Alles oder nichts


Die Jeyarajans habe ich angerufen. Nein, sie wissen nichts von ihren Familien, nein, nein, gar nichts. Es gibt keinen Kontakt und hinfliegen können sie auch nicht, im Moment sind alle Passagierflüge gestrichen.

Sie wissen auch nicht, wie viele Opfer es gegeben hat. Doch sie sind sicher, dass niemand helfen wird, dass nur sie allein helfen können. Sie danken für meinen Anruf, sie gehen jetzt wieder in den Tempel, um zu beten und die Subramaniams und Shanmuganathans und Sriranganathans zu treffen, die vielleicht mehr Nachrichten haben aus der Heimat.

Der Tempel ist jetzt etwas weiter weg, er musste umziehen, die Nachbarschaft hat Unterschriften gesammelt. Alles was Recht ist, aber die Hindu-Feste waren wirklich zu laut. Was sind wir für ein glückliches Volk mit kleinen Katastrophen und grosser, schneller Hilfe und stets ausgezeichneter Information.

Und zum allerersten Mal in meinem Leben empfinde ich tiefes Mitgefühl für alle, auch die, mit denen ich lange Zeit im Integrations-Clinch lag. Zum Beispiel Guga Tarzans Onkel, der dem kleinen Guga die Hand auf die Herdplatte gedrückt und den Unterkiefer zerschmettert hat, wenn er im Kindergartenalter auch nur einen Mucks von sich gab.

Es ist wahrlich nie zu spät.

UPDATE 29.10. 16:29 Uhr: Die Jeyarajans wurden angerufen! Das Haus der Verwandten ist zerstört, aber alle leben und brauchen Geld. Sie wohnten nicht nahe am Wasser. Das Mädchen, das mit mir telefoniert hat, klang, als lachte sie durch den Hörer. Erleichterung ist ein überwältigends Gefühl.

Krise hin, Krise her, erhielt ich einen Termin für eine Sprechstunde im Inselspital. Da ich zu früh dort war, beobachtete ich das Erwachen der Abteilung, als eine junge Frau mit Velohelm hinein stöckelte. Sie musste Praktikantin sein.

Alle, nur bitte die nicht. Und doch holte mich gerade sie, mit ihrer roten Nase und ihren rosa Bäckchen im Wartezimmer ab. Immerhin sah der begleitende Psychiater echt aus. Die Wonderbra-Tussi stellte mir anschliessend Fragen über Fragen, obwohl ich ihr zu Beginn zu verstehen gab, dass ich meine Probleme selber benennen könne.

Ob ich Alkohol trinke? –Nein.
Rauche? –Nein.
Andere Drogen? –Nein.
Fühlen Sie sich fremdbestimmt? –Wie meinen Sie das?
Hören Sie Stimmen? –Nein.
Glauben Sie andere zu beeinflussen? –Ich bin Lehrerin.
Hat sich schon die Farbe an der Wand verändert? –Nein.
Haben Sie Angstzustände im Lift? –Nein.
Im Bus? – Nein.
In vielen Leuten? –Nein.

So verlief das „Setting“. 50 Minuten lang. Bis zu der letzten Frage, in Form eines Tests: Ich sage Ihnen jetzt drei Wörter. Ich dachte: Was, nur drei? Da unterbrach endlich der Herr Doktor und meinte, ich hätte bestimmt kein Gedächtnisproblem. Er gab mir einen Termin für den nächsten Tag.

Als ich meinen Freund kennen lernte, war er Wassermann. Seit 1991 las er inbrünstig seine Tageshoroskope. Ganz Zutreffende schnitt er sorgfältig aus und legte sie zu den wenigen Fotos seiner Kindheit im Kosovo. So wuchs er als zuverlässiger, aktiver und hilfsbereiter Wassermann heran und liess sich von niemandem aus dem Konzept bringen.

Dann erzählte er mir die Geschichte seiner Geburtsurkunde. Sein Vater konnte diese erst zwei Monate nach seiner Geburt ausstellen lassen. Mein Freund musste also in Wahrheit ein Schütze sein. Deshalb las er jetzt auch das Schützen-Horoskop. Ja, das passte. Er erkennt und überwindet Hindernisse, nimmt sich im beruflichen Bereich viel vor und kümmert sich um seine Freunde.

Letzten Oktober wollte der Wassermannschütze es dann doch noch genau wissen und fragte seine Eltern, an welchem Tag in welchem Jahr er geboren worden sei. Und so erfuhr er endlich, dass er ein Skorpion ist. Ja, das passt. Bei einem Skorpion ist nichts unmöglich. Er zeigt ein breites Spektrum an typischen Merkmalen vom einem aufwendigen Lebensstil bis zur völligen Enthaltsamkeit.

Nicht für jedes Kind scheint ein heller Stern, der aller Welt seine Geburt mitteilt. Dafür kann man die jetzt kaufen und verschenken.

Jetzt gehen wir beide – Schützin und Skorpion – mit dem Weihnachtsgutschein von 1st, female, ins Solbad. Der Stern von Bethlehem weist uns dann den Nachhauseweg.

Meine Weihnachtsgeschichte gabs schon am 13. Dezember. In der taberna kritika. Eine bessere kann ich mir nicht denken.

Dranmor I, 1b

(Taktlos)

Was ich über mich erzählt hätte, hat er mich gefragt, bei diesem Vorstellungsgespräch – bei meiner Vita. Ja, er hat tatsächlich das Wort Vita benutzt. Nicht viel, habe ich entgegnet. Ich hätte mehrheitlich einfach geschwiegen. Ich schweige nun öfter, ich habe glücklicherweise geschwiegen. Zu oft haben andere sich schon in peinlichen Psychologisierungen versucht. Verstiegen. Ein paar Mal wurde es mir dann zu bunt und ich packte aus und fasste zusammen, immer darauf bedacht in alles Gesagte einen genügend ironischen Ton zu legen, um mich notfalls wieder zurücknehmen zu können. Dann das immergleiche Echo: Es wären Folgen einer Demütigung, mehrfacher Demütigungen gewesen, die zu dieser Ort- und Orientierungslosigkeit, ja, zu diesem entschlossenen Abstreiten von allem, was Ort sein könnte, getrieben hätten.

[unbedingt weiter]

Vielen Dank, Herr Abendschein. Und frohes Fest.

-Baum besorgen
-Restliche Geschenke kaufen
-Haare schneiden
-Kolleginnen zum Kaffee einladen
-Päckli knutselieren
-Karten an Bekannte ohne Mail
-Zeitungen lesen, bündeln
-Kühlschrank abtauen, Wäsche erl.
-Kehrichtmarken!

Sonntag, 19. Dezember:
Es regnet, und ich wate mit den Kindern durch den Matsch auf der Bundesgasse. Der nasse Schnee drückt auf die Äste der Tannenbäume. Handelseinig werden wir mit Herrn K. aus Steffisburg, der uns eine prächtige Weisstanne verkauft. Ihre Herkunft kann man nur bis nach Langnau zurück verfolgen. Möglich ist es aber, dass sie aus Dänemark … aj, aj, aj!
Herr K. ist begeisterter VW-Fahrer, möchte sein Wägelchen mit Diesel-Motor nicht mehr hergeben, braucht keinen Stern auf der Motorhaube. Wartet darauf, dass er seine Steffisburger-Bäume in einem zukünftigen Dezember verkaufen kann. Vorläufig sind diese noch „Zwärge“.
Völlig durchnässt bringen wir den 2 Meter hohen Baum heim in den 13. Stock.
Wie jedes Jahr ist er der Schönste vom ganzen Markt.

Montag, 20. Dezember:
Ich mache mich zeitig auf, um die letzten Geschenke zu kaufen. In einigen Familien verzichtet man (mehr oder weniger erfolgreich) auf Geschenke, weil man ja eigentlich alles hat. Statt dessen kann man spenden wos gerade nötig … In anderen Familien beschenkt man nur die Kinder.
Bei uns, der weihnächtlichen Grossfamilie, türmen sich die Pakete weit ins Wohnzimmer hinaus, haben kaum Platz unter dem Baum. Das Auspacken dauert die halbe Nacht, wird ein bisschen chaotisch, besonders, wenn die 2. Garnitur Kerzen herunter gebrannt ist. Mir fehlt nur noch das Geschenk für C., den Freund meiner Nichte. Ich habe keine Ahnung von DVDs und wende mich, da ich nicht fündig werden kann, an den jungen Verkäufer mit Bärtchen. „Herr der Ringe III- unmöglich, in Bern total ausverkauft,“ bestätigt er meine Befürchtungen. O je!
„Hier habe ich noch ein Spezialangebot mit Burg“, meint er. Ich weiss nicht so recht, ob ich einem Erwachsenen eine DVD mit silberner Plastikburg schenken soll. „Doch, doch, wenns ein wirklicher Fan ist, freut er sich auch an der Burg. Man kann diese öffnen und zum Beispiel Salznüsschen reintun.“ “ Sie sind ein guter Verkäufer. Ich nehms.“ „Soll ichs Ihnen als Geschenk einpacken?“ Der junge Mann verschwindet für 20 Minuten hinter einer Tür, kommt dann strahlend mit einem schiefen Paket wieder, auf welchem zwei grosse Schleifen prangen. Das Papier ist ein bisschen zerknittert und wirft besonders an den Kanten einige Falten. Ich bin gerührt und danke herzlich für so viel Mühe im Weihnachtstrubel. Der Verkäufer lächelt etwas schüchtern. Nun kommt mir das Gesicht bekannt vor. „Entschuldigung, waren Sie einmal bei mir im Hort?“ frage ich ihn. „Ja, und auch in der Bibliothek, habe immer Bücher geholt.“ Wunderbar! Noch einer, aus dem etwas geworden ist.

Dienstag, 21. Dezember:
Nachdem der Coiffeursalon in unserer Ladenstrasse lange Zeit gar nicht mehr recht lief und auch das zusätzliche Angebot an üppigen Hochzeitskleidern die Kundschaft im wahrsten Sinne des Wortes nicht anzog, übernahm Nina den Laden. Ihre Stammkundschaft aus dem chicen Quartier am Fusse des Hausbergs folgte ihr, vielleicht etwas verwundert, in den Westen von Bern. Seit heute bin ich dort neue und zufriedene Kundin. Nicht nur der Espresso, auch die Frisuren sind 1a und „preislich“, wie mein Vater sagen würde. Verstellbare Sessel, auf welchen man zwischen Waschen, Schneiden und Fönen hinauf- und hinunter gefahren wird, gibt es nicht. Der vergebliche Versuch, sich leicht zu machen, damit sich die zierlichen Coiffeusen nicht in Schweiss treten müssen, fällt weg. Sehr angenehm. Dieser Salon mit Spiegeln, die keine Wände sind ist ein wahrer Geheimtipp.

Mittwoch, 22. Dezember
Eine gute Bekannte von mir, allein erziehende Mutter, hat für eine Reise nach Ägypten gespart. Sie will Weihnachten nicht in der Schweiz verbringen, möchte keine Tannenbäume sehen. Diese Heilige Zeit erinnert sie zu sehr an früheren Familien- und Ehestreit. Das Arrangement am warmen Meer im Hotel unter Palmen war günstig. Zwar gab es dort vor einigen Wochen einen schrecklichen Terroranschlag, aber wir sind ja heute nirgends mehr sicher!?

Donnerstag, 23. Dezember: einziger blokgkonzeptwidriger Nachtrag!
In frisch gestrichene Lifttüren werden, je nach Eingang, sofort unzähligen Mitteilungen jeglicher Art eingekratzt. Wahrscheinlich nachts, denn ich habe noch nie jemanden mit Messer oder Schlüssel hantieren sehen. So weiss ich auch nicht, wer in meinem Hauseingang „Davidstern = Hakenkreuz“ eingeritzt hat. Es muss sich um eine erwachsene Person handeln, denn es stand vor einigen Wochen ganz oben an der Lifttüre geschrieben. Ich holte Farbe und übermalte das Ganze mit einer Frau und einem Mann, die zwischen sich ein Kind an der Hand führen. Unterdessen war der Maler im Haus und strich mit dem passenden Gelb darüber. Seit einiger Zeit steht, wieder am obersten Rand der Türe, „Down, down Israel. YES“ Der Maler wirds im neuen Jahr wieder überstreichen. Wer von meinen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern „schreibt“ so etwas?

Schnee im Bärengraben

Gestern hat es geklingelt und ich habe den Hörer genommen. R. war unten, er kennt mich nicht so gut, er ist Schweizer. Er hat gefragt: „Bist du 3rd?“ Ich habe „Ja“ gesagt. Dann hat er gefragt „Hast du ein TV?“ und ich habe „Nein“ gesagt. Dann hat er gefragt „Bist du ein Streber?“ Und ich habe „Nein.“ gesagt. Da hat er gesagt, dass er nur wissen will, ob die anderen „huere“ Lügner seien.

Ich habe es Mam erzählt und Rs Stimme genau nachgemacht (das war Berndeutsch und ich kann das nicht so gut schreiben, weil Berndeutsch schreiben ist hennä schwer) und wir mussten beide lachen.

Im aktuellen SPIEGEL (ab S. 66) ist ein ausführlicher Bericht über Libeskind, den Daniel, den Architekten, den „Prediger, der baut“.

Er rennt, er hüpft, er hat von allem den finalen Entwurf im Kopf, er sieht ganz genau wie es zusammenhängt, er ist stolz, gespannt, polnischer Jude in New York, nie ein Berliner geworden, obwohl Berlin das spezielle Licht hat.

Es ist leicht zu sagen: Ach, das ist grau. Aber es gibt etwas Schönes in diesem Licht, ein östliches Licht. Es gibt mehr Helligkeit in dem dunklen Berliner Himmel, als man mit blossem Auge sehen kann. Es ist das Licht der Geschichte, der Ideen der Menschen. Architektur hat unter anderem die Aufgabe, diese Licht erkennbar zu machen.

Auch wenn eine Shopping-Mall nicht geade das jüdische Museum oder das neue World Trade Center ist: Wer weiss, vielleicht lässt sich auch hier das Licht der Erkenntnis nutzen, vielleicht verschwinden auch hier die Mauern:

Ich zeichnete einfach durch sie [die Mauer] hindurch, als wäre sie gar nicht da. Die Mauer war nichts gegen meine Ideen, gegen die jüdische Kultur. Bis heute habe ich das Gefühl nicht vergessen. Und als die Mauer dann tatsächlich fiel, dachte ich, ich habe etwas damit zu tun. Was wir glauben, was wir denken, jeder von uns, trägt dazu bei, was in der Welt passiert.

… findet der Gebläseträger den Dreck. Es ist noch dunkel. Sechs Strassenwischer in orangen Overalls und warmen Kappen machen sich daran, die Bushaltestelle und den Fussweg zum Quartier zu kehren. Seit mehr als einer Woche liegen Laub, Papier, Plastiksäcke und Flaschen umher, kleben feuchte Zeitungen auf den schleimigen Spuckehäufchen und in der Urinecke der abgefackten Bushaltestelle. Neben dicken Saugrohren hantieren die Männer auch mit Handsägen, Bürsten, Rechen, Greifzangen und Reisigbesen.
„Ich danke Ihnen, dass Sie hier putzen. Es ist dringend nötig. Ich wurde schon ganz schwermütig ob all dem Müll.“
„Wir wissen nicht, wo wehren, haben immer alle Hände voll zu tun. Ständig wird gespart und werden Stellen gestrichen, müssen Sie wissen.“
Im Bus lese ich, die grösste gegenwärtige Sorge der Schweizerinnen und Schweizer sei die Arbeitslosigkeit, genauer gesagt, die Erwerbslosigkeit. Arbeit gäbe es eigentlich in Hülle und Fülle, seis in den Schulen, den Heimen, beim Abfall, in den Bibliotheken, aber heute ist kein Geld da, auch nicht 2005. Es soll ein richtiges Sparjahr werden. Das sind schlechte Nachrichten. Wahrscheinlich muss dann der kurdische Wirt noch einen Tisch mehr vor seine Beitz stellen, damit die Erwerbslosen, die Invaliden, die Frühpensionierten, die Ausgesteuerten, die AlkoholikerInnen einen warmen Platz haben in unserer Ladenstrasse. In der Welt vor Bern-West sieht es nicht besser aus. 26 Mio. Euro im Jackpot verursachen ganze Völkerwanderungen und bringen die Menschen ein bisschen zum Träumen: ein Häuschen auf Kreta, eine Reise, ein junger Mann möchte sich endgültig zur Ruhe setzen. Die Wünsche der Befragten an den Verkaufsstellen sind bescheiden. Mit einigen 1000 Euro wäre man zufrieden und viele Geldsorgen los.
Ich habe keinen Lottoschein ausgefüllt, obwohl mich eine nette Dame aus FFM angerufen hat und mir einen verkaufen wollte. Auch das samstägliche Los von der Post im Dorf brachte wie immer nichts. Die Posthalterin erinnert sich, dass vor Jahren einmal einer 250 Franken gewonnen hat.
Ich will nicht klagen, denn heute und morgen habe ich noch eine Erwerbsarbeit, und weiter schaue ich die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem Felde an, denn wozu sonst habe ich schon als kleines Mädchen ein Fläschchen schwarzer Tusche beim Bibelquiz in der Sonntagsschule gewonnen?

Vorhin hat ein Junge aus 3rds Klasse hier geklingelt, der der Blogk-Familie normalerweise feindlich gegenübersteht. Kein Wunder, seine Eltern finden „diese Studierten“ einfach nur so zum Wegschmeissen (dass 3rds Eltern nicht studiert haben, ist sowas von egal) und er hat daher bei uns von Zuhaus aus Hausverbot. Jedenfalls war der dann doch hier an der Tür:

Er: Kann ich dein Lesebuch leihen?
3rd: Wozu?
Er: Um das Gedicht zu lernen, das wir müssen bis morgen.
3rd: Ich habe es vergessen.
2nd, female: Ich kanns dir rasch ausdrucken, wenn du warten möchtest?
Er: Ich warte.

Ich hole „Knecht Ruprecht“ von irgend einer Kindergarten-Präpp-Seite und passe den Text auf die Lesebuchversion an, während der Junge und 3rd vor der Türe flüstern. Dann mache ich eine lesefreundliche Variante im Word, die ich ihm in einem nigelnagelneuen Klarsichtmäppchen überreiche. Richtig elitär und superstudiert.

Er: Danke, tschüss.
3rd und ich: Tschüss.

Background: 3rd, der Streber, kann den Ruprecht längst auswendig, darum hatte er sein Lesebuch nicht dabei. Aber das würde er nie im Leben zugeben.

Man soll nicht nur in den Teller, sondern auch über dessen Rand schauen. In diesem Falle ist beides sehr erbaulich. Zum Beispiel die Website eines meiner liebsten Lokale. Besonders interessant: die Link-Kategorie „Matrimonials“. (Die Links „Heiratvermittlung“ wurden unterdessen rausgenommen. 1st, female, 02.09.2013)

ist wieder da!!!

Jemand hat es mir letzten Donnerstag in den Briefkasten getan. Es ist nicht kaputt. Ich möchte gerne wissen: hat jemand ein schlechtes Gewissen gehabt oder haben es die Eltern gemerkt? Ich freue mich riesig, dass ich es wieder habe!!!

… zu meiner Lehrertabelle:

Jemand hat mittelrichtig geraten:

Platz 1: Französischlehrerin (ich habe nur eine, auch wenn sie 2x drauf war, das war ein Fehler.)
Platz 2: Gitarrenlehrer1 und Gitarrenlehrer2 und Flamencolehrerin
Platz 3: Herr Werken nicht textil, Flötenlehrerin1, Flötenlehrerin3
Platz 4: Klassenlehrerin1 und Klassenlehrerin2, Englischlehrerin, Flötenlehrerin2, Skilehrer
Platz 5: Frau Werken textil2
Platz 6: Frau Werken textil1

Seit drei Tagen liegt bei mir eine Packung Kaliumiodid, 2×6 Tabletten, von den verantwortlichen Behörden vorsorglich und gratis nach Hause geliefert. Auf dem Informationsblatt, verfasst in acht Sprachen und in winzigst kleiner Schrift, werde ich angewiesen, wie ich mich bei einem schweren Kernkraftwerkunfall zu verhalten habe. Alle, die im Umkreis von 20 km eines Kernkraftwerkes wohnen, sollten diese Jodtabletten griffbereit haben: Bitte, lagern Sie die Tabletten an einem Ort, wo Sie diese sicher wiederfinden.
Da ich in Zone 1, nur 10 km vom Kernkraftwerk Mühleberg entfernt wohne, nehme ich die Lupe zur Hand um nichts zu übersehen. Bei Gefahr, dass radioaktive Stoffe freigesetzt werden könnten, alarmieren die Behörden die Bevölkerung. Informationen dazu finde ich im Telefonbuch auf den hintersten Seiten: (ein regelmässig auf- und absteigender Ton der Sirenen, dauert 1 Min. mit 2 Min. Unterbruch). Die Behörden ordnen an, wann die Tabletten, mit viel Flüssigkeit, ein erstes Mal eingenommen werden sollen und wie lange. Die Informationsschrift: „Chemie und Radioaktivität im Alltag“ erhalte ich gratis beim Bundesamt für Gesundheit.
Zu Weihnachten wünsche ich mir, dass es nie zu einer Alarmierung der Bevölkerung kommt. Das Merkblatt kann längst nicht von allen gelesen werden und kein Mensch weiss, was inzwischen mit all den Tabletten aus der Armeeapotheke geworden ist. Obwohl die Führungen durchs Kraftwerk bei den Schulklassen nicht unbeliebt sind, scheint es ein ungeahntes Problem zu geben, das von den Befürwortern der Kernenergie hier in der Schweiz (noch) nicht thematisiert wird.
Ich weiss, dies ist ein un-heiterer Beitrag für einen 2. Advent, aber Kleingedrucktes verschiebe ich immer auf den Sonntag.

Er türmt sich in hohen Haufen in der Schauplatzgasse und vor dem Bundeshaus, versperrt den Zugang zu den „Lauben“. Der Verkehr muss umgeleitet werden, Verspätungen von Bus und Tram sind nicht auszuschliessen. Menschen stehen in Gruppen zusammen, reden und gestikulieren, lachen, wundern sich über die weisse Pracht. Durch Schauplatz-, Gurten- und Kochergasse weht ein kalter Wind, während es in der Spitalgasse heute frühlingshaft warm ist und man eigentlich die traditionellen lebendigen Osterhasen in den Loeb-Schaufenstern erwartet. Aber in den hinteren Gassen herrscht emsiges männliches Treiben. Lastwagen, beladen mit Schnee lassen diesen in die Gasse flutschen, Absperrgitter werden zusammengehakt, Tribünen und Brücken errichtet, Rohre verlegt, um das Schmelzwasser abzuleiten, Rivella-Zelte aufgebaut, Lautsprecher eingerichtet. Die Bundesgasse wird mit weissen Planen überdacht. Das Organisationskomitee, ernste, stämmige Herren in hellblauen Sportjacken, versprechen sich gegenseitig, dass die Temperatur bald sinken würde. Sie haben sonst nichts zu tun, alles läuft, generalstabsmässig, wie am Schnürchen. Bern steht ein Langlauf-Weltcup-Wochende bevor und die Arbeiter packen an, strahlen, machen ein Spässchen. Heute sind sie die Stars.
Ich nähere mich einer Gruppe von Buschauffeuren und frage:
„Woher kommt der viele Schnee?“
„Das isch dr Abriib vo öppe füfzäche Iischbahne i dr Schwyz“, wird mir erklärt.
Ich muss lachen, diese Schweizer verkaufen sogar den gleichen Schnee zweimal. Der eisige „Abfall“, der von den Bahnen gewischt wird, wird hier zur Langlauf-Schlaufe präpariert: Mit der Loipe zu den Zuschauern
Cidhem, die Strumpfverkäuferin im Loeb, kann die Mittagspause kaum erwarten. Sie muss den Schnee sehen. Er gehört einfach zur Adventszeit. Es geht nichts über Bern im Schnee an Weihnachten.
Im Bus sitzen vor mir zwei albanische Frauen. Sie haben ein künstliche Weihnachtsgesteck gekauft und drapieren lachend die Blumen und Schlaufen neu. Die Jüngere trägt eine rote Umhängetasche mit Schweizerkreuz.

„Die Adventszeit ist für uns Lehrkräfte meistens eine unheilig schwierige Zeit.“ (November 04, aus einem Brief von der Schulleitung an alle SonderschullehrerInnen)

In der kleinen Pause beleidigt ein albanischer Nachbarsschüler die Mutter meines mazedonischen Schülers. Daraufhin bekommt der eine Halbwaise vom anderen Halbwaisen einen unheiligen „Bodycheck“, fliegt quer durch den Flur und bleibt liegen.

Die beschnittene Schülerin, 47kg, verprügelt den Katholiken. Nach meinem Einschreiten, taucht sie hinterrücks mit einem frisch gespitzten Bleistift auf und rammt ihn dem „Tsching“ in die Wange. Die Spitze musste im Spital entfernt werden. Der Italiener provoziert das Mädchen gerne, weil dieses immer unheilig spektakulär reagiert. Sie kann zwar nicht links und rechts unterscheiden, kämpft aber wie eine Tigerin, schreit wie die Vögel in „Ronja Räubertochter“, spuckt wie ein Cowboy und benutzt Wörter wie Nuttensohnscheidungskindhurensiechmongoloidbrillenschlangemissgeburtfiggdeinemutter.

Heute fand ein Elterngespräch statt. Ich war als erste im Schulzimmer, bemerkte nebenbei, dass schon die ersten drei Säckchen des Adventskalenders leer waren und zündete eine Kerze an.

Bisher hatten die Eltern jegliche Zusammenarbeit unterbunden und sind öfters umgezogen, wodurch die Töchter immer wieder den Schulkreis wechseln mussten. Mein Ziel war die heilige Unterschrift des Vaters für die Anmeldung seiner Tochter zur Abklärung auf der EB. Das Mädchen bereitet mir im ganzen Ghetto am meisten Kopfzerbrechen. Die schlaflose Nacht war jedoch umsonst, der Vater zeigte sich zur Zusammenarbeit bereit. War das das Ergebnis des Moduls „Gesprächsführung“ oder bewirkte der gestrige Bleistift-Vorfall die Kooperation des somalischen Vaters?

Ich hatte einen Jacken-Wunsch aus dem Knabenheim zu verwirklichen. Habe ich gemacht und bin gestern mit dem Velo in die Abgeschiedenheit der Knabenheime gefahren (übertrieben, das Velo musste ich stossen, der Weg war definitv zu steil zum Fahren) und habe die Super-Jacke anprobiert. Aber sie war zu klein. Ich habe sie wieder mitgenommen und den Lauf zur richtigen Grösse in nützlicher Frist begonnen. Der Knabe geht nämlich am 15.12. in den Schnee und hat nicht etwa eine Alternative, nein, er hat eben nichts. Sondern als somalisch-kenyanischer Mensch einfach nur kalt.

Jedenfalls konnte ich die Sportgeschäftdame mit dieser Tränendrüsen-Geschichte, die nichts als die Wahrheit ist, davon überzeugen, mir die Jacke zu beschaffen, wo auch immer her. Direkt ab Händler muss ich aber 21.– CHF draufzahlen, deklarierte die Gute den „Haken“. Ich habe versichert, dass mir das nullundnix ausmachen würde (die Spende für die Minenkinder schrumpft zwar, mit denen verrechne ich das nämlich). Die nette Sportartikel-Dame hat aber noch einmal gefragt. Und ich habe noch einmal bestätigt und meinerseits gefragt, ob sie es schriftlich möchte? Worauf sie geantwortet hat: „Nein, nein. Hausfrauen glaube ich das.“

Yeah, ich bin eine Hausfrau. Sie hat den Nagel auf den Kopf getroffen. So fühle ich mich gerade und ich habe den Eindruck, dass es der Familie überhaupt nicht bekommt. Alle sind verdammt überllaunig.

war auch hier ein solcher Tag.
Ich überlegte, während draussen der Nieselregen nieder ging und die Kürbissuppe des Mittags das einzige Helle bleiben sollte, ernsthaft den Beruf zu wechseln. Zwar hatte ich eben wieder einige Anfragen zur Frauengeschichte beantwortet, einer Studentin Bücher zu ihrer Hedwig-Dohm-Recherche vorgelegt und der älteren Historikerin gezeigt, wie ein Online-Katalog funktioniert. Trotz dieses sinnvollen Tuns dachte ich zurück an die vielen Jahre, in welchen ich als Erzieherin gearbeitet hatte, seis in Heim, Hort, Quartier, Schule, als Mutter, Pflege- und Grossmutter.
Abends, eingequetscht zwischen den feuchten Mänteln der telefonierenden Pendler, taucht in meiner Erinnerung eine ganz besondere Kindergruppe auf.
Zu Hause angekommen, greife ich nach einem alten Album.
Da sitzen sie auf ihren kleinen Stühlchen zu Viert am Tisch „Ofer fehlt“ steht unter dem Foto. Yaron, den Daumen im Mund, spielt noch etwas verschlafen mit einem Büschelchen Haar. Er braucht seine Zeit um nach dem Mittagsschlaf richtig wach zu werden. Shachar, der Pfiffige, liebt es, die Spaghetti auf sein blondes Haupt zu legen, die vernünftige Ayeled mit ihrem Lockenkopf denkt nicht an solche Spiele, isst ihr Essen aus dem Teller. Dann, zu meiner Rechten, die zarte Gila. Sie will auf keinen Fall essen, weder Hühnchen noch Teigwaren, keine Ugioth und bitte weg mit dem Miz! Gleich wird ihre Mutter kommen und sie aus dem Kinderhaus abholen:
„Schalom, meine Süsse, hast du gut gegessen?“ „Ich habe nichts gegessen. Ich konnte gar nichts essen. Hi (1st ist gemeint) lo natnah li schum dawar!“ (Sie gab mir nichts.)

Ich blätterte noch ein bisschen weiter zu einem Bild, auf welchem eine junge lächelde Frau ein blondes Bübchen auf dem Arm trägt, den Sohn von Yaron.

Ein trister Tag fand ein heiteres Ende und ich wunderte mich, wie viele Kinder in einem Herzen Platz haben, obwohl so ein Herz im Pschyrembel gar nicht besonders gross aussieht.

Aus „Vermischtes“
in der Schweizerischen Familien Zeitung, Nr. 1, 1895:

Eine aufrichtige Braut.
Nachstehendes Inserat befindet sich im amtlichen „Friedeberger Kreisblatt“:
Ich bin Willens, mich mit Herrn Kühl in Wildenow zu verheiraten, aber in keiner Gütergemeinschaft mit ihm zu leben, da sämtliche Sachen, selbst der Trau-Anzug mir gehören und ich auch für keine Kosten aufkomme. Ich heirate Herrn Kühl nur, um einen Mann zu bekommen. Alwine Preuss

Gefunden beim eiligen Vorbereiten meiner Habseligkeiten für den 1. Arbeitstag der Woche.

für mich das schönste Wort dieses Sonntags, sozusagen die „Habseligkeiten“ im Kleinen in der Berichterstattung über die berner Gemeindewahlen. Waggele, (wackeln), tun die beiden Sitze von Ursula Begert und Adrian Guggisberg. Begert, eine Frau, die ihre AmtskollegInnen oft mit einem feinen Bauernzopf beglückte, wird von ihrer Partei, der SVP (mit wenigen Ausnahmen) geächtet. Einen Parteienwechsel zieht die Getreue natürlich nicht in Betracht. Adrian Guggisberg, der sich hauptsächlich für die Verschönerung von betonierten Plätzen mit bepflanzten Betonkübeln verdient gemacht hat und sich für einen neuen Bärengraben einsetzt, bei dem wir dem Mutz endlich Auge in Auge gegenüber stehen können, ist auch ein Waggukandidat.
„Ein Häiläit jagt das andere“ höre ich gerade. Also, ich muss eilen –

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