Als Frau Schnyder ins Altersheim übersiedelte, nahm sie die Kasperli-Figuren mit. Ihr Mann, ein Grafiker, hatte diese als frischgebackener Vater modelliert und Frau Schnyder hatte die Kostüme genäht. Eigentlich wollten die erwachsenen Kinder die Figuren schon lange entsorgen und verstanden nicht, dass ihre Mutter solch unnötigen Kram ins Heim mitnahm. Wenn ich der alten Frau eine Auswahl Bibliotheksbücher vorbei brachte, kochte sie mir Tee, nahm dann den Kasper, das Grittli, den Polizisten hervor und erzählte von früher. Als Frau Schnyder gestorben war, erhielt ich Bescheid, dass sie mir die Kasperlifiguren hinterlassen hatte. Aber aus dem Erbe wurde nichts. Die Söhne wollten die Puppen nun unbedingt haben, riefen mich ständig an, versuchten mir auf die Tränendrüsen zu drücken. Schliesslich seien die Handpuppen von Papa, einem Künstler, gemacht, ein wichtiges Andenken und wertvoll. Es sei doch seltsam, dass Mama sie nun einer wildfremden Person … Ganz klar, dass ich nicht auf meinem verbrieften Recht beharrte.

Noch einmal sollte ich etwas erben.

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Vor 32 Jahren kaufte meine Nachbarin aus Mitleid mit ihnen, drei Stecklinge in einem Sonderangebot des Orangen Riesen. ‚Bonsai‘ stand auf dem Preisschild. Hedi pflanzte die drei Winzlinge in der Nähe des Küchenfensters in ihren Reihenhausgarten.

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Als der Aaregletscher zu Besuch war

Granatamphibolit mit Begleitsteinen:
hinten: Smaragdit
vorne: Vallorcine-Konglomerat (Bachmätteli, Bern-Bümpliz)
Vor hundert Millionen Jahren vom Rhonegletscher (nicht der Aare-)
hier in der Nähe abgelagert,
vor mehr als hundert Jahren von der Holzgemeinde Bümpliz
dem Naturhistorischen Musum Bern geschenkt,
seit 60 Jahren staatlich geschützt. (Steht auf der Info-Tafel)

5 Minuten persönliche Geologie, während ich aufs Tram warte:

Stein auf dem Herzen,
Stein vom Herzen,
Stein fürs Herz
Stein zum Stolpern
Stein für den heissen Tropfen
Stein im Brett
Stein zum in den Garten Werfen
Stein zum zuerst Werfen
Stein vom steten Tropfen gehöhlt
Stein fürs Glashaus
Stein auf dem Surchabis (Sauerkraut)
Stein mit Bein gefroren
Stein zum Umdrehen
Stein zum Anstossen
Stein mit Stock zum Überspringen
Stein, der nicht auf dem andern bleibt
Stein zum Erweichen

Ich werfe noch einen Stein ins Wasser des Stadtbachs,
dann kommt das Sibni-Tram.

„Sie können sich nicht vorstellen, wie eng wir durchmussten. Zu viert in einem Bett schlafen, erst mit 15 ein eigenes, sommers barfuss laufen, samstags Steine auflesen und jäten. Weils nichts kostete, bei den Pfadfindern mitmachen.“
Eigentlich war er schon als Kind ein Sammler, aber was der Bub vorne ins enge Armeleutewohnigli herein trug, warf seine Mutter hinten wieder hinaus. Wenn die Bereitermusik am Haus vorbei zog, war er zur Stelle. An ein eigenes Instrument war nicht zu denken. Der einzige Anzug, den ihm sein Vater unter Abwägen und Werweisen kaufen konnte, war der zur Konfirmation. Kurz darauf war’s dann auch die Trauerkleidung zu Vaters Begräbnis. Die Familie wurde noch ärmer, sollte sogar bevormundet werden. Ab nun war sein Motto: „Ich will!“, was bedeutete, weg aus dem Armeleutemief, weg von der endlosen Rappenspalterei, dem Verzichten und am Mundabsparen.

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Itz isch ds Sylvie o gange, het sech am Abe i ds Bett gleit u isch für gäng igschlafe. Will es ds Telefon vo Fründe nid het abgnoh, hei die am Huswart aglütet. Dä het de schliesslech d Polizei mit em Ma vom Schlüssudienscht la cho. Es het duuret, bis me d Tür het chönne uftue. Ds Sylvie het drum es Sicherheitsschloss la montiere. „Schad, hani nid no chönne ga Adieu säge“, het dr Huswart gseit, „es het halt alles dr polizeilech Wäg gno, die hei niemere me inegla. Schad, dass die Frou so schnäll isch gstorbe, si isch so ne Nätti gsi.“ „E bessere Tod cha me sech ömu nid wünsche,“ meint d Frou Huswart.
I ha ds Sylvie nid guet kennt. Vor zwöine Jahr het’s mer amene Feschtli ds Du atreit u gseit, i sölls doch einisch cho bsueche, äs würd sech fröie. I has versproche, has würklech im Sinn gha, gäng isch öppis drzwüsche cho. Drby hätte mer viel z rede gha, über Büecher, Kunst u Chouf u Louf z Bärn. I wirde ds Sylvie vermisse. Niemer isch meh wien äs, immer guet frisiert, mit emene wisse Blusli, drüber es hellblaus Jäggli u o am Wärchtig e schöne Guldschmuck – u obwohl e Bärnburgere – nie isch es von oben herab gsy.

Im vergangene Jahr sy es paar für gäng gange wo me vermisst.

Stopnichtrechtzeitig!!

(Pippilothek??? ISBN 978-3-7152-0620-2)

Die Heilpädagogin besucht die öffentliche Mediathek ihres Schulkreises, mit dem Ansinnen, sich eine Lehrerinnen-Bibliothekskarte ausstellen zu lassen. Auf dem Weg zur Theke nimmt sie ein Buch über tibetische Kinder, die über den Himalaya nach Indien flüchten vom Regal. Sie legt der Bibliothekarin ihren Wunsch nach einer Karte vor. „Ist das ein Buch für die Schule, welches Sie hier ausleihen möchten?“ „Nicht unbedingt, aber mein Wissen, wenn ich das Buch gelesen habe, wird sicher früher oder später in den Unterricht einfliessen.“ „Wenn das Buch nicht für die Schule ist, dürfen Sie es nicht mit der Lehrerinnen-Karte ausleihen, dann müssen Sie eine private Karte lösen.“ Ups! Auf eine zweite Karte wird in diesem Fall verzichtet.
Nun hat die vorwitzige Heilpädagogin noch einen weiteren Wunsch. Sie begleitet nächste Woche über 200 Kinder in ein Herbstlager in den Tessin. Da sämtliche Unterhaltungselektronik nicht erlaubt ist, plant die Lehrerin eine Bücher-Plauder-Treff-Ecke. Obwohl im Kollegium schon ausgiebig über ihr Vorhaben gespottet wurde, steht sie nun in der Mediathek, um für die 230 Kinder eine Kiste Bücher zusammenzustellen.
„An wie viele Bücher haben Sie denn gedacht?“, fragt die Bibliothekarin. „Ja, mindestens an hundert für so viele Kinder unterschiedlichen Alters.“ „Das darf ich nicht machen. Ich kann Ihnen höchstens vierzig geben.“ Die Bibliothekarin hat schliesslich Vorschriften zu befolgen.

(Die Mediathek gehört einer Gemeinde, in welcher vor einigen Tagen ein Kinderbuchfestival statt fand.)

„Ihnen muss ich es ja nicht sagen, dass Sie zu den Büchern Sorge tragen müssen,“ verabschiedet sich die Bibliothekarin.

Zu Hause packt die Heilpädagogin ihre eigenen Comics in eine Kiste.

aufunddavon

Dass Ramadan vorbei ist, ist wirklich ein Grund zum Feiern, ich bin jedes Mal erleichtert. Nie habe ich einen Fastenmonat ohne hochhergehende Emotionen und ohne zerdeppertes Geschirr erlebt, ganz egal ob die Leute um mich herum gläubig sind, ganz egal ob sie wirklich fasten. Zu Beginn dieses Fastenmonats ist der Vater meines Schwagers (2nd2nd, male) gestorben. Auch wenn er kaum ein Wort mit seinem verstossenen Sohn gewechselt hat, war sein Tod für diesen traurig, er machte Reisen und schwierige Begnungen nötig, es war ein gefühlsmässiges Minenfeld. Mitten im Fastenmonat hatten wir hier ja auch noch das eine oder andere rassistisch verwertbare Verbrechen, was der Grundstimmung nicht gerade zuträglich war.

Der ältere Bruder meines Schwagers hat die ganze Familie Blogk ja seit jeher abgeschrieben. Inzwischen ist es soweit, dass er seine Kinder aus dem x-ten Stockwerk anschreit, wenn sie mit ihrem Cousin und ihrer Cousine, also mit meiner Nichte und meinem Neffen, draussen vor dem Block spielen. Aus dem Hochhaus muss man ziemlich laut schreien und drohen, um die eigenen Kinder dazu zu bringen, sich auf dem Spielplatz unter einen Baum zu setzen und nicht mehr zu bewegen. Aber es funktioniert. Er ist nun das Familienoberhaupt und befehligt neben seiner Frau, seinen Geschwistern und Kindern nun auch die verwitwete Mutter. Der jüngere Bruder meines Schwagers hat seine Lehre erfolgreich abgeschlossen und nun eine Braut aus dem Heimatland bekommen. Mit der Schwester meines Schwagers hatte unsere Familie bisher ein gutes Einvernehmen. Aber nun hab ich sie am 5. Geburtstag unserer gemeinsamen Nichte beleidigt und erzürnt. Ohne Absicht, aber das spielt keine Rolle. Da war noch Ramadan.

Bitte, Allah, schaff ihn ab.

Wenn ich das Bajram-Fleisch vom Türken auspacke, bin ich froh, dass ich eine Bauerntochter bin. Ich wetze das Messer und schneide das blutige Fleisch quer zur Faser in Stücke, brate es an, lege es in eine feuerfeste Form, würze provençalisch, spicke mit roten Zwiebeln, gebe ein wenig Jus bei und schmore alles bei mässiger Hitze im Ofen. Dazu gibts nach dem grünen Salat die letzten Buschbohnen aus dem Garten mit frischen Kartoffeln. Die ganze Familie kommt festlich angezogen zum Essen. Der Tisch ist mit Blumen geschmückt, die kleinen Kinder erhalten – juppi – Schleckzeug, wie gäggiblaue Zucker-Haifische, rote Geleeherzen, saure Schlangen, gelbe Chätschi-Tennisbälle, Sugus und neue Kleider. Das grosse Kind, der Gymeler, bekommt ein Badetuch mit Bajram-Batzen.
Zum Dessert gibts Baklava mit Kaffee. Alle sind zufrieden. Die Integration funktioniert – heute.
Und weil der traditionelle Milchreis bei den Orangen Riesen in Berns Westen total ausverkauft ist, besinne ich mich an meine Kindheit, koche eine Pfanne Milchreis, fülle ihn auf Apfelmus (von Tante Hanni) ab, bestreue mit Zimt und Zucker nach Gotthelfs Küche.

Das tue ich, weil mein Schwiegersohn mir immer so zuverlässig mit dem Weihnachtsbaum hilft.

Jetzt, wo wir endlich wissen, was wir gegen die Wespen auf dem Freiluft-Zwetschgenkuchen tun können, soll das warme Wetter – für die mit dem halbleeren Glas sogar der Sommer – vorbei sein – bald.

Geranienblütenwasser

So wars gestern Abend höchste Zeit, die Feierabendfahrt mit einigen meiner Freundinnen und Freunden zu unternehmen. (Denn, wie gesagt, wie Onkel Ernst G. soll es mir nicht ergehen. Jahrelang schob dieser eine Schifffahrt auf dem 20 km entfernten Thunersee auf, dann lag er auf dem Sterbebett mit dem unerfüllten Wunsch nach Schiff und See. Sein Lebensmotto bis zum Grab: „Wer zahlt, befiehlt“). Wieder zuckten die Blitze, grollte der Donner entlang der Stockhornkette, schlug die „Blümlisalp“ an den Ländtesteg in Merligen. Kurz fragten wir uns, ob ein Schiff nach dem Faradayschen Prinzip …, überliessen alles dann dem Kapitän mit seinen einheimischen Mannen. Der Regen prasselte aufs Deck, einige Tropfen fielen auf Riesencremschnitten, Panna Cotta mit Minze und spritzten in den Aperol-Spriz, was keine Schmiere ist für die Räder des Dampfers, sondern ein anscheinend beliebtes Getränk von Italien bis Deutschland. Es war schon dunkel, als wir 21:21 Uhr das Schiff verliessen. Auch die mit dem halbvollen Glas mussten zugeben: die Tage sind tatsächlich kürzer geworden.
Ach ja, der Tipp mit gegen die Wespen. Man lege eine Reihe goldglänzende Fünfrappenstücke auf den Esstisch. Die Wespen werden nur noch an den Nachbarstischen nerven. Achtung, es geht nur mit Schweizer „Füfi“! (Mein Wespen-Gewährsmann ist ein enger Freund von Erich von Däniken. Ich nehme an, dass die ausserirdischen Besucher unseres Planeten sich beim Kuchen- und Hammeschnitze essen entsprechend schützten).

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vor der Tageshitze

Laut Hausordnung
ist es nicht gestattet, Pflanzen
in den Bereich von benachbarten Wohnungen
wachsen zu lassen. Diese hier winden und prunken sich
die Fassade hoch, ohne Rücksicht auf Regeln – bis jetzt noch ungestört,
sind sie jeden Morgen eine kühle Augenweide.

Ganz anders die Zaunwinde, die als Unkraut der Albtraum des Stadtgärtners ist.
Mit mahnenden Erklärungen versucht er uns Gärtnerinnen und Gärtner im Schulgarten
von diesem Übel zu warnen. Wir haben darauf zu achten, dass aus dem von uns beackerten Erdreich keine Ableger übergreifen auf „seine“ Berberitzensträucher
um sie zu umklammern, zu ersticken.
Ich verspreche es hochundheilig und mache dem mickrigsten Gewinde den Garaus – und ab ins Feuer.
Denn wo kämen wir hin ohne Berberitzenhäge? Vielleicht würde der Garten, alle Schulpavillons, LehrerInnen (all ihre Autos auf dem Parkplatz) samt Schulkindern eingewunden …

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Entsch … ,
ich bin wohl die Hundertste,
die diesen Text bloggt, aber ich habe ihn
erst heute auf einer Karte des Stämpfli Verlags gelesen.

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Sie putzt ihre Brille, schüttelt die Federn, schüchtert die Hausmaus ein und flattert, trippelt, wischt und schnipselt so vor sich hin bis zum letzten Tram und noch ein bisschen in die Ruhe hinein, lässt den Regen rauschen und die Blitze über dem Weissenstein zucken.

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Segelsonne

Bei mässigem Wind kann mit Schirmen angebaut werden.

In einem Landstrich, wo natürlicher Schatten am Strand gleich null ist und die Winde aus allen Richtungen daher fahren, entwickeln die Menschen erstaunliche Fähigkeiten, sich ein kühles Plätzchen zu schaffen. Da werden Sonnenschirme tief gestellt, ihr Gestänge eingebuddelt und mit Meerwasser im Sand eingeschwemmt, so dass nur noch ein darunter Kriechen möglich ist oder die Schirme werden wie bunte Räder in den Wind hinter einen feuchten Sandwall gelegt. Trotzdem macht sich immer wieder einer selbständig, rollt und hüpft wild dem Strand entlang. Da braucht es Mutige, die diesen textilen Stier an den Hörnern der Stange packen, ihn hurtig zuklappen und den Besitzern übergeben: „Merci, merci beaucoup!“ Manche Familie (meist aus dem Ausland) montiert eine Strandmuschel. Mit dem Gewicht einer fünfköpfigen gelingt es, diese bei einem der hundert camarguaisischen Winden auf dem Boden zu halten.
Merci, merci beaucoup! Sie haben es erraten: Familie Blogk hat ihr eigenes, seit Jahrzehnten bewährtes, selbstverständlich unwettertüchtiges Beschattungs-System. Ich war die Ur-Beschatterin, beschattete (sicher oft zum stillen Ärger der sonnenhungrigen Familienmitglieder) mit jedem Fetzen Schnufp-, Hals-, Lein-, Tisch-, Kopf-, Bade-, Geschirrtuch, einigen Stecken, etwas Schnur optimal. Inzwischen sind meine Töchter diejenigen, welche mit ausgebreiteten Armen in leichten Sommerröcken die Windrichtung bestimmen, um dann präzis und blitzschnell unser Sonnensegel auf den Wind zu legen, die mächtigen Sandhäringe einschlagen, die Schnüre richten und dafür zu sorgen, dass die Verankerung markiert ist, damit niemand darüber stolpert.
Das abendliche Zusammenfalten der „Plache“ ist eine Wissenschaft für sich, und jemand muss das Kommando übernehmen, damit sich die Schnüre nicht verheddern und die orange „Wurst“ samt Metallstangen, Häringen und Hammer in den schmalen Zeltsack passt.

… und für nächstes Jahr brauchen wir dringend neue Häringe …

Von den Sommern gezeichnet

Blick-nach-vorn

Ich arbeite morgen noch einen Tag,
meine Schwester beginnt mit dem Beladen der Gefährte,
mein Schwager beendet seine Hausmeisterarbeit und übergibt
sie dem Stellvertreter. Meine Nichte und mein Neffe wählen Bücher aus
zum Mitnehmen. Mein Mann studiert in Übersee, mein Kind wäscht die letzte
Schmutzwäsche und packt seine Gitarre ein. Meine Mutter muss leider einen lieben
Menschen beerdigen, sie wird danach bestimmt noch in den Garten gehn und giessen.
So verabschiedet sich die Blogk-Familie für drei, vier Wochen in den Süden.
Wir wünschen allen eine gute Zeit mit Aus- und Weitblick. Merci beaucoup.

Eines ist sicher, um unsere Feriendestination beneidet uns niemand in meinem Bekanntenkreis. Nie sauber gekämmt, kaum gebügelt, Sand zwischen den Zähnen und im Bett, kein Internet und kaum eine aktuelle ausländische Tageszeitung, zurückgeworfen auf das Lokalblatt „Midi Libre“. Dazu die Menschenmassen, meist Franzosen, nicht besonders höflich, dazwischen einige lange Holländer. Was mich nun schon mit Kindeskindern in diese Öde treibt, weiss ich nicht genau, bin ich doch weder Reiterin noch Flamenca. Die spanischen Stierkämpfe, welche hauptsächlich für die Touristen, immer häufiger in den Arenen des Deltas gezeigt werden, sind mir zuwider. Jeden Juli kommt der Moment, wo ich denke, dass ich das Packen diesmal nicht schaffe, dass es noch zuviel zu erledigen gibt und man sich bei diesem höllischen Strassenverkehr auch nicht auf die schönstbenannte Autobahn, Autoroute du soleil, begeben sollte, besser zu Hause im Garten auf die ersten Bohnen … und die Nektarinen sind im Orangen Riesen viel billiger als im Süden.
Je nu – Allez!

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Ich hätte dezidiert ja sagen sollen, als mein Bürokollege fragte, ob mich der Ventilator störe. Acht Stunden umwirbelt zu werden von altem Haus- und Bücherstaub konnte ich noch nie ertragen, ohne krank zu werden. Ventilatoren, möglichst grosse, scheinen Männern besonders zu gefallen. Ich kenne jedenfalls keine Frau, die sich am ersten heissen Sommertag so ein Ding auf den Schreibtisch stellt. Einmal arbeitete ich neben einem Mann, der einen blauen Ventilator in Penisform ins Büro brachte. (Er wurde später aus anderen Gründen entlassen).
Ein Kollege hat sich zusätzlich zu dem auf dem Schreibtisch, auch noch einen Ventilator zu seinen Füssen eingerichtet. 355 Tage im Jahr sind die Ventilatoren damit beschäftigt, einem überall den Platz zu versperren, in oder auf ihren voluminösen Verpackungen.
Ich weiss, ich bin selber schuld, dass meine Augen tränen, mein Hals weh tut und ich huste wie ein Ross. Für solche Fälle hat mir mein Vater seine Taschentücher hinterlassen, gross wie eine Kinderwindel. Ha-ha-ha.hatschi!

Von meiner Krankenkasse erhalte ich eine „individuelle Erfolgsbeteiligung von 20 Franken, da ich mich als „versicherte Person zu 100% systemtreu verhalten“ habe!! Der Jahresgewinn der Kasse beträgt 29,3 Mio./2010, was ja im Zeitalter der fliegenden Milliarden ein Nasenwasser …

Gewinnen kann ich auch, wenn ich bis zum 15. Juli meine Wintergarderobe, gefütterte Stiefel, Schals, Pullis, Kappen, Wollmäntel usw., bestelle.

Mit den Kirschen stimmt heuer alles – reiche Ernte, prall, glänzend, wurmfrei wie seit Menschengedenken noch nie. Werner schnabuliert auf seinem Heimweg von den überhängenden Ästen. Einen Weg hat er schon abgegessen, aber zum Glück führen viele Kirschenwege nach Hause.

Brigitte hat wieder einmal das Maderanertal besucht. Nichts als Steine und Wildbach dort, wo vor sechs Jahren noch ihr Haus (mit ihren Büchern) stand.

Bei einem der Orangen Riesen sind Dörrfrüchte und Backzutaten Aktion.

Der Verwalter sei auch gegangen worden, erzählt mir eine Nachbarin aus meinem früheren Block. Er hatte mich wegen systemuntreuem Verhalten auf die Schwarze Liste der nicht mehr genehmen Mieter und Mieterinnen gesetzt. Ich hatte ihn „Jungen Trübu mit schmalen Schultern“ genannt.

Gerade mache ich einen Lexikon-Eintrag über den Lehrer und Schriftsteller Hans Schütz, aufgewachsen in Zwischenflüh im Diemtigtal und 1949 im Alter von 36 Jahren vor den Augen seiner Schüler im Burgsee bei Interlaken ertrunken.
Hier ein Gedicht von ihm

An meine Frau

Ich ohne dich
du ohne mich:
Eine Sense ohne Mahd,
eine Furche ohne Saat,
eine Blume ohne Frucht,
einer Schale leere Bucht,
unbehauen stumpfer Stein,
eins allein.

Das AKW Mühleberg wird sofort heruntergefahren, um über den Sommer die Notkühlung nachzurüsten. (Bund, 30.06.2011)

Schon der Name war umwerfend! Wer hiess im Dorf zwischen Gürbe und Stockhorn schon Hannelore? Sie war ein Jahr älter als ich und die absolute Schulhauskönigin. Lange vor den anderen trug sie Strumpfhalter und „dünne“ Strümpfe, zupfte sich die Augenbrauen und liess sich im Chemieunterricht eine Strähne Blond in ihren braunen Bubikopf färben. Wir anderen trugen meist zwei Zöpfe, wenn’s hoch kam einen Pferdeschwanz. Bis zur Strähnchenmode sollten noch Jahrzehnte vergehen. Hannelore sah einfach super aus mit ihrem dunklen Teint und ihren weissen Zähnen. Kein Wunder wurde sie ausgewählt, für „Pepsodent“, die damalige In-Marke bei den Zahnpasten, Werbung zu machen. Sie erzählte das beim Umziehen in der Garderobe und ermunterte uns, da auch mitzumachen. (Für mich kam das nicht in Frage, denn ich hatte einen angeschlagenen Schneidezahn).
Alle Mädchen wollten mit Hannelore in die Pause gehen, hatte sie doch immer etwas Unglaubliches zu erzählen, dazu teilte sie ihr riesiges Pausenbrot, mit Butter bestrichen und Zucker bestreut, mit den Kameradinnen.

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Geweckt werde ich vom Wind, der heftig an der Store rüttelt. Ich kurble diese hoch, schon prasselt der Regen ans Fenster. Zeit zum Aufstehen. Zuerst Kaffee, dann Küche aufräumen, dem Plüschpferd den Bauch zunähen, die uralten und heiss geliebten Faltbüchlein mit speziellen Klebestreifen zum xten Mal reparieren, ein bisschen bügeln und anschliessend wieder einmal einen Blick ins neue Magazin des Orangen Riesen werfen. Ich lese mich durch Umwelt, Mode und Gurkensprossen Gemüse. Auf dem Weg zur Kolumne des Hausmanns (Link zum Buch) treffe ich auf die erste Miss Tibet, die eine Schweizerin ist. Sie wurde in Dharamsala gekrönchet. (Hoffentlich ging diese Miss-Wahl in Lower Dharamsala vonstatten und mein indischer Lieblingsort Upper Dharamsala, Sitz des Dalai Lama, blieb davon verschont). Die Aktionsangebote überspringe ich, auch den Jake Gyllenhaal und die grillenden Schwingerkönige. Erst als ich auf den Bericht über die Liebeskummer-Therapeutin Mona Gross stosse, lese ich mich fest. Eine so schöne Frau, langhaarig, blond, schlank, unten Jeans und oben rosaroter Hauch über silberbeschlagenem Gürtel, High Heels (versteckt hinter der spiegelden Kochinsel) – einfach chic! Dass diese Zauberfee gegen Trennungsschmerz ihre 61 Jahre nicht verschweigt, finde ich cool.
Als der Gross-e Fussballtrainer sie betrogen hatte, mochte sie sich nur noch von japanischem Salat ernähren, dessen Farben der Seele gut taten. Heute kommt dazu wieder ein Entrcôte, denn Mona hat sich aufgerappelt, ist selbst wieder am Ball und betreibt seit Kurzem bereits eine zweite Praxis für Liebeskummer-Beratung.
Inzwischen ist es im Wohnzimmer kühl geworden. Die Uhr zeigt zehn vor zwei und der richtige Morgen ist noch einige Stunden weit entfernt. Mit den Hühnern kleinen Enkelkindern zu Bett gehen und schon hat die Morgenstund irgend etwas im Mund – japanischen Salat?

Doch, doch, sie hat in ihren alten Papieren zum ersten Frauenstreiktag genuschet. Hat sich gewundert, dass das Buch von damals „Wenn Frauen wollen, kommt alles ins Rollen“ im Gegensatz zu ihr noch so frisch aussieht und die unzähligen Transparente darin kaum an Aktualität verloren haben – nicht nur „Der Storch streikt nie“.
Immer noch fehlt z.B. ein sauberes zentral gelegenes Gratis-WC füe Frauen, während die Männer Es jederzeit an bester Lage am Zytglogge tun können – denkmalgeschützt und jugendstylish.

Pissoir im Jugendstil

(Der Urinstein wird monatlich abgepickelt)

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