen. Sie hält reihum allen Familienmitgliedern ein immer kleiner werdendes Klüngel violettes Garn unter die Nase und fragt, ob das wohl reiche? Die einzige, die das beurteilen könnte ist 1st, welche auch Kleinsmädchen zum Einschlafen überreden könnte, wenn sie nicht die Abschwaschmaschine ausräumte oder Decken für Gäste bezöge oder Pfannen polierte oder ihrem Enkel geeignete Fineliner heraussuchte.

3rd, male will eigentlich noch vor Mitternacht mit seiner Anmeldung fürs Feriensportlager fertig werden. 2nd, female hilft unter Murren beim Ausfüllen und setzt sich ab zum Bloggen.

Seit Tagen liegt in der Unterführung eine Plastiktasche mit Arbeitskleidern, einem Paar Schuhen und einem Ledergürtel.
Meine Nachbarin und ich fragen uns, was wohl mit dem dazugehörenden Maler geschehen ist.

Wochenende

Nach den letzten beiden ländlichen Beiträgen wieder zurück auf den städtischen Boden von heute. Durch ihn wühlt sich der Baggerzahn wie nie zuvor in der Geschichte. Tiefe Gräben reisst er auf, manchmal auch Wasserohre und elektrische Leitungen, stösst Erdhügel in Form einer Vor-Voralpenkette zusammen, frisst sich in Mauern und Dächer und reisst sie nieder.
Wie Schiffe auf dem ausgetrockneten Aralsee ragen die drei Wohnblöcke des Quartiers aus der Bauwüste. Überall trifft das Auge auf schmerzende Hässlichkeit. Blumen und Sträucher werden abrasiert. Ihre Wurzeln ragen aus der nackten Erde. Wer das Haus täglich zu Fuss verlassen muss, hat sich mit den unsinnigsten Umleitungen abzufinden, wie Wege über glitschige Bretter, durch Autotunnel und über Treppen. Zum Bus kommt man über einen steilen, notdürftig geteerten Erdwall – oder eben nicht.
Nun sind auch die Bäume auf der Ostseite meines Blocks abgeholzt – es soll in den nächsten Jahren ein „übersichtlicher Platz“ entstehen.
In ganz Bern scheint eine Bauwut ausgebrochen zu sein, denn auch im Innern von Waren- und Bürohäusern, Schulen und Spitälern wird umgebaut – immer bei vollem Betrieb und auf Kosten der Gesundheit von Angestellten und PatienInnen.
Der neue Stadtteil „Westside“ wird sicher einmal eine Seite in einem prächtigen Bildband zur Architektur von Daniel Libeskind einnehmen.
Aber bis dahin hat mich der Baggerzahn längst aufgefressen.

Die Hausverwaltung hat mir in diesem Jahr eine neue Dusche und einen neuen Schlafzimmerboden zugesprochen. Ein Anruf von mir genügt und ein kleines Handbäggerchen kommt, um mit seinen kleinen scharfen Zähnchen den Boden in meiner Wohnung aufzureissen.

« Vorherige Seite — Nächste Seite »