So. 26 Feb. 2012

Mit dem Ärger darüber verblassen auch die Gefühle für die Heimat,
sagt Peter Bichsel sinngemäss.

Wir ärgern uns am neuen Ort noch nicht und über den alten nicht mehr.
Es lebt sich ganz gut in der Schwebe.
So. 26 Feb. 2012

Mit dem Ärger darüber verblassen auch die Gefühle für die Heimat,
sagt Peter Bichsel sinngemäss.

Wir ärgern uns am neuen Ort noch nicht und über den alten nicht mehr.
Es lebt sich ganz gut in der Schwebe.
Di. 7 Feb. 2012

Wenns draussen Stein und Bein gefroren ist, ist’s drinnen besonders gemütlich. Heute werden alle Bauklötze mit Spaghettizangen zu Türmen aufgbaut, in deren Schiessscharten bald meine Fingeringe liegen. Suppenkellen und Schöpflöffel werden ständig umfunktioniert und dunkle Ecken in der Wohnung mit der Taschenlampe nach Gespenstern abgesucht. Welche Bücher stehen eigentlich auf den obersten Tablaren? Man verschiebt mit vereinten Kräften das Sofa und klettert auf die Lehne. Johnson, Kemal, Lawrence & Co. mögen vielleicht ein bisschen erschrecken, lassen sich aber gerne wieder einmal mit höchstem Interesse durchblättern. Anschliesssend bin ich für eine Weile gefordert und erzähle von Entchens neuer Brille, den kleinen Wölfen und dem bösen Schwein und zu 1000sten Mal die Geburt von Barbapapa in Stefans Garten. Nun ist es Zeit, den Bärenhunger zu stillen. Und was machen wir danach?
Wir kneten Luft in den Teig – und dann sind wir müde – aber nur ein bisschen.

So. 5 Feb. 2012
Heute widme ich mich pflichtgemäss dem blauen Brief vom Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär, den ich vor einigen Tagen im Milchkasten (passte nicht in den Briefkasten) vorfand – nicht überraschend, denn er wurde mir via Medien angekündigt. Da der grösste Teil der Bevölkerung bereits mindestens 1 IKEA-Möbelstück zusammengebaut hat, sind die Anleitungen zum richtigen Verhalten klar.

„Obwohl die Nukleartechnologie als sehr sicher erachtet wird, ist es Aufgabe der Behörde, das Schadensrisiko bei einem Unfall maximal zu reduzieren.“
Fr. 20 Jan. 2012
Nachdem nun auch die neue Post-Chefin eine rote Brille trägt, verleiden mir Nasenvelos in dieser Farbe endgültig, sie hängen mir sozusagen zum Hals heraus, mag sie nicht mehr sehen an den „Frauen über Vierzig“. Das Blöde ist, ich trage selber so etwas Rotes, eine Designerbrille der Marke Bellinger, ein Modell, dem ich in fünf Jahren nie begegnet bin. Ich mache mich auf zum Optiker – nicht zu dem, bei dem man schon viel früher im Leben hätte kaufen sollen – fest entschlossen, etwas Oberschlichtes auszuwählen, so zeit- und farblos wie nur möglich, nichts Schwarzes und keinesfalls etwas aus Horn, wofür ja in der momentanen eyewear unzählige Wasserbüffelhörner verarbeitet werden. (Ist der Nachschub aus Pakistan überhaupt gewährleistet?)
Item, meine Augen werden vermessen und
anschliessend serviert mir der Optiker
nach einem Espresso mit Glas Wasser
ein Tablett Brillenfassungen.
Di. 17 Jan. 2012
Frau Fauser sitzt im Tram neben mir. Sie hat ein Rubbellos gekauft und schabt nun Feld für Feld mit einem Geldstück auf, wischt den Leim von der Hose und erzählt mir, dass sie heute am Bahnhof erwischt worden sei. Die Busse werde ihr dann per Post zugeschickt. Sie habe alles versucht, aber die Polizei habe auf stur geschaltet. Dabei habe sie, Frau Fauser, vor dem Einsteigen den ihren doch nur auf den Haufen von tausend weiteren Zigarettenstummeln geworfen. Just in dem Moment seien sie gekommen und hätten die Personalien genommen: „Die vorderen Tausend kamen natürlich ungeschoren davon.“ Frau Fauser rubbelt die letzten Felder auf – leider kein Sofortgewinn. „Wäre ja zu schön gewesen. Und erst noch vierzig Franken weniger für neue Zigaretten.“
Zufrieden gehe ich nach Hause (wo auch ständig Zigis, Unterhöschen, Wattestäbchen, dreckige Taschentücher vom Hausmeister zusammengefegt werden müssen). Endlich weiss ich, dass Littering-Übeltäter und -innen in dieser unserer schönen Stadt tatsächlich zur Rechenschaft gezogen werden. Und wenn Frau Fauser nun wirklich durch Schaden klug wird, besteht die Möglichkeit, dass wir 2012 für die Strassenreinigung statt 20 Mio Franken nur 19 Mio 999’995 ausgeben müssen.
Fr. 13 Jan. 2012

Ehrlich gesagt, der Einstieg in blogk fällt mir nach so langer Zeit der Abwesenheit nicht leicht. Mit allem bin ich im Verzug. Dreikönige wäre eigentlich der Stichtag zum Abbrotzen (berndeutsch: abräumen, abschmücken) sämtlicher Weihnachtdekorationen. Aber erst vorgestern wickelte ich Heiliges Paar, Heilige Heerscharen, Heilige drei Könige, Ochseselschaf und sechzig weitere Figuren (vierzig davon provenzalische Santons) in Seidenpapier und verstaute sie in der Tiefe von Grossvaters Trögli. Mit Schaudern dachte ich an Tante Milla, sagte auch dem Baumschmuck hurtig ade. Bereits anfangs Dezember hatte ich mich im „Chat noir“ mit Weihnachts-Neujahrskarten eingedeckt: eine für Karl, die für Hans und Lina, diese für Familie Michel, für Margrit, für Tante Ruthli, für Christian und seinen Hund und für Caroline und ihre Katze. Hatte wunderschöne seltene Weihnachtsmarken einer Kollegin abgekauft, bereits im Oktober, aber nun ists zu spät, der Stichtag für gute Neujahrswünsche sei passé – und ab jetzt nur noch das Gegenteil.
Ausreden für solch massive Verspätungen sind vorhanden.
Sa. 7 Jan. 2012
sind rührend. Der vis-à-vis, der sich – benebelt vom Alkohol – vor unserer Tür aufbaute, so gut es eben ging und bekannte, es sei so, so schade, dass wir ausziehen, ich sei eine „so, so gueti Frou“. Die langjährig befreundete Makedonierin, die vorbeikam und sich gleich zweimal entschuldigte: „Für alle meine Fehler, die ich gemacht habe in diese ganze Zeit, wo wir wohnen zusammen.“ Und: „Dass ich bin krank und bin mit meine Enkel die ganze Zeit und kann nicht dir helfen mit Zügel.“ Und die Schweizer Nachbarn, die einerseits etwas ungehalten und andererseits auch verständnisvoll sind und immer wieder betonen, wie wichtig wir für den ganzen Block und den Quartierverein gewesen seien. Die siebenköpfige Familie aus dem 8. Stock, die sehr gerne unsere Wohnung übernähme und für dich ich deswegen der Verwaltung gschrieben hatte, die bedankte sich so überschwänglich, dass es mir peinlich war,. Ich fürchte, sie überschätzen meinen Einfluss enorm. (Und wenn die Verwaltung hier kompetent wäre, sähe vieles anders aus.)
Natürlich ahnen die Leute, dass wir auch wegen des Zustandes, in dem unsere Blöcke und Wohnungen sind, wegziehen. Aber darüber reden möchte ich mit ihnen nicht. Denn die meisten müssen ja hier bleiben, um ihre verschiedenen Heimaten, ihre versprengten Familien und deren teilweise grotesken Ansprüche mit ihrem Einkommen zu finanzieren. Ich sage deshalb allen, wir zögen zu der Verwandtschaft von 2nd, male. Das stimmt (zufällig, wir haben uns auf eine normal ausgeschriebene Wohnung beworben) und vor allem versteht das jeder hier gut.
Auch wenn ich nicht weit weg sein werde, werde ich die Leute von hier im Alltag vermissen. Mir ist die Nachbarschaft sehr wichtig und wie ich gestern gemerkt habe, auch 3rd, male. Wir sassen in der Quartierpizzeria und 3rd meite, nachdem er mit ein paar Alkis geplaudert hatte, dass er sich die neue Nachbarschaft schlecht vorstellen könne. Er kennt nur die Namen von den Einträgen im Waschküchenbuch, das ohnehin viel sauberer und ungebrauchter aussieht als unseres. 3rd ist hier aufgewachsen, er kennt x-silbige Familiennamen, spanische Trippelnamen und eine Menge „ics“ und „itis“. Es reut ihn ein wenig, nicht mehr zwischen den Welten zu wechseln, sondern im Schulalltag und Wohnalltag eine ähnliche mittelständische Umgebung zu haben. Mir geht es genau so.
Aber eigentlich wissen wir ja bloss, wie’s war mit den alten Nachbarn und nicht, wie’s wird mit den neuen.
Fr. 6 Jan. 2012
Wenn ich durcheinander bin, kommt es oft vor, dass ich aufräume. Der Trick funktioniert seit meiner Kindheit: Äussere Ordnung verhilft zur Inneren. Heute abend waren die Büro-Billys an der Reihe. Dabei fand ich ein altes Dokument, welches aus irgendwelchem Grund bei mir archiviert blieb:
Der Aufsatz von Labinot zum Thema
Aussenraum – Innenraum
Geschrieben am 5. November 1999
„Ich denke so: Jetzt bin ich 9. Kl. und ich kenne die Deutsch Sprache nich gud, ich musst hir noch ein jahr bleiben und die Sprache gud lernen. Die Eltern mir sagen, du musst schule weiter gehen, gimnasium u.s.w. aber ich bin in Real schule un von hir kann man nicht schule weiter gehen. Ein jahr spöter ich musst wider nach Kosovo zurük, und schule weiter gehen in gimnasium 2 Kl. und ich dencke eine gute beruve zu haben z.b.s. Jurist, so dencken auch meine Eltern.
Zwei jahre früher ich bin in Kosovo gewesen, in meine Dorf (Drenovc) im Juni 1998 nachmitg die Serbische Armee gekomt und Drei Tage Krig gemacht mit UçK, und ich geschlofe in ein Keler, und mein Vater in Krig gewesen. Naher ich mit mein Bruder Ein Tag gelaufen nach Peja.“
Mo. 26 Dez. 2011

Der Heimleiter, von allen „Vater“ genannt, verteilt das Taschengeld.
Die Buben dürfen auf das Jahresende für ein paar Tage „nach Hause“ fahren.
Anfangs der 60er Jahre heissen diese Institutionen zwar nicht mehr „Erziehungsanstalt“, sondern „Erziehungsheim“. Es wird aber immer noch mit harter Hand geführt. Fürs Ausreissen fasst bub sich im Büro des „Vaters“ eine Tracht Prügel, von Hand oder mit dem „Hälslig“. Als junge Erzieherin versuche ich, den mir anvertrauten Knaben eine Art Heim zu geben, wenigstens den 16 in meiner Gruppe. Immer wieder muss ich vom „Vater“ ermahnt werden, dass ich es hier mit Schwererziehbaren zu tun habe und wir verantwortlich dafür sind, aus 64 hoffnungslosen Fällen nützliche Glieder der Gesellschaft zu machen.
Vor Weihnachten kommt der Beauftragte des Kantons ins Heim, um vor Ort zu kontrollieren, ob alles gut läuft. Vorher muss das ganze Haus auf Hochglanz gebracht werden. Die Zöglinge schleppen Kübel mit Seifenwasser und fegen zusammen mit den Erzieherinnen Treppen und Gänge. Die „Mutter“, Ehefrau des Heimleiters, dirigiert die Untergebenen, heisst den Gärtner Gestecke und Türkränze anzufertigen, die Hausbeamtin das Leinen auf den Tisch zu breiten, die Köchin die Bernerplatte anzurichten, denn der Beamte kommt jedes Jahr pünktlich nach dem Schlachten und hat nichts gegen Speckseiten- und Bratwurstgeschenke. Schliesslich setzt er sich in seinem Büro in Bern das ganze Jahr hindurch für das Heim ein. Der Kontrollbeamte kann zufrieden sein: Das Essen ist gut, das Schlachtpaket üppig, die Jahresabrechnung vom Heim, zu dem ein grosser Landwirtschaftsbetrieb und eine Gärtnerei gehören, sieht nach erfreulichem Gewinn aus. Kein Wunder, denn vierundsechzig Buben im Alter von 7 bis 15 Jahren haben geackert, gesät, Kartoffeln gepflanzt, Kühe und Schweine gehütet, Beete und Felder gejätet, Beeren und Obst gepflückt, Ställe ausgemistet, Gras, Getreide und Heu eingebracht, Jauche ausgebracht, gekocht, Wäsche aufgehängt, geputzt und die Kinder des „Vaters“ und der „Mutter“ bedient.
Nach der Weihnachtsfeier im Heim mit Züpfe, Hamme, Kartoffelsalat und einem Geschenk (Socken, Unterhosen, Leibchen, Nastücher, 1 Tafel Schokolade), dürfen die Buben für ein paar Tage nach Hause fahren, meist in ein Zuhause, das ihnen fremd geworden ist, denn die Familien werden kaum in die Erziehung der „versorgten“ Kinder einbezogen.
So. 25 Dez. 2011
…macht Weihnacht, indem ihre Mitlieder:
Multikulturell lesbare Weihnachtswünsche laminieren und im Blogk-Eingang platzieren
Eine Liste über die Geschenke an den Hausmeister führen, damit kein Dank untergehe
Geschenke und Weihnachtskonfekt zwischen den Blöcken hin- und her transportieren
Dinge, um die der Haushalt vor dem Umzug reduziert werden muss, online verkaufen
Kräuter zu Pesto verarbeiten (der weisse Trüffel war am Ende doch zu teuer)
Leute via Liftschacht beruhigen, wenn der Aufzug stecken geblieben ist
Weihnachtslieder und deren Noten zusammensuchen
mit den kleineren Kindern spazieren gehen
Den Weihnachtsbaum schmücken
Die Kerzen anzünden
singen und danken
allen hier fröhliche Tage wünschen.
Do. 8 Dez. 2011
1st, head of this blog, steht vor einer Phase, die andere „Pensionierung“ nennen würden.
Damit alle Bücher und Daten zu Autorinnen und Autoren, die ihr (und vielen aus der Region) am Herzen liegen, wirklich und wahrhaftig noch vor diesem Termin vollständig und umfassend zugänglich werden, arbeitet sie jede (Familien-freie) Minute an diesem digitalen Projekt.
Es folgen aber hier auch wieder beitragsreichere Zeiten.
So long!
So. 27 Nov. 2011

Alles Gute und Schöne zum ersten Advent allerseits!
Der Familie Blogk wird diese Zeit Veränderungen bringen. Zum ersten Mal seit 20 Jahren wird ein Familienzweig das Hochhaus und diese Postleitzahl verlassen. 2nd, female, 2nd, male und 3rd, male werden umziehen. Seit 3rd vor zehn Jahren den Engel oben gemacht hat, wohnen wir auf einer Baustelle, unsere Umgebung ist ein Provisorium und täglich erleben wir, wie der Einsatz der Bewohner für ihr Quartier mindert – auch unserer eigener.
Man hört ja als sozial und politisch engagierter Mensch immer von anderen Menschen, die sich weniger aufregen, gesünder leben und ganz allgemein gelassener sind, dass man die Welt nicht ändern könne, nur sich selbst. Nun machen wir das.
Mi. 23 Nov. 2011
Wir kommen im Moment nicht so zum Bloggen, weil wir halt anderes zuerst machen: Aktiv und passiv in die Schule und Bibliothek gehen, hausmeistern, Schnittstellen in Garten und IT pflegen, eine Menge Ehrenämter, was gemäss neustem SPIEGEL recht positiven Einfluss auf die Lernfähigkeit einer Region hat. Besonders die Vereinsmeierei, woran wir auch gar nie gezweifelt haben.
Generationenübergreifend lacht Familie Blogk über die wunder- und sehr gut memorierbare Übersetzung eines türkischen Heulers. Voilà: „Keks, alter Keks“:
Do. 10 Nov. 2011

Damit auch in diesem Jahr alles klappt mit der Zukunft, durfte ich unter der strengen Anleitung der Fachfrau (als Versuchskaninchen) einen Probelauf in der
hauseigenen Buchbinderei starten.
Die elf Jugendlichen, Kinder von Mitarbeiterinnen und
Mitarbeitern, hantierten heute geschickt mit Stechzirkel,
Leinenband und Weissleim. Es war ein anstrengender, aber lustiger
Tag. Die Bücher in den Gestellen freuten sich auch über so viel fröhlichen
und ungewohnten Betrieb.
So. 6 Nov. 2011
Unglaublich, was man alles „falsch“ machen kann in einem Leben. Schon die Kleinigkeiten, nichts Lebenswichtiges, füllen elektronische Kuhhäute.
Daran dachte ich heute, als mein Schwiegersohn (mit südosteuropäischen Wurzeln) das Grosse-Bajram-Fleisch in die Pfanne haute und hoffte, mit wenig Öl und viel Hitze den Goût der Kindheit darin wieder zu finden. Aussichtlos, nichts schmeckt mehr genau so, wie in der Kindheit. Die nötigen Zutaten bringt man nie mehr zusammen, was auch ein Glück sein kann.
Ich erinnerte mich an meine Apfelrösti. Jahrelang versuchte ich als tüchtige Haus- und andere Frau, die Öpfurösti meiner Schwiegermutter nachzukochen. Aussichtslos. Einmal war das Brot zu weiss, zuwenig altbacken, zu ruch, zu dick oder zu dünn geschnitten, in zuviel Butter geröstet statt im Ofen nur angetrocknet. Ein anderes Mal die Äpfel zu süss, zu wenig gefallen (unbedingt Fallobst) zu wenig weich, zu saftig oder das Verhältnis Äpfel-Brot nicht passend, dann alles zu heiss oder zu lau.
Item – Nun wieder zum Opferfest-Fleisch von heute. Das war Rind! Was den Koch nicht störte, war doch in seiner Kindheit die Hauptsache „Fleisch“. Man legte es direkt auf die heisse Ofenplatte, verzehrte es gemeinsam restlos und ohne erzväterliche Geschichtsgarnitur. (Streng genommen müsste es Schaf sein, denn damals, als Vater Abraham das Messer ansetzte, um seinen geliebten Sohn Isaak zu opfern, war im allerletztem Bruchteil der Sekunde ein Widder da und kein Rind.)
Nicht nur in der „Küche“, auch in der „Kirche“ kann man so vieles falsch machen. Eine Kollegin, schon sehr lange konvertiert, hat sich beim Kleinen Bajram furchtbar aufgeregt über die oberflächlichen Gläubigen, die sich nicht an den Mondkalender halten und aus irgend einem weltlichen Grund das Fasten ein paar Minuten zu früh brechen.
Und jetzt noch Rind, statt Schaf – wo soll das noch enden?
Mo. 17 Okt. 2011

Jetzt falled d’Blettli wieder
de Summer isch verbii
und d’Schwälbli flüged alli furt
mir wüssed nüd wohii.
Leb wohl, du schöne Summer
du söttischt nonig gah
wenn d’über s Jahr denn wider chunnscht
denn simer alli froh.
Ein letzter milder Abend zum Zusammensitzen und Essen im Garten,
letztes Bad im Freien, Sommerschuhe und Kleider „einwintern“,
wieder öfters im Haus spielen,
sich Frisur mässig vom neuesten Baumschnitt am Bundesplatz inspirieren lassen,
einmal eine Kuh in der Stadt fotografieren (leider nur Teilansicht),
mit den Jungkrähen durch die Stadt flattern, damit sie sich auskennen, wenn sie gross sind,
Laub rechen, rechen, rechen, die Melodie mit summen, wenn der Glockenturm
Herbstlieder spielt und ein bisschen in die Sommerfötis klicken …
Und zu der Idylle noch etwas Schwarzes: Das LikeaBike von Kleinesbübchen wurde gestohlen,
vor meiner Wohnungstür, und wir denken, dass das Velo
schon in Mazedonien ist – wir Wüsten!



Sa. 15 Okt. 2011
Als Frau Schnyder ins Altersheim übersiedelte, nahm sie die Kasperli-Figuren mit. Ihr Mann, ein Grafiker, hatte diese als frischgebackener Vater modelliert und Frau Schnyder hatte die Kostüme genäht. Eigentlich wollten die erwachsenen Kinder die Figuren schon lange entsorgen und verstanden nicht, dass ihre Mutter solch unnötigen Kram ins Heim mitnahm. Wenn ich der alten Frau eine Auswahl Bibliotheksbücher vorbei brachte, kochte sie mir Tee, nahm dann den Kasper, das Grittli, den Polizisten hervor und erzählte von früher. Als Frau Schnyder gestorben war, erhielt ich Bescheid, dass sie mir die Kasperlifiguren hinterlassen hatte. Aber aus dem Erbe wurde nichts. Die Söhne wollten die Puppen nun unbedingt haben, riefen mich ständig an, versuchten mir auf die Tränendrüsen zu drücken. Schliesslich seien die Handpuppen von Papa, einem Künstler, gemacht, ein wichtiges Andenken und wertvoll. Es sei doch seltsam, dass Mama sie nun einer wildfremden Person … Ganz klar, dass ich nicht auf meinem verbrieften Recht beharrte.
Noch einmal sollte ich etwas erben.
Fr. 14 Okt. 2011
Vor 32 Jahren kaufte meine Nachbarin aus Mitleid mit ihnen, drei Stecklinge in einem Sonderangebot des Orangen Riesen. ‚Bonsai‘ stand auf dem Preisschild. Hedi pflanzte die drei Winzlinge in der Nähe des Küchenfensters in ihren Reihenhausgarten.
Mi. 12 Okt. 2011

Granatamphibolit mit Begleitsteinen:
hinten: Smaragdit
vorne: Vallorcine-Konglomerat (Bachmätteli, Bern-Bümpliz)
Vor hundert Millionen Jahren vom Rhonegletscher (nicht der Aare-)
hier in der Nähe abgelagert,
vor mehr als hundert Jahren von der Holzgemeinde Bümpliz
dem Naturhistorischen Musum Bern geschenkt,
seit 60 Jahren staatlich geschützt. (Steht auf der Info-Tafel)
5 Minuten persönliche Geologie, während ich aufs Tram warte:
Stein auf dem Herzen,
Stein vom Herzen,
Stein fürs Herz
Stein zum Stolpern
Stein für den heissen Tropfen
Stein im Brett
Stein zum in den Garten Werfen
Stein zum zuerst Werfen
Stein vom steten Tropfen gehöhlt
Stein fürs Glashaus
Stein auf dem Surchabis (Sauerkraut)
Stein mit Bein gefroren
Stein zum Umdrehen
Stein zum Anstossen
Stein mit Stock zum Überspringen
Stein, der nicht auf dem andern bleibt
Stein zum Erweichen
Ich werfe noch einen Stein ins Wasser des Stadtbachs,
dann kommt das Sibni-Tram.
Do. 29 Sep. 2011
„Sie können sich nicht vorstellen, wie eng wir durchmussten. Zu viert in einem Bett schlafen, erst mit 15 ein eigenes, sommers barfuss laufen, samstags Steine auflesen und jäten. Weils nichts kostete, bei den Pfadfindern mitmachen.“
Eigentlich war er schon als Kind ein Sammler, aber was der Bub vorne ins enge Armeleutewohnigli herein trug, warf seine Mutter hinten wieder hinaus. Wenn die Bereitermusik am Haus vorbei zog, war er zur Stelle. An ein eigenes Instrument war nicht zu denken. Der einzige Anzug, den ihm sein Vater unter Abwägen und Werweisen kaufen konnte, war der zur Konfirmation. Kurz darauf war’s dann auch die Trauerkleidung zu Vaters Begräbnis. Die Familie wurde noch ärmer, sollte sogar bevormundet werden. Ab nun war sein Motto: „Ich will!“, was bedeutete, weg aus dem Armeleutemief, weg von der endlosen Rappenspalterei, dem Verzichten und am Mundabsparen.