Itz isch ds Sylvie o gange, het sech am Abe i ds Bett gleit u isch für gäng igschlafe. Will es ds Telefon vo Fründe nid het abgnoh, hei die am Huswart aglütet. Dä het de schliesslech d Polizei mit em Ma vom Schlüssudienscht la cho. Es het duuret, bis me d Tür het chönne uftue. Ds Sylvie het drum es Sicherheitsschloss la montiere. „Schad, hani nid no chönne ga Adieu säge“, het dr Huswart gseit, „es het halt alles dr polizeilech Wäg gno, die hei niemere me inegla. Schad, dass die Frou so schnäll isch gstorbe, si isch so ne Nätti gsi.“ „E bessere Tod cha me sech ömu nid wünsche,“ meint d Frou Huswart.
I ha ds Sylvie nid guet kennt. Vor zwöine Jahr het’s mer amene Feschtli ds Du atreit u gseit, i sölls doch einisch cho bsueche, äs würd sech fröie. I has versproche, has würklech im Sinn gha, gäng isch öppis drzwüsche cho. Drby hätte mer viel z rede gha, über Büecher, Kunst u Chouf u Louf z Bärn. I wirde ds Sylvie vermisse. Niemer isch meh wien äs, immer guet frisiert, mit emene wisse Blusli, drüber es hellblaus Jäggli u o am Wärchtig e schöne Guldschmuck – u obwohl e Bärnburgere – nie isch es von oben herab gsy.

Im vergangene Jahr sy es paar für gäng gange wo me vermisst.

Stopnichtrechtzeitig!!

(Pippilothek??? ISBN 978-3-7152-0620-2)

Die Heilpädagogin besucht die öffentliche Mediathek ihres Schulkreises, mit dem Ansinnen, sich eine Lehrerinnen-Bibliothekskarte ausstellen zu lassen. Auf dem Weg zur Theke nimmt sie ein Buch über tibetische Kinder, die über den Himalaya nach Indien flüchten vom Regal. Sie legt der Bibliothekarin ihren Wunsch nach einer Karte vor. „Ist das ein Buch für die Schule, welches Sie hier ausleihen möchten?“ „Nicht unbedingt, aber mein Wissen, wenn ich das Buch gelesen habe, wird sicher früher oder später in den Unterricht einfliessen.“ „Wenn das Buch nicht für die Schule ist, dürfen Sie es nicht mit der Lehrerinnen-Karte ausleihen, dann müssen Sie eine private Karte lösen.“ Ups! Auf eine zweite Karte wird in diesem Fall verzichtet.
Nun hat die vorwitzige Heilpädagogin noch einen weiteren Wunsch. Sie begleitet nächste Woche über 200 Kinder in ein Herbstlager in den Tessin. Da sämtliche Unterhaltungselektronik nicht erlaubt ist, plant die Lehrerin eine Bücher-Plauder-Treff-Ecke. Obwohl im Kollegium schon ausgiebig über ihr Vorhaben gespottet wurde, steht sie nun in der Mediathek, um für die 230 Kinder eine Kiste Bücher zusammenzustellen.
„An wie viele Bücher haben Sie denn gedacht?“, fragt die Bibliothekarin. „Ja, mindestens an hundert für so viele Kinder unterschiedlichen Alters.“ „Das darf ich nicht machen. Ich kann Ihnen höchstens vierzig geben.“ Die Bibliothekarin hat schliesslich Vorschriften zu befolgen.

(Die Mediathek gehört einer Gemeinde, in welcher vor einigen Tagen ein Kinderbuchfestival statt fand.)

„Ihnen muss ich es ja nicht sagen, dass Sie zu den Büchern Sorge tragen müssen,“ verabschiedet sich die Bibliothekarin.

Zu Hause packt die Heilpädagogin ihre eigenen Comics in eine Kiste.

aufunddavon

Dass Ramadan vorbei ist, ist wirklich ein Grund zum Feiern, ich bin jedes Mal erleichtert. Nie habe ich einen Fastenmonat ohne hochhergehende Emotionen und ohne zerdeppertes Geschirr erlebt, ganz egal ob die Leute um mich herum gläubig sind, ganz egal ob sie wirklich fasten. Zu Beginn dieses Fastenmonats ist der Vater meines Schwagers (2nd2nd, male) gestorben. Auch wenn er kaum ein Wort mit seinem verstossenen Sohn gewechselt hat, war sein Tod für diesen traurig, er machte Reisen und schwierige Begnungen nötig, es war ein gefühlsmässiges Minenfeld. Mitten im Fastenmonat hatten wir hier ja auch noch das eine oder andere rassistisch verwertbare Verbrechen, was der Grundstimmung nicht gerade zuträglich war.

Der ältere Bruder meines Schwagers hat die ganze Familie Blogk ja seit jeher abgeschrieben. Inzwischen ist es soweit, dass er seine Kinder aus dem x-ten Stockwerk anschreit, wenn sie mit ihrem Cousin und ihrer Cousine, also mit meiner Nichte und meinem Neffen, draussen vor dem Block spielen. Aus dem Hochhaus muss man ziemlich laut schreien und drohen, um die eigenen Kinder dazu zu bringen, sich auf dem Spielplatz unter einen Baum zu setzen und nicht mehr zu bewegen. Aber es funktioniert. Er ist nun das Familienoberhaupt und befehligt neben seiner Frau, seinen Geschwistern und Kindern nun auch die verwitwete Mutter. Der jüngere Bruder meines Schwagers hat seine Lehre erfolgreich abgeschlossen und nun eine Braut aus dem Heimatland bekommen. Mit der Schwester meines Schwagers hatte unsere Familie bisher ein gutes Einvernehmen. Aber nun hab ich sie am 5. Geburtstag unserer gemeinsamen Nichte beleidigt und erzürnt. Ohne Absicht, aber das spielt keine Rolle. Da war noch Ramadan.

Bitte, Allah, schaff ihn ab.

Wenn ich das Bajram-Fleisch vom Türken auspacke, bin ich froh, dass ich eine Bauerntochter bin. Ich wetze das Messer und schneide das blutige Fleisch quer zur Faser in Stücke, brate es an, lege es in eine feuerfeste Form, würze provençalisch, spicke mit roten Zwiebeln, gebe ein wenig Jus bei und schmore alles bei mässiger Hitze im Ofen. Dazu gibts nach dem grünen Salat die letzten Buschbohnen aus dem Garten mit frischen Kartoffeln. Die ganze Familie kommt festlich angezogen zum Essen. Der Tisch ist mit Blumen geschmückt, die kleinen Kinder erhalten – juppi – Schleckzeug, wie gäggiblaue Zucker-Haifische, rote Geleeherzen, saure Schlangen, gelbe Chätschi-Tennisbälle, Sugus und neue Kleider. Das grosse Kind, der Gymeler, bekommt ein Badetuch mit Bajram-Batzen.
Zum Dessert gibts Baklava mit Kaffee. Alle sind zufrieden. Die Integration funktioniert – heute.
Und weil der traditionelle Milchreis bei den Orangen Riesen in Berns Westen total ausverkauft ist, besinne ich mich an meine Kindheit, koche eine Pfanne Milchreis, fülle ihn auf Apfelmus (von Tante Hanni) ab, bestreue mit Zimt und Zucker nach Gotthelfs Küche.

Das tue ich, weil mein Schwiegersohn mir immer so zuverlässig mit dem Weihnachtsbaum hilft.

Jetzt, wo wir endlich wissen, was wir gegen die Wespen auf dem Freiluft-Zwetschgenkuchen tun können, soll das warme Wetter – für die mit dem halbleeren Glas sogar der Sommer – vorbei sein – bald.

Geranienblütenwasser

So wars gestern Abend höchste Zeit, die Feierabendfahrt mit einigen meiner Freundinnen und Freunden zu unternehmen. (Denn, wie gesagt, wie Onkel Ernst G. soll es mir nicht ergehen. Jahrelang schob dieser eine Schifffahrt auf dem 20 km entfernten Thunersee auf, dann lag er auf dem Sterbebett mit dem unerfüllten Wunsch nach Schiff und See. Sein Lebensmotto bis zum Grab: „Wer zahlt, befiehlt“). Wieder zuckten die Blitze, grollte der Donner entlang der Stockhornkette, schlug die „Blümlisalp“ an den Ländtesteg in Merligen. Kurz fragten wir uns, ob ein Schiff nach dem Faradayschen Prinzip …, überliessen alles dann dem Kapitän mit seinen einheimischen Mannen. Der Regen prasselte aufs Deck, einige Tropfen fielen auf Riesencremschnitten, Panna Cotta mit Minze und spritzten in den Aperol-Spriz, was keine Schmiere ist für die Räder des Dampfers, sondern ein anscheinend beliebtes Getränk von Italien bis Deutschland. Es war schon dunkel, als wir 21:21 Uhr das Schiff verliessen. Auch die mit dem halbvollen Glas mussten zugeben: die Tage sind tatsächlich kürzer geworden.
Ach ja, der Tipp mit gegen die Wespen. Man lege eine Reihe goldglänzende Fünfrappenstücke auf den Esstisch. Die Wespen werden nur noch an den Nachbarstischen nerven. Achtung, es geht nur mit Schweizer „Füfi“! (Mein Wespen-Gewährsmann ist ein enger Freund von Erich von Däniken. Ich nehme an, dass die ausserirdischen Besucher unseres Planeten sich beim Kuchen- und Hammeschnitze essen entsprechend schützten).

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vor der Tageshitze

Laut Hausordnung
ist es nicht gestattet, Pflanzen
in den Bereich von benachbarten Wohnungen
wachsen zu lassen. Diese hier winden und prunken sich
die Fassade hoch, ohne Rücksicht auf Regeln – bis jetzt noch ungestört,
sind sie jeden Morgen eine kühle Augenweide.

Ganz anders die Zaunwinde, die als Unkraut der Albtraum des Stadtgärtners ist.
Mit mahnenden Erklärungen versucht er uns Gärtnerinnen und Gärtner im Schulgarten
von diesem Übel zu warnen. Wir haben darauf zu achten, dass aus dem von uns beackerten Erdreich keine Ableger übergreifen auf „seine“ Berberitzensträucher
um sie zu umklammern, zu ersticken.
Ich verspreche es hochundheilig und mache dem mickrigsten Gewinde den Garaus – und ab ins Feuer.
Denn wo kämen wir hin ohne Berberitzenhäge? Vielleicht würde der Garten, alle Schulpavillons, LehrerInnen (all ihre Autos auf dem Parkplatz) samt Schulkindern eingewunden …

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Entsch … ,
ich bin wohl die Hundertste,
die diesen Text bloggt, aber ich habe ihn
erst heute auf einer Karte des Stämpfli Verlags gelesen.

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Sie putzt ihre Brille, schüttelt die Federn, schüchtert die Hausmaus ein und flattert, trippelt, wischt und schnipselt so vor sich hin bis zum letzten Tram und noch ein bisschen in die Ruhe hinein, lässt den Regen rauschen und die Blitze über dem Weissenstein zucken.

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Segelsonne

Bei mässigem Wind kann mit Schirmen angebaut werden.

In einem Landstrich, wo natürlicher Schatten am Strand gleich null ist und die Winde aus allen Richtungen daher fahren, entwickeln die Menschen erstaunliche Fähigkeiten, sich ein kühles Plätzchen zu schaffen. Da werden Sonnenschirme tief gestellt, ihr Gestänge eingebuddelt und mit Meerwasser im Sand eingeschwemmt, so dass nur noch ein darunter Kriechen möglich ist oder die Schirme werden wie bunte Räder in den Wind hinter einen feuchten Sandwall gelegt. Trotzdem macht sich immer wieder einer selbständig, rollt und hüpft wild dem Strand entlang. Da braucht es Mutige, die diesen textilen Stier an den Hörnern der Stange packen, ihn hurtig zuklappen und den Besitzern übergeben: „Merci, merci beaucoup!“ Manche Familie (meist aus dem Ausland) montiert eine Strandmuschel. Mit dem Gewicht einer fünfköpfigen gelingt es, diese bei einem der hundert camarguaisischen Winden auf dem Boden zu halten.
Merci, merci beaucoup! Sie haben es erraten: Familie Blogk hat ihr eigenes, seit Jahrzehnten bewährtes, selbstverständlich unwettertüchtiges Beschattungs-System. Ich war die Ur-Beschatterin, beschattete (sicher oft zum stillen Ärger der sonnenhungrigen Familienmitglieder) mit jedem Fetzen Schnufp-, Hals-, Lein-, Tisch-, Kopf-, Bade-, Geschirrtuch, einigen Stecken, etwas Schnur optimal. Inzwischen sind meine Töchter diejenigen, welche mit ausgebreiteten Armen in leichten Sommerröcken die Windrichtung bestimmen, um dann präzis und blitzschnell unser Sonnensegel auf den Wind zu legen, die mächtigen Sandhäringe einschlagen, die Schnüre richten und dafür zu sorgen, dass die Verankerung markiert ist, damit niemand darüber stolpert.
Das abendliche Zusammenfalten der „Plache“ ist eine Wissenschaft für sich, und jemand muss das Kommando übernehmen, damit sich die Schnüre nicht verheddern und die orange „Wurst“ samt Metallstangen, Häringen und Hammer in den schmalen Zeltsack passt.

… und für nächstes Jahr brauchen wir dringend neue Häringe …

Von den Sommern gezeichnet

Blick-nach-vorn

Ich arbeite morgen noch einen Tag,
meine Schwester beginnt mit dem Beladen der Gefährte,
mein Schwager beendet seine Hausmeisterarbeit und übergibt
sie dem Stellvertreter. Meine Nichte und mein Neffe wählen Bücher aus
zum Mitnehmen. Mein Mann studiert in Übersee, mein Kind wäscht die letzte
Schmutzwäsche und packt seine Gitarre ein. Meine Mutter muss leider einen lieben
Menschen beerdigen, sie wird danach bestimmt noch in den Garten gehn und giessen.
So verabschiedet sich die Blogk-Familie für drei, vier Wochen in den Süden.
Wir wünschen allen eine gute Zeit mit Aus- und Weitblick. Merci beaucoup.

Eines ist sicher, um unsere Feriendestination beneidet uns niemand in meinem Bekanntenkreis. Nie sauber gekämmt, kaum gebügelt, Sand zwischen den Zähnen und im Bett, kein Internet und kaum eine aktuelle ausländische Tageszeitung, zurückgeworfen auf das Lokalblatt „Midi Libre“. Dazu die Menschenmassen, meist Franzosen, nicht besonders höflich, dazwischen einige lange Holländer. Was mich nun schon mit Kindeskindern in diese Öde treibt, weiss ich nicht genau, bin ich doch weder Reiterin noch Flamenca. Die spanischen Stierkämpfe, welche hauptsächlich für die Touristen, immer häufiger in den Arenen des Deltas gezeigt werden, sind mir zuwider. Jeden Juli kommt der Moment, wo ich denke, dass ich das Packen diesmal nicht schaffe, dass es noch zuviel zu erledigen gibt und man sich bei diesem höllischen Strassenverkehr auch nicht auf die schönstbenannte Autobahn, Autoroute du soleil, begeben sollte, besser zu Hause im Garten auf die ersten Bohnen … und die Nektarinen sind im Orangen Riesen viel billiger als im Süden.
Je nu – Allez!

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Ich hätte dezidiert ja sagen sollen, als mein Bürokollege fragte, ob mich der Ventilator störe. Acht Stunden umwirbelt zu werden von altem Haus- und Bücherstaub konnte ich noch nie ertragen, ohne krank zu werden. Ventilatoren, möglichst grosse, scheinen Männern besonders zu gefallen. Ich kenne jedenfalls keine Frau, die sich am ersten heissen Sommertag so ein Ding auf den Schreibtisch stellt. Einmal arbeitete ich neben einem Mann, der einen blauen Ventilator in Penisform ins Büro brachte. (Er wurde später aus anderen Gründen entlassen).
Ein Kollege hat sich zusätzlich zu dem auf dem Schreibtisch, auch noch einen Ventilator zu seinen Füssen eingerichtet. 355 Tage im Jahr sind die Ventilatoren damit beschäftigt, einem überall den Platz zu versperren, in oder auf ihren voluminösen Verpackungen.
Ich weiss, ich bin selber schuld, dass meine Augen tränen, mein Hals weh tut und ich huste wie ein Ross. Für solche Fälle hat mir mein Vater seine Taschentücher hinterlassen, gross wie eine Kinderwindel. Ha-ha-ha.hatschi!

Von meiner Krankenkasse erhalte ich eine „individuelle Erfolgsbeteiligung von 20 Franken, da ich mich als „versicherte Person zu 100% systemtreu verhalten“ habe!! Der Jahresgewinn der Kasse beträgt 29,3 Mio./2010, was ja im Zeitalter der fliegenden Milliarden ein Nasenwasser …

Gewinnen kann ich auch, wenn ich bis zum 15. Juli meine Wintergarderobe, gefütterte Stiefel, Schals, Pullis, Kappen, Wollmäntel usw., bestelle.

Mit den Kirschen stimmt heuer alles – reiche Ernte, prall, glänzend, wurmfrei wie seit Menschengedenken noch nie. Werner schnabuliert auf seinem Heimweg von den überhängenden Ästen. Einen Weg hat er schon abgegessen, aber zum Glück führen viele Kirschenwege nach Hause.

Brigitte hat wieder einmal das Maderanertal besucht. Nichts als Steine und Wildbach dort, wo vor sechs Jahren noch ihr Haus (mit ihren Büchern) stand.

Bei einem der Orangen Riesen sind Dörrfrüchte und Backzutaten Aktion.

Der Verwalter sei auch gegangen worden, erzählt mir eine Nachbarin aus meinem früheren Block. Er hatte mich wegen systemuntreuem Verhalten auf die Schwarze Liste der nicht mehr genehmen Mieter und Mieterinnen gesetzt. Ich hatte ihn „Jungen Trübu mit schmalen Schultern“ genannt.

Gerade mache ich einen Lexikon-Eintrag über den Lehrer und Schriftsteller Hans Schütz, aufgewachsen in Zwischenflüh im Diemtigtal und 1949 im Alter von 36 Jahren vor den Augen seiner Schüler im Burgsee bei Interlaken ertrunken.
Hier ein Gedicht von ihm

An meine Frau

Ich ohne dich
du ohne mich:
Eine Sense ohne Mahd,
eine Furche ohne Saat,
eine Blume ohne Frucht,
einer Schale leere Bucht,
unbehauen stumpfer Stein,
eins allein.

Das AKW Mühleberg wird sofort heruntergefahren, um über den Sommer die Notkühlung nachzurüsten. (Bund, 30.06.2011)

Schon der Name war umwerfend! Wer hiess im Dorf zwischen Gürbe und Stockhorn schon Hannelore? Sie war ein Jahr älter als ich und die absolute Schulhauskönigin. Lange vor den anderen trug sie Strumpfhalter und „dünne“ Strümpfe, zupfte sich die Augenbrauen und liess sich im Chemieunterricht eine Strähne Blond in ihren braunen Bubikopf färben. Wir anderen trugen meist zwei Zöpfe, wenn’s hoch kam einen Pferdeschwanz. Bis zur Strähnchenmode sollten noch Jahrzehnte vergehen. Hannelore sah einfach super aus mit ihrem dunklen Teint und ihren weissen Zähnen. Kein Wunder wurde sie ausgewählt, für „Pepsodent“, die damalige In-Marke bei den Zahnpasten, Werbung zu machen. Sie erzählte das beim Umziehen in der Garderobe und ermunterte uns, da auch mitzumachen. (Für mich kam das nicht in Frage, denn ich hatte einen angeschlagenen Schneidezahn).
Alle Mädchen wollten mit Hannelore in die Pause gehen, hatte sie doch immer etwas Unglaubliches zu erzählen, dazu teilte sie ihr riesiges Pausenbrot, mit Butter bestrichen und Zucker bestreut, mit den Kameradinnen.

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Geweckt werde ich vom Wind, der heftig an der Store rüttelt. Ich kurble diese hoch, schon prasselt der Regen ans Fenster. Zeit zum Aufstehen. Zuerst Kaffee, dann Küche aufräumen, dem Plüschpferd den Bauch zunähen, die uralten und heiss geliebten Faltbüchlein mit speziellen Klebestreifen zum xten Mal reparieren, ein bisschen bügeln und anschliessend wieder einmal einen Blick ins neue Magazin des Orangen Riesen werfen. Ich lese mich durch Umwelt, Mode und Gurkensprossen Gemüse. Auf dem Weg zur Kolumne des Hausmanns (Link zum Buch) treffe ich auf die erste Miss Tibet, die eine Schweizerin ist. Sie wurde in Dharamsala gekrönchet. (Hoffentlich ging diese Miss-Wahl in Lower Dharamsala vonstatten und mein indischer Lieblingsort Upper Dharamsala, Sitz des Dalai Lama, blieb davon verschont). Die Aktionsangebote überspringe ich, auch den Jake Gyllenhaal und die grillenden Schwingerkönige. Erst als ich auf den Bericht über die Liebeskummer-Therapeutin Mona Gross stosse, lese ich mich fest. Eine so schöne Frau, langhaarig, blond, schlank, unten Jeans und oben rosaroter Hauch über silberbeschlagenem Gürtel, High Heels (versteckt hinter der spiegelden Kochinsel) – einfach chic! Dass diese Zauberfee gegen Trennungsschmerz ihre 61 Jahre nicht verschweigt, finde ich cool.
Als der Gross-e Fussballtrainer sie betrogen hatte, mochte sie sich nur noch von japanischem Salat ernähren, dessen Farben der Seele gut taten. Heute kommt dazu wieder ein Entrcôte, denn Mona hat sich aufgerappelt, ist selbst wieder am Ball und betreibt seit Kurzem bereits eine zweite Praxis für Liebeskummer-Beratung.
Inzwischen ist es im Wohnzimmer kühl geworden. Die Uhr zeigt zehn vor zwei und der richtige Morgen ist noch einige Stunden weit entfernt. Mit den Hühnern kleinen Enkelkindern zu Bett gehen und schon hat die Morgenstund irgend etwas im Mund – japanischen Salat?

Doch, doch, sie hat in ihren alten Papieren zum ersten Frauenstreiktag genuschet. Hat sich gewundert, dass das Buch von damals „Wenn Frauen wollen, kommt alles ins Rollen“ im Gegensatz zu ihr noch so frisch aussieht und die unzähligen Transparente darin kaum an Aktualität verloren haben – nicht nur „Der Storch streikt nie“.
Immer noch fehlt z.B. ein sauberes zentral gelegenes Gratis-WC füe Frauen, während die Männer Es jederzeit an bester Lage am Zytglogge tun können – denkmalgeschützt und jugendstylish.

Pissoir im Jugendstil

(Der Urinstein wird monatlich abgepickelt)

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\"Maman\"

Bronzene Maman von Louise Bourgeois (1911−2010)

Probiere früh am Morgen aus, ob Spinnen-Maman mir wirklich die von den Kunstkennern versprochene „Geborgenheit“ bietet. Ein bisschen tröpfelts durch den Gitterbauch mit den Rieseneiern, aber ich bleibe, oh Wunder, beinahe trocken. Gerade wird unter einem Laubenbogen ein ausladender blauer Schirm – pflopf – energisch geöffnet. Wer hat früh morgens so viel Schwung? Unsere Bundespräsidentin in höchster Eile auf dem Weg ins Büro. (Schon zurück aus Rom?) Mittags esse ich mit Freunden bretonisch: Ei-Schinken-Käse-Galette mit einer Kachel Cidre brut, anschliessend eine Butter-Zucker-Crêpe. Im Tram treffe ich eine Kollegin. Sie ist enttäuscht über den Ausgang des Fliesenmann-Prozesses. In der Laube vor der Bibliothek rauchen die Studenten und Studentinnen, denen man jetzt „Studierende“ sagt, ihre feuchten Zigis. Ich fahre mit dem Lift hoch in mein Büro, um noch möglichst viele vor der Brücke liegenden Arbeiten zu erledigen. Das betriebliche Weihnachtsessen findet am 25. November statt – ist notiert.
Eine Bio-Gurke kostet heute beim Orangen Riesen Fr. 3.15. In den Einkaufkörben keine Anzeichen dafür, dass dieser Preis Vertrauen erweckt.

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Er schnallt seine Beinprothese ab, legt sie neben die Treppe und deckt sie sorgfältig mit seinem braunen Badetuch zu. Nun sieht sie aus wie ein schlafendes Baby. Der Einbeinige macht einen leichten Hüpfer, taucht kurz ein ins kühle Wasser und schwimmt, nun unbehindert, zu seinen Freunden, die sich lachend über den gestrigen Jassabend unterhalten. So früh am Morgen gehört das Bad für einige Stunden den Alten. Seit ihrer Kindheit verbringen sie den Sommer im und um den Weiher. Ja, früher, da stieg man bei 16° ins Wasser, aber heute müssens, der alten Knochen wegen, schon 18 sein.
Ich vergesse meine Sandalen unter einer Bank, die inzwischen von drei zerbrechlichen alten Frauen in weissen Sonnenhüten besetzt ist. „Gerade wollte ich Ihnen die Schuhe bringen,“ sagt die mit der kecken Sonnenbrille. Einen Moment wundere ich mich, dass sie weiss, wem die Roten gehören, aber dann ist mir klar, dass sie die Schuhe der übrigen Badegäste alle kennt.

Am Zaun

Nie hätte ich geglaubt, dass man durch einen Maschendrahtzaun so viele Geschichten erzählt bekommt. Als ich im Frühling mit den Gartenarbeiten begann, gingen mir die ständigen Kommentare der Passanten ein bisschen auf die Nerven und ich nahm mir vor, den Zaun blickdicht zu begrünen. Die Schnecken taten sich dann aber an den Winden-, Reben- und Bohnensprösslingen gütlich und übrig blieb nur …

Geissblatt

… das Geissblatt – von Sichtschutz keine Spur. Die Leute gehen hin und her, von und zur Tramhaltestelle, bleiben weiterhin stehen und erzählen mir ihre Geschichten durch die Maschen. Sie erinnern sich an Gärten, die sie selber einmal hatten und verloren, von der Arbeit, die sie einmal hatten und verloren, von der Gesundheit, die sie hatten und verloren, von den Hunden, Katzen, Kindern, die sie hattent und verloren. Seitdem die Blätter und Stängel spriessen und wachsen gibt es keine Ratschläge mehr, sollte ich aber dann …

Rhabarber

… Rhabarber, Stangenbohnen oder Himbeeren zuviel haben,
man wäre dann schon Abnehmer.

Den diesjährigen Aprilscherz in meiner Tageszeitung habe ich nicht als solchen erkannt. (Die Familie durfte lachen: ha, ha). Manchmal kann ich Scherz nicht von Ernst untertscheiden, das stimmt. Gestern z.B. dachte ich zuerst an einen Scherz, bis ich verstand, dass es ernst …

Auch wenn der Briefträger gar keine Post dabeihat, erscheint er beim Kunden.

Was tut er denn ohne Post? Er schaut nach den Betagten und Gebrechlichen, checkt eine Befindlichkeitsliste für die Angehörigen ab (Fr. 4.90), um diesen dann Bericht zu erstatten. So ein beglückendes Winwin: die Einsamen sind nicht mehr einsam und freuen sich von Vormittag zu Vormittag auf den Besuch des Briefträgers. Für das unterbeschäftigte „Zustellpersonal“ sei das neue Tätigkeitsfeld ein „willkommenes Geschenk“, ausserdem müssten so wegen der neuen Sortiermaschine und den Mails statt Briefen und Postkarten nur 250 Stellen abgebaut weden.
Vorläufig sieht die Spitex in den Briefträgern noch keine Konkurrenz. Sollte die postalische Betreuung dann das Anziehen der Stützstrümpfe, das Einsetzen der Gebisse, den Gang zur Toilette, das Lüften der Wohnung, das Giessen der Blumen usw. überschreiten müsste man allerdings eiligst über die Bücher. Das Zielpublikum sei zwar zahlreich, aber so mirnichtsdirnichts überlasse man es nicht der Post.

Und was sagen die Boten und Botinnen zu diesen neuen Aufgaben?
Xaver Y.: „Ich hoffe, dass ich wieder Zeit haben werde, aufs Klo zu gehen, wenn ich muss, denn von oben wurde in den vergangenen Jahren verordnet, dass wir ausgeschissen zur Arbeit erscheinen.“

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