Februar 2022


… gewöhnlich.

„Immer, wenn Sie kommen, regnet es“, begrüsst mich Rosalina. Tatsächlich wollten heute schwere Tropfen fallen, wenn Ylenia – oder schon Zeynep? – sie nur lassen würde. Falls ich das möchte, könnten wir die Masken beim Haareschneiden anbehalten.

Nein, umgottswille, gar nicht, hatte ich doch seit vielen Monaten zum ersten Mal wieder Lippenstift benutzt. Die Coiffeurin wäscht, schneidet und föhnt mir die Haare ohne jede Behinderung durch Gummibänder um die Ohren. Dann bringt sie mir einen Espresso – wunderbar – in einem Porzellanbecher, das Wasser in einem Glas und ein Stück Mandelschoggi auf einem kleinen Tablett. Haben Papierbecher- und Wegwerftellerzeit endlich doch ein Ende? Der Sturm wird immer heftiger. Draussen binde ich die Kapuze fest. Die Frisur ist dahin.

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Kleines Gespenst trippelt mit einem Beil im Kopf am Kaminfeuer vorbei. Statt durch Mark und Bein zu erschrecken, lachen Schlossherrin und Schlossherr herzlich über den süssen Gespensternachwuchs. Kein noch so entsetzlicher Spuk gelingt der Kleinen. Schweren Herzens schicken die von der Herumspukerei müden Eltern ihr Kind zum unheimlichsten Gespenst von Schottland in die Lehre.

„Wer bist du?“, fragte das unheimlichste Gespenst von ganz Schottland.
“Ich bin ein junges Gespenst!“ sagte das junge Gespenst, „und möchte zu dir in die Lehre kommen,
weil du das unheimlichste Gespenst von ganz Schottland bist.“
„Ach so“, sagte das Gespenst von Whislefield. „Du hast mich ganz schön erschreckt.“
„Darf ich also zu dir in die Lehre kommen?“
„Meinetwegen. Morgen Nacht kannst du anfangen.“

Aus: In einem Schloss in Schottland lebte einmal ein junges Gespenst. Franz Hohler / Ill.: Werner Maurer. Verlag Sauerländer, 1979, ISBN 978-3-7941-1976-9

Als junge Frau hatte meine Mutter kaum Gelegenheit, kochen zu lernen. Sie wurde „auf dem Feld“ gebraucht. Die Küche blieb ihr zeitlebens ein Muss, und es bestand nie Gefahr, dass sie dieses Terrain nur für sich beanspruchte. Als wir in die Bamershalten umgezogen waren, fing meine Mutter an, selber Brot zu backen. In der finsteren Küche versperrte ein riesiger, mit Metallplatten verkleideter Steinbackofen den Platz. Ausserhalb des Backtages diente er als „Kühlschrank“. Das Einheizen mit Reisigwellen war eine Wissenschaft, die sich meine Mutter schnell aneignete. In meiner Erinnerung kommen keine misslungenen Brote oder Kuchen (Wähen) vor. Wenn wieder sechs bis sieben riesige Laibe auf dem Brett, mit vier Drähten an der Kellerdecke aufgehängt, auskühlten, hätten wir Kinder ihnen am liebsten die goldbrauenen Kröpfe abgerissen und sie ausgehöhlt. Kaum war der duftende Nachschub aus dem Ofen, samt einigen mit süssem Eierguss bedeckten Früchtekuchen, fanden, wie mir schien, besonders viele Leute den Weg zu unserem abgelegenen Haus auf dem „überzügigen“ Hügelrücken. Da niemand hungrig und durstig von dannen geschickt wurde, sei’s der Dorfelektriker, der Briefträger, die Schulbuben mit der Brattig (Kalender), der „Reisend“ (Vertreter) mit den Oswald-Suppen, der „Reisend“ mit den Just-Bürsten, der „Reisend“ mit den eingebrannten, abgekürzten Bibelsprüchen auf Holztäfelchen Dennoch aufblicken, Ich hebe meine Augen auf, der „Reisend“ mit den Kälberstricken und dem Melkfett, Verwandte aus der Stadt mit ihren Gästen, wurde das Hängebrett schnell leer. Der Kauf von Hefe konnte zum Problem werden, weil die 50 Rappen dafür fehlten. In einer solch verzweifelten Situation fand Mutter einmal auf der Strasse ein Fünfzigrappenstück – wieder Brot für alle und noch heute eine frohe Familiengeschichte.

Meine Mutter am Holzherd in der Bamershalten, anfangs der 1960er-Jahre.
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Kleinesmädchen schenkt mir ein Traubenzuckerbonbon. „Oh, danke!“ sage ich und schiebe mir die rosa Tablette in den Mund. Blitzschnell sollte mich nun ein Energieschub treffen und aus meiner schon länger andauernden Antriebslosigkeit heraus katapultieren. Aber nein, ausser einem süssrauhen Gefühl auf der Zugen geschieht nichts. Wahrscheinlich müsste ich das ganze Geschenktäfeli-Glas aus der Apotheke schlucken. Immerhin schmeckt das Wort Trauben-Zucker fein, obwohl dieser – von wegen Trauben – aus Kartoffeln und Mais gewonnen wird.

76 Sturmgewehre und 22 Pistolen sind der Armee im vergangenen Jahr abhanden gekommen. Die Waffenverluste hätten gegenüber dem Vorjahr zwar zugenommen, lägen aber im Bereich der üblichen Schwankungen. Die Ursachen für die Zunahme sieht der Armeesprecher in der gestiegenen Mobilität. Das Militär muss sich in einer ganz anderen Welt bewegen, als das gewöhnliche Volk, welches nun schon zwei Jahre unter mangelnder Mobilität leidet. Inzwischen sind 15 der vermissten Schusswaffen wieder aufgetaucht. Davon wurden 3 Pistolen und 5 Sturmgewehre von Müttern, Freundinnen und Ehefrauen aus der militärischen Schmutzwäsche geschält.

Ich mache einen Gang durch den Garten, wische dürre Blätter zusammen und schiebe sie von den Schneeglöckchen. Es ist kalt und kein Zaungesprächswetter. Nur Margrit aus dem Tscharni spaziert vorbei und teilt mir mit, dass die Bauarbeiten, laut Bruno, im Schwimmbad planmässig verlaufen und wir auf die Neueröffnung im Mai zählen können. „Inshallah“, murmle ich über den spriessenden Frühlingsboten.

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