Wenn ich durcheinander bin, kommt es oft vor, dass ich aufräume. Der Trick funktioniert seit meiner Kindheit: Äussere Ordnung verhilft zur Inneren. Heute abend waren die Büro-Billys an der Reihe. Dabei fand ich ein altes Dokument, welches aus irgendwelchem Grund bei mir archiviert blieb:

Der Aufsatz von Labinot zum Thema

Aussenraum – Innenraum

Geschrieben am 5. November 1999

„Ich denke so: Jetzt bin ich 9. Kl. und ich kenne die Deutsch Sprache nich gud, ich musst hir noch ein jahr bleiben und die Sprache gud lernen. Die Eltern mir sagen, du musst schule weiter gehen, gimnasium u.s.w. aber ich bin in Real schule un von hir kann man nicht schule weiter gehen. Ein jahr spöter ich musst wider nach Kosovo zurük, und schule weiter gehen in gimnasium 2 Kl. und ich dencke eine gute beruve zu haben z.b.s. Jurist, so dencken auch meine Eltern.

Zwei jahre früher ich bin in Kosovo gewesen, in meine Dorf (Drenovc) im Juni 1998 nachmitg die Serbische Armee gekomt und Drei Tage Krig gemacht mit UçK, und ich geschlofe in ein Keler, und mein Vater in Krig gewesen. Naher ich mit mein Bruder Ein Tag gelaufen nach Peja.“

Mit unseren zwei Kindern begleite ich meinen Mann zum sonntäglichen Abendrundgang, auf dem er jeweils Wasch- und Abfallraumtüren öffnet.

Im Erdgeschoss angekommen, treten sieben Männer, in „Bell“-Uniform ein. Da sich der Lift in den oberen Etagen befindet und sie nur in den 1.Stock wollen, steigen sie schwer beladen die Treppe hoch. „Sie bringen das Essen nach Hause, welches sie am heutigen Fussballmatch nicht verkaufen konnten“, klärte mich mein Mann auf.

Der Lift öffnete sich. Ein müder Tamile grüsst. Mein Mann stellt den Fuss in die Schiebetüre und informiert ihn kurz: „Morgen um 13:00 Uhr kommt der Storenmonteur.“ „Heute?“ „Nein, morgen.“ Der Tamile verwechselt Tag und Nacht, heute und morgen immer wieder. Er arbeitet Nachtschicht.

In den Waschküchen herrschte heute Ausnahmezustand. Einige AlbanerInnen durften ihre Teppiche reinigen, damit sie dafür nicht ständig den Autowaschplatz in der Garage in Beschlag nehmen und somit unzählige Schweizer verärgern.

Das Handy klingelt. Die Rufnummer unseres Lieblingsschwagers erscheint. Mein Neffe ist am Apparat. Zusammen mit seinen Eltern verlässt er in diesem Moment das Dead valley, das Tal des Todes. Es ist der tiefste Punkt der westlichen Hemisphäre und der im Sommer heisseste Ort auf der ganzen Welt. Zwischen Dünen, Büschen und Lava könne das Leben bis zurück zum Urknall erforscht werden, erzählt mir meine Schwester am Telefon. Nun reisen sie über Los Angeles weiter nach San Francisco. In einer Woche kehren sie zurück und wir feiern 3rd, male’s Geburtstag.

Vor dem Lift wünscht uns der türkische Taxichauffeur einen schönen Feierabend und eine gute Nacht.

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Den Stepper hab ich mir zum neuen Jahr geschenkt.

stepper

Schwangerschaft, Weihnachts-Güezi und Königskuchen haben mir zu auffällige Spuren hinterlassen. Nun zeigen mir die amerikanische Fitness- und Muskel-Lady, ihre vier durchtrainierten Tussis, Mitstreiterinnen und zwei Kraftmaschinen wies geht. In einem rosaroten Studio steppen sie: eight, seven, six… and one more time… zuerst langsam, „Singels“, dann doppelt so schnell. Alles im schicken engen Kostüm mit viel Haut, einem Wonderbra-Decolté und stetem Lächeln.

Mein Stepper steht auf Grossmutters Teppich, zwischen Hängematte, Wäscheständer, überstelltem Tisch und Duplos. Kleinsmädchen turnt mit, streckt mir immer wieder die zwei Gymnastik-Bänder entgegen, wundert sich, dass ichs nicht ganz so hinbringe wie die Ladies im TV. Kleinsbübchen schaut mich mit grossen, richtig grossen (!), Augen an. Wenn Mama in ihrem Outfit, quer gestreifter Pyjama (mit Still- statt Sport-BH) und marokkanischen Latschen, dieses DVD-Übungsprogramm ausprobiert, gibt’s nur zu staunen. Lauthals lachen kann Kleinsbübchen noch nicht.

Ich bin eine Woche „überfällig“, so schwer wie nie (und hoffentlich nie wieder) in meinem ganzen Leben, zwar geduldig, aber dennoch langsam genervt. Die Arbeit ist übergeben, die Wohnung aufgeräumt und sauber, jegliche Kinderkleider frisch gewaschen und sortiert, tonnenweise Windelvorrat angelegt, alle Rechnungen beglichen, der Kühlschrank voll, die Daten des Compis gesichert und mein Büntlein fürs Spital gepackt.

Um Weihnachtsgeschenke zu machen oder alte Fotos zu sortieren, finde ich irgendwie keine bequeme Position mehr. Für die Geburtsanzeige hab ich immer noch kein tiefsinniges Sprüchlein für unser frisches Kindlein gefunden. Was wohl zu ihm passt?

Am Flughafen Zürich im Check-in warten sie, die frischgebackenen jungen Mütter, mager, hoch gestöckelt oder in zarten Ballerinas, in knitterfreien Zweiteilern, farblich passend geschminkt, Stufenschnitt oder Dauerwelle, aber auf keinen Fall kürze Haare als Schulterlänge, alle ihr Baby im „Römer“. Diese Frauen reisen, gestylt bis zum letzten, hierhin, „nach Hause“ an tausend Hochzeiten.
Für mich sehen sie alle gleich aus. In ihrem leichten Schuhwerk werden sie in den kommenden Wochen über schlammige Wege und unasphaltierte Strassen gehen, Turn-oder Wanderschuhe wären eine Schande.
Auch wir verbringen zwei Wochen auf dem Land, bei Onkeln, Tanten, Cousinen, Cousins, Nichten und Neffen.
Kleinesmädchen erwacht jeden Morgen beim ersten Muhen der Kuh und will sofort in den Stall gebracht werden. Sie wird von allen verwöhnt, meine „Erziehung“ greift hier nicht, sie darf alles: Mit Sachen um sich werfen, Pflanzen abreissen, Kinder schlagen, spucken.
Ich frag mich, wie lange ich brauchen werde, bis sie mir wieder gehorcht.
Die Tage auf dem Land gefallen uns. Die Gastfreundschaft der einfachen Leute ist rührend.
Ich habe Glück, nur einmal muss ich ein Püppchen-Kostüm anlegen, eine „Maske“ auftragen und meine Haare in eine Betonskulptur verwandeln lassen, um einer knapp volljährigen Verlobten, die in die Schweiz eingeflogen werden soll, zu gratulieren.
Auch bei diesem Anlass sehe ich sie wieder, die Hochgestöckelten und Gestylten vom Flughafen.

… fliegen wir ab nach Kosovo. Eigentlich wollten wir ja den Land- und Fährweg kennen lernen, aber in dieser Hitze und mit Kleinesmädchen ziehen wir doch lieber den klimatisierten Flieger vor.
Kosovo im Sommer, heiss, laut und voller BesucherInnen mag ich eigentlich gar nicht so sehr. Aber ich reise mit Auftrag: Ich will in der Bibliothek die allererste albanische Schulfibel überhaupt, von Sami Frashëri, anschauen. Darin werd ich bestimmt etwas passendes für die Geburtsanzeige unseres wachsenden Bauchkindleins finden.
Ausserdem freuen sich 99% der Familie meines Mannes unbeschreiblich, uns endlich wieder zu sehen. Natürich bringen wir 20 kg Geschenke mit, da heisst man uns noch viel lieber willkommen 😉

Allen Blogk-LeserInnen und SchreiberInnen eine ganz schöne Sommerzeit! Bis bald!

Mein Mann ist mit der Sehnsucht nach der Unabhängigkeit zur Welt gekommen. Nun ist diese gestillt. Er ist überglücklich über den heutigen Tag. Wie lange das Kosovo auf die Unabhängigkeit von Serbien gewartet hat, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Antworten liegen lustigerweise zwischen 9 und 500 Jahre. Was allerdings heute alle Menschen mit kosovarischen Wurzeln gleich gemacht haben: gefeiert, getanzt, fein gegessen, mit vielen Verwandten und Bekannten telefoniert und Nachrichten geschaut.

Ich wünsche allen Kosovarinnen und Kosovaren, dass sie ihre Zukunft nun aktiv in die Hand nehmen und das Bildungs-, Gesundheits- und Wirtschaftssystem ihres demokratischen multiethnischen Landes verbessern. Auf dass dafür ein friedlicher Weg ermöglicht wird.

Seit Monaten treffen sich bei uns auf dem Spielplatz fünf Frauen libanesischer und irakischer Herkunft mit ungefähr 20 Kindern. Alle tragen ein Kopftuch. Immer passend zu ihren Gewändern, farbig, perfekt gebügelt und bei den jungen Frauen unter dem Kinn zugenäht.

Das älteste Mädchen, dünn und lang, bei diesem Gespräch von Kopf bis Fuss in Blau eingehüllt, begleitete ihre Klasse nicht in die Landschulwoche. Ich wunderte mich. Sie erklärte mir, dass ihre Mutter ihr die Teilnahme nicht erlaubt hatte, weil ihr Lehrer ein Mann sei und sie die Woche auch mit den Knaben verbringen würde. Nächstes Jahr dürfe sie vielleicht mit, wenn sie ein eigenes Zimmer bekommen könne. Ja, sie sei schon traurig. Sie wäre dann noch mehr Aussenseiterin, weil sie viele Gruppenerlebnisse verpasst hätte.

Die Mutter sass im Gespräch mit ihrer Schwester, Schwägerin und Freundin in der Nähe. Ich sprach sie darauf an und erklärte kurz mein Bedauern. Sie wolle das Mädchen nur schützen. Für eine Muslima sei das Leben hier sehr schwierig, erklärte sie mir. Ihre Tochter bete fünf Mal täglich. Ausserdem verhülle sie Haar und Körper vor jedem Mann und jedem Bub. Wie sollte sie sich da dem Landschulwochen-Programm anpassen können? Ausserdem werde das Mädchen in fünf Jahren heiraten. Wer würde sie dann überhaupt noch nehmen, wenn sich die Teilnahme an dieser Woche herumsprechen würde?

Eben erhielt ich eine mündliche Absage für eine Mutterschaftsentschädigung. Ich hätte in den neun Monaten vor der Geburt während fünf Monaten angestellt sein sollen. Hallo? Ich habe studiert und halt nur so kleine Telefon-, aufgabenhilfs- und Kerzenziehjobs gemacht.

Blöd, dass ich im Mai 2006 von der Ausgleichskasse des Kantons Bern eine mündliche Zusicherung erhalten habe, dass ich die Voraussetzungen für eine Mutterschaftsentschädigung erfülle. Deshalb rechnete ich mit dem Geld!

Bestimmt wäre es sinnlos und total unmoralisch, unser Familienblog dafür auszunutzen, um im www zu fragen, wer einer verzweifelten Mutter hilft, ihr Studiendarlehen von 15’000 Franken abzubezahlen. Deshalb wünsch ich allen Studierenden keine Schwangerschaft. Kinderkriegen ist nämlich in Bern gar nicht wirklich attraktiv. Kauft euch lieber eine Katze.

Sie wurde am Sonntag von ihrem Ehemann bedroht, aus dem Fenster geworfen zu werden und floh zu Fuss mit ihrem drei Wochen alten Säugling. Er fand sie um Mitternacht, brachte sie nach Hause und verprügelte sie blaugelbgrün. Am Montag kam sie zu mir und bat, ihre Schwester aus St.Gallen zu informieren. Diese schenkte ihr bisher kaum Glauben, erschrak über meine Erzählungen der NachbarInnen und kam sofort. Ein neuer Streit entfachte sich und die Polizei musste kommen.

Leider war die Mazedonierin so erschöpft und verängstigt, dass sie nicht zugab, bereits über ein Jahr misshandelt zu werden. Hatte sie doch stets die Warnungen ihres Mannes im Kopf, er werde sie überall finden und früher oder später umbringen. Vom Kind könne sie sich sowieso schon verabschieden, wenn sie ihn verlassen oder verraten würde. Also belog sie die Polizei, sie liebe ihn überalles, er hätte ihr sonst noch nie Gewalt angetan, sie wolle mit ihm und ihrer Tochter zusammen bleiben…

Die Polizisten erklärten mir die Gesetzeslage. Es sei zu wenig passiert, um jemanden mitnehmen zu können. Aussdem hätten wir hier auch keinen Wald mehr, wenn man all diese Typen einsperren würde. Da stünden nur noch Gefängnisse. Jeden Tag würden sie einmal wegen einem solchen Fall ausrücken. Ca. 30% der betreffenden Frauen würden Anzeige gegen ihre Ehemänner erstatten und davon käme wiederum jede Zehnte am nächsten Morgen auf den Posten, um diese zurück zu ziehen. Was wollte ich anders, als mich auch zurück ziehen? Die Mazedonierin hat noch nie auf mich gehört. Bloss in Extremsituationen will sie was von mir. Die Polizei verabschiedete sich ebenfalls. Auch die Schwester und ihr Mann nahmen nach heftiger Diskussion mit dem Täter den 250 km langen Heimweg in Angriff. Zurück blieb die junge Familie in der Einzimmerwohnung.

Er wurde 1970 im Südlibanon geboren. Zwischen 1983 und 1995 erlebte er hautnah Krieg. Sein Körper weist drei Schussverletzungen auf. Elf Geschwister leben noch. Der 41jährige Bruder sitzt seit 23 Jahren bei den Israelis im Gefängniss. Nein, besuchen könne er ihn nicht. Sähen die Libanesen ein israelisches Visum in seinem Pass, sässe er zehn Jahre in Haft.

Ich warte auf den Rückruf seiner Sozialarbeiterin, respektiv deren Stellvertreterin, denn sie weilt bis Ende August in den Ferien. In meiner Abwesenheit belästigte er wieder unsere BlockbewohnerInnen. Er will einfach immer Geld und schwört, es zurück zu geben. Mit seinen glaubhaften Begründungen erbettelte er sich schon tausende von Franken – Schulden. Er akzeptiert kaum ein „nein“, ist aber noch nie gewalttätig geworden. Höchstens küsst er Stirnen und Hände oder hält Füsse fest umklammert, um auch diese zu küssen. Er stellt auch schon Mal seinen Fuss in die Tür. Viele geben ihm Geld, weil sie sich dadurch Ruhe vor ihm erhoffen; weit gefehlt. Die Kinder und die verschleierten Frauen haben grosse Angst vor dem langen unheimlichen Mann.

Zwei Mal am Tag holt er sich in unserer Apotheke seine Medikamente: Xanax, Zebreska, Valium und drei weitere, die ich nicht kenne. Therapien wurden allesamt mit der Begründung abgebrochen, er halte sich an keine Abmachungen und sei Therapie unfähig. Er ist wirklich sehr vergesslich, nervös und distanzlos. Er kommt den Leuten viel zu nahe und schlägt sich am Türrahmen und allen anderen „Hindernissen“ an.

Er hat mehrere Anzeigen wegen Belästigung und Diebstahl. Seine in Dubai im Sterben liegende Mutter wünscht sich nur eins: dass er heiratet und Kinder macht. Deshalb hat ihm seine Familie eine Frau organisiert, die anscheinend in einem Monat und zehn Tagen in die Schweiz eingeflogen wird. Sie spräche Französisch, Italienisch und Englisch und mit ihr würde er geheilt. Auch sein rauschender Tinitus würde nach der Hochzeit verschwinden. Bei einem seiner Brüder war das auf jeden Fall so – er schwoort mann.

Die ganze Blogk-Familie braucht Ferien. Aber noch ist es nicht soweit. Bis zur Stunde der Abreise wird noch gekrampft. 1st gefällts nicht, wenn hier so wenig steht. Das Pensionsalter will sie hinausschieben und mir hilft sie bis zum Umfallen am letzten Schliff meiner Masterarbeit. Zum Bloggen hat sie keine Zeit.

Was haben folgende Käffer gemeinsam?

Auswil, Bangerten, Belprahon, Berken, Court, Crémines, Därstetten, Dürrenroth, Farnern, Gelterfinngen, Guggisberg, Kandergrund, Kirchthurnen, Isleltwald, Leimiswil, Röthenbach, Rüti bei Riggisberg, Saules, Scheunen, Scheuren, Sorvilier, Untersteckholz, Walliswil-Bipp, Wiggiswil und Deisswil und Wyssachen.

Ich war ein bergfremdes Stadtkind und ungefähr acht Jahre alt, als mich mein Vater mitten im Gebirge sitzen gelassen hat, weil ich vor dem schmalen Weg und dem tiefen Abgrund Angst hatte. Verzweifelt und verweint hat mich nach einer Ewigkeit ein fremdes Wanderpaar aufgegabelt. Eines von vielen Beispielen, über das diskutiert werden könnte, ob ein solches Verhalten, abnormal, gestört oder arschlochig genannt werden könnte.
In eben diesem Zusammenhang wurde ich heute noch gefragt, ob ich denn meine, eine bessere Mutter zu sein. Hier die Antwort: Ich bin Mutter. Mein Vater ist kein Vater.

Seit Wochen hatte ich die Mazedonierin nicht mehr gesehen. Ich wusste nur, dass sie Zwillinge erwartet. Eigentlich war ich ein bisschen froh, dass ich sie nicht mehr traf, denn ihre Situation und dass sie keinen meiner Ratschläge befolgte, belastete mich tief. Doch plötzlich kamen Ängste auf, sie läge tot in ihrer Einzimmerwohnung. Deshalb erkundigte sich mein Mann unauffällig bei ihrem Mann und teilte mir zuhause mit, er habe sie nach Mazedonien geschickt.

Jetzt ist sie wieder zurück. In ihrem Bauch liegt allerdings nur noch ein Kind. Das andere habe sie in Mazedonien wegmachen lassen. Rausnehmen? Im sechsten Monat? Leider sei es garade der Knabe gewesen, aber das sei jetzt auch egal. Hauptsache, das Kind komme in der Schweiz auf die Welt, damit sie ihren Mann endlich verlassen könne, ohne selber ausgewiesen zu werden. Am Liebsten hätte ich ihr vor die Füsse gekotzt.

Die ersten vier Jahre nach dem Krieg hat in der Heimat meines Mannes niemand eine Rechnung für die Elektrizität bezahlt. Der Strom wurde an der Hauptleitung abgezapft und in Haus, Stall und Hof gezogen. Erst jetzt wurde den einzelnen Familien für diese Zeit Rechnung gestellt: 1000 Euro. Woher nehmen, wenn viel dringender ein neuer Generator gekauft werden müsste? Wenigstens tragen ab dem Eindunkeln alle Hausfrauen ein Feuerzeug mit eingebautem Taschenlämpchen mit, was mich schon öfters nicht im Dunkeln hat tappen lassen.

Es gäbe Aussichten auf eine Stelle bei der Post, teilte uns der gleichaltrige Cousin meines Mannes mit. Ein attraktives Angebot: 500 Euro Monatslohn und ein freies Wochenende.

Dort, wo er lebt, beträgt die Arbeitslosigkeit beinahe 100%. Alle sind auf Unterstützung durch im Ausland lebende Verwandte angewiesen. Der interessierte Cousin stürmte mit anderen jungen Männern die kosovarische Post. Was tun, um die eigenen Chancen zu erhöhen?

Zurück im Dorf informierte uns der enttäuschte Cousin: „Wer dem Post-Chef 5’000 Euro schenkt, wird angestellt. Ich hätte drei Monate gratis für sie arbeiten können, damit hätten sie auch gewonnen. Aber so viel Geld hat ja kein arbeitsloser Mensch.“

So arbeitet bis heute immer noch „nur“ sein Bruder. Durch Beziehungen hat dieser eine Stelle in einer Sägerei bekommen, wo er vierzehn Stunden pro Tag und sieben Tage pro Woche Baumstämme hebt und schiebt. Ein Mal im Monat hat er frei. Mit diesen 200 Euros versorgt er neun Leute.

Einer hat eine Stelle.
Acht haben frei.
Stelle.
Frei.

Der fünfjährige Sohn des ältesten Cousins meines Mannes besucht in einem kosovarischen Dorf die erste Klasse. Wenn er in der Schule ist, geht er nicht auf’s Klo. Es stinke widerlich und sei so schmutzig, dass er „es“ problemlos verklemmen könne. In der Schule trinke er auch kein Wasser. Auf seinem Schulweg sieht er nämlich stellenweise die Wasserleitung und den vielseitigen Abfall dazu. Einmal sei sogar ein Wurm aus einem Hahn gekrochen. Seither sei für ihn die Sache klar: Wasser trinke und lasse er erst wieder zu Hause.

Auch mein Mann hat eben diese Schule besucht. 1986 war er dort in der ersten Klasse. Toiletten wie heute gab es damals im Dorf noch keine. Am Waldrand neben dem Pausenplatz stand eine Holzhütte, die noch grässlicher stank, da weder ein Abfluss noch Wasser vorhanden waren. Wenn er das Klo aufsuchen musste, nahm er eine Handvoll Laub mit. Aus dem Brunnen auf dem Schulhof trank er immer Wasser. Würmer habe er keine gesehen. Aber zu Hause trinkt es sich natürlich noch heute am Besten.

Schwester & Co. sind gut in Chicaco gelandet. Schwager hat mir eine MMS von ihm und meinem Neffen mit Elvis Brillen geschickt. Schon beeindruckend, auf welchen Wegen sie die USA bereisen. Ich würde mich in diesem riesigen Land bestimmt in einem riesigen Dessert verlieren.

In zwei Stunden fahren auch wir an den Flughafen. Mein Mann will endlich Kleinesmädchen seiner Familie zeigen. In einer Woche kommen wir schon wieder zurück. Dann bin ich sehr gespannt, hier im Westen Berns etwas über den Westen der USA zu hören.

1st ist seit ungefähr 12 Jahren eine ganze Woche ohne eine/n von uns. Ich weiss, dass sie 3rd, male (meinen Neffen) derart vermisst, dass sie jede Ecke eines MMS von ihm bezoomt. In acht Tagen sitzen wir schon wieder alle bei ihr und essen Brot mit Anke u Chäs. Und jetzt, ab nach Prishtina. Tung!

…im Frühling? In der vorweihnächtlichen Zeit gekauft, blüht er wie verrückt, macht neue Blätter und wächst unaufhaltsam in Höhe und Breite. 1st sagt, Kleinesmädchen sei mein Weihnachtsstern, ich solle den anderen entsorgen, er sei giftig. Nächsten Dezember könne ich mir ja einen neuen kaufen. Entsorgen? Den wunderschönen Stern, dem ich soviel Liebe und Zuwendung geschenkt habe? Kann ich so hartherzig sein? Ob ich ihn in die freie Wildbahn aussetzen soll, damit er hier nicht doch noch Überhand nimmt und im Büro und Treppenhaus jeglichen Platz versperrt? Ich hätte ihn gerade mit dem Weihnachtsbaum entsorgen sollen, bevor ich ihn so lieb gewinnen konnte. So sagt mir doch, was macht frau mit dieser Pflanze im Sommer?

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