Eine Garbe Seile

Eiger, Mönch und Jungfrau, Niesen, Stockhorn, Nünenen und Gantrisch schweben über einem leichten Nebel. Der erste Frost hat die Blätter von den Linden geholt und die Heuballen stehen aufgetürmt am Rande der Felder. Heute ist Grünabfuhr im Dorf. Stauden und Äste werden auf den Sammelplatz gebracht. Jeden Herbst falle es ihnen schwer, die Geranien abzuräumen, besonders bei diesem Prachtswetterchen, meinen die Frauen vor dem Dorfladen, während ihnen die Kastanien vom höher gelegenen Schulhausplatz an den Füssen vorbei der Kirche zu rollen.
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Heute begegnete ich im Lift nach langer Zeit wieder einmal einer jungen Albanerin. Ich hatte ihr jeweils ein wenig bei den Hausaufgaben geholfen, sie ist erst im Schulalter in die Schweiz gekommen und das Deutsch war mörderisch zu lernen. Ihren wundervollen Aufsatz über den ersten Tag nach ihrer Ankunft aus Kosova hat sie leider nicht mehr. Ein Archiv kann sich nicht leisten, wer vier Zimmer mit sieben anderen Familienmitgliedern teilt.

Ich wusste, dass sie die Diplommittelschule gemacht hatte und sich danach in Abacus Software weiterbildete, weil sie nur eine Stelle an einer Denner-Kasse gefunden hatte, dort aber nicht bleiben wollte. (Für die Statistik, dass Profit-Organisationen entgegen jeder Qualifikation möglichst keine albanischen Namen anstellen, lege ich die Hand ins Feuer, übrigens.) Ob sich das Kursgeld für Abacus lohne, hatte sie mich nämlich vor der Anmeldung skeptisch gefragt und ich habe genickt wie verrückt und dazu „Ja, ja, unbedingt!“ gerufen.

Eben, heute sehe ich sie nach langer Zeit wieder. Busy gekleidet und mit neuer Zahnspange. Ich frage also, ob es nun endlich geklappt habe mit einer Bürostelle? Aber sicher. Sie arbeite seit August als Sachbearbeiterin in einem Bundesamt.

Dieses bringe Mädel! Mit den fünf jüngeren Geschwistern! Die immer wieder zu den Grosseltern zurück mussten: kaum Wasser, kein Strom, kein Bleistift, kein Papier… Die den Kindergarten und die Schule deswegen nur lückenhaft besuchen konnten, weil der Pleitegeier über der Familie schwebte.

Wie schön.

Nachtrag: Es gibt zwei Gründe, die mich mit Stolz auf unsere Bundesämter erfüllen: Ihre Websites (immer blabla.admin.ch) und ihre Integrationsarbeit.

Frau F. ist in den letzten Monaten sehr gealtert. Trotz ihrer Schmerzen macht sie noch jeden Tag mit kleinen vorsichtigen Schrittchen ein Spaziergängli am Rollator. Falls die Krankenkasse endlich einlenkt, will sie nach Nottu, wo man ihr die alten unnütz gewordenen Medikamente entzieht und sie auf neue einstellt. Erst nachher kann sie sich Sorgen machen, was mit ihr geschieht, wenn man die Wohnung „aushöhlt“. Sie ist ganz verzweifelt darüber, dass so viele Alteingesessene dem Quartier den Rücken kehren. Sie fühlt sich allein gelassen. Seit gestern sei der Schuss draussen, dass die Caritas die leer gewordenen Wohnungen zum vollen Preis miete und während der Totalsanierung darin Asylbewerber unterbringe. Denen mache Lärm, Schmutz, fehlende Heizung und Strom nichts aus. Sie, Frau F. frage sich nur, wie man dann die Leute wieder aus den Wohnungen hinaus bringe. Einfach so auf den Parkplatz stellen könne man die „Asylanten“ ja wohl nicht.
Herr M. gesellt sich zu uns. Er seinerseits frage sich, was passieren könne, falls es mit den Banken so weiter gehe und viele, die ihr Geld hier anlegten, dieses abheben? Er habe vorsichtshalber seines schon weggenommen. Man könne nie wissen in diesen unsicheren Zeiten, plötzlich sei „die Hütte ausgehöhlt“ und kein Geld mehr da für Parkett und Glaskeramik.
In diesem Fall hätte man dann wenigstens die Asylbewerber.

Sonnenkerne

Als ich 1984 in die Wohnung im 13. Stock einzog, gab es auf dem Balkon zwei verkümmerte Föhren mit vielen immergelben Nadeln. In den Blumenkästen hatten die Mieter vor mir eine „Kopostanlage“ eingerichtet, die penetrant vor sich hin stank. Vater und Albert kamen mit Säcken, schaufelten die verfaulten Küchen- und Grünabfälle raus und füllten neue Erde in Kübel und Töpfe. Es dauerte noch einige Sommer, bis ich wusste, welche Pflanzen dem Wetter in dieser Höhe stand halten konnten. Besonders robust waren diejenigen, deren Samen vom Wind oder den Vögeln aufs Dach getragen wurden. Ab Ostern bis im November verbrachten meine Familie und meine Freunde so viel Zeit wie möglich hoch oben über der Strasse unter freiem Himmel. In diesem Jahr grünte und blühte es in den Kästen und Töpfen, dass es eine Freude war, die Himbeeren und Erdbeeren waren süss, die Kräuter wohlriechend und ich kochte viele Liter Minzentee.
Und so tue ich jetzt, was man soll: Aufhören, wenns am Schönsten.

Staengel Hosta Rebe Mauer Butten Hortrose 1 Spur Aztekengold Sonnenhasel

In der Kündigungs-Bestätigung der Verwaltung mit dem freundlichen Namen steht:

„Der Termin für die Wohnungsabgabe ist mit uns rechtzeitig zu vereinbaren. Auf diesen Zeitpunkt hin sind sämtliche Mietobjekte gemäss den Bedingungen des Mietvertrages instand zu stellen. Wir werden uns vorgängig bei Ihnen melden um abzuklären, ob nach Ihrem Auszug allfällige Renovationen gemacht werden müssen.“

In wenigen Monaten werden die Wohnungen rausgerissen, vorher müssen sie instand gestellt und renoviert werden. Alles muss blitzblank sein, wenn die Betonbeisser, Fugenschneider, Steinzangen und Abbauhämmer auffahren. Die Badewannen, Lavabos und die Wasserhahnen werden nur poliert in die Mulde gekippt. Auch die WC-Spülkästen sind, laut Beiblatt, zu entkalken. Der Mieter haftet u.a. für fleckenlosen Kochherd und aussen wie innen geputzte Doppelglasscheiben.

Dass der abgängige Mieter bei dem „mit ihnen“ rechtzeitig vereinbarten Termin sauber gekämmt sein wird, versteht sich von selbst.

Seltsam im Nebel

Schon heute früh, als dieses Foto entstand, wurde auf dem Gelände (von „Land“ ist nicht mehr viel übrig) emsig gearbeitet. Der zusätzlichen Eröffnungs-Parkplatz ist flott geteert. Solche Irrläufe sollte man sich morgen nicht antun und besser im Auto anreisen. Heute habe ich bereits meine erste Einladung zum Essen im „Westside“ bekommen. Endlich Schluss mit diesen Landbeizen, wo die Grossmutter die Servietten faltet, der Sohn den Gästen die Hand schüttelt, die Schwiegertochter das Buffet macht und Grossättis Foto in der Gaststube hängt. Die neue Zeit leuchtet hell in mein Wohnzimmer und nie mehr ist es ganz Nacht.
Diese sind gezwungenermassen umgezogen.

Bern - Mudumalai retour

Vor dreissig Jahren war im Quartier die wadenlangen Fränseli-Hose in. Allerdings erlaubten die Mütter den Kindern das Ab- und Einschneiden der Hosenbeine erst, wenn auch die geflickten „Knie“ durchgescheuert waren. Fransen mussten verdient werden und diejenige, welche mit dem Verschleiss schon einige Stufen weiter waren, wurden von denen mit den neuen Hosen beneidet. Damals gab es noch das Warenhaus ABM. Dort einzukaufen war etwa so, wie in Berns Westen wohnen: einfach unchic, etwas für Prolos. Ich liebte diesen Laden. Die Kinderkleider der Marke „Milou“ waren modern, praktisch, preigünstig – so richtige Lieblingskleider.
Diese Hose hat Fr. 13.95 gekostet. (Nein, den Kassenzettel habe ich nicht aufbewahrt. Ich habe hier nachgeschaut.)
Die Jeans war schon nicht mehr ganz neu, als meine Tochter sich mit ihren Eltern auf den Weg Richtung Osten machte, auf eine Reise, die über Stock und Stein ein ganzes Jahr dauerte.
Nun könne ich die Fränseli-Hose entsorgen, meint mein vernünftiges Kind.
Ja wie denn und wohin?

Jeans1 Jeans2
Jeans3 Jeans4 Jeans5 Jeans6
Jeans7 Jeans9

„Guete Tag, was darf si?“
„I hätti gärn es Pousebrötli“.
„Es Pousebrötli, gärn, danke. Darf süsch no öppis si?“
„Danke, das wär’s“.
„Danke öich, merci, uf Widerluege“.
„Adieu!“
„Adieu, danke!“

Heute am Morgen im Bus habe ich einen Apfel gegessen und gelesen. Es stieg ein älterer Herr zu, der sich neben mich setzte. Er hatte ein Umweltschutzcouvert in der Hand, welches an einen Albaner adressiert war und auf dem handschriftlich „IFAU“stand.

Wir sassen eng und dachten uns Geschichten übereinander aus. Ich dachte mir, dass ihm seine Tochter das Wort aufgeschrieben hat, welches er auf irgend einer Beratungsstelle können muss: „IV“. Er dachte sich vermutlich, dass ich eine schweizer Lehrerin sei, die ihr Gröibschi entsorgen möchte.

Schliesslich bat er mich um das Apfelgröibschi und warf es für mich im Abfall neben dem Buschauffeur. Er öffnete das Couvert und fragte „du Schweiz?“, was ich bejahte. Er drückte mir den Brief in den Hand. Es war ein Schreiben mit dem neuen AHV/IV-Ausweis. Ich zeigte ihm, wie er diesen ablösen konnte und riet, den Ausweis zu seinen Papieren zu legen. „Papiere“ verstehen alle und eigentlich hat jeder ältere Ausländer immer seinen Ausweis dabei. Auch Herr Ameti schob den neuen AHV/IV- Ausweis sorgfältig hinten ins abgegriffene Mäppchen seines C-Ausweises.

Aber er glaubte mir nicht, dass in dem Schreiben nichts anderes stand, es war viel zu lang. Bestimmt hätte es mit seiner Pensionierung zu tun, er sei jetzt 65 geworden. 15 Jahre „IFAU“ und 15 „Bau“ hätte er in der Schweiz gemacht. Seine Frau sei eine kranke Frau, die nur im Haus arbeite. Er fragte nach der Höhe seiner Pension, nach der Höhe ihrer Pension und wann er das Geld bekommen würde. Er konnte sehr, sehr wenige Worte Deutsch und verstand nicht viel von dem, was ich zu sagen versuchte.

Wir sind so verblieben:

Er wendet sich an sein Kind, welches in der Schweiz wohnt (andere Kinder sind im Kosovo). Wenn das nicht klappt, wendet er sich an den Briefkopf, von dem der AHV-Ausweis gekommen ist; ich habe ihm die Adresse eingekreist. Er kann sie im Notfall der nächsten lesenden Schweizerin im Bus zeigen und kommt dann – Inshalla! – zu einer Bundesstelle, die albanische Azubis hat.

Ich wünschte schönen Bairam noch Herr Ameti und stieg betrübt aus.

Vielleicht ist er einer Schweizer Schwiegertochter ein so gemeiner Schwiegervater, wie 2nd2nd einen hat, vielleicht ist er ein hilfloser, freundlicher Mann, vielleicht nichts von beidem. Aber wenn jemand nicht lesen und sprechen kann in dem Land, in dem er sein Leben verbracht hat, ist es immer falsch und immer zum Heulen.

Wir haben zwischen den Blöcken, in die unsere Familie verteilt ist, herumtelefoniert, diskutiert, einander Vorschläge gemacht und wieder verworfen… Es ging darum, wieder einen optimistischeren Tonfall ins Weblog zu bringen. Aber leider sehen wir uns im Moment nicht in der Lage.

Wir sind alle mehr oder weniger gesund, haben Arbeit und kennen viele liebe Leute, doch das positive Denken ist uns temporär abhanden gekommen.

Am Schlimmsten trifft es 1st mit ihrer Wohnsituation. Aber fast ebenso übel läuft es bei Familie 2nd2nd, deren Block von einem gemeingefährlichen Irren drangsaliert wird und die ständig allen Gefahren ausgesetzt sind, die von unbetreuten Psychopathen ausgehen, welche ihre Medikamentierung und ihren Drogenkonsum selber bestimmen. 2nd2nd, male, der Hauswart, kann seine Wohnung nur noch mit dem Hammer in der einen, und dem Pefferspray in der anderen Hosentasche verlassen.

Stammgast auf dem Polizeiposten zu sein, ist das eine, unsere Familie hat sich daran gewöhnt. Aber schwanger wie 2nd2nd, female und mit einem kleinen Kind in ständiger Bedrohung zu leben, ist das andere. Wir bemühen uns seit Jahrzehnten, die Ghettoisierung hier zu vermeiden, wir rennen an gegen Selbstjustiz, Clanwirtschaft und Ignoranz und wir fühlen uns echt vernachlässigt. Wir hätten den Arm des Gesetzes nämlich bisweilen bitter nötig.

Die Hausverwaltungen sind mit der „nachhaltigen Aufwertung“ unserer Quartiere absorbiert; sie arbeiten nicht für die Gegenwart, sondern nur noch für eine Vision der Zukunft. Die Polizei ist permanent überlastet (man weiss, wenn man drankommt, lassen sie dafür drei andere stehen), die Quartierarbeit ist völlig unterdotiert und die eigene Partei wird vielleicht auch noch die letzten für uns wichtigen Massnahmen aus dem Papier „Öffentliche Sicherheit für alle“ radieren. Noch ist es nicht soweit und wir hoffen auf den Blick unserer Genossinnen und Genossen über den Teller an den Rand. Überall dorthin, wo mit dem Status Quo hauptsächlich „Sicherheit für die Starken“ und „Freiheit für die Durchgeknallten“ erreicht werden.

Auch wenn wir die Nase gerade gestrichen voll haben: Gemessen an Platz und Einwohnerzahl haben wir hier in Berns Westen wenig Knatsch, Kriminalität und Schäden an Leib und Leben. Und wir wissen sehr wohl, dass es an uns ist, etwas zu ändern und auch, dass es nicht irgendwo ein anderes Leben gibt, in dem alles immer gut läuft.

Deswegen bloggen wir weiter und sicher auch wieder einmal positiver.

Bis heute früh wusste ich nicht, was eine Environmental Failure Notice ist. Es könnte aber die knappe Rettung vor einem noch riesigeren Riesenschaden bedeuten. Bereits Mitte der 90er Jahre flüchteten kurdische Familien „weil Wasser kommt“ in die Schweiz. Hier habe ich darüber berichtet.
Nun werden die zuständigen Verantwortlichen „nervös“. Ich bin gespannt, ob die Schweiz, Deutschland und Österreich sich dazu durchringen können, der Türkei die Unterstützung bei diesem grössenwahnsinnigen Projekt zu kündigen, indem sofort oder no ender eine EFN erlassen wird. „Better late than never“ könnte man sagen, wenn nicht die Falschen schon längst die Rechnung bezahlt hätten.
(Link ergänzt: 31.07.2018)

2nd, male, und 2nd, female, machen ihren Sonntagsspaziergang nun neuerdings durch das Brünnenquartier.

Wir versprechen uns davon Kraftpunkte. So wie in den Games, in welchen man mit seinem Toggel an besonderen Orten vorbeigehen muss, um ihn genesen oder wiederaufladen zu lassen. Unser kleines Leben, endlich aufgewertet. Ein Gefühl wie ein neuer PSP.

Schon fast wehmütig erinnern wir uns an die erste Informationsveranstaltung zum Nachbarquartier. Damals noch mit dem selten begabten Gemeinderat Guggisberg, der uns einleitend und zum Abschied sagte:

„Brünne wird öich Läbe bringe.“

und Besucher

Schön, Sie alle hier zu haben. Wohl aufgrund dieses Artikels im heutigen Bund, der blogk als „Plattform für Gäbelbachbewohner“ zitiert.

Das ist jedoch einfach ein Weblog einer Familie, die im Gäbelbach aber auch in anderen Blöcken von Bern-Bethlehem wohnt. Es geht hier ganz allgemein um Freuden und Leiden im Alltag und ab und zu um eine Prise Gesellschaftskritik. Die Beiträge, die sich mit der Sanierung des entsprechenden Gäbelbachblocks befassen, finden sich in der Rubrik „Totalsanierung“.

Wenn wir gerade beim Thema sind: Schön für die Verwaltung, dass die Nebenkosten im Artikel nicht vorkamen. „Inklusive“ sehen die heutigen Mietzinse nämlich anders aus. Wir haben uns damit abgefunden, weil mehr Heizung bei zunehmendem Durchzug eine gewisse Logik hat. Dass die Nebenkosten gemäss Dokumentation der Verwaltung nach der Sanierung gleich bleiben, erstaunt keinen mehr.

Ich gebe es zu: In diesem Blog wird der Eindruck vermittelt, dass im neuen Stadtteil nicht alles was glänze Gold sei. Gerne lasse ich hier auch einen der zahlreichen Festredner sprechen, welcher mit seinen ergreifenden Worten ein bisschen Sonnenschein in einen strömenden Regentag zauberte.

Herr Thomas Balmer, Präsident Baugenossenschaft Brünnen-Eichholz hat das Wort:

„Brünnen, das ist mehr als eine Überbauung – Brünnen ist ein Gefühl, eine Vision, die sich heute umsetzt. (…) Eine Siedlung braucht eine Seele, damit es den Menschen nicht als Schlafstätte sondern als Lebensraum, als Daheim, dient. Diese Seele soll sich entwickeln, damit Brünnen lebt. Wir hoffen, dass unsere Bemühungen, unser sorgfältiges Planen und unser Streben, Brünnen zu etwas Besonderem zu machen, diesen Funken zünden lässt und sich eine Überbauung entwickelt, deren Bewohner mit Stolz sagen: „Ich bin ein Berliner“ „Ich wohne in Brünnen!“

(Aus: Wulchechratzer, Jg. 46, Nr. 9, 18 Sept. 2008)

Aha-Erlebnis meinerseits:
Nun weiss ich endlich, weshalb die Schlaf-Zimmer in den neuen Häusern so eng sind. „Es“ soll nicht als Schlafstätte dienen und ich hoffe für alle Seelen, dass sie sich nur dem Platz entsprechend entwickeln. Sollten eine Seele oder ein Funke aber zu gross werden, geben wir ihm, solange ich noch hier bin, in meinem etwas herunter gekommenen Quartier gerne Asyl.

In strömendem Regen wird das neue Wohnquartier in Berns Westen eingeweiht. Wer schon vom ersten Spatenstich an zur Prominenz gehört, ist im Besitz eines grossen schwarzen Schirms mit dem Aufdruck „West side“ und hat deshalb nur mit dem ungeeigneten Schuhwerk zu kämpfen. Gekommen sind Interessierte aus der ganzen Stadt und der Agglomeration, um das neue Angebot an Miet- und Eigentumswohnungen zu besichtigen.

Neuer Wohnraum

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Ehrlich gesagt sind wir ein bisschen muff, denn niemand, niemand berichtet über uns. Dabei sind wir ebenso nigelnagelneu wie das Libe Kind „Westside“ und das „Bernaqua„, über welche nun in jedem Käseblättchen geschrieben wird. Zugegeben, auf den ersten Blick sind wir Treppen einander ähnlich. Es lohnt sich aber, einen zweiten zu wagen und man wird sehen: jede von uns ist anders, seis in der Höhe und Anordnung der Stufen, der Lage, der Beleuchtung, der Zusammensetzung des Betons oder des begleitenden/fehlenden Handlaufs. (Handläufe, hier „Stägegländer“ genannt, verschandeln die junge dynamische Architektur und verleiten die Jugend zu üblen Spielchen auf Skateboards/Inline Skates). Unser gemeinsames Ziel ist es, die Quartierbewohner hinauf zu führen auf die Ebene des Konsums, d.h. zum Coop-Laden und dann ein paar Meter weiter zum grössten Konsumtempel der Schweiz. Im Moment beklagen sich die Leute noch über uns, stöhnen, stolpern, schnaufen übel, besonders, wenn sie einen Rollstuhl oder Kinderwagen über die Rampe hinauf schieben müssen. In einigen Monaten, wenn die Fitness steigt, Gewicht, Blutdruck und Cholesterin runter gehen, wirds auf unseren Stufen einen Ansturm geben. In den nächsten Tagen werden wir auf individuellen Tafeln unsere ganz persönliche Schwierigkeitsskala „Freiklettern“ präsentieren.
Wir sind stolz darauf, ein echtes Prix-Garantie-Fitnessprogramm anbieten zu können und hoffen, dass die Lifte weiterhin mangelhaft funktionieren.
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Am kommenden Samstag wird das neue Quartier in Bern-West eingeweiht und dazu auch der neue Coop-Laden am neuen Ansermet-Platz, schräg gegenüber dem neuen Le-Corbusier-Platz, vis-à-vis dem neuen „brünnen leben“-Quartier. Neben Ansprachen gibt es u.a. einen „Grossen Brünnen Wettbewerb“, bei welchem ich besonders den 2. Preis interessant finde: ein hochwertiges Zelt für vier Personen.

Anlieferung in Eile

Heute hat man im neuen Laden die neuen Tablare der neuen Gestelle aufgefüllt. Milch floss dabei in Strömen, und den Honig haben sie uns auch versprochen.

Obwohl sich der Verdacht erhärtet, dass die im vorherigen Beitrag erwähnte Verwaltung eine Studie in Auftrag gegeben hat, welche zum Schluss kommen musste, dass ein Marktsegment für Blockwohnungen nach Wohlstandsideen besteht, werden wir neben himmelschreiendem Unrecht auch einige geldverschlingende Fehler dokumentieren können, bevor wir alle umziehen. Deswegen die neue Kategorie.

Obwohl die Tür des Grossen Saales erst um 19 Uhr göffnet werden soll, warten davor schon zahlreiche Mieterinnen und Mieter. Eine alte Frau ist auf dem Vorplatz gestolpert und wird nun von ihren Nachbarn aus der Pfütze wieder auf die Beine gestellt. Es regnet in Strömen, ab und zu rollt der Donner über die Dächer. Alle sind gekommen, um sich über die bevorstehende Totalsanierung unseres Blocks informieren zu lassen. Aufgereiht auf der Bühne sitzen bereits die Fachmänner (Fachfrauen sind nicht vorhanden) für Haustechnik, Betonsanierung, Architektur, Verwaltung, dazu ein junger „Trübel“ mit schmalen Schultern, welcher für sämtliche „Mieterangelegenheiten“ während der zweijährigen Bauphase zuständig sein wird.
Der Redner macht dem eifrigen Getuschel des Publikums ein Ende, indem er den dröhnenden Lärm einer Kernbohrung auf Band abspielt. Zügig und solange das angebohrte Publikum noch Ruhe behält, wird nun powerpointunterstützt „ehrlich und offen“ informiert: Küche elektrisch mit Glaskeramikherd und Geschirrspüler (Klatsch, klatsch von den Hausfrauen). Dann folgt ein (ehrliches) Bild von einer herausgerissenen Küche. Dieser Zustand wird mindestens 5 Wochen andauern: deshalb Verpflegung bei Freunden organisieren, evtl. Abgabe von Kochplatten durch den Hauswart. Anschliessend Bad/Dusche geplättelt (Klatsch, klatsch von den Hausfrauen): Duschen und Bislen im abschliessbaren Kontainer vor dem Block. Herr Meise aus dem Publikum hebt seine Krücke und ruft, dass er pro Nacht mindestens dreimal müsse. Der Redner bittet um Ruhe und rät, die Ferien so zu planen, dass das Bislen in den Griff zu bekommen sei. Eine Attikabewohnerin in den hinteren Reihen verlangt eine Terrassensanierung – Teeren statt Verbundstein, damit kein Unkraut durchstösst.
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Geordnet

Für meine Eltern gab es immer etwas, worüber sie sich Sorgen machen mussten. Als Kleinpächter in den Hügeln des Langen Berges waren es besonders Geldsorgen, welche sie plagten. Dazu kam die bedrückende Vorstellung, sie müssten einmal mit Schulden von dieser Welt.
Nun sind sie gestorben, alle Rechnungen sind bezahlt und für die Grabpflege ist ein Betrag zurückgelegt worden.
Man kann ruhig sagen, es ging gerade auf, mit 45 Rappen Minus.
Heute hätten die beiden Geburtstag.
In den vergangenen Monaten habe ich ihren schriftlichen Nachlass geordnet, in säurefreie Umschläge verpackt und ein Register angefertigt.

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