April 2020


Buch 2

… kein Mangel, denn auch Kleinesmädchen versorgt mich mit Lesestoff.
Danke vielmal!
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Von der Kirche her schlägt es sieben. Es regnet, als ich den Block verlasse. GsD, endlich Regen. Zu Corona noch eine Dürre – sie möge uns erspart bleiben!
Den Schirm habe ich im 16. Stock vergessen.
Nach zwanzig Minuten stehe ich mit tropfenden Haaren vor dem Coiffeursalon. Heute bin ich die erste Kundin. Rosalina ist daran, schwarze 60-Liter-Kehrichtsäcke aufzuschneiden. Nach Vorschrift muss sie den Kundinnen einen Plastikbehang umlegen. Die lieferbaren Plastikmäntel seien aber für Frauen, besonders beim Haarefärben, zu schmal, deshalb die Abfallsäcke. Gesichtsmasken hat Rosalina noch einige aus der SARS-Zeit übrig (2003). Weitere bestellte sie bei Stöckli Medical im Aargau, aber noch sind diese nicht geliefert worden. Also orderte sie kurzentschlossen bei Mädi Tullo-Ocher. Die clevere Geschäftsfrau und Politikerin hatte frühzeitig ihre Beziehungen nach China aktiviert und 600’000 Stück der heiss begehrten Objekte bestellt. Fristgerecht belieferte sie damit die Coiffeursalons zum Selbstkostenpreis. (Böse Zungen behaupten, Mädi mache damit mindestens einen Gewinn von 240’000 Franken, aber das sind wohl nur die Zungen ihrer Parteifeinde – und was sind schon Fr. 240’000.- bei einem Familienvermögen von 12 Milliarden Franken?)
Auf jeden Fall bekomme ich nach der Haarwäsche den Kehrichtsack umgelegt mit der Schrift nach innen und dann das Haar nach meinen Wünschen geschnitten, anschliessend mit etwas Schaumfestiger und Rundbürste geföhnt. Kein Haarspray!
Rosalina entschuldigt sich, dass sie mir keinen Espresso anbieten kann. Es gehe nur mit Wasser im Wegwerfbecher. Auch gut.
Inzwischen ist Doris, die Helferin der Friseuse gekommen. Sie wischt alles ab, desinfiziert Kämme, Bürsten und Stuhllehnen. Die nächste Kundin, eine Margrit, tritt ein. Sie muss noch eine Minute warten. „Was, keine Glückspost, nicht mal eine Gratiszeitung?!“ Aus hygienischen Gründen seien Heftli nicht erlaubt. Margrit ist unschlüssug, was sie mit dieser Warteminute anfangen soll. Ich könnte ihr vielleicht ein bisschen aus meinem E-Book vorlesen?
Leider müsse sie die Preise erhöhen bei diesem neuen Aufwand und der Reduktion von zwei Stühlen zum Abstandhalten, entschuldigt sich Rosalina. Mein Schnitt kostet jetzt Fr. 73.- statt Fr. 71.-
Rosalina möchte mich so frisch frisiert nicht ohne Schirm in den Regen hinaus gehen lassen. Ich solle doch den Schwiegersohn anrufen. Der würde mich sicher mit dem Auto abholen. Ohne dass ich anrufe, holt mich meine Tochter ab.
Rosalina, Doris, Margrit und der Herrencoiffeur Fatmir, er hat auch einen Stuhl im Salon, winken zum Abschied:
„Adieu, das nächste Mal hoffentlich ohne Maske.“

tref

Wir haben Abstandhaltezeit und auch Geburtstagsfeste müssen verschoben werden – hoffentlich nicht bis zum nächsten.
Mein lieber, erster Enkelsohn (3rd, male), ich wünsche dir fürs neue Lebensjahr alles Schöne und Gute, zusammensein mit den Freunden, Reisen, Festivals, essen am Familientisch …!
Es war immer interessant, anregend und spannend mit dir von deinem ersten Lebenstag an: wie du mich beim Vorlesen korrigiertest – du warst gerade 4 Jahre alt – weil du, ohne dass ich es realisiert hatte, lesen konntest. Dann die Fussballtore, die du mir zeichnetest, damit ich ihr geniales Zustandekommen gebührend bewunderte, all die Spaziergänge in der Umgebung mit Tannzapfen gefülltem Rucksäckli. Unvergesslich bleibt u.a. auch dein Geburtstagsessen in der „Empress of China“ mit Blick auf den Coit Tower in San Francisco – 1000 Sachen könnte ich aufzählen.

Ich „nusche“, wie andere auch, in der Archivschachtel und schicke dir diesen Vers zu deinem Geburtstag. Ich habe ihn an einem Sonntag vor 22 Jahren für dich gemacht:
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Ich habe es niemandem gesagt, aber nach all diesen Nachrichten wurde der Abstand von der Decke zu meinem Kopf ziemlich viel kleiner. Dann kam gestern Morgen unverhofft der Lichtblick von seiten meiner Familie. Danke!

Ob ich einen Ausflug machen möchte, fragte die Tochter und schaute in den blauen, kondensstreifenfreien Himmel. Was, wo doch Samstag ist und einiges zu putzen (und auszusortieren) …? Aus-Flug?

Eine Stunde später sass ich bereits neben dem Piloten (2nd, male) in einer Cessna und liess mir einige Instrumente erklären. Die vorgeschlagene Flugroute war ganz nach meinem Sinn. Die Decke über meinem Kopf begann sich schon vor dem Abheben zu heben.
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Voralpen

(Foto: Nünenen und Gantrisch am 19.04.20, 07:25 von 16. Stock aus fotografiert)

Wir lassen Sie nicht allein steht in dem Brief, den ich vergangenen Donnerstag von der Berner Direktorin für Bildung, Soziales und Sport bekam.
Seit mehreren Wochen halte das Coronavirus die ganze Welt in Atem. Ich, als Seniorin, gehörte zu den besonders gefährdeten Personengruppen und müsse besonders Sorge zu mir tragen und den Kontakt nach draussen telefonisch, per E-Mail oder brieflich pflegen, eine Post gäbe es schliesslich ja noch.
Bei meinem eingeschränkten Radius könne ich zwei Telefonnummern in Anspruch nehmen: 1. für Hilfsangebote, 2. für Gesprächsbedarf. Ich nehme mir vor, den „Gesprächsbedarf“ mal „in Anspruch“ zu nehmen.

So einen Schrieb zu erhalten, nachdem ich auf meinem Kapselkalender schon die fünfte BleibenSiezuhause-Woche beende, finde ich absolut deprimierend!
Wie die Jungen von der SP Bümpliz-Bethlehem muss man es machen und zwar gleich am Anfang des Lockdowns in möglichst vielen Sprachen. Danke Nicole, Chandru und MithelferInnen!

Wahrscheinlich eine altmodische Déformation professionnelle: Ich lese oder überfliege jeden Fötzel, der in meinem Briefkasten landet. Auch die Domicil Zeitung – Erste Zeitung für Leben und Wohnen im Alter kommt nicht gleich ins Alt-Papier. Wenn mir nach dem oben erwähnten Brief noch ein bisschen Licht aEdT geblieben ist, verflüchtigt sich dieses sogleich und zurück bleibt ein finsteres Loch. Ein Psychologe erklärt mir auf einer Doppelseite, wie ich rechtzeitig Stück für Stück meiner Habe aussortieren soll. Dazu gibt es ein Bild: Auf einer Leiter vor dem Büchergestell steht ein alter Mann – lächelt oder weint er – und hält einen Modellrennwagen in der Hand. Es sei befreiend, sich von Besitz zu trennen. Loslassen könne man im Alter noch lernen. Der Psychologe spricht dann die unzähligen Messis in der Risikogruppe an, wie diese das Entschlacken aufschöben, bis sie im gehorteten Besitz rettungslos untergingen.
Hätten meine Kinder nicht gesagt, dass ich mich nicht ums Aussortieren kümmern müsse, ich würde jetzt auf der Leiter stehen und meine Modellauto-Sammlung käme in die Kiste „Brockenhaus“.

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Jede Welt ist im Moment für mich „weit“. Als erstes rufe ich heute Morgen Rosalina, meine Coiffeuse an. Zum Glück sind alle ihre Familienmitglieder in Italien gesund. Wann sie das Geschäft wieder öffnen kann, weiss sie erst nach der heutigen Medienkonferenz. Ich kann gleich zwei alternative Termine abmachen, denn, obwohl ich nicht so unter die Leute komme, fühle ich mich mit einem guten Haarschnitt besser.
Etwas später telefoniere ich mit dem Förster. Er wird mir für Freitag 6 Säcke Holzschnipsel bereit machen, damit ich die Gartenwege auslegen kann.

Das Telefon klingelt:
Meine Tochter mit den Kleinkrähen sitze unter der grossen Linde und lese ihnen eine Geschichte vor.

Riedern

(Baumreihe oben rechts, 1. Baum von links)

Ich winke mit einem roten Tischtuch und schaue die lustige Gruppe durchs Fernglas an.

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Keine Strichliste.
Sie mahnt mich zu sehr an Gefängnisfilme. Die Bleiben-Sie-zu-Hause-Tage zähle ich anhand der Blisterverpackung meiner Kieselerdekapseln.

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Osterkreise

Diese Eier wurden zwar – unter der bestmöglichen Einhaltung von Distanz – im engsten Familienkreis gefärbt, aber, neinnein, wir essen sie nicht alle selber. Sie werden nach hüben und drüben verschenkt, d.h. in Briefkästen und vor Türen gelegt.

Von hier nach dort schickt Familie Blogk herzlich frohe Ostern- und Pessachgrüsse!

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Pitschi

Bild aus: Fischer, Hans (fis):
Pitschi – Das Kätzchen, das immer etwas anderes wollte.
Eine traurige Geschichte, die aber gut aufhört. Wolfsbergdrucke, Zürich 1948

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Einige neue Abküzungen von Schulfächern muss ich ab und zu erfragen.
BG heisst bildnerisches Gestalten. Hier ein klassenübergreifender BG-Auftrag, bei dem auch die Eltern mitmachen:

Edward Hopper, 1882-1967
Hopper war mit 195 Zentimetern ein aussergewöhnlich großer Mann! Mit 12 Jahren war er bereits über 1 Meter 80 gross. Diese Tatsache trug sicherlich zu seinem wachsenden Gefühl von Isolation und Einsamkeit bei.
Seine Grösse und sein schlanker Körperbau brachten Hopper den Spitznamen „Grashüpfer“ ein. Die ihn verspottenden Klassenkameraden dürften Edward Hoppers sich entwickelnde individualistische Denkweise entschieden geprägt haben
.

(Art in Words, abgerufen am 04.04.2020)

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(Sie haben recht, den Titel dieses Beitrags habe ich bei Mariana Leky ausgeliehen.)

Wieder einmal nehme ich „Gedichte vom Mittelalter bis zu Neuzeit“ zur Hand und treffe auf zahlreiche vertraute Bekannte, ernste und witzige.
Erst jetzt, wo von daheim aus gelernt werden muss, werden die Jungkrähen von den LehrerInnen mit Balladen bekannt gemacht: „Belsazar“ und „John Maynard“. Dazu braucht Grossmutter natürlich kein Buch.

Heute werkle ich auf dem Balkon und mache ihn frühlingstauglich. Pflanzen gibt es keine zu kaufen und ich bin froh, dass einige den Kaumwinter überlebt haben und nun wenigstens etwas Grün hergeben.
Von meinem Balkon im 16. Stock sieht es so aus:
Unter mir auf dem roten Platz gönnt sich meine Familie das tägliche Auslüften.

Roter Platz II

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