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Gretchen und die Meerkatze

Farbholzschnitt von Felix Hoffmann (gedruckt in Aarau von der Aargauischen Buchdruckerfachschule, 1969)

Der Junge Heinrich Lee ist fasziniert von einem Wandertheater, welches im Tanzsaal des Gasthauses absteigt. Zusammen mit seinen ebenso armen Freunden versucht er, nichts von all dem Wunderbaren zu verpassen. Als Heinrich eines Abends bei der Aufführung von „Faust“ eine Meerkatze spielen darf, ist sein Glück vollkommen. Von der Gestalt Gretchens ist er so hingerissen, dass er beinahe vergisst, seine Meerkatzensprünge zu machen. Als der Vorhang fällt, schläft er hinter den Kulissen ein. Als Heinrich aufwacht, ist es stockdunkel und er ist im Saal eingeschlossen. Nun beginnt er im Orchester laut auf die Pauken zu schlagen.

Da trat sie auf mich zu, streifte meine Maske zurück, fasste mein Gesicht zwischen ihre Hände und rief, indem sie laut lachte: „Herr Gott! das ist die aufmerksame Meerkatze! Ei, Du kleiner Schalk! bist Du es, der den Lärm gemacht hat, als ob ein Gewitter im Hause wäre?“ „Ja!“ sagte ich, indem meine Augen fortwährend auf dem weissen Raume ihrer Brust hafteten und mein Herz zum ersten Male wieder so andächtig erfreut war, wie einst, wenn ich in das glänzende Feld des Abendrothes geschaut und den lieben Gott darin geahnt hatte. Dann betrachtete ich in vollkommener Ruhe ihr schönes Gesicht und gab mich unbefangen dem süssen Eindrucke ihres reizenden Mundes hin. Sie sah mich eine Weile still und ernsthaft an, dann sprach sie: „Mich dünkt, Du bist ein guter Junge; doch wenn Du einst gross geworden, wirst Du ein Lümmel sein, wie Alle!» Und hiermit schloss sie mich an sich und küsste mich mehrere Male auf meinen Mund, der nur dadurch leise bewegt wurde, dass ich heimlich, von ihren Küssen unterbrochen, ein herzliches Dankgebet an Gott richtete für das herrliche Abenteuer.
Hierauf sagte sie: „Es ist nun am besten, Du bleibest bei mir, bis es Tag ist; denn Mitternacht ist längst vorüber!“ und sie nahm mich bei der Hand und führte mich durch einige Thüren in ihr Zimmer, wo sie vorher schon geschlafen hatte und durch mein nächtliches Spuken geweckt worden war. Dort ordnete sie am Fussende ihres Bettes eine Stelle zurecht, und als ich darauf lag, hüllte sie sich dicht in einen sammetnen Königmantel, legte sich der Länge nach auf das Bett und stützte ihre leichten Füsse gegen meine Brust, dass mein Herz ganz vergnüglich unter denselben klopfte.

Theatergeschichten – Gretchen und die Meerkatze aus: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich, Kapitel 11

Karin Widmer: ... Fabelwesen & Furzideen

Bild: Karin Widmer, ca. 1994

Als Franz Hohlers „Rückeroberung“ 1982 erschien, war sie für mich nur eine absurdspannende Phantasiegeschichte. Daran musste ich denken, als letzthin eine Dokumentation über die Wildschweinrotten in Berlin sah und ich in der Zeitung las, dass nahe bei Berlin ein Elch beim Überqueren der Autobahn getötet wurde. Woher das Tier stammte, war unklar. (NZZ, 02.09.12).
In unserem kleinen Land ist die Rückeroberung unspektakulärer. Noch halten sich Bachen und Keiler vom Betteln an Busstation fern, doch es wäre vernünftig, einen Blick in den Ordner „Praxishilfe Wildschweinmanagement“ zu werfen. Die Rück-Eroberung ist in vollem Gange. Füchse steigen durch Katzentürchen völlig neuen Geschmackserlebnissen entgegen, Biber rangeln u.a. am Aareufer zwischen Wohlensee und Thun um Reviere, fällen Bäume auch in gepflegten Gärten und unterhöhlen teure Natursteinmauern. Dieser M13 kümmert sich keinen Deut um Grenzen, taucht immer wieder in der Schweiz auf, Wolfs erlauben sich auf Schweizer Territorium eine Familie zu gründen, der Rothirsch futiert sich um Verkehrsregeln, und die Solothurner Luchse breiten sich ins Baselbiet aus. Das alles ginge ja noch, wenn nur die fremden Fötzel nicht wären: Wasserratte, Waschbär, Marderhund. Aus Süd- und Nordamerika, selbst aus Sibirien sind sie auf dem Weg zu uns!
Über diesen habe ich schon früher geschrieben. Seitdem seine Jagdgründe überbaut worden sind, habe ich ihn leider nicht mehr gesehen.
Damit mein Balkon nicht erobert wird, braucht es tägliches Huschhusch und Arme verwerfen, sonst liegen in Blumenkästen und Töpfen Taubeneier und alles ist mit Taubendreck versch … (Aufgehängte Plastikraben und CDs schrecken nicht ab.)
Seit einiger Zeit haben wir hier in der Stadt eine Taubenmutter mit einem Taubenkonzept. Die Tauben der ganzen Stadt wurden gezählt. Erstaunlicherweise konnte in unserem Quartier keine einzige gesichtet werden. Anscheinend sind sie schlauer, als ich dachte.

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Allerliebst sehen sie aus, die gebadeten Kleinkrähen in ihren Schlafanzügen, satt, Zähne geputzt, Nägel geschnitten, Kampfspuren des Tages gesalbt, nochmals Wasser getrunken, Stofftiere gefunden, Geschichte erzählt, Lied gesungen, Fenster spaltbreit geöffnet, Vorhang zugezogen, Fenster geschlossen, Vorhang etwas mehr aufgezogen, nochmals Lied gesungen, mehr/weniger zugedeckt, Gute Nahacht!? Sicher nicht! Es wird gekichert, geflattert, gehopst, Puzzleteile fallen zu Boden, Wackelhund singt: „Who let the dogs out, huw, huw…). Die ratlose Grossmutter, obwohl pädagogisch geschult, hat sich inzwischen aufs Sofa gelegt und die Augen geschlossen. Das gefällt den Kleinen nicht. Ein Ballon wird aufgeblasen und bald fluddert warme Luft ins linke Ohr der Ermatteten. Nichts zu machen, diese tut keinen Wank. Die Störefriede ziehen sich zur Beratung zurück, stürzen sich dann nach einigem Geflüster übermütig auf die Grossmutter und schreien: „Ima, mir liebe dir, Ima, mir liebe dir!!“
Ein solcher Fallfehler, das wissen kluge Kinder, reisst die Grossmutter aus dem tiefsten Schlaf. „Wenn schon, heisst es: Wir lieben DICH!“
„Heute ist wieder einmal Grossmutter-Tag,“ begrüsst mich am nächsten Morgen eine Bekannte vor dem Schulhaus und lässt sich auf die Holzbank fallen. Wir beide haben eben unsere Enkelkinder in Schule, Kindergarten und Kitta gebracht. Heute regnet es in Strömen, und jede von uns hat Regenjacken, Schirme, Helme, Znünibrote, Wasserflaschen, Turnsäckli, Rucksäcke, Roller, Musikinstrumente richtig verteilt und wird in drei Stunden die Enkelkinder zum Mittagessen abholen.

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Hahn

Im Moment könnten einem Gärten zum Hals raus hängen. Keine Zeitung, kein Magazin, die nicht irgendetwas über Grünzeug schreiben, kein Fernsehsender, der keine Tipps und Tricks zur Selbstversorgung auf dem schmalsten französischen Balkon berät. (In L.A. sind bepflanzte Kloschüsseln auf chicen Dachgärten der Renner, und in England muss das Lustwandeln, Lustgraben und Lustpflanzen im Klostergarten, – an- oder ausgezogen – für den September schon jetzt gebucht werden). Besonders der urbane Garten ist im Moment absolut in, denn Raum ist in der kleinsten Tüte. Von Beiträgen in Blogs und Gartenblogs rund um die Welt nicht zu reden. Dass ein kleiner Film wie „Unser Garten Eden“ eben einen europäischen Preis gewonnen hat, ist in dieser Zeit der urbanen Selbstversorgung nicht verwunderlich. (Der Film wurde in meiner Nachbarschaft gedreht.) Ganz klar sind in dieser unserer Stadt zahlreiche Zierkübel mit Raps oder einem Pro-Spezia-Rara-Kraut bepflanzt. Bald sollen ja auch die ausgedienten Einkaufswagen in Bern gelb gespritzt, für den mobilen städtischen Gemüseanbau frei gegeben werden.
Auf dem Samstagsmarkt ist es mit diesem Gartenvolk echt grässlich! Vor dem Stand mit Gemüsesetzlingen: „Schahatz, (Muntsch-muntsch), möchtest du Rot- oder Weisskabis?“ „Ich habe eigentlich an Spitzkabis gedacht (Muntsch-muntsch)“. Und wie freuen sich diese Leute, wenn die Märitfrau sagt: „I gibe-n-ech no-n-es Stüdeli drüber-i, ds einte isch e chly n-es Miggerigs“. Am besten verlässt man diesen überbordend fröhlich-bunten Ort sofort, wo an jeder Ecke Pflanzpläne geschmiedet und Pflanzmisserfolgen der vergangenen Jahre auf den Grund gegangen wird. Aber ja nicht über eins der zahlreichen Kleinkinder stolpern, welchen der Platz im Kinderwagen von Setzlingen weggenommen wurde!
Das alles geht ja noch. Am schlimmsten sind diese angefressenen Gärtnerinnen und Gärtner in der Familie. Bei jedem Essen hört man eine Story über den Salat – Eichblatt, Kopf, Kresse, Schnitt – der dank Frühbeet früh im Jahr auf den Teller kommt, von den Kräutern, die, Baruch haSchem und Alhamdulillah, dem eisigen Frost getrotzt haben, von dem Lattich, der als Gratin besonders fein schmeckt, der Minze (es gibt davon viele Sorten), bei welcher die marrokanische besonders minzig schmeckt. An jedem Löffel Rhabarberkompott hängt ein Geschichtchen – wie lange darf man ernten, wie rotodergrünoderdoch rotgrün darf der Stängel sein, welche Nachbarn bekommen etwas, jede Beere wird kommentiert – von Schnecken durch Piniennnadelunterlage oder aus verlassenenm Garten gerettet. Eeendlos und ehrlich ein bisschen nervend – sorry. Klar lesen die Angefressenen Gartenbücher, können stundenlang Bilder vom Prinzessinengarten in Berlin-Kreuzberg und Wirsigköpfe in Jutesäcken betrachten. Wie Katzen- und Hundefans fotografieren sie natürlich bei Sonne und Regen ihre Lieblinge, und man kann nur dankbar sein, dass die Familien-Dia-Bilderschau der Vergangenheit angehört. Über diese emsigen Leutchen kann man (nach meiner Mutter selig) nur sagen: „Si mache wenigschtens nüt Dümmers.“

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Am Zaun

Nie hätte ich geglaubt, dass man durch einen Maschendrahtzaun so viele Geschichten erzählt bekommt. Als ich im Frühling mit den Gartenarbeiten begann, gingen mir die ständigen Kommentare der Passanten ein bisschen auf die Nerven und ich nahm mir vor, den Zaun blickdicht zu begrünen. Die Schnecken taten sich dann aber an den Winden-, Reben- und Bohnensprösslingen gütlich und übrig blieb nur …

Geissblatt

… das Geissblatt – von Sichtschutz keine Spur. Die Leute gehen hin und her, von und zur Tramhaltestelle, bleiben weiterhin stehen und erzählen mir ihre Geschichten durch die Maschen. Sie erinnern sich an Gärten, die sie selber einmal hatten und verloren, von der Arbeit, die sie einmal hatten und verloren, von der Gesundheit, die sie hatten und verloren, von den Hunden, Katzen, Kindern, die sie hattent und verloren. Seitdem die Blätter und Stängel spriessen und wachsen gibt es keine Ratschläge mehr, sollte ich aber dann …

Rhabarber

… Rhabarber, Stangenbohnen oder Himbeeren zuviel haben,
man wäre dann schon Abnehmer.

Sie heissen „Sergej pink“, „Loop Square“, „Purple Square“, „Sheepworld“. Es gibt sie als Halbmond, rechteckig, quadratisch, rund in Form eines Kanaldeckels von London, New York, Paris. Sie sind aus Kunststoff, Gummi, Kokosfasern oder aus elegantem Edelstahl in der Preisklasse zwischen Fr. 10.- und Fr. 600.-. Es sind die Nachfolger des simplen Türvorlegers aus Sisal und heissen Design-Fussmatten. Katzenliebhaber wählen oft ein Kunstwerk von Rosina Wachtmeister wie z.B. „Momenti“ (eine vierköpfige Katzenfamilie aneinander geschmiegt unter einer brasilianischen Sonne).
Die Designerstücke sind die dem home & castle vorgelagerten Botschafter, keine Fussabstreifer.
Dass man auf einem Bodendeckeli so einiges über sich mitteilen kann/will, zeigen die folgenden Beispiele:

Hier wohnt ein Teufelskerl
Angel’s Home (auch in Deutsch)
Hier wohnt ein Engelchen
Home sweet Home
VIP Lounge
Members only
Glücksmatte
Einbruch zwecklos
Don Corleones property
Only metrosexual
Hi (mit Haiflosse)
Ich geb dich nie mehr her! Ich lieb dich nämlich viel zu sehr!

Sich ein bisschen vorbeugen und dann tsch-sch, tsch-sch, tsch-sch, tsch-sch die nassen Schuhe abtreten wirkt heute völlig altmodisch, total uncool, geits no?

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Eine Garbe Seile

Eiger, Mönch und Jungfrau, Niesen, Stockhorn, Nünenen und Gantrisch schweben über einem leichten Nebel. Der erste Frost hat die Blätter von den Linden geholt und die Heuballen stehen aufgetürmt am Rande der Felder. Heute ist Grünabfuhr im Dorf. Stauden und Äste werden auf den Sammelplatz gebracht. Jeden Herbst falle es ihnen schwer, die Geranien abzuräumen, besonders bei diesem Prachtswetterchen, meinen die Frauen vor dem Dorfladen, während ihnen die Kastanien vom höher gelegenen Schulhausplatz an den Füssen vorbei der Kirche zu rollen.
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Blick zurueck

Seit einigen Wochen lebt Albert im Pflegeheim, nicht allzu weit weg von seinem früheren Zuhause. Einen weiteren Winter hätte der 92jährige allein im alten Bauernhaus nicht geschafft. Schon wegen der anstrengenden Heizerei. Ausserdem hatten die von ihm heiss geliebten und verwöhnten Katzen längst die Herrschaft über seinen bescheidenen Haushalt übernommen, frassen ihm Teller und Pfannen leer und hatten sogar gelernt, die Milch aus dem Beutel zu trinken, wenn ein Strohalm drin steckte.
Albert gehört schon seit Jahren zu den Samstags-Gästen meines Vaters. Nachdem ich ihm vor Jahren die alten Fotos geordnet hatte, schauen wir sie immer wieder zusammen an. Er sei froh, dass ich alles geordnet und angeschrieben hätte. Es wäre sonst sicher verloren gegangen, meint er. Albert nimmt seine Brille aus der Chuttebuese, um das Foto, welches man beim Abbruch seines Bienenhauses gefunden hatte, genau zu betrachten. Es zeigt seinen Onkel Fritz, die Grosseltern Christian und Maria und rechts aussen seine junge schöne Mutter in einer weissen Bluse vor dem Bauernhaus.
Zwei Bilder trägt Albert immer bei sich: eine Ansicht seines kleinen Dorfes aus den dreissiger Jahren und dasjenige einer Theatergruppe, aufgenommen vor dem „Bären“. In der vordersten Reihe sitzt Marie, die Frau seines Herzens.
Hätte er sie doch damals vor siebzig Jahren nur angesprochen, als sie auf einer Reise nach Goppenstein im gleichen Abteil sass. Seine Kameraden hatten ihn noch ermuntert, aber ihm sei das zu „stotzig“ gekommen und wieder habe er, wie eigentlich immer in seinem Leben, eine gute Gelegenheit verpasst.
Dass das Brillenglas zersprungen ist, stört ihn nicht, er hat das Gefühl, jetzt sogar besser zu sehen.

Oh ja, ich habe sehr viel Heimweh nach Thailand. Aber ich muss dankbar sein, in der Schweiz zu bleiben. Was wäre ohne meine Mutter? Ihr muss ich danken, dass sie mich hierher gebracht hat, denn Bangkok ist sehr, sehr schmutzig. Viele Kinder werden genommen und müssen auf die Strasse gehen zum Betteln.

Meine Brüder arbeiten, meine Mutter hat sie in Thailand gelassen, aber ich kann noch nicht selber verdienen, ich muss zuerst sehr viel lernen. Ich war schon in sieben Schulen! Ich war viel krank in Thailand und wenn ich wieder neu krank war, haben sie mich gezügelt zu einer anderen Tante und Grossmutter, ich habe drei Mutter! Aber kein Vater, weil ich drei war als er starb. Mein neuer Vater ist nur mein Stiefvater, er hatte noch nie einen Sohn. Er muss üben wie es geht mit einem Sohn.

Aber als wir noch in Thailand waren hat meine Mutter immer gearbeitet – auch als kleines Mädchen, immer, das war einfach so! – aber sie hatte nicht genug Geld. Bei Tsunami hat Arbeit ihr Leben gerettet, sie musste nach Phuket, aber ein Chef hat gesagt, vorher muss sie noch diese Arbeit fertig machen und dann kam genau der Tsunami nach Phuket und sie war nicht da.

Geld musste meine Mutter viel von anderen nehmen. Mein neuer Vater bezahlt alles zurück, alles, alles, alles. Er ist 43 Jahre alt, meine Mutter 45 Jahre alt und ich sage ihr, dass sie jetzt nichts mehr nach Thailand bezahlen soll, denn diese geben uns nie etwas. Sie denken, alle in der Schweiz sind reich, sie wissen nicht, dass wir hier arbeiten. Jeden Tag lang, damit wir sparen können, für die Wohnung und die Krankheiten, um sie am Ende vom Monat zu bezahlen.

Meine Lehrerin sagt, wenn ich mich in Deutsch verbessern kann, werde ich vielleicht, vielleicht die Sekundarschule schaffen. Aber ich muss mich in Deutsch verbessern. Mein Schweizer Vater kann mir gut helfen bei Deutsch und wenn er etwas nicht kann, schaut er im Computer.

Ich habe mich viel gefragt, warum in der Schweiz die Katzen so gross sind und in Thailand nur so klein, dann habe ich gesehen, dass es hier Katzenfutter gibt. In Thaliand müssen die Katzen sehr clever sein und Vögel fangen und sie sind sehr, sehr dünn. Aber jetzt habe ich hier eine Katze und ich spiele jeden Tag viel mit ihr, damit sie alles üben kann, was die Katzen von Thailand können.

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(Es gibt sie, die freiwillige Rückkehr. Ich hatte die kleine Familie einmal erwähnt, in 10 Jahre Dayton, im ersten Abschnitt.)

Gestern haben wir noch zusammen das Wohnungsübergabeprotokoll geprüft, in wenigen Stunden fährt der Bus und nimmt meine Freundin mit. Schlimmstenfalls 24 Stunden wird es dauern bis zum Ziel. Die Kinder sind schon sieben Wochen vorher zu den Grosseltern, Onkel und Tanten, gleich zu Ferienbeginn. Der Grosse schreibt immer um Mitternacht ein SMS: „Mama, ich weine gerade.“ Er schreibt lieber Deutsch, das geht schneller. „Mama, sie reden hier anderes Kroatisch.“ „Mama, die Kinder sprechen von Geld. Sag Onkel, dass ich haben sollte.“ Die Kleine ist recht zufrieden mit den Katzen, dem Garten, dem autistischen Cousin.

Der Möbelwagen ist vor einer Woche gekommen, viel war es ja nicht. Die Betten für die Kinder, eine Spende der Kirche. Das Bett der Mutter – aus dem Heilsarmeebrockenhaus. Ein Tisch, drei Stühle. Ein paar Kleiderkisten, deutsche Bücher, zusammengewürfeltes Geschirr, Abschiedsgeschenke mit Schweizer Kreuzen.

Warum sie kurz vor der Einbürgerung der Kinder zurückgehen?

Schwester und Familie gehen auch zurück. Die Unterstützung würde wegfallen. Wie als Alleinerziehende die Nachtschichten, wie die Wochenenden im Beruf bewältigen? Mit zwei schulpflichtigen Kindern! Die Tagesstätte ist zu den Arbeitszeiten einer Pflegerin geschlossen.

Und diese Schule! Von Februar bis Juni wurden keine Aufgaben mehr korrigiert, keine Tests geschrieben. Worauf die letzten Noten gründeten, hat keiner verstanden. 80% Migrantenkinder bedeutet auch 80% Migranteneltern. Sie haben keine Ahnung, was zu tun ist, was gut und richtig wäre, sie haben ja keinen Vergleich, nur so ein Gefühl und niemals, niemals Zeit sich zu befassen. Und die Schweizer schicken ihre Kinder in Privatschulen, ja, manchmal gar die Kroaten, wenn sie Zahnarzt sind. Mit wem sollte man sich da zusammentun?

Die Landschulwochen waren schön, die Jugentreffs wunderbar, das Bad, die Eisbahn! Die Schlittschuhmiete billig! Aber diese Schule? Dann noch lieber Kroatien ohne Schlittschuhe. Still sitzen und büffeln.

Wir haben viel gelernt von euch Schweizern, über die Demokratie in der Gemeinde, über den Dienstweg „we jede so wett“ und die Zusammenarbeit im Fussballclub. Wir sind dankbar für diese Jahre in diesem Land in Frieden. Aber eure Schule, nein, die tauschen wir gerne. Nun lernen die Kinder halt das neue Kroatisch von nach dem Krieg und Physik und Chemie – sicher vieles, was man nicht zum Leben braucht, aber besser als gar nichts! Und wenn alles gut geht, spielt der Grosse bald bei Enka Osijek.

Möge Gott euch Schweizer beschützen, wir werden an euch denken. Und das Berndeutsch, ne-neei, das vergessen wir nie.

Heute sprechen wir über Seuchen in vergangenen Zeiten.
Vater erinnert sich, wie er als Achtjähriger am Fenster stand und zuschaute, wie man mit zwei Pferden die toten Kühe den Graben hinunter zur Sammelstelle schleppte, wo die Kadaver zum Verbrennen abgeholt wurden. Es war der Maul- und Klauenseuchezug 1919-1924.
Als dann im Jahre 1938 die Seuche wieder ausbrach, traf es Wältis Gödu in der Buchen besonders hart. In seinem Stall standen 60-70 Stück der besten Jungtiere, Kühe, sie hatten zum ersten Mal gekalbt, bekamen hohes Fieber und starben innerhalb kürzester Zeit an einem Herzschlag. Gödu war ausser sich vor Verzweiflung. Er nahm ein grosses Messer zur Hand und hieb den toten Kühen den Kopf ab. Dann schleppte er die Kadaver mit einem Pferd aus dem Stall auf den Hausplatz und wartete darauf, dass man sie zum Verbrennen abholte.
Im „Neuhaus“, dem elterlichen Hof meines Vaters, hatte man grosses Gfehl (Glück). Das Vieh blieb von der Seuche verschont. Zusammen mit den Nachbarn Maurer Fridu und Kühni Wernu machte sich Vater auf, denen auf der Buchen zu helfen. Die jungen Männer, beraten vom „Kantönler“, (dem Kantonstierarzt), waren entschlossen, „durchzuseuchen“. Auf der Buchen sollte nicht mehr geschlachtet werden. Man fing an, die Kühe zu pflegen. Diese lagen auf dem Boden, die haarfreien Stellen ums Maul und an den Klauen voller hässlicher Blasen, Schrunden und klebrigem Schaum. Man salbte und badete, versuchte, die geschwächten fiebrigen Tiere zu tränken. Es dauerte bis zu sechs Wochen, bis diese anfingen, sich zu erholen. Natürlich erbrachten sie nie mehr die gleiche Leistung wie vor der Seuche. Es gab auch einige Kühe, die es nicht schafften, aber der Hof wurde vor dem grössten Unglück bewahrt.

In diesen schrecklichen Jahren 1938-1939 konnte sich auch die ärmste Familien eine Fleischmalzeit leisten, kostete doch das Kilo nur einen Batzen – 10 Rappen. So sah man die Arbeiter abends nach Hause gehen, ein Räf (Traggestell) auf dem Rücken, voll bepackt mit Rindfleisch und Knochen, so dass die Äste der Bäume die aufgetürmte Last streiften.

2006: Die Hüher sind (wieder) eingesperrt, es ist Jagdsaison für die Krähen, die Rehe sind abgeknallt, weil sich jemand über ihr Äsen in Hofnähe beschwerte. Nur die Katzen kümmern sich nicht um die gefrorene Erde und hocken auf der Lauer.

So sah die längenbergische Fauna heute Morgen folgendermassen aus:
9 Katzen
5 Saatkrähen
4 Pferde
1 Kuh in einem Transporter

Als ich ein Kind war, waren wir – für damalige Verhältnisse – noch immer arm. Doch wir buken vor Weihnachten. Natürlich Lebkuchen. Meine Mutter beauftragte mich und meine Pflegeschwestern, die unterschiedlichsten Schablonen mit einer spitzigen Nadel aus Karton zu stanzen, denn schneiden war ihr nicht genau genug und schulte unsere motorischen Fähigkeiten in ihren Augen nur ungenügend.

Wir legten die Schablonen auf den ausgewallten Teig und fuhren mit einem Schnitzer ihrem Rand entlang. Nur von Mutter abgesegnete Formen durften verwirklicht werden, es galt unter allen Umständen zu vermeiden, dass ein zu dünnes Katzenbein im Ofen verkohlte.

Und weil meine Eltern – als erste Generation mit Arbeit in der Stadt – doch ein wenig mehr als gar kein Geld hatten, reichte es sogar für die Dekoration. Wir kauften eine Tüte Puderzucker. Den rührten wir schrittweise mit (ja nicht zu viel!) Wasser an und machten daraus echte Glasur. Diese füllten wir in erschnorrte Plastiksäcke (welche zu dieser Zeit gerade neu in Mode gekommen waren) und schnitten mit einer Nagelschere einen klitzekleinen Teil der unteren Ecke ab. So entstand unser Spritzsack. Und wenn uns einmal eine gnädige Verwandte eine Flasche Himbeersirup geschenkt hatte, rührten wir einige Tropfen davon in die Glasur, damit sie rosa wurde. Wir verzierten kunstvoll die verschiedenen Lebkuchen, natürlich dem Empfänger individuell angepasst.

Die trockenen Kuchen packten wir in das Papier, in dem wir – oder sonst jemand – unsere letzten Geburtstagsgeschenke bekommen hatten. Ein Bändeli aus dem Ausschuss der Leinenweberei, ein anderes aus Wollresten des letzten Gilets, das 1st uns gestrickt hatte, und fertig waren die originellsten Geschenke weit und breit.

Was für uns an Teig oder kaputten Kuchen übrig blieb – davon ist mir bestimmt nicht schlecht geworden. Dafür machte uns 1st nach Weihnachten ein „Memory“ aus den Geschenkpapierschnipseln, in die man beim besten Willen nichts mehr einwickeln konnte, schon gar nicht die Lebkuchen vom nächsten Jahr. Und wir haben es immer noch, das Memory.

Die Moral? Meiner Grossmutter liebstes Bibelwort: Geben ist seliger denn Nehmen. Und meiner Grossmutter liebstes Familienwort: Mach aus der Not eine Tugend.

(Unnötig zu erwähnen, dass damit auch ein gewisser Druck auf uns entstand, aber bis jetzt haben wir uns zu helfen gewusst. Ich zum Beispiel delegiere das Backen an den besten Hobbybäcker an meiner Seite, wovon auch meine Schwester profitiert. Und meine Cousine hat sogar den Weltmeister der Konditorei zum Mann. Allerdings hat er sich den Titel – das gesteht er unumwunden – nur mit ihrer fachlichen Hilfe geholt. Der Wettbewerbsbeitrag Eistorte im novemberlichen Australien war nämlich eine echte Herausforderung.)

Albatros
Grosser Vogel
Meere
über den Wellen
nur zur Balz an Land
nur 1 Ei
Junge 13°
278 Tage

Schlangen
Mamba ganz giftig
Afrikanische Baumschlange
Puffottern
Kobras
Albino-Kornnattern
Kreuzotter
Aspisviper

geschrieben von meiner Mutter auf die Rückseite eines Blattes mit Kirchenliedern. Als Kleinbäuerin in den Nebenhögern des Längenbergs kümmerte sie sich ein Leben lang um Schweine, Hühner, Katzen und Hunde.

Rehe an verschneiten Waldrändern sind selten geworden. Als ich ein Kind war, kamen sie in kalten Wintern oft bis an unser Haus heran und knabberten an der Rinde der Obstbäume. Wir beobachteten die scheuen Tiere durch die vereisten Fenster.
In den vergangenen Wochen suchten sich einige Rehe ihr kärgliches Futter an einem Wald- und Strassenrand auf dem Längenberg. Gestern fuhr ich wieder diese Strecke. Die Rehe waren verschwunden. Zwei Jäger hatten ihr Auto am Waldrand geparkt und zogen mit ihren Flinten in die Hügel. Wahrscheinlich gab es „Reklamationen aus der (landwirtschaftlichen) Bevölkerung“. Denn nur so kann ich mir erklären, dass sich die Weidmänner ausserhalb der Jagdsaison auf der Pirsch befanden.
(In dieser Gegend bewahrt man die alten Wolfsnetze in der Kirche auf!)

Hier noch eine Geschichte aus erster Hand:
Vor vielen Jahren nahm ein junger Bauer, dem es in den „Högern und Chrächen“ am Längenberg zu eng geworden war, neben Frau, Kind und Kuhglocken auch eine Katze mit über den grossen Teich. Der Existenzkampf in der Fremde auf einer Farm war hart, das jahrelange Sitzen auf einem mächtigen Traktor zerrte an den Kräften.
Dieser Sohn der Region braucht nun dringend einen Heimaturlaub. Die alte Katze lebt nicht mehr. Aber ihre Urenkelin soll zurück zu ihren längenbergischen Wurzeln reisen dürfen. So wird die Katze in einem Körbchen oben auf das Gepäck gestellt und in einem kanadischen Flughafen Richtung Schweiz verladen. Bei der Kontrolle des Gepäckraumes ist der Käfig leer. Wo ist das Tier? Nach langem Suchen findet man es zerquetscht zwischen den Gepäckstücken. Mit Verspätung kann das Flugzeug abfliegen, allerdings ohne die Heimaturlauber. Es gilt, den Kadaver zu entsorgen, die entsprechenden Formalitäten zu erledigen und einen neuen Flug zu buchen.

So wie ich gehört habe, ist die Zahl der auswanderungswilligen Katzen auf dem Berg sehr zurückgegangen.

Eigentlich hatte ich vor, die nötigen Einkäufe heute Nachmittag „im Schnuuss“ zu machen, d.h., den Orangen Riesen in meinem Quartier in möglichst kurzer Zeit zu durcheilen und die Waren hurtig von den Gestellen zu pflücken.
Daraus wurde nichts, denn diese schlauen Orangen hatten – wahrscheinlich letzte Nacht – die Gestelle umgeräumt. Als ich nach der Zartbitterschokolade für den Freund meiner Nichte greifen wollte, war da Katzenfutter. Weil ich keine Katze versorgen muss, wusste ich erst, dass sich solches in der rotgoldenen Aluschale befand, als ich meine Nachbarin traf, die davon einen halben Wagen voll vor sich her schob. Sie suchte eigentlich den Fruchtsaft, aber an diesem Platz standen jetzt Sparpackungen mit Tischbomben. Die Müslistengel waren auf dem Platz der Teigwaren gerückt, und der Brie befand sich statt auf dem untersten, auf dem obersten Tablar rechts. Auch das Feinwaschmittel musste aus unerfindlichen Gründen seinen Platz mit dem Weichspüler tauschen.
Es war ein emsiges Suchen, höfliches Fragen, Entschuldigen und Grüssen. Kinderwagen versperrten die ohnehin schon engen Durchgänge. Die Kleinen schliefen oder weinten weil sie in ihren gesteppten Anzügen zu warm hatten. Eine Traube Bekannter umringte frischgebackene Grosseltern, die eben einige Umschläge mit den neuesten Fotos des Enkelkindes abgeholt hatten. So herzige schwarze Haare hatte es bei seiner Geburt. Wer wollte, durfte die süssen Bilder zwischen dem Sonderangebot von Büromaterial und hellblauen Badefinken bewundern.
„Herr Arifi! Herr Arifi, bitte zum Kundendienst!“ „Fräulein Moosberger, bitte an die Kasse!“ (Fräulein Moosberger ist die Tochter von Frau Moosberger!)
Ich wartete an der Kasse. Als die Reihe an mir war, zeigte die Kassiererin auf die Lampe: „Habe eben ausgelöscht, mache Paus.“ Ich reihte mich wieder ein zwischen Kinder- und Einkaufswagen. Eine Frau liess mich vor. Sah ich schon so knille aus? Ich dankte und lächelte. Gern geschehen, sie habe keine Eile. Als ich meinen Einkauf verpacken wollte, sah ich, dass man alle Packtische weggeräumt hatte. Auch der Kopierapparat, die Plastikpflanze und der Tisch mit dem Geschenkpapier waren verschwunden. An ihrer Stelle standen Palette mit Getränkegebinden. Ich rechnete schnell aus: auf einem Palett 945 Liter Mineralwasser. Irgendwie versuchten alle, ihre Ware ohne Tisch zwischen Kinder- und Einkaufswagen, Rollatoren und Rollstühlen einzupacken. Manchmal fiel etwas zu Boden. Die Kassiererinnen in ihren kleinen Festungen reichten freundlich Haushaltpapier zum Putzen übers Rollband, ein Säckchen zum Scherben Einpacken oder die in der Ablage vergessenen Packungen. Frau Moosberger wickelte die Blumensträusse warm ein, während eine Gruppe von Männern am Kiosk einige Lose aufrubbelte. Meine beiden alten Nachbarinnen in handgestrickten Ohrenwärmern kamen vom Spaziergängli und freuten sich auf ein Käfeli. Heute war der Orange Riese nichts anderes als ein erweitertes Wohnzimmer, in dem zwar umgestellt worden war, aber was solls? Man hatte ja Musse zum Suchen.

Nebenbei: Dieses orange Riesen-Wohnzimmer steht nicht im Telefonbuch, weil „etwas schief lief“. Die Nummer wird einem aber gerne bekannt gegeben von der Filiale an der Murtenstrasse.

Keine krebskranke Kinder Kettenpostkarten!
Keine gekwälten Katzen Kettenbriefe!
Keinen Hermann, den Kettenteig!
Kappt die Ketten!

[via Kaltmamsell mit nützlichem Link. ]

Email von Anna:

“ … Mein Garten sieht leider schon wieder recht verwüstet aus, obwohl ich ihn am Karfreitag Nachmittag so schön hergerichtet hatte. Die Primeln wurden von Amseln angepickt, die Stiefmüetterli von Schnecken angeknabbert und die Tulpen liegen ermattet geknickt zu Boden, weil Nachbars Katze es irgendwie glatt findet, mit ihnen zu spielen. Ich bin ja sonst eine grosse Tierfreundin, wirklich, aber dass die so destruktiv zerstören müssen, was nett und ordentlich aussähe, also wirklich
Groll, Groll.
Da hülfen Schneckenkörner, Schneckenzäune, Vogelscheuchen, Anti-Katzenduftsprays … Aber ich will es ja auch nicht zur letzten Perfektion treiben. Ordentlich nett siehts ja doch immer noch aus, etwas havariert halt. Auf jeden Fall grüssen mich jetzt die Pensionierten rundum und ich fühlte mich richtig integriert im Quartier …
wären da nicht diese fremdartigen rot-schwarzen Käfer, die sich zu Hauf in den Garten-Mauerritzen sammeln oder auch noch zwischen den frisch gesetzten Blumen krabbeln, wer weiss, was die noch alles vorhaben?
Mein Hobby-Gärtner-Nachbar weiss auf jeden Fall seit drei Jahren, dass er diese Käfer z’vordere Jahr noch nicht gesehen habe, sie stammten bestimmt aus dem Ausland, mit so ausländischem Gemüse seien die wohl eingeschleppt worden.
Bestimmt, pflichte ich ihm bei, den Farben entsprechend sähen sie sehr afrikanisch aus, aber vielleicht tragen sie ja auch bloss afrikanische Masken, und wären in Wirklichkeit graue Bettseiker, Kellerasseln oder so was?
Du siehst, dieser Garten wirft fast philosophische Fragen auf! … “

Heute bringt Albert seine Gedichte mit. Die Blätter liegen in einem trüben Sichtmäppchen. Sie sind vergilbt, fleckig, aber die Zeilen sind regelmässig, die Buchstaben schwungvoll. „Halt meine junge Schrift“, meint der alte Mann.
Vor 70 Jahren hat er alle Gedichte aufgeschrieben, „so zur Sicherheit“. Eigentlich braucht er die Blätter nicht, denn er weiss noch alle auswendig: Claudius, Schiller, Uhland, Lenau. Der Kaffee wird kalt. Albert hat die Augen zugekniffen und rezitiert Strophe für Strophe. Im Ofen knacken die Eibenscheite, meine alten Eltern hören zu, nicken ein bisschen mit den Köpfen: „Ja, ja, früher musste man schon als kleines Kind immer nur wärchen, aber die Gedichte kamen in den Kopf und blieben da. Weiss der Gugger wie.“ Sie gingen auch im Mitlitärdienst nicht verloren, als Albert im Jura des Nachts Wache stand und „am Morgen den Rauhreif aus den Stiefeln schüttelte“.
Aus dem blinden Mäppchen nimmt er einen Brief vom 27. Januar 1939. Seine Mutter schreibt ihm, dass sie zum Geburtstag leider keine Schokolade schicken könne, denn es gäbe im Dorf keine zu kaufen. Auf der hinteren leeren Seite, hat der junge Soldat ein Schmähgedicht auf Hitler und seine Entourage notiert, welches er auf einem holländischen Radiosender gehört hatte.
Dieser brachte auch „Lili Marleen“. Gerne hätte er nach dem Krieg einmal das
„Hotel de la Gare“
aufgesucht. Das hat leider nicht geklappt.
Übrigens: die zahlreichen Medaillen, Pokale, Urkunden, die er sich in all den Jahren an den Schützenfesten landauf landab „herausgeschossen“ hat, sind ihm heute richtig zuwider.
So, jetzt will er sich auf den Heimweg machen. Die Katzen müssen gefüttert werden und ausserdem sollte er noch ein bisschen darüber nachstudieren, welches Gedicht er nächste Woche vortragen könnte.

Die „vordere“ Nacht träumte Albert schon wieder von ihr. Sie mähten zusammen Gras – stillschweigend, Marie mit ihren unverwechselbaren Bewegungen, so wie sie auch in anderen Träumen an ihm vorbei ging, in denen er in einer fremden Wirtschaft sass und den tanzenden Paaren zusah.

So war es auch im wirklichen Leben. Marie tanzte jeden Tanz, nur einmal bei der Damenwahl auf der Bütschelegg blieb sie sitzen, holte keinen auf den Tanzboden. Beim Feldschiessen machte Albert den Kranz und Marie gratulierte ihm, der nur stumm da stand. In den vergangenen 65 Jahren sprach er nur einmal mit Marie. Das war an der Landesausstellung 39, als die Theatergruppe des Männerchors nach Zürich reiste. „Veillon“ hatte in der oberen Etage einer Halle eine Musterwohnung eingerichtet.
Marie rief von unten: „Was isch dert obe?“
Albert von oben: “ Es Himmelbett.“
Mit den Frauen hat’s nie so recht geklappt, obwohl Albert ein flotter Reiter war auf seinem Kohli „Basilisk“. Einer hatte er eine Karte geschrieben und ein Buch geschickt. Das Buch kam wieder zurück mit dem Bescheid, sie fühle sich noch zu jung für eine Bekanntschaft.

Marie hat dann einen Hummel aus dem Guggisbergerland geheiratet und Albert ist ledig geblieben. An der Grebt von Beyeler Gödu vor ungefähr 15 Jahren sass sie ihm schräg gegenüber. Er konnte sie nur anschauen, fand keine Worte.
Letzhin hat er ihre Telefonnummer haraus geschrieben. Nein, heute möchte er keinen Kaffee, auch kein „Stückli vom Beck“.
Etwas gebückt, den Kopf zwischen den hochgezogenen Schultern, macht sich der alte Mann vor dem Einnachten auf den Heimweg. Die Katzen müssen gefüttert werden, und wer weiss, vielleicht ist heute d e r Abend, an dem er Marie anrufen wird.