Von hier nach dort


Wieder ein grauer, kalter Tag. Ich erledige nur das Nötigste. Heute will ich aus aktuellem Anlass hauptsächlich lesen. Das gerettete Buch des Simcha Guterman steht seit 1993 auf meinem Bücherbrett. Bis heute konnte ich es nicht lesen. Ich versuche es – ein erschütterndes Dokument.

Bei Bauarbeiten im polnischen Radom wurde 1978 eine versiegelte Flasche mit zusammengerollten, engbeschriebenen Papierstreifen gefunden. Es ist der Nachlass des Juden Simcha Guterman, der unter grössten Gefahren auf der Flucht durch Polen die grausamen, vernichtenden Erlebnisse seiner Familie und seiner Mitbürger*innen auf diese Streifen kritzelte, in der Zuversicht, dass diese Flaschenpost einmal gefunden würde.

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Schaue ich von meinem Balkon aus über Buchen und Tannen nach Nordwesten, …

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Als ich gestern früh gegen 08:00 Uhr nach ihm Ausschau hielt, hingen graue Wolken über der Stadt. Am Abend gab es dann einen klaren Sternenhimmel. Der Mond stand hoch und weiss über dem Block. Ich musste mich weit aus dem Fenster Balkon lehnen, um ihn zu sehen.

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So etwas von antriebslos war ich in diesem November. Die kleinsten täglichen Herausvorderungen empfand ich als mühsam, und ich versuchte oft, sie zu ignorieren oder hinauszuschieben. Weit und breit sehe ich nur halbleere Gläser und darüber grauen Hochnebel. Zum Glück erhielt ich in diesem Monat oft Besuch, z. B. eine frühere Freundin, die mich nach sehr vielen Jahren wieder sehen wollte. Nach anfänglichen Bedenken meinerseits, die Frau nennt Blöcke Kaninchenställe, wurde es ein vergnügter Nachmittag. Zwischendurch konnte ich kaum glauben, dass ich das war, die in den lebhaften Erinnerung meiner Freundin „auferstand“. Es kam u.a. ein dunkelhaariger Patrik mit blauen Augen vor, der mich oft besucht hatte. Was wohl aus ihm geworden sei? Keine Ahnung. Einen solchen Patrik habe ich nie gekannt. Ich glaube, nach so langer Zeit bringt meine Besucherin doch etwas durcheinaner. Das nächste Mal kommt sie mit den Fotoalben.

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Sarah, 2nd2nd, female, berichtet:

Es lohnt sich nicht, sich Sorgen zu machen, und ich mach mir dennoch welche. Was es wohl für einen Winter gibt? Die zauberhaft warmen Herzen der Familie reichen nicht und es werden fleissig Vorbereitungen getroffen. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass niemand den Frieden im Land stört und die Regierung immer wieder Lösungen findet. Ich wünsch mir so sehr eine bessere Zukunft für all die Mädchen, die ich in diesen Ferien getroffen habe.

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Sarah, 2nd2nd, female, berichtet:

2. Oktober 2022: Ein unvergesslicher Tag in den Verwunschenen Bergen, der mit keinem Geld der Welt bezahlt werden könnte. Wir feierten die Kinder, den Zusammenhalt, den morgigen Schulbeginn und schlugen uns den Bauch voll. Nationalpark Pllaqica e vokshit

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Sarah, 2nd2nd, female, berichtet:

Ein Familienbetrieb. Zusammen mit der Schwiegertochter bestickt sie Hochzeitskleider. Perle um Perle. Stich für Stich. Es dauert Wochen, bis ein Kleid fertig ist. Respekt. Dementsprechend gehören diese Trachten zum Teuersten, was man in Gjakovas Altstadt kaufen kann.

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Sarah, 2nd2nd, female, berichtet:

Ja, Buben und Männer haben einen viel grösseren Bewegungsradius als Kosovarinnen. Ja, weibliches Potential bleibt oft zuhause. Viele Frauen hier hoffen auf ihre Töchter und Nichten, dass sie sich dem Patriarchat verweigern und selbstbestimmt leben können. Sie selber wollen Strafen dafür verhindern und träumen davon, den herangewachsenen Mädchen später in ein freieres Leben zu folgen.

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Sarah, 2nd2nd, female, berichtet:

Homeschooling – Die Grossen bringen den Kleinen etwas bei

Abwarten und Tee trinken. Das tun die amtierenden kosovarischen Lehrer*innen (wieder einmal). Am Montag wird der Streikmonat beendet, der Lohn bleibt um die 400 Euro derselbe. Davon eine Familie zu ernähren hat die letzten 20 Jahre nicht gereicht und reicht erst recht nicht jetzt, wo seit Covid-19 und dem SchaisputinKrieg die Preise gestiegen sind. Mehr Zeit, Geld und Respekt für Bildung!

Da sind die ersten Schultage meiner Geschwister, Töchter und der älteren Enkelkinder, und dann die unzähligen in den vielen Jahren als Hortleiterin. So ein bisschen aufgeregt und gespannt war ich letzten Montag trotzdem, denn in der Familie werde ich wohl keinen solchen mehr erleben. In den Ferien schaute ich frierend zu, wie Kleinesmädchen in einem Riesenwarenhaus bei Montpellier den Rucksack nach ihren Kriterien auswählte: Verschlüsse, Fächer und Nebentäschchen, Träger und natürlich in Blau, wie die momentane Lieblingsplüschfigur mit den Segelohren. Am vergangenen Sonntag wurde mir der überaus reichhaltige Inhalt vorgeführt: kleines Etui mit Bastelutensilien, grosses Etui mit Faber Castell Buntstiften, Faber Castell Doppelspitzdose in Form eines Käfers mit Radiergummi, Trinkflasche, Znünibox, Filz- und Bleistifte, 1 Frixion-Schreiber. Ein blaues Klebeband mit Namen zierte jeden Gegenstand. Dicke Schweisstropfen nahmen mir die Sicht auf diese Auslegeordnung, und ich war sehr froh um den neuen Spezialbleistift mit integriertem Ventilator, den ich benutzen durfte.

Das Turnsäcklein und dessen Inhalt sah ich mir erst am Mittwoch an. Da trug die Erstklässlerin auf dem Schulweg einen neuen Hut in Neongelb und ein Leuchtgilet – gesponsert von der Stadt.

Irgendwo muss doch eine Schriftstellerin in den Salikornien stehen oder ein Schriftsteller in den Salinen, um sich von diesem Sonnenaufgang inspirieren zu lassen. Aber nein! Wenn man so jemanden brauchen würde, ist niemand in Sicht und frau auf sich selber angewiesen. Die Flamingos schlafen noch, die Hälse in ein S und die Köpfe auf ihre Rücken in die rosa Flügelfedern gelegt, das Wasser der Seen und Kanäle zwischen den Deichen glitzert. Dahinter ruht die Statdmauer von Aigues Mortes, überragt vom Tour de Constance, mit scharfer Schere aus dem Feuerhimmel geschnitten. Die aufgekratzten Jungkrähen sind still geworden – für einen Moment. Kein leichter Abschied. (Notiert am 31. Juli 2022)

Foto: Christian Mendez, unermüdlicher Chronist seiner „Belle Camargue“, Ende Juli 2022

Ich sitze im Café de Paris am Kanal und bin froh über jedes kühle Lüftchen. In ihren Booten schippern die Alten mit orangen und gelben Enkelkindern gemütlich entlang der Fischkutter wahrscheinlich einer Cabane, einer lauschigen Hütte, entgegen. Meine romantischen Vorstellungen von sommerlichem Leben am kühlen Wasser haben sich etwas verflüchtigt, seitdem mir von Hausbootreisenden bestätigt wurde, dass sämtliche Fäkalien, zwar gehäckselt, aber naturrein im Kanal landen. Die Läden und Restaurants klagen über mangelnde Kundschaft: „Trop calme“. Von den Einnahmen der 8 Postkarten und den 20 Meersalztruckli, Bringsel für zu Hause, kann niemand leben. Immerhin geht Kleinesmädchen jeden Morgen in die Boulangerie und kauft Baguetten zum Zmorge und eine für den Strand. Die grösste Anstrengung des Tages ist das Anziehen des Badekleides über den schweissnassen Körper. In Berndeutsch ist es ein richtiges „Schriisse“.

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Seit Jahren „piept“ uns eine Zwergohreule durch die camarguaisischen Julinächte. Diesen Sommer mindestens in der 5. Generation. Wir nennen sie den „Hingertsivogel“ (Rückwärtsvogel), weil ihr Ruf an das Warnzeichen eines rückwärtsfahrenden Lastwagens erinnert. Zwischen fünf und sechs Uhr morgens hat der Winzling, manchmal im Duett mit einem Weibchen, seine Pflicht getan und schweigt. Gackernde Möwen, schnatternde Elstern, gurrende Tauben, mir Unbekannte mit Pfeifen und Tschilpen hüpfen und flattern nun auf Ästen und Dächern. Im Hintergrund das Lodern von Flammen in einem Kamin das Rauschen des Meeres. Menschen haben die Bühne des neuen Tages noch nicht betreten. Erst in den frühen Morgenstunden liessen die blutgierigen Mücken sie endlich schlafen, Antibrumm hin oder her. Einige Bäcker*innen müssen aber den Weg in die Backstuben gefunden habe, denn gegen sechs Uhr schwebt ein Duft nach frischem Brot über dem Campingplatz. Vom rechten Kanalufer bimmelt das Glöckchens der Kirche St. Pierre sieben Uhr.

Zeit für die Hex, gelbe Rüben zu schaben. Den Kaffee gibt‘s erst um acht.

Den Termin bei meiner Coiffeurin Rosalina hatte ich falsch notiert. Ich kam zu früh und schaute Fatmir, dem Herrencoiffeur zu, wie er einen sportlichen Grauschopf umschnippelte, bis der weisse Nacken und die Ohren des Kunden blossgelegt waren. Auf dem Kopf wurde ein Büschel Haare in Kammzähne genommen, gestuft, gegelt, geknetet und in Strähnen gezupft, während die beiden Herren sich über die desolaten Zustände an den Flughäfen unterhielten. Um mich nach der selbst verschuldeten Warterei ein bisschen aufzumuntern, brachte mir Rosalina als erstes einen Espresso, ein Glas Wasser und ein Haselnussküchlein. Wieder einmal sah ich nach der „Behandlung“ richtig jugendlich frisch, ja beinahe keck aus. Allerdings verflüchtigte sich dieser erhabene Moment spätestens dann, als ich an der Haltestelle auf der Neuen Berner Bank, bar jeden Schattens, den Bus erwartete und mir der Schweiss salzig in die Augen lief. Ich meinte, ein leises Pfff zu hören – die Luft aus meiner neuen Frisur? – als ich den Sonnnenhut aufsetzte.

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geschrieben am ersten Schultag an einer Berner Schule von einem Oberstufenschüler aus der Ukraine, 17. März 2022:

Vier russische Panzern
Einmal, kommen vier russische Panzern nach einen Dorf in der Ukraine. Die zwei von ihnen haben von anderen zwei Benzin weggenommen um mehr Brennstoff zu finden. In dieser Zeit sind die ukrainische Dorfbewohnern aus ihre Häuser gegangen und haben auf die Panzern ukrainische Flaggen gehängen. Als die russen zurückgekommen sind; sahen sie zwei Panzern mit Flaggen und begonnen sie zu schiessen. Nur nach sie diese Panzern erschossen haben, verstanden sie, dass die zu ihnen gehören. Dann kommt die ukrainische Armee und die befürchtende Panzern haben versucht durch die Brücke wegzulaufen, aber die Brücke konnte nur Autos, die max. 5 Ton. wiegen halten und deshalb sind die zwei Panzern in tiefes Wasser gefallen.

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Wenn Frau statt Pfanne die Wasserflasche auf eine heisse Herdplatte stellt,
das Salz mit dem Kaffee verwechselt, den Rock falsch herum säumt, auf dem wohlbekannten Heimweg bei Tageslicht in ein Brombeergestrüpp stolpert und sich Arm und Bein zerkratzt …

… dann ist es höchste Zeit für Ferien.

Mir scheint, dass nicht nur Menschen, sondern auch Dinge Ruhe brauchen. Meine Armbanduhr z.B., ein absolut zuverlässiges Schweizer Qualitätsprodukt, ist in einen Schleichgang gefallen, während die Zeiger von Grossmutters Uhr im Wohnzimmer leise knackend und übereifrig zur nächsten Stunde eilen. Die Küchenuhr verweigert bei voller Batterie seit Tagen den Empfang eines Zeitsignals. Ein paar herunter gefallene Bilder müssen wieder aufgehängt werden und die Baumscheren haben beschlossen, zu schneiden, wie ein toter Hund beisst.

Bonnes vacances à tous!

Nachts, im Mondschein lag auf einem Blatt ein kleines Ei. Und als an einem schönen Sonntagmorgen die Sonne aufging, hell und warm, da schlüpfte aus dem Ei – knack – eine kleine, hungrige Raupe.

… am Donnerstag frass sie sich durch vier Erdbeeren, aber satt war sie noch immer nicht. Und am Freitag frass sie sich durch fünf Orangen, und weil sie immer noch nicht satt war, verzehrte sie die 11 Knospen meines roten Margeritenstrauchs.
Carle, Eric 1929-2021: Die kleine Raupe Nimmersatt, Oldenburg : Stalling, 1969

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In den vergangenen Tagen mochte ich mir kein Adventstürchen ausdenken. Alles schien mir einfach zu trist.
Wir brachten gerade eine Quarantäne zu Ende, bevor wir gleich in die nächste sausten. In den paar Stunden dazwischen kaufte ich mit meinem Schwiegersohn beim Förster einen prächtigen Weihnachtsbaum. Dieser steht jetzt auf meinem Balkon, und wahrscheinlich wird er erst an Silvester geschmückt werden können.

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Gegen neun Uhr vormittags gelang es ihnen, ihr Vehikel mit Winken und Lächeln bei Valence auf den „Trail du Soleil“ einzufädeln. Dicht an dicht standen die vollbepackten Wagen. Die Pferde schnaubten und tänzelten, die vorgetäuschte Ruhe der Kutscher*innen entging den „gspürigen“ Tieren nicht. Die ganze Welt nördlich des Departements Drôme drängte südwärts, wie der Fluss, dem Meer entgegen.
Nun galt es, Nerven und Zügel zu behalten und sich von Rechtsüberholern (männlich) in sportlichen Gefährten nicht irritieren zu lassen und im Treck zu bleiben.

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