SMS von heute 11:47 aus dem Rhonetal:

„Fahren gerade am AKW Tricastin vorbei. Franz. Zeitungen schreiben nichts über das ausgetretene Uran. Was schreibt die Schweiz?“

Weder im „Bund“ von gestern, noch in dem von heute finde ich einen Beitrag. Aber hier und hier kann man nachlesen.

Während ein Teil der Blogk-Familie nach Süden fährt, gebe ich diese Berichte per Telefon durch.

Die Ferientage meiner Kindheit bedeuteten hauptsächlich Heuen, Ernten, Dreschen, Emden und viele Stiche von hungrigen Bremsen an Armen und Beinen. Mich konnte man auf dem Feld nicht brauchen, obwohl ich sowohl mit Holz- und Eisengabel als auch mit kleinen und grossen Rechen flink umzugehen wusste. Ständig untergrub ich die Arbeitsmoral, indem ich meinen Eltern und Geschwistern abstruse Geschichten erzählte, sie damit beim Heuwenden und Nachlegen des Getreides aus dem Takt und zum Lachen brachte. Vater, der sich nur mit Mühe das Lachen „verbiss“, schickte mich regelmässig nach Hause, ich solle „Zvieri“ machen. In der kühlen Küche setzte ich dann Wasser auf für einen Lindenblütentee. Nun hatte ich einige Minuten Zeit zum Lesen – ein Luxus mitten im „Wärchet“. Den Tee goss ich in eine Henkelkanne, und schreckte das kochendheisse Getränk mit kaltem Wasser aus der Brunnenröhre ab, so erhielt es eine warme rote Farbe. Die Brote, die ich aufs Feld brachte, waren mit allem belegt, was in einem einfachen Haushalt von Selbstversorgern zu finden war: Beeren, etwas Käse, Ei, ein Wurstzipfel, ein Scheibchen Speck, eine vergessene Kirsche, Nüsse, Apfelschnitze, Kräuter, Zwiebeln, Karotten, Wiesensalbei und Sauerampfer.
Die Geduld meiner Familie wurde arg strapaziert bis ich endlich mit Korb und Pinte auftauchte, den Hang hinauf kletterte und das Küchentuch über dem „Zvieri“ hob. Alles wurde im Nu verputzt. Zu meiner Ehre, gemischt mit etwas schlechtem Gewissen wegen des Lesens sei gesagt, dass sich meine Eltern bis in ihre letzten Tage hier auf Erden an diese Brote erinnerten und nie dem grossen „Bitz Chäs“ nachtrauerten, den sie nicht hatten.

Sie machen einen Riesenlärm, rumpeln und scheppern, wühlen mit ihren gezahnten Schaufeln in Stein- und Erdhaufen. Gerade schleppt einer eine zwanzig Meter langes Rohr, welches mit einem Seil am Ausleger befestigt ist, an den Strassenrand. Seit Wochen wird um die Blöcke herum gegraben und planiert. Ich kann die verschiedenen Modelle dieser Baumaschiene sowohl vom östlichen als auch vom westlichen Balkon aus studieren. Meine Nachbarin und ich schauen eine Weile zu, wie die Rohre befördert werden. Sie meint: „Es ist immer etwas los, die machen rassig vorwärts. Hoffentlich gehts dann mit dem Umbau auch so zügig voran.“
Dieses Verständnis für die lange andauernden Unanehmlichkeiten wundert mich.
Wenn man es bedenkt, können wir nur gottenfroh sein, dass die mit den Baggern ihre normale Arbeit machen“ sinniert die Frau und verabschiedet sich, um für ihre Kinder einen Gugelhopf zu backen.

Ordentlich gekappt
Noch bevor die Sonne heute Morgen über die Dächer
der Altstadt schien, wurde die umstrittene Euro-08-Uhr abgebaut – beinahe so frisch wie vor 300 Tagen, hätte man ihr den Stecker nicht rausgezogen. Natürlich mit aller Sorgfalt und in Dankbarkeit für ihre Dienste. Ihr grösster Gegener konnte diesen Tag leider nicht mehr erleben, aber
ich bin sicher, irgendwo wird er sich darüber freuen.
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Schauen wir auf „Schweiz“ oder auf „Österreich“?
Wir schauen auf „Schweiz“. Denn neben dem Spiel hat auch der Kommentar von „Beni“ Unterhaltungswert. Manch spöttische Korrektur mussten sich die helvetischen Reporter im vergangenen Monat von ihren deutschen Kollegen gefallen lassen – unverdrossen haben die Schweizer in ihrem Schulschriftdeutsch kommentiert und wurden verstanden sowohl bei den deutschsprachigen Nachbarn, als auch bei den Welschen:

„Spanien zeigt, dass sie die Führung nicht gestohlen haben!“
„Das wäre fast eine Kopie des Tores von Torres geworden!“
„Aus verschwiegener Quelle haben wir vernommen, dass … “
„Die Spanier wirbeln wieder.“
„Am Schluss hat der Silva vielleicht ein bisschen mehr geschubst und dann hat der Podolski nachgeschubst.“¨
„Lehmann, der 39jährige Routinier, hat sich nicht düpieren lassen“
„Iker ist immer wieder der Mann, der herrscht über den Luftraum über dem Strafraum.“
„Noch ein Pässchen, noch ein Pässchen und noch eins …“
„Das Spiel ist so spannend und intensiv, dass wir uns nicht bei jeder einzelnen Aktion aufhalten können.“
„Die Zeit läuft, aber das Spiel ruht.“
„Jetzt wird die Zeit ganz knapp, ausser es gibt eine Nachspielzeit der Nachspielzeit.“
„Die Spanier stören gut!“
„Und ihn bewundere ich irgendwie ganz besonders, den Klassetorwart Iker García.“

Was wir nun wieder können: Uns den ungebügelten Wäschebergen zuwenden, die Fingernägel wachsen lassen, die runden Ecken in der Wohnung putzen, länger schlafen und vieles mehr.
Mit den Paninis bin ich immer noch nicht fertig: 20, 36, 47, 108, 126/127, 203/204/206, 218, 219 …

Die Hagelkörner haben in die Blätter der Rosen und der Hosta grosse Löcher geschlagen. Am Familientisch wird über den Einsatz von Hagelraketen, (gehören zu den helvetischen Errungenschaften), diskutiert. 2nd, male weiss zu berichten, dass die Hagelabwehrverbände an Mitgliederschwund litten und deshalb viel weniger Raketen gezündet würden als früher. Ausserdem sei es wissenschaftlich nicht erwiesen, dass diese Dinger überhaupt von Nutzen seien.
Ich erinnere mich an die heftigen Gewitter in meiner Jugend, als der Donner über die Voralpen rollte – vom Niesen bis zum Gantrisch – und ein gelber Himmel über uns hing. Dann kamen die Mannen mit den Raketen und wir Kinder fühlten uns trotz der unheimlichen Explosionen geborgen und beschützt. Mit der Bitte um einen blogk-Beitrag zu diesem interessanten Thema stosse ich aber auf Granit Hagel. Das habe man alles schon in der Zeitung lesen können.
Soll das nun heissen, dass hier nichts mehr geschrieben werden soll, was schon in der Zeitung stand? Manchmal ist es doch so, dass die Zeitung schreibt, was bereits in Blogs zu lesen war.

Ich befinde mich in einem riesigen, niedrigen Raum, einem Luftschutzkeller aus Beton, zugänglich nur durch Türen aus Stahl und drei Stockwerke unter der Erde. Darin so weit das Auge reicht Büchergestelle aus Metall. Auf den Tablaren in Doppelreihen steht Band an Band. Wer hier etwas nachschlagen will, muss sich auskennen in einem speziellen Ordnungssystem oder einen Eingeweihten fragen. Ich weise mich aus, dann werde ich zu meiner Signatur geführt. Sie befindet sich im Gang 15/16. Sobald ich fertig sei, solle ich mich beim Empfang melden, damit das Archiv wieder abgeschlossen werden könne.
Ausser dem leisen Brummen der Luftbefeuchtungsgeräte dringt kein Laut an mein Ohr. Nach einer Stunde bin ich fertig und will die Gruft verlassen, aber die Tür ist abgeschlossen. Mein Handy gibt einige Gluckser von sich und verstummt. (Dabei habe ich doch gerade für solche Situationen vorgesorgt und den Anbieter gewechselt). Kann man nach einem „toten“ Handy suchen, wie ichs in den Krimis gesehen hatte? Ich ziehe den Wänden nach auf der Suche nach einem Telefon – nichts. Wie lange würde es dauern, bis jemand dieses trostlose Untergeschoss von aussen betreten würde? In welchen Abständen werden die Verdunster nachgefüllt? Wann würde mich jemand vermissen? Ruhe bewahren, Ruhe bewahren.

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Heute früh zwischen Haus- und Bustür fotografiert:

Bier mit Ei

Bitte Lift und Treppe benutzen

Heute barfuss

Stehen gelassen

Auf dem Fussweg

Hier gehts zum Block

Flaschenhalter

Schatten fuer den boesen Mann

Der 27er gehört sonntags um 09:20 den alten Füchsinnen und Füchsen von Bern-West. Mit ihren abgeschabten Taschen, den ausgebleichten Liegestühlen und Sonnenschirmen, den eingebundenen Beinen und den Thermosflaschen gehts ins Bad. Jeder belegt im Bus mehrere Plätze. Ich stehe gerne, denn mindestens einer hat heute schon tüchtig Schnaps gefrühstückt. Mit abenteuerlichen Kopfbedeckungen hat man sich gegen die Sonne geschützt. Man kennt sich, macht ein Spässchen und strebt nach kurzer Fahrt den Lieblingsplätzen auf dem Rasen zu. Der Weiher ist gross und das Wasser klar und kühl. Den Alten macht das nichts aus. Sie stehen plaudernd im Wasser, rudern mit den Armen an Ort, sprechen über ihre Gebresten, die Nachbarn, die Reise ins Wallis oder wie das Wasser gestern und vorgestern und vor einem Jahr um diese Zeit war. Sie sind hier seit Jahren zu Hause, haben hier schwimmen gelernt, brachten später die eigenen Kinder mit und werden hier alt und faltig. „Isch das nid wunderbar hüt i däm Wasser?“ fragt mich ein grauhaariger Mann, an dem ich vorbei schwimme. Nun rudere auch ich für ein kurzes Schwätzchen an Ort. Er komme jeden Morgen, versuche sich fit zu halten. „I ha drum eis Bei ab. E schöne Tag no“ – und weg ist er.

Als meine Mutter die ersten Fischstäbchen in Rapsöl und Eisenpfanne auf dem Feuer briet, ging ich schon in die Oberschule. Vor meinem ersten Fondue fürchtete ich mich, da ich dazu in eine „vornehme“ Familie eingeladen war und noch keine Ahnung hatte, wie flüssiger Käse „anständig“ mit einer Gabel gegessen werden konnte. Mit der ersten Orange meines Lebens hatte ich kein Glück. Mein Vater hatte sie mir an einem Kiosk gekauft. Es war ein kalter Wintertag und ich hielt sie fest mit meinem Händen mit Fausthandschuhen. Auf dem Heimweg über den „Hängelisteg“, der bei jedem Schritt schwankte, purzelte mir die Kostbarkeit in die Emme. Als Tramperin erhielt ich Jahre später einen Platz auf einem Lastwagen vollgeladen mit grünen „Bällen“. Das Sitzen darauf war unbequem, aber in dieser Gegend konnte man froh sein, wenn überhaupt ein Gefährt auftauchte. Ich fragte den Fahrer, worauf ich denn sässe. „Avatiach“, sagte er. Als ich an der Kreuzung vom Lastwagen herunter sprang, rollte so eine Avatiach von der Ladefläche und zerplatzte auf dem Boden. „Für dich“, lachte der Fahrer und brauste davon.
Fischstäbchen und Fondue esse ich nicht mehr. Orangen liebe ich immer noch, aber die Wassermelone wird von nichts übertroffen. Gerade war ich im türkischen Laden, habe ein paar Dutzend dieser „Avatichim“ abgeklöpfelt um die süsseste zu finden. Sie ist gegen sieben Kilo schwer, und ich habe mich nachher auf dem Heimweg verfahren, da durch die Bauerei fremde Busse auf meiner Linie verkehren. Aber was tue ich nicht alles für eine Wassermelone …

Gestern war in der Gasse noch ein buntes Treiben in Orange. Sogar der Wirt unter mir konnte sich über mangelnde Kundschaft nicht beklagen. Ein junger Kollege schrieb den ungewohnten Andrang allerdings dem Umstand zu, dass die Holländer die Beiz wegen dem „green“ in ihrem Namen mit einem Coffee Shop verwechselten. Der Schnittlauch auf der Suppe sehe auch etwas blättrig aus.
Scheinbar mühelos übertönte eine Sängerin mit ihrer Stimme jeden Lärm: „Ebben, ne andrò lontana … “ .
(Wie lange ist es her seit ich Diva gesehen habe? Den jungen Kollegen sagte die Musik nichts.)
In die Ferne sind sie gezogen, die Orangen, welche noch gestern die alte Gasse belebten. Nur ein leichter Geruch nach verdautem Bier blieb an den Sandsteinwänden hängen.

Was han-i mir doch i de letschte drüü Jahr im Böss gäng müesse alose wäge däm Baldachin: Dä verschandli dr Iigang zur dänkmalgschützte Stadt u dr Blick uf d’Heilig-Geischt-Chiuche, är verhinderi e gueti Durchlüftig vo de Gasse, sig sowieso es Gschwüür wo nume viel choschti u de absolut nüt bringi. D’Gägner si glücklech gsi über jedi Ischprach u Beschwärde, wo dr Bou vo däm Glasdach het wölle verhindere. U sie hei sech gfröit über die, wo doch no e chly Grüz im Gring heigi u dene Lingge uf d’Finger luegi. Mi het du dä Baldachin sibe Meter weniger läng gmacht, als urschprünglich planet, het hie bir Chiuche u dert bim Löb-Egge Glas wäg glaa.
U itze, was muess i mir bi däm Rägewätter im Böss wider alose? Die, wo das Dach planet heigi, heigi sech würklech nüt überleit. Mi wärdi uf de letschte sibe Meter vor em Bahnhof no pflotschnass, mi hätt doch – wenn schon, denn schon – grosszügiger chönne überdache.

Ipermercato

An den übrigen 26 Kassen dieses Supermarktes in Pisa warten die Italiener mit ihren übervollen Einkaufswagen geduldig, bis sie an die Reihe kommen. Ich werde von Gianluigi bedient, einem charmanten jungen Mann, der anscheinend eine örtliche Fangemeinde von Frauen jeden Alters hat.

Feinster Kaffee

Allein für den Kaffee würde sich die Überfahrt mit der Fähre von Piombino nach Portoferraio lohnen. Bezahlt wird an einer improvisierten Kasse. Den Bon bringt man an die Bar, wo zwei Männer in weissen Hemden das duftende Getränk aus einer Kaffeemaschine hebeln und klopfen. Drei Arbeitsplätze an Stelle eines Automaten! Mit solchen werde ich bald wieder vorlieb nehmen müssen.

Glasklar

So weit das Auge reicht ist das Wasser glasklar. In elbanischen Häusern, auf Wegen und Treppen kommt „Pippo“ erfolgreich zum Einsatz. Endlich, nach jahrelangem Suchen habe ich meinen Traumbesen (Nr. 10285) gefunden – ausgerechnet im von Müllskandalen geschüttelten Italien!
Ehrlich gesagt weiss ich auch nicht, wo die Insulaner ihren Abfall entsorgen. In den Stollen der stillgelegten Bergwerke? Bedeckt die üppige Vegetation gnädig die Müllhalden?
Der Elba-Kalender 2009 ist neben Grappa, Honig, Reis, Wein, Käse und Olivenöl ein beliebtes Geschenk für die Daheimgebliebenen.

Heute fuer Kreti und Pleti

Immer kommt einem etwas dazwischen. Blogk muss dann warten.
Heute ist gar nicht mein Tag. An der Migros-Kasse platzt mir ein Sack mit kleinen Hörnli. Diese hüpfen, endlich frei gelassen, übers Band und auf den Boden, so dass die nachfolgenden Kunden darauf ausgleiten wie in diesen Stummfilmen. Ich erschrecke heftig, beteuere dem deutschen Kassier mit Pferdeschwänzchen unter der Glatze, dass ich schon Genossenschafterin seit vierzig Jahren sei und mir so etwas noch nie … Mit dem Bäbiwägeli, das ich für Kleinesmädchen gekauft hatte, schlage ich auch noch die paar Dutzend über dem Fliessband baumelnden Kaugummipäckli mit Fussbällen drauf herunter. Der Kassier bleibt cool: „Nur keine Hetzte, alles wird gut, mein Kollege kommt und hilft. Möchten Sie die beiden Kindergummistiefel wirklich in zwei verschiedenen Grössen?“
Auf dem Bundesplatz werden Walzer gespielt. Die Grossleinwand hängt und „blogk“ ist live dabei.
In der nächsten Woche bin ich auf der Insel. Napoleon blieb ein knappes Jahr.

Ich treffe meine pakistanische Nachbarin im Bus und frage nach ihrem Befinden. Sie ist Migränikerin und sowieso etwas angeschlagen. (Migration macht vielleicht nicht zwingend krank, aber sie macht müde und arm und beides zusammen ist ungesund.)

Heute geht es der Pakistanin blendend, denn sie geht zur Massage. Ihre Putzschicht – „nur zwei Stunde diese Morgen!“ – hat sie hinter sich. Sie freut sich auf Entspannung und „Heilung“. Ich frage, wo sie denn beides finde? Da beginnt sie ganz nahe an meinem Ohr zu flüstern:

Es gebe ein Ausstellungsgelände mit Jadebetten. Das sei ein Geheimtipp für ganz viele Asiaten. Seit sie es in der Putzequippe erzählt habe, auch für Frauen aus Ex-Jugoslawien. Ihre Mutter käme auch. Man müsse sich daran gewöhnen, dass einem so viele Leute bei der Massage zuschauten, aber sie nehme eine Decke mit (nebenbei: sie trägt immer lange Kleider und auf Wunsch ihres Gatten seit 9/11 ein Kopftuch) und eigentlich sei es gar nicht so schlimm. Es hätte fünfzehn Ausstellungsbetten aus Jade und davon sei mindestens die Hälfte besetzt, da verteile sich der Blick der Zuschauer gut. Und erst die Wirkung! Ein Wunderbett! Einen solch entspannten Nacken habe sie seit Jahren nicht mehr gehabt. Und alles gratis! Nur eben die Zuschauer. Aber das sei es wert.

Sie und ihre Mutter wollten zusammen ein Bett kaufen, es kostet 4’400.– bis Ende Mai. Danach 4’800.–. Warum das? Alles wird doch mit der Zeit billiger, die elektrischen Zahnbürsten, die Kaffeemaschinen, halber Preis. Warum wird ausgerechnet das Jadebett teurer?

Jedenfalls haben sie mit dem Verkäufer vor Ort gesprochen, sie und ihre Mutter. Aber er akzeptierte ihre angebotenen Raten von 220.– Fr. pro Monat nicht. Auch am nächsten Tag nicht und die Woche darauf immer noch nicht. Jetzt gehen sie einfach in die Ausstellung, jeden Tag nach der morgendlichen Putztour – bis sie zu Ende ist.

Auszüge aus einem E-Mail einer Rückkehrerin aus Kroatien:

Liebe 2nd, ich danke dir von ganzem Herzen fur gute Wunsche! Ich vergesse nie damals seine Einladung mit 4-5 Menu; zum meinem Geburstag! Das war wunderbar von euch beiden, niemand im leben hat mich so gut bekocht !

Mir gehet es ziemlich gut, am Arbeit bin ich sehr zufrieden und jeden Tag wird besser… es sind trotzdem viele neue Sachen die ich nie gemacht habe, auch Sprache merke ich manchmal das ich etwas lieber auf Deutsch sagen mochte, weil auch Sprache und gewisse Worte sind ganz neue fur mich. Weil ich eben viel mit Artzten, Profesoren…ect. am telefon oder sonst komunizieren muss ist manchmal anstrengend, aber Ubung macht Meister!

Kinder sind hier sehr gefordert, aber auch ziemlich selbstandig. Und doch vieles stimmt nicht, Armut gibt es wenn man es sehen mochte, vor allem seelische Armut und doch viele Manschen kampfen jeden Monat zum uberleben. Und viele leben im uberfluss und das wird noch serviert uber Medien, Zeitungen… Medien sind schreklich und monstruos geworden und leider sind viele Menschen abhangig von Medien und schlucken jede neue scheiss Nachricht und aufregen sich nur!

Alles wird tag taglich teuerer, das ist ein Kunst bei uns uberleben Monat zu Monat ohne ins minus zu rutschen! Ich selber habe noch kein realistisches Bild wie man mit meinem Lohn uberlebt mit 2 Kinder, weil ich zum Gluck noch unterestutzt bin vom Programm bis ende Juli! Angst habe ich nicht, aber ich muss bald mit Budget gut aufpassen. Ja, zum Gluck habe ich auch diese Erfahrung aus Schweiz mit sehr wenig Geld auszukommen und es wird gehen!

Ich habe wunderbare Garten mit viel Gemuse, naturlich hat Mutter fast alles selber gepflegt, aber jetzt muss ich schauen. Werde dir auch paar Fotos schicken vom Haus, Garten und uns. Wie ich es schon gesagt habe seid ihr immer eingeladen bei mir, jeder Zeit!

Also, meine lieben, habe heute sehr ruhige arbeitstag und bin froh das ich Zeit hatte zu schreiben. Schicke ganz lieben Grusse an 1st, 2nd2nd und alle!

Endlich, nach über 50 Jahren, ist die Rennstrecke Bremgarten wieder eröffnet. Zwar toben sich darauf vorerst noch keine Piloten in ihren Formel-1-Boliden aus, sondern die Postautochauffeure der Linie 109 Richtung Mühleberg. Der gefährlichste Sitzplatz ist der erhöhte in Fahrtrichtung der hinteren Türe gegenüber. Das wissen die Pendler und deponieren darauf ihre Rucksäcke oder Taschen. Nur ein Grünes Horn verlangt diesen Platz und wird prompt auf der Höllenfahrt zwischen Forsthaus und Eichholz vom hohen Sitz an die Tür geschleudert. Diese ist ein Schweizerprodukt und hält dem Aufprall stand.

Geboren an einem eisigkalten Sonntag im Januar 1916, gestorben an einem regnerischen Sonntag im Mai 2008. Albert wurde bis ans Ende begleitet von lieben Familienmitgliedern (die ihm nicht verwandt waren).

Sommerweizen

Der Bauernhof, auf dem wir Pfingsten verbracht haben, war ihm Heim und Heimet. Meine Grosseltern hatten den Hof übernommen, weil Albert und sein Vater nach dem Tod der Bäuerin mit der Arbeit in Feld und Haus nicht mehr zurecht kamen.
Meine Mutter wird die kommenden Nächte erneut einen Lebenslauf schreiben, weil sie halt die Archivarin der Familie ist und auch Alberts „Trucke“ mit den alten Fotos und Dokumenten behütet. Sie hat schon manch‘ schönen Beitrag über Albert verfasst und wie ich sie kenne, wird sie – sobald sie von der Totenwache zurückkehrt – auch hier noch ein Bild ergänzen.

Es bleibt uns, Albert zu danken: Für seine Erzählungen, seine Rezitierfreude, sein glucksendes Lachen und die vielen guten Gespräche über frühere Zeiten mit meinem Grossvater, die wie kleine Filme in den Köpfen von drei Generationen Nachfahren erhalten bleiben.

Wieder einmal treffe ich Aliva. Sie begleitet mich zu meinem Block. Aliva kommt von der Schneiderin, die ihr ein „Bolero“ zu einem Trägerkleid genäht hat. Im Gehen nimmt sie das kurze Jäckchen aus der Plastiktasche – ein Hauch von schwarzem Stoff und seidenen Quasten, verziert mit einigen Pailletten. Am Samstag heirate ihre neunzehnjährige Cousine. Die Familie habe einen Saal für dreihundert Leute gemietet, eingeladen seien aber an die tausend. Die ganze Heirat sei überhaupt eine Dummheit, denn Braut und Bräutigam seien Cousins. Seit Generationen werde in diesem Zweig der Familie nur untereinander geheiratet. Alles Abraten habe nichts genützt. Zu so einer Hochzeit kauft Aliva auch kein neues Kleid, da genüge das Bolero vollkommen, verdecke auch ein bisschen die wabbelnden Oberarme. Denn das Tanzen lasse sie sich nicht nehmen nach all dem Ärger.

1st und 3rd, female

Viele Generationen haben hier – auf dem Bauernhof, welchen meine Grosseltern lange gepachtet hatten – den Pfingstsonntag verbracht. Nicht jede Pfingsten. Manchmal war man auch verkracht, verreist oder einfach verzweifelt.

Gestern haben wir es wieder gewagt und geschafft. Neue Ehen, neue Kinder, neue Jahrgänge von Zwetschgen und Kirschkonfitüre, neu gewobene Teppiche aus hinterlassenen Grosmutterkleidern – viele flinke Hände und allenthalben soziales und haushälterisches Flair haben es möglich gemacht.

Danke allerseits!

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