Von hier nach dort


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Wenn Frau statt Pfanne die Wasserflasche auf eine heisse Herdplatte stellt,
das Salz mit dem Kaffee verwechselt, den Rock falsch herum säumt, auf dem wohlbekannten Heimweg bei Tageslicht in ein Brombeergestrüpp stolpert und sich Arm und Bein zerkratzt …

… dann ist es höchste Zeit für Ferien.

Mir scheint, dass nicht nur Menschen, sondern auch Dinge Ruhe brauchen. Meine Armbanduhr z.B., ein absolut zuverlässiges Schweizer Qualitätsprodukt, ist in einen Schleichgang gefallen, während die Zeiger von Grossmutters Uhr im Wohnzimmer leise knackend und übereifrig zur nächsten Stunde eilen. Die Küchenuhr verweigert bei voller Batterie seit Tagen den Empfang eines Zeitsignals. Ein paar herunter gefallene Bilder müssen wieder aufgehängt werden und die Baumscheren haben beschlossen, zu schneiden, wie ein toter Hund beisst.

Bonnes vacances à tous!

Nachts, im Mondschein lag auf einem Blatt ein kleines Ei. Und als an einem schönen Sonntagmorgen die Sonne aufging, hell und warm, da schlüpfte aus dem Ei – knack – eine kleine, hungrige Raupe.

… am Donnerstag frass sie sich durch vier Erdbeeren, aber satt war sie noch immer nicht. Und am Freitag frass sie sich durch fünf Orangen, und weil sie immer noch nicht satt war, verzehrte sie die 11 Knospen meines roten Margeritenstrauchs.
Carle, Eric 1929-2021: Die kleine Raupe Nimmersatt, Oldenburg : Stalling, 1969

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In den vergangenen Tagen mochte ich mir kein Adventstürchen ausdenken. Alles schien mir einfach zu trist.
Wir brachten gerade eine Quarantäne zu Ende, bevor wir gleich in die nächste sausten. In den paar Stunden dazwischen kaufte ich mit meinem Schwiegersohn beim Förster einen prächtigen Weihnachtsbaum. Dieser steht jetzt auf meinem Balkon, und wahrscheinlich wird er erst an Silvester geschmückt werden können.

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Gegen neun Uhr vormittags gelang es ihnen, ihr Vehikel mit Winken und Lächeln bei Valence auf den „Trail du Soleil“ einzufädeln. Dicht an dicht standen die vollbepackten Wagen. Die Pferde schnaubten und tänzelten, die vorgetäuschte Ruhe der Kutscher*innen entging den „gspürigen“ Tieren nicht. Die ganze Welt nördlich des Departements Drôme drängte südwärts, wie der Fluss, dem Meer entgegen.
Nun galt es, Nerven und Zügel zu behalten und sich von Rechtsüberholern (männlich) in sportlichen Gefährten nicht irritieren zu lassen und im Treck zu bleiben.

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Aaretal mit Gerzensee

Und er hatte sich auch noch nie vorgestellt, wie das wäre, wenn man hoch in der Ludft dahinflöge. Das war ja gerade, als flöge man weit weg von seinem Kummer und seinen Sorgen und von allen Widerwärtigkeiten, die man sich denken konnte. (Lagerlöf, Sema : Wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen, Nymphenburger Verl. 1948)

Ist es das Alter, „die Situation“ oder beides, dass bei mir viele Erinnerungen aus meiner Kindheit auftauchen, die mich selbst erstaunen? Ab und zu – wenn’s passt – bekommen die Jungkrähen etwas davon ab, (u.a. die Bambusflöten-Ratten-Geschichte).
Mein erstes Flugzeug sah ich im Alter von neun Jahren. „Ein Heliokopter!“ rief Lehrer Aerni und zeigte aufgeregt auf ein brummendes Gerät, das seltsam schwankend über dem Wald hinter der Käserei verschwand. Wir Kinder waren auf dem Maibummel und neben meiner zerschlagenen Sirupflasche war dieser „Heliokopter“ das wichtigste Ereignis des Tages.

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Nur ein Schäumchen ersten Schnee braucht es, und schon hägen die Autos an der steilen Strasse hinauf zur Autoverladestation Kandersteg im Stau. Einige Fahrer*innenn machen auf der engen Strasse haarsträubende Wendeversuche. Der Gegenverkehr – die Nerven behalten – rutscht an uns vorbei den Berg hinunter. Ich hätte daran denken müssen: Für diese Fahrt schon anfangs Oktober Winterreifen montieren!

Alles geht gut. Wir rattern auf den Zug und essen im Auto Käsebrötchen. Am Ende des Tunnels – GsD – Licht und kein Schnee. Wieder geht’s bergauf bis auf 1400 Meter. Wir schauen hinunter auf die schlammgraue Rhone, die nach dem heftigen Regen in der vergangenen Woche über die Ufer getreten ist. Ihre Zuflüsse hatten grosse Mengen Geröll ins Tal geschoben. Die Jungkrähen sind sehr beeindruckt von dem Fluss, den sie in den Sommerferien vor seiner Mündung ins Meer mit der Fähre überqueren. Da ist Le Rhône breit und blau, die Ufer gesäumt mit kleinen Schiffen und Fischerhütten.

Unser Hotel hat einen direkten Zugang zum Thermalbad. Begeistert, sicher völlig ungesund, verbringen wir den ganzen Tag in dieser warm blubbernden, plätschernden, dampfenden, brausenden Wasserlandschaft, schauen hinauf zu den verschneiten Felsenhörnern, schwimmen bei Nieselregen ein paar Längen draussen im Sportbad. Oft reihen wir uns ein für die Fuss-Bein-Massage. An der länggsseitigen Beckenmauer des Hallenbades trifft abwechselnd aus Unter-, Mittel- und Oberdüsen ein starker Wasserstrahl auf den unteren Körper. Eine Klingel gibt das Zeichen, wann von einer Düse zur nächsten gewechselt werden muss. Interessant ist diese Art der Massage um die Mittagszeit. Da verbringen Einheimische mit ihren Arbeitskolleg*innen die Pause an den Unterwasserbrausen, besprechen Berufliches, meist aus der Tourismusbranche, planen Sitzungen, Umbauten, Dekorationen für festliche Anlässe und Bergtouren oder geben – es ist Jagdsaison – Wildrezepte weiter.

Jeden Morgen kontrolliet der Hotelbesitzer himself vor dem Frühstücksraum die angesagten Hygienemassnahmen – natürlich mit einem freundlichen „Guten Tag“. Walliser ChäsuBrot werden von der Chefin in Hygienehandschuhen serviert, so kann keine Gemütlichkeit aufkommen.

Nach drei Tagen kehren wir etwas „ausgewaschen“ heim durch den Lötschberg. Der Schnee auf der Alpennordseite ist inzwischen geschmolzen.

Zu klein

Wir wechseln für drei Wochen das Bad von hier …

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Ich habe es niemandem gesagt, aber nach all diesen Nachrichten wurde der Abstand von der Decke zu meinem Kopf ziemlich viel kleiner. Dann kam gestern Morgen unverhofft der Lichtblick von seiten meiner Familie. Danke!

Ob ich einen Ausflug machen möchte, fragte die Tochter und schaute in den blauen, kondensstreifenfreien Himmel. Was, wo doch Samstag ist und einiges zu putzen (und auszusortieren) …? Aus-Flug?

Eine Stunde später sass ich bereits neben dem Piloten (2nd, male) in einer Cessna und liess mir einige Instrumente erklären. Die vorgeschlagene Flugroute war ganz nach meinem Sinn. Die Decke über meinem Kopf begann sich schon vor dem Abheben zu heben.
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Jede Welt ist im Moment für mich „weit“. Als erstes rufe ich heute Morgen Rosalina, meine Coiffeuse an. Zum Glück sind alle ihre Familienmitglieder in Italien gesund. Wann sie das Geschäft wieder öffnen kann, weiss sie erst nach der heutigen Medienkonferenz. Ich kann gleich zwei alternative Termine abmachen, denn, obwohl ich nicht so unter die Leute komme, fühle ich mich mit einem guten Haarschnitt besser.
Etwas später telefoniere ich mit dem Förster. Er wird mir für Freitag 6 Säcke Holzschnipsel bereit machen, damit ich die Gartenwege auslegen kann.

Das Telefon klingelt:
Meine Tochter mit den Kleinkrähen sitze unter der grossen Linde und lese ihnen eine Geschichte vor.
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Simone Veil

Nous sommes montés dans le train avec un pincement au coeur, mais sans s’imaginer un seul instant ce qui nous attendait.

Simone Veil in Doc de l’Actu, Ed. spécilale, 2017

Simone Veil, geb. 1927 in Nizza, überlebte Auschwitz, die Todesmärsche und Bergen-Belsen, während Bruder, Vater und Mutter getötet wurden. Sie war Gesundheits-, Familien- und Sozialministerin und die erste Präsidentin des Europäischen Parlaments.
2010 wird ihr für ihr politisches und kulturelles Lebenswerk, in dessen Zentrum das Wachsen und der Zusammenhalt Europas stehen, der Heine-Preis der Landeshauptstadt Düsseldorf verliehen.
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Maisbart

Mit zarten Maisbärten fächelt der Sommer uns zu: Adieu.
Letzte Kletterrosen, ein paar Stängel Mangold, eine Handvoll Tomaten und späte Schnecken im Winterspinat.
Wieder einmal besuche ich meine ehemalige Schulkameradin. Obwohl sie nur drei Minuten auf der anderen Strassenseite wohnt, sehe ich sie selten: wie ich, eine Grossmutter mit einem Nest Kleinkrähen. Ich solle unbedingt zum Kaffee kommen, seien doch endlich die neuen Fenster eingesetzt. Auch das superschönpassende Sofa und den Relax-Sessel müsse ich testen. Ich bringe eine Dose Fleur de sel und ein kleines Glas Aprikosenkonfi, die ich in Frankreich eingekocht hatte. Der Hausherr kommt aus seiner Studierstube und wirft die Kaffeemaschine an, fein. Draussen regnet es in Strömen. Das Salz gibt uns ein Gesprächsthema: die Vogelwelt der Camargue. Bald schon stelzt, segelt, äst, flattert, taucht, nistet es auf dem grossen Bildschirm im Wohnzimmer: Säbelschnäbler Avocette élégante, Uferschnepfe Barge à queue, Schafstelze Bergeronnette printanière, Seidensänger Bouscarle de Cetti, Mittelsäger Harle huppé, Goldregenpfeifer Pluvier doré, schon die Namen sind beeindruckend. Meine Schulkameradin schickt mir später eine Liste mit allen französischen Vogelnamen. Erklärt mir in den nächsten Sommerferien ein angefressener Hobbyornithologe aus dem Norden z.B. den putzigen Seeregenpfeifer, sage ich lässig: „Gravelot à collier interrompu.“
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Nach den Sommer- bis nahe an die Weihnachtsferien verbringen die Eltern der Kleinkrähen Stunden damit, die Köpfe ihrer Kinder von Läusen und deren Eier zu berfreien – eine wahre Sisyphusarbeit. Kaum sind alle läusefrei, kommen sicher ein paar Nachbarskinder und geben ihnen wieder einige der anhänglichen Viecher ab.
Trotz akribischem Läusekonzept der Stadt Bern, zu dem Merkblätter in 10 Sprachen vorliegen (selbstverständlich auch in Tigrinisch), lassen sich diese lästigen Kopfbewohner nur schwer vertreiben.
In der Stadt Bern werden die Läuse nach neusten Erkenntnissen korrekt behandelt, lese ich. Klar, denn wir behandeln alle korrekt: AsylbewerberInnen, Arbeitslose, Alte, Arme …).
Obwohl Fachleute immer wieder betonen, dass Kopfläuse nichts mit mangelnder Hygiene zu tun haben, geniert man sich, über die eigene Laus zu reden, was dieser zugute kommt und uns, wie gesagt, bis vor Weihnachten beschäftigt. Dank 2nd, male sind wir nun im Besitz eines luxuriösen Doppelkamms (aus Frankreich) mit Licht und Lupe.

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Meine Tochter (2nd2nd, female) mit Mann und Kindern besucht ihre Verwandten im Kosovo. Auf dem Land, nahe der Grenze zu Montenegro und Albanien, wissen die Frauen:
Wenn das Haus glänzt, glänzest auch du.

Whatsapp-Nachricht vom Balkan, 01.10.2019, 22:00 Uhr

Habe heute ein handgemachtes Schürzchen bekommen, weiss, gebügelt mit aufgestickten blauen Blümchen. Und los ging’s, denn der Schmutz am Fenster ist der Schmutz an dir.
Hatten 24 Stunden kein Wasser. War mühsam. weil alles Geschirr schmutzig und relativ viel Besuch. Haben’s aber geschafft, alle bekamen Kaffee.
Morgen kommt jemand wegen einem Brunnen, damit das neue Haus meiner Schwägerin nicht mehr am „Stadtwasser“ aus den Bergen angehängt ist, sondern wie die beiden anderen Häuser der Familie die eigene Quelle nutzen kann.
Alle schlafen. Hier ist alles eine Stunde früher. Der Salon ist picobello für morgen. Ich gehe auch schlafen.
Bonne nuit, chère maman!

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Der Selbstgebrannte hat sie wohlbehalten durch den Winter gebracht. Die beiden Brüder sitzen wie im vergangenen Jahr unter den Platanen der Avenue Frédéric Mistral auf Klappstühlen an ihrem Verkaufsstand. Luly ist der Schnitzer. Bei seinen Streifzügen durch Tümpel und Salicornien entgeht ihm kein Schwemmholz, sei’s ein ausgebleichtes Ästchen oder eine bauchige Wurzel, woraus er einen Vogel erlösen kann. Schnepfen, Pieper, Läufer, Sänger, Pfeifer und Schnäbler, ein Wiedehopf oder eine Ente entflattern später den leblosen Stecken. (In der Jagdsaison bringt er gerne eine fette Ente oder einen Fasan zur Strecke.)
Befestigt auf einem wackeligen Brett stehen die Gefiederten dann auf dem Flohmarkt, und man wartet darauf, dass sie gleich weg stelzen, fliegen, tauchen. Gerne erzählt Luly die Geschichte vom Schweizer, der ihm gleich die ganze vorrätige Vogelschar abkaufte, um sein neues Haus damit zu dekorieren.
Ich nehme einen kleinen Grauweissen mit etwas Schwarz auf Rücken und Flügeln und einem langen nach oben gekrümmten Schnabel. „Avocette“ schreibt mir Luly mit Kraxelbuchstaben auf einen Zettel. „À l‘année prochaine!“ verabschieden uns die Brüder und ihre Freunde, die den Stand mitbenutzen, um ihre Ware, seien es Äxte, Salben und Trockenwürste an die Kundinnen und Kunden zu bringen oder Bestellungen für Selbstgebrannten aufzunehmen.
Die Blogk-Familienmitglieder kaufen auf dem Puce noch einen Fingerring mit Grille aus Messing, ein Domino mit leicht vergilbten Steinen in einer Holzschachtel, ein signiertes Ölgemälde von Donald Duck im Holzrahmen, ein kleines, gerahmtes Foto in Chamois mit Schäferin mitten in Herde, Wolle an Spindel spinnend, um 1920 im Piemont aufgenommen.

Der Flohmarkt ist ein Markt von Geschichten: alltäglichen, alten, vergessenen, geheimnisvollen.

Heute früh nehmen nur einige Grillen teil am Eröffungskonzert des Tages. Ein fernes Grollen dringt an meine Ohren. Auf dem Campingplatz ist es noch dunkel und still. Ich schlüpfe in die Sandalen und nehme schnell die trockenen Badesachen der Kleinkrähen von der Leine. Der Donner kommt näher, gefolgt von einem heftigen Regenguss.

Beim Frühstück auf der Terrasse schützen uns die Sonnenschirme vor dem prasselnden Nass. Jeder Tropfen Wasser wird hier gebraucht. Der Oleander ist in diesem Sommer besonders prächtig und blüht in allen Farben an Strassen – und Wegrändern und um die Wohnwagen, hier „Mobilhomes“ genannt.
Jahrelang verbrachten wir den Juli in einem Schnaaggizelt – einem Zelt, in welchem hauptsächlich Kriechen angesagt war. Ab 1994 mieteten wir dann ein Mobilhome auf einem Platz mit Pinien, Eukalyptus- und anderen Bäumen, die nichts gegen einen sandigen Standort einzuwenden hatten. Immerhin konnte man in der moderneren Behausung nun aufrecht stehen, auch bei Wind kochen und sich duschen. Ans enge Klo gewöhnte man sich, trainierte beim Aufstehen die Oberschenkel bestens.
Seit Jahren reduzieren wir im Juli die Wohnfläche drastisch, stopfen unsere Kleider in enge Schränke, essen aus ungleichen Tellern und trinken aus zusammengewürfelten Tassen und Gläsern und bürsten nach dem Bad im Meer brav den Sand von den Fusssohlen, damit dieser ja dort bleibt, wo er sein soll.

Gestern war ein sehr heisser Tag. Auf dem Weg zum Schwimmbad pflückten die beiden Jungkrähen Maulbeeren vom Baum hinter dem Restaurant und fütterten damit ihre kleine Schwester – mmm, süsse Beeren vom Dudabaum, bis das Mäulchen ganz schwarz war.

Der Regen hat aufgehört. Am Bahnhof kontrollieren sieben Polizisten in voller Montur die Ankunft des Regionalzuges aus Nîmes, sogar in die hohe Pinie werfen sie prüfende Blicke.
Auf dem ganzen Campingplatz gibt es heute Nachmittag keinen Strom.

Spielen mit nichts

Hinter dem Block haben wir uns nach 200 Metern links gehalten und sind weiter nach Westen bis zum Meer gefahren.

Gegen fünf Uhr früh fängt das Möwenkonzert an, ein unbeschreibliches Gekrächze und Gegacker. Gegen sechs beginnt das Grillengezirpe, eigentlich eher ein Gerassel, eine Art Flügelwetzen zur Probe, dann folgt das Guguugu-Guguugu der Tauben, dazwischen Tschilpen und Zwitschern von kleineren Vögeln. Wer jetzt noch nicht wach ist, wird von der Platzmöwe mit einem lauten Wau-Au-Au aus dem Schlaf kommandiert. Diesen hatte man doch eben erst vor zwei Stunden gefunden. Aber man weiss, jetzt beginnt die kurze schweisslose Zeit, die es zu nutzen gilt mit Lesen, Kleiderbügel aufblasen, Schreiben, Tasche auspacken.
Später wird man damit beschäftigt sein, Kühle und Schatten zu suchen, was daheim viel einfacher wäre.

Die Kleinkrähen lesen in den alten Lustigen Taschenbüchern, während der kalte Wind um den Wohnwagen bläst. Aus der Schweiz erhalten wir die Schreckensnachricht, dass Notre Dame de Paris brennt und der 96 Meter hohe Spitzturm eingestürzt ist.
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Aus allen Seitengässchen tauchen sie auf, die in Regenkleider verpackten Gestalten mit ihren gestiefelten Winzlingen an der Hand. Die Parkplätze sind « complet ». Eine lange Warteschlange ringelt sich ungeduldig vor dem Eingang zum Sea-Aquarium. Die jungen Katzenhaie werden sich heute nicht über mangelnde Streicheleinheiten zu beklagen haben. Graue Wolken versprechen noch mehr Regen. In den Weinbergen von Listel, die keine Berge, sondern eine sandige Ebene sind, gruppiert sich eine Schar Senior*Innen um ihren Reiseleiter – bunte Regenjacken in hellgrünen Rebstöcken. Vor dem Stadttor fotografieren asiatische Gäste, in durchsichtige Plastikumhänge gehüllt, die Tauben in den Mauernischen und die Topfpflanzen in den Stadtfarben gelb, rot, blau.
Die Flamingos haben sich an den Schilfgürtel des Etangs zurückgezogen. Zwei Graureiher mit Hälsen wie ausgebleichtes Schwemmholz stehen regungslos am Ufer des Kanals. Im Hafen werden die Boote geschrubbt, der Verkehrskreisel bekommt eine neue Gestaltung und die Umleitungen im Städtchen wegen Strassenarbeiten bringen ein bisschen Chaos zwischen Marktstände und Strassencafés.
Die Rösslispielfrau, seit Jahren mit griesgrämigem Gesicht (verständlich, weil chronische Rückenschmerzen), bringt ihr zweistöckiges Karussell für Kleinmädchen in Fahrt. Ich fahre als Begleitung gratis mit.
Zusammen mit den hungrigen Kleinkrähen setze ich mich auf dem Platz vom Heiligen Louis unter einen Sonnenschirm, in dessen Gestänge Heizröhren montiert sind. So wohlig von oben gewärmt essen wir gebratenen Schafskäse auf Salat, Pommes und Zitronenkuchen.

X-mal öffnete ich letzte Woche die Wetterapp der Region Bouche du Rhone: Regen, Wolken, Kälte, nur wenig Sonne. Die Zeitung riet, die Osterferien auf der wärmeren Alpennordseite zu verbringen. Sicher wären unsere Nasenspitzen, hätten wir den Rat befolgt, wärmer geblieben, aber auch über kalte Nasenspitzen lässt sich hinaus sehen.

Tomi Ungerer

Er war eine sehr stolze, klassenbewusste Katze, die sich nie zu so niedrigen Aufgaben wie Jagen herabliess. Er hattte die edle Präsenz einer Pharaonenmumie, als wäre er soeben einer Hieroglyphe entstiegen.
Wir hätten zu seinem Gedenken eine Pyramide bauen sollen.

Tomi Ungerer über seine Birmakatze Heidsieck, in „Katzen“, Diogenes 1997, ISBN 3-257-02063-5.
Foto (1973) aus diesem Buch ohne Angabe des Urhebers/der Urheberin.

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