So. 16 Dez. 2007
Wir holen Grossvaters letzte Zwiebeln von der Büni
und verteilen sie in der Familie.
Ein jeder nimmt, was er braucht.
So. 16 Dez. 2007
Wir holen Grossvaters letzte Zwiebeln von der Büni
und verteilen sie in der Familie.
Ein jeder nimmt, was er braucht.
Do. 13 Dez. 2007
Der Präsident der SVP-Fraktion der eidgenössischen Räte, heute früh ungesund gelb im Gesicht, macht uns, dank seines Versprechers kein X für ein U vor: Zukunft wird Zukampft sein! Viel Glück der neuen Bundesrätin!
Mi. 12 Dez. 2007
Sie fällt ganz locker zu Boden und hätte eigentlich auf dem regennassen Asphalt liegen bleiben mögen. Ein Mitarbeiter von Bernmobil fasst sie am Arm und hilft ihr auf die wackeligen Beine. „Gehts? Sind Sie verletzt? Haben Sie Schmerzen? Möchten Sie sich setzen?“ Die Frau dankt dem Mann in der orangen Jacke, schüttelt ihren linken Arm, dann auch den rechten, an welchem eine schwere Tasche hängt. Sie geht über den Platz, biegt ab in die Gasse und steigt, noch ein bisschen unsicher, die Treppe zu ihrem Büro hinauf. Dort sortiert sie die liegen gebliebene Arbeit der vergangenen Woche nach Prioritäten. Sie startet den Computer. Während sich die Programme entpacken, packt sie ihrerseits die Geranien und trägt diese in den Keller des Wirts.
Ihr scheint, als sei sie Jahre weg gewesen und sie ist erstaunt, dass ihr die Arbeit so leicht von der Hand geht.
Den Abend verbringt sie mit Freunden in einem schummrig beleuchteten Ristorante. Ein Kaminfeuer brennt, welches wie in alten Zeiten nur vorne wärmt und den Rücken kalt lässt. Die Kellnerin weist den Weg zum Tisch und warnt: „Achtung, Stufen, es sind vier!“ Zum Glück, denn in dieser Finsternuss wäre die Frau ohne Warnung bestimmt die Stufen hinunter ins historische Kutschenremise gefallen.
Nun wird ein schöner Wein geöffnet. Bis die Seezunge auf dem Lauchbett serviert wird, erzählt ihr ein Freund den Film von der ägyptischen Polizeikappelle, die unfreiwillig in einem israelischen Kaff strandet – Bikur hatizmoret – wunderbar!
Sie trinkt noch ein Glas Wein und wartet darauf, dass Zorro sich endlich am Kronleuchter durch den Saal schwingt und mit dem Degen den venezianischen Vorhang oder die Ölgemälde – ZZZZ – aufschlitzt.
Endlich ist auch die Seezunge auf ihrem Bett und in Begleitung von Ofenkartöffelchen da – vorne warm und hinten kalt.
Gegen Mitternacht begleiten fürsorgliche Freunde sie ein Stück im Bus. In einer scharfen Kurve rutscht sie vom Sitz zu Boden – ganz locker – und könnte dort einschlafen. Das erlauben die Begleiter nicht. Sie muss sich wieder hinsetzen und am Griff, der in der Buswand eingelassen ist, festhalten.
„Leat, leat“, ermahnt sie sich auf dem Heimweg durch den düsteren Tunnel hin zu ihrem Block, den israelischen Film noch im Kopf.
Zu Hause angekommen, packt sie die Tasche aus und weiss, das Leben geht weiter, denn wozu hätte sie sonst die 13 Paar schwarzen Strümpfe und die drei neuen Bücher gekauft?
So. 9 Dez. 2007
Danke für die vielen Nachrichten in allen Formen und aus aller Welt.
Danke für die Besuche der Beerdigung – sie war genau richtig.
Di. 4 Dez. 2007
Umgeben von der Familie und lieben Freunden hat nun auch Vater
heute diese Erde verlassen – in aller Frühe, wie er über
neunzig Jahre lang sein Tagwerk begonnen hatte.
Sa. 1 Dez. 2007
Seit dem letzten Beitrag sehe ich mein Zuhause tatsächlich mit anderen kritischeren Augen.
Ich spaziere mit Kleinesmädchen am Rande des Quartiers vor dem historischen Bauerngut. Auf der Bank nahe der alten Eichen, unter welchen Napoleon vor 210 Jahren Rast gehalten hatte, sitzen zwei junge Männer und kiffen. Aus dem etwas ramponierten Herrenhaus tritt der Dichter, der das alte Gemäuer seit Jahren bewohnt. Wie immer schwarz gewandet, beugt er sich über die Buchsumrandung des Berner Lustgartens und – spuckt einen scharfen Strahl in die Beete.
Mir ist sofort klar: spucken kann er um vieles besser als schreiben. Seinem geschriebenen Wort fehlt der Speuz.
Kleinesmädchen kümmert das nicht. Es lacht, beinlet elephantenbeschuht den Hang hinunter und verliert dabei die gesammelten Eicheln in seinen Fäustchen.
Warum gibt es so viele Männer, die sich nicht genieren, den öffentlichen Raum mit Spucke zu bekleckern?
Fr. 30 Nov. 2007
Woran erkennt man die hoffnungslos Dummen hier in Bern West? Daran, dass sie immer noch Hoffnung haben. Besonders dann, wenn sich ein hochkarätiges Team von Journalisten, Schriftstellern und Fotografen zusammentut, um eine Festschrift zum 50. Jahr Hochhausssiedlung zu gestalten, beginnt bei einigen noch nicht ganz toten Ureinwohnern dieses Fünkchen zu glühen.
Nachdem ich schon mehrmals auf das neue Buch angesprochen wurde, werfe ich mich im regen Abendverkauf auf das gelbe Ledersofa in der Buchhandlung und blättere durch. Eine völlig fremde Welt, die meine Heimat seit 35 Jahren sein soll, tut sich mir auf. Die Herausgeber hatten aus den vielen hundert Familien wirklich die exotischsten und vielköpfigsten ausgesucht. Bei mir kommt die Frage auf, ob die Menschen vielleicht bernwestmässigbunt arrangiert und speziell fürs Foto drapiert wurden. Meine hübsche Nachbarin, ohne sie würde hier die Quartierarbeit gar nichts laufen, steht z.B. melancholischen Blicks zwischen zwei Betonpfeilern, auf dem Bild völlig isoliert und aus ihrem Tätigkeitsfeld gerissen. Die Hauswarte treten als Pajasse und Anhängsel ihrer Putzutensilien auf, und klar darf der Muslim auf dem Gebetsteppich nicht fehlen. Für spiessige Wohnzimmer mit schönen Möbeln, Lampen, Bildern, Büchergestellen, Spielzeugen, Arbeitstischen wird kein Platz verschwendet, sonst könnte das Klischee Schaden …
Sicher werden mir einige Leute das Buch zu Weihnachten schenken, weils so gut zu mir passt und wie für mich gemacht. Dann lese ich auch die Texte der fast ausnahmslos ortsfremden Autoren.
Das Ansichtsexemplar klappe ich wieder zu und lege es zurück auf den Ausstellungstisch. Dann werfe ich den Schal um den Hals, hänge die Tasche um, schnappe meinen Einkauf (Stichsäge, Sparlampe, Saft). Beim Hinausgehen lacht mich der 5. Band „Die Katze des Rabbiners“ an. Da kann ich nicht widerstehen.
Es soll mir ja niemand sagen, ich sei wie die Leute aus New Bern, North Carolina. Die wurden von einem Schweizer fotografiert und hatten, bevor sie hier in Old Bern gefüttert, getränkt, getröstet, spazierengeführt und eines anderen belehrt wurden, keine Freude an den Bildern von ihrer Stadt.
Mi. 28 Nov. 2007
Natürlich erfüllen wir Vater jeden Wunsch. Es Schlückli Wiisse oder Glüür, e murbi Bire mit gälbe Bäckli, es wysses Ggaffi oder, zu unserer Erheiterung, ein Ogi-Ei.
Vor mehr als zehn Jahren machte sich der damalige Bundesrat Adolf Ogi, Vorsteher des Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartements, Gedanken zum Strom sparen. Als praktischer Berner Oberländer aus bescheidenen Verhältnissen zeigte er den Hausfrauen, wie beim Eier kochen Energie gespart werden kann. Ehrlich gesagt, ich hielt das damals für einen Witz, besonders auch deshalb, weil BR Ogi gesagt haben soll, man könne nach seiner Methode mehrere Eier gleichzeitig kochen.
Item – Nun wollte Vater ein Ogi-Ei. Nach sechs Versuchen mussten wir feststellen, dass neben der Pflege eines Schwerkranken das Kochen von Ogi-Eiern unmöglich ist – sie brauchen zu viel Aufmerksamkeit!
Die beste Anleitung habe ich hier gefunden. Der Prophet hats ja im eigenen Vaterland oft schwer. Ausserhalb der Schweiz ist das Ogi-Ei nicht vergessen, und ich bin sicher, dass in zahlreichen hochherrschaftlichen Küchen rund um die Welt stromsparend Eier gekocht werden. Denn neben Kofi Annan und Madeleine Albright gab es unzählige politische Grössen, die nach einer Wanderung über die Chempen um Kandersteg ein geschwelltes Ei aus der Pfanne ihres urchigen Gastgebers zu schätzen wussten.
Fr. 23 Nov. 2007
Es ist ihm zum Weinen nicht Recht, dass er gepflegt werden muss wie ein kleines Kind. Aber es ist schön, umgeben zu sein von „den Iigeten“, der eigenen Familie. Da versteht man ihn, weiss wovon er spricht, obwohl das Sprechen schwer fällt. Er erzählt der Pflegetochter von den Schmerzen und der Hilflosigkeit, die sein Pflegesohn Heinz erleiden musste und die er jetzt so gut verstehen kann.
Vater träumt sehr viel, taucht ab in andere Welten, wo Pferde übermütig im Schnee umhertoben, verfolgt von einem kleinen Jungen der einen Hütestock in der Hand hält. Die Leute wollen, dass der Bub rauskommt aus der Hofstatt. Aber Vater will ihn laufen lassen, den Pferden hinterher.
Auch der Habk, der Habicht, ist manchmal da und zieht seine Kreise.
Wahrscheinlich ist der Winter für Menschen, die ihr ganzes Leben lang eng mit der Natur verbunden waren, die passende Jahreszeit, um von ihr Abschied zu nehmen.
Di. 20 Nov. 2007
Wir sollen ihn nicht stören, wenn er ruhig liege, meint Grossvater. Aber da sein – das sei schon gut.
Mi. 14 Nov. 2007
Im vergangenen Mai standen eines Tages zwei Geranien (in Orlando-Rot) vor meinem Bürofenster im ersten Stock. Der Wirt vom Erdgeschoss teilte mir mit, das sei seine eiserne Reserve. Falls „die Chaoten“ mal durch die Lauben zögen und seine Pflanzen auf der Terrasse zerstörten, hätte er dann doch noch geranienmässig passenden Nachschub. Natürlich würde er die beiden auf der Ersatzbank regelmässig giessen, wenn ich nur den sicheren Platz …
Als Hasserin von privatem Grünzeug in Büros hätte ich nein sagen sollen.
Zuerst klappte es mit dem Giessen. Aber als ich nach den Sommerferien wieder zur Arbeit kam, waren die Geranien ledrig braun, staken trocken in ihren verzinkten Blechtöpfen und wurden, als ich sie auf ein Lebenszeichen untersuchte, gerade von einem jungen Chinesen fotografiert. Die altehrwürdige Sandsteinfassade, das vergoldete Fenstergeländer aus Schmiedeeisen und ich kamen auch drauf.
Die Chaoten blieben aus. Sogar diejenigen vom 6. Oktober liessen die Blumenkisten in Ruhe. Die einst siechende eiserne Reserve wird schon längst von mir regelmässig gegossen und von dürren Blättern und Blüten befreit.
Die Trockenzeit sieht man ihnen nicht mehr an und bei weiterer Zuwendung meinerseits werden die Geranien sowohl den Zibelemärit als auch die Weihnachtbeleuchtung in voller Frische erleben.
So. 11 Nov. 2007

Auf welchen Umwegen diese Knöpfe vor vielen Jahren in die „Nähtrucke“ meiner Mutter kamen, weiss ich nicht. Es ist gut möglich, dass sie aus dem Fachgeschäft in der Mollardgasse stammen, in welchem sich heute eine Schokoladenmanufaktur befindet, die solche Knöpfe aus feinster Schokolade herstellt.
Mo. 5 Nov. 2007
Je dunkler, desto genauer weiss ich, was die im Block vis à vis so machen. Und umgekehrt wissen die vis à vis was ich so tu. Allerdings sehe ich denen durch die grossen Fensterfronten direkt in die Stuben und auf die Bildschirme, die jetzt Screens heissen und zu den Objekten gehören, die sicher die letzten zehn Jahre das grösste Wachstum erfahren haben. Doch auch die haushälterischen Aktivitäten lassen sich über den Balkon und die Fensterfront gut beobachten, und weil die auf den Winter hin zunehmen, lasse ich mich jeweils anstecken und mache mir zumindest stundenweise vor, ich hätte es im Griff.
Das Praktische dabei ist, dass ich bei achthundert Nachbarn immer ein Vorbild finde, welches gerade zu meiner momentanen Stimmung passt. Was allerdings nicht bedeutet, dass sich jeder als solches eignet. Nacktes Rauchen auf dem novemberlichen Balkon meide ich beispielsweise genauso wie das Abtauen der Kühltruhe ebenda. Auch exzessive Geranienpflege bis weit in den Herbst erschient mir nicht nachahmenswert, ganauso wenig wie das abwechselnde Aushängen von Vogelkäfigen im Viertelstundentakt.
Das Putzen des Taubendrecks, das Auschütteln der Teppiche und das Einwintern der mediterranen Balkonpflanzen – das ist hingegen sehr anregend.
Fr. 2 Nov. 2007
Letzthin ist mir ein Blusenknopf auf die Strasse gefallen und durch das Absperrgitter zum Bauplatz gerollt. Eine Nachbarin mit Einkaufswagen bückte sich, suchte sich im Abfall am Strassenrand eine Plastikleiste und half mir, den Entronnenen durch die Maschen auf unsere Seite zu bugsieren.
Ausnahmsweise sah ich im Zusammenhang mit der verdreckten Strasse einmal das halb volle Glas.
Trotzdem habe ich gestern den Obersten der Stadtreinigung, Herrn Hummel angerufen, um ihm mitzuteilen, dass bei uns im Quartier schon seit drei Wochen die Strasse nicht gereinigt wurde. Herr Hummel war aufgebracht und sprach mir laut ins Ohr. Er wolle mit mir in fünf Minuten eine Ortsbesichtigung machen, denn es hätte keinen Sinn, wenn wir einander die Lampe füllten und nicht von derselben Strasse sprächen. Ausserdem seien die Reinigungsanstrengungen seiner- und seiner Mannen seits gesteigert worden. Das sei sein politischer Auftrag, das lärm- und schmutzgeplagte Quartier am Rande einer Grossbaustelle ganz besonders zu bedienen. Er wurde immer lauter und meinte, dass ich nicht verlangen könne, dass ein einsamer Zigarettenstummel irgendwo draussen in der Geröllhalde oder eine Handvoll Kastanien unter einem Baum vom Reinigungspersonal entdeckt und entsorgt werden.
Er bekomme jeden Tag hundert solche Anrufe!
Wir einigten uns darauf, dass jemand aus dem Quartier mit ihm eine Ortsbesichtigung und ihn auf die neuralgischen Stellen aufmerksam macht.
Am Abend, als ich nach Hause kam, war das Strässchen geputzt.
Danke, Herr Hummel, Sie wussten also die ganze Zeit, worüber ich sprach.
Mi. 31 Okt. 2007
„Hüt isch nid Samichlousetag, gäu nid, nid Chlousetag?“ fragt der Mann aus dem Wohnheim die Frau auf dem Sitz ihm gegenüber.
„I möcht itz mit mire Fründin rede, bittee, u nid mit öich übere Samichlous“, weist ihn die Frau zurecht.
„Wei mer lieber über ds Spital rede?“
„Neeei!“
„De gani, u suech-n-i öpper, wo wott übere Samichlous rede.“
Der Mann steht auf und setzt sich auf einen anderen Platz.
„Dr Esu het Angscht vor em Hung. Dr Hung het Chraue, dr Esu nid.“
„Aber dr Samichlous“, meint einer der Fahrgäste.
„Dr Esu cha o biise, nid nume dr Hung.“
Weiterer Fahrgast: „Ja, är biisst dr Samichlous.“
„Dr Samichlous macht mer nüt mit dr Ruete, tuet mi nid houe.“
Dritter Fahrgast: „Aber är hout drmit dr Hung.“
Vierter Fahrgast: „U ou dr Esu.“ Und genervt zu dem Mann aus dem Wohnheim: „U di chrauet-er mit sine Chraue.“
„Aber hüt no nid,“ meint dieser zuversichtlich, „hüt isch no nid Samichlousetag.“
Mo. 29 Okt. 2007
Seit einigen Wochen lebt Albert im Pflegeheim, nicht allzu weit weg von seinem früheren Zuhause. Einen weiteren Winter hätte der 92jährige allein im alten Bauernhaus nicht geschafft. Schon wegen der anstrengenden Heizerei. Ausserdem hatten die von ihm heiss geliebten und verwöhnten Katzen längst die Herrschaft über seinen bescheidenen Haushalt übernommen, frassen ihm Teller und Pfannen leer und hatten sogar gelernt, die Milch aus dem Beutel zu trinken, wenn ein Strohalm drin steckte.
Albert gehört schon seit Jahren zu den Samstags-Gästen meines Vaters. Nachdem ich ihm vor Jahren die alten Fotos geordnet hatte, schauen wir sie immer wieder zusammen an. Er sei froh, dass ich alles geordnet und angeschrieben hätte. Es wäre sonst sicher verloren gegangen, meint er. Albert nimmt seine Brille aus der Chuttebuese, um das Foto, welches man beim Abbruch seines Bienenhauses gefunden hatte, genau zu betrachten. Es zeigt seinen Onkel Fritz, die Grosseltern Christian und Maria und rechts aussen seine junge schöne Mutter in einer weissen Bluse vor dem Bauernhaus.
Zwei Bilder trägt Albert immer bei sich: eine Ansicht seines kleinen Dorfes aus den dreissiger Jahren und dasjenige einer Theatergruppe, aufgenommen vor dem „Bären“. In der vordersten Reihe sitzt Marie, die Frau seines Herzens.
Hätte er sie doch damals vor siebzig Jahren nur angesprochen, als sie auf einer Reise nach Goppenstein im gleichen Abteil sass. Seine Kameraden hatten ihn noch ermuntert, aber ihm sei das zu „stotzig“ gekommen und wieder habe er, wie eigentlich immer in seinem Leben, eine gute Gelegenheit verpasst.
Dass das Brillenglas zersprungen ist, stört ihn nicht, er hat das Gefühl, jetzt sogar besser zu sehen.
So. 28 Okt. 2007
Ich gehe mit einer Tasche voller Blumenzwiebeln und einigen Schaufeln in den Kindergarten, stelle die Zwiebeln, die Werkzeuge und mich im „Kreisli“ vor.
„Bist du die Blumenfee?“ fragt mich ein Junge in Juve-Shirt. Wer sich alt, ungeliebt, nutzlos und/oder zu dick fühlt, sollte wirklich einmal ein Ämtli in einem Kindergarten übernehmen, denke ich. Trotz der eiskalten Bise wird es ein munteres Pflanzen rund ums neue Holzhaus. Bald wissen vierzig Kinder, was bei den Zwiebeln unten und oben ist, wie man die Schaufel hinstellt, damit sie nicht umfällt, wie das Pflanzloch mit Erde aufgefüllt und mit der Grasscholle zugedeckt wird. Anschliessend entstehen die prächtigsten Zeichnungen von bunten Blumen, so dass ich nur hoffen kann, die Mäuse finden im kommenden Winter etwas anderes zu fressen, als unsere 272 Blumenzwiebeln.
Nun haben nicht nur die Kinder, sondern auch die Krokus-, Schnee-, Märzen- und Aprilglockenzwiebeln einen neuen Ort zum weiter Wachsen gefunden.
Mi. 24 Okt. 2007
Ich frage eine Freundin, die eben eine Stelle in einem Bundesamt angetreten hat, wie ihr der neue Arbeitsplatz gefalle.
„Es ist der erste in meinem Leben mit Damentoiletten im Überfluss.“
Mo. 22 Okt. 2007

(Karte: Judith Bärtschi)
Zieh dir für den jeweiligen Tag, oder wenn du eine Frage hast, eine Karte heraus und vergolde deinen Alltag, indem du ihre tiefere Bedeutung in dein Leben integrierst
Diese Karte möchte ich mit allen teilen, die mir heute ihr Beileid zu den Wahlen bekundet haben. Merci – siehe oben.
So. 21 Okt. 2007
Gestern hat das Quartier, in dem „blogk.ch“ steht, sein 40. Jubiläum gefeiert. Die öffentliche Meinung dazu ist, dass das Quartier damals eines mit Pinoiergeist war und heute eines mit Problemen ist. Vergessen geht oft, dass das, was im Rückblick zum Pioniergeist avanciert, in der Gegenwart eine Reaktion auf Probleme war. Wäre gut möglich, dass das, was wir hier und heute an Herausforderungen zu bewältigen suchen, in vierzig Jahren auch als Pioniergeist gilt. Auch wenn es nicht mehr Skirennen, Risottokochen und Geranienmärkte sind.
***
Coop-Magaziner beim Jubel-Frühstück: Du musst wissen, wenn ein Chef dich fertig machen will, kann er. Egal ob Bosnien, Schweiz, egal ob gute Job oder schlechte, egal viel Gewerkschaf, wenig Gewerkschaft. Egal viel Korruption, wenig Korruption. Er kann einfach, bei ihm ist Macht.
Ich: Kann schon sein. Kommt deine Frau auch noch?
Coop-Magaziner: Nein, sie arbeitet. Ich gehe nachher mit Zwillinge bei ihr in Coop essen. Geld muss fliessen. Coop zahlt unsere Lohn, ich zahle damit Mittagessen bei Coop.
***
Mädchen an einem Sinneswettbewerb. Mit verbundenen Augen diktiert es mir, was es nach Tasten, Riechen und Schmecken in den Gläsern vermutet:
Mädchen beim Paniermehl: Brot klein gemacht zu Sand.
beim Fencheltee: Tee für mein klein Bruder.
bei Muskatnuss: Nuss, die meine Mutter reibt.
bei Zimstängel: Vanillestängel für Weihnachten.
bei Grillspiess: Du fädelst Gemüse und Fleisch darauf.
bei Cellophansack-Verschlüssen: Metallteile zum Schliessen von Säcklein die sind wie ein Fenster.
bei Steckmasse für Blumengestecke: Hier steckt meine Mutter schöne Blumen rein und ich meine Finger.
***
Ehemalige Bewohnerin: Ich habe die richtige Entscheidung getroffen. Ins Altersheim, bevor ich alt bin. Was hätte ich nur gemacht auf dieser Baustelle hier? Zwar, die Aussicht, die ist schon anders, lauter Bäume vor den Fenstern. Eigentlich soll man dagegen nichts sagen, aber der Sonnenaufgang und der Sonnenuntergang, die fehlen mir schon. Allerdings soll man nicht klagen, dass es vergangen, sondern dankbar sein, dass es gewesen. Vierzig Jahre lang im zwölften Stock. Das war schon etwas Besonderes.
***
Bewohnerin (hat vier Kinder alleine grossgezogen) leise zu mir:
Heute bekommt mein B. den Ehrerndoktor der Uni K. Ich meine, wer hätte das gedacht, als er sich einst selber töten wollte? Du weisst ja, die Pfadi, die hat damals sehr schlecht reagiert, als er sich geoutet hat, er war hier ja Jahre sehr sehr aktiv. Und was ist danach passiert, als B. bei ihnen aufgehört hat, was? Es ist nur noch abwärts gegangen mit der Pfadi und das freut mich bis heute. Das musste damals so sein, dass ich diesen zerrissenen Brief im Abfall gefunden habe, es ist alles genau richtig herausgekommen. Jetzt ist er Quantenphysiker und seit heute Dr. Dr. Zuerst wollte er ja nur noch für die Bewegung arbeiten, aber ich und alle Geschwister haben gesagt, das ist doch kein Beruf, das ist doch einfach eine sexulle Orientierung, das reicht doch nicht als Lebenshinhalt! Und dem 20 Minuten habe ich auch gerade geschrieben, als sie diese Liste mit den homosexuellen Kandidierenden gemacht haben, die hätten besser erklärt, wofür diese Leute stehen! Dass Diskriminierung nicht sein darf, das gilt für alle und jeden! Auch für mich. Ich sage jedem, der mich dumm auf meine schwulen Söhne anspricht: Wer sie beleidigt, beleidigt auch mich, wer sie nicht respektiert, respektiert mich nicht. Die Haltung ist entscheidend und nicht die Orientierung.
***
Ein Pöstler: Nach vierzig Jahren haben sie mir nun auf der Schanzenpost gekündigt. Ich arbeite jetzt auf der Sihlpost. Ich hätte mir das nicht gedacht, dass das geht, aber es geht. Es war nicht in Ordnung, dass sie es mir so spät gesagt haben, dass sie mich versetzen müssen. Ich war ja vorher noch nicht oft in Zürich, ich kannte das nicht. Aber sonst geht es.
***