Lebenshilfe

Also, ich finde das tägliche Leben viel leichter als früher. Früher musste ich amigs überlegen, wie ich einen angefangenen Beutel verschliessen sollte – mit einem Gümmeli, einem Klämmerli, einem Drähtli oder sogar mit einem Schnürli? Als ich heute das Lödli mit den Sonnenblumenkernli aufmachte, war daran ein Kleberli geklebt mit einem Bildli drauf, wie ich 1. das Säckli aufrollen und 2. das Rölleli mit dem Kleberli verkleben soll. Nun kann nichts mehr passieren mit den Widerspenstigen. Sowohl Kärnli, als auch Schränkli bleiben sauber. Auch auf der schmalen Plastikhülle, in welche meine Strümpfe verpackt sind, steht, dass man sich dieses Säckli ja nicht über den Kopf ziehen soll. Ich habe allen, die mir lieb und teuer sind, das Plastiksäckli anprobiert. Zum Glück hats niemandem, nicht einmal dem kleinsten Kleinkrähchen gepasst, und ich darf weiterhin bei dieser Strumpfmarke bleiben. Als ich letzthin eine neue Duschmatte kaufte, las ich auf der Verpackung : “Bitte nach Gebrauch Seife auf beiden Seiten abspülen”. Das mache ich gerne, spüle nach jedem Duschgang die Matte oben und unten ab, beuge der Rutschgefahr vor. Zum Glück steht auf dem Zellophanhülleli, das eine Packung Bouillonwürfel zu einem nur schwer zu knackenden Gemüsetresor macht: “Verpackung zum Verzehr nicht geeignet”. Am Oleanderstöckli hing ein Schildli mit einem durchgestrichenen Apfel “on-eetbaar”. Ohne diese Info hätte ich das O-Bäumli doch glatt in die Suppe geschnetzelt. Dem Wetter-Mann im TV bin ich dankbar, wenn er mich spät nachts daran erinnert, dass von irgendwo her ein Sturmtief heranbrausen und vorsichtshalber das Einrollen der Sonnenstore angesagt sei. “Dieses Produkt eignet sich nicht zum Rohessen.” Nun koche ich die Bohnen immer und meide sämtliche rohen Bohnengerichte, zu welcher Tradition auch immer sie gehören mögen.

\"Salsa\" unter der Klauenfraese

Demonstrationskuh an der BEA 2012

“Leute in der Stadt und in der Agglomeration wissen ja kaum mehr, was eine Kuh ist und woher die Milch kommt”, meint Kari Litter, Geschäftsführer des Berner Fleckviehzuchtverbandes. Aus Dankbarkeit für den jährlichen Besuch des Fleckviehs und des noch übriggebliebenen Getiers bei uns in der Stadt mache ich mich auf, um wieder einmal zu sehen, ‘woher die Milch kommt’. Vor Halle 672 herrscht aufgeregtes Gedränge. Auf einem Schragen festgegurtet liegt reglos eine Kuh, an Hinter- und Vorderbeinen gefesselt. Bauch und Euter sind gegen die Zuschauer gerichtet. An ihr wird gerade “Fünf Schritte für fachgerechte Klauenpflege” demonstriert. Die Klauen werden gefräst und geschmirgelt, während ein Helfer der Kuh ein Auge zuhält.
Die Reaktionen im Publikum sind unterschiedlich. Es wird wie wild geknipst. Einige Frauen finden Klauenpflege nötig, aber doch nicht so ausgestellt in der Öffentlichkeit. Die Männer sind mehrheitlich fasziniert von der Arbeit mit der Fräse. Eine Gleichstellungstante aus dem Publikum verlangt energisch: “Fantast auf den Schragen, Fantast auf den Schragen!” Aber keiner tut einen Wank, um den Tausendkilostier “Fantast” aus dem Stroh zu holen. “Ha, das wagt ihr jetzt nicht, den auf den Schragen zu binden, ihr Angsthasen!” Endlich zieht die Tante, sie hat genau meine Stimme, Richtung “Grünes Zentrum” ab und Punkt 3 der absolut schmerzlosen Behandlung der Kuhklauen kann ungestört in Angriff genommen werden.

In diesem Jahr habe ich keine Fotos gemacht, obwohl es härzige gegeben hätte.

Menthe à l\'eau

Ein paar Tage im Süden verbringen, schauen, wie es ist, wenn nur wenig Touristen unterwegs sind und die weissen Pferde, wie mit Ariel gewaschen in der Frühlingssonne stehen, den Wind in den Mähnen. Flamingos äsen im Etang, darüber Möwengekrächze, auf dem Kanal die “Pescalune” (Aussichtsboot) und vor dem Stadttor das doppelstöckige Karussel. Am weiten Strand den Drachen aus seiner Verpackung befreien und ihn immer höher steigen lassen. Sand aus den Schuhen schütteln. Die regionale Zeitung durchblättern und lesen, wo Marine ein Altersheim besucht oder magrebinische Kinder küsst und wie die Aficionados des Stierkampfs auf den 150. Geburtstag ihrer Arena anstossen
Unter den Bäumen blühen violette Iris. Elstern und Wiedehopfe schäkern in den Ästen und lassen ab und zu einen weissen Klacks auf die Schwerter der Lilien fallen.

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Inès El Iaboudy will eine Alltagsgeschichte erzählen aus ihrem Hochhaus in Bobigny, 18 Stöcke, in dem nun auch der dritte von drei Aufzügen ausfällt. Ausgebrannt. Die anderen zwei waren schon seit vielen Monaten ausser Dienst. Arbeitslose Jugendliche haben einen Trägerdienst eingerichtet, mit Zeitplan. Freiwillig. Sie tragen seither die Einkaufstaschen der älteren Frauen und die Kinderwagen der jüngeren in die höheren Stockwerke.

Eine hübsche Geschichte, weit ab vom Klischee.

Quelle ist ein sehr guter Artikel zum Thema Banlieue und Ghettoisierung aus unserer gestrigen Tageszeitung. Wer Französisch lesen mag, dem sei der Bondy Blog ans Herz gelegt.

Rain is over ...

Haggada schel Pesach, Tel Aviv : Haschomer Hazair, 1966.

Am Karfreitag war wieder grosses Eierfärben, dieses Jahr im Gemeinschaftsraum des Blocks, damit die Kinder par terre mehr Auslauf zum Spielen hatten als im 16. Stock. 28 Kleine und Grosse färbten 240 Eier. Die Völker verstanden sich ausgezeichnet, blieben lange, verputzten Zopf, Apfelkuchen, Linzertorte, Ostertaube, Käse, Butter, Honig, Früchte, Schokolade und probierten bereits die frisch gekochten Eier.
Heute gabs dann für die Kleinkrähen vergnügliches Warm-Kalt-Nestersuchen, dann Osterzmorge mit Eiertüschen und Kaffee aus dem vorsintflutlichen Glaskrug. Draussen kalte Regenschauer und feines Schneegestöber – Lesewetter.
Weil ich ein schmales Bändchen in abgegriffenem goldenem Umschlag aus der Bücherreihe ziehe und in diesem Jahr Pessach mit Ostern zusammenfällt, steht hier ein Bild der ersten Seite der Haggada* und nicht eins mit Ostereiern.

*Diese kurzen Zeilen beschreiben den Monat Aviv. Winter und Regen sind vorüber, die Erde ist bedeckt mit Blüten, die Zeit der Nachtigall bricht an, in unserem Land ist der Ruf der Turteltaube zu hören. Der Feigenbaum trägt grüne Feigen und an den Rebstöcken wachsen duftende Trauben. (ungefähr, sonst: Hohes Lied 2, 8-)

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Hochhaus im April

Einmal hat sich ein Pfarrer bei mir beklagt, dass er nicht an seine Schäfchen herankomme. Nichts wisse er von ihnen, obwohl er doch schon so lange mit und unter ihnen sei. Er hätte sich hinter einen Gartenzaun stellen, ein bisschen in der Erde graben sollen und einfach nur warten, bis sie ihn anblökensprechen.
Die Lage meines Gartens, nicht weit von einer Tramhaltestelle entfernt an einem schmalen stark begangenen Quartierweg gelegen, wäre ideal gewesen für den verschmähten Hirten. Er hätte vernommen, dass das Hundchen von Frau Rütschi beinahe blind ist, von ihrem Sohn aber heiss geliebt wird, so dass der bald Vierzigjährige gar nicht von Mutter und Tierchen weg ziehen mag. Krankheiten von ganzen Generationen, schlimme und glimpflich abgelaufene, wären ihm im Detail geschildert worden, samt Therapien schulmedizinisch und homöopathisch. Lehrerversicherungskasse, Banken, frühere und heutige Finanzkrisen, Deutsche in unseren Krankenhäusern (sehr nett und mitfühlend), Wellnessbäder (Solbad Sigriswil noch besser als “Beatus” Merligen), Ferien im Tirol wo Mann das Handörgeli mitbringen darf, alles (und mehr) hätte der Pfarrer unter freiem Himmer durch den Maschendraht erfahren. Auch Erziehungsprobleme und -fragen, Ehen, Freundschaften, glücklich oder traurig beendet, mühsame Nachbarn, Umzüge, Geburten, von schwer bis ganz “ring”, “gfitzte” Enkel, erfolgreiche Kinder, Minarette ja oder nein, Meinungen zu Kriegen, Mord, Todschlag, Teppichboden, Platten oder Parkett hätten ihm ein Bild seiner Gemeinde gegeben. Aber nun ist er schon lange weg, der unglückliche Gottesmann, wurde in den Synodalrat (Bürojob) gewählt und alles, was er nie vernommen hat, weiss jetzt ich.

Nur zu gerne würde ich einmal eine Bombe – eine Malvenbombe natürlich – werfen, wie dieser Maurice Maggi.

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Ständig werden irgendwo Sicherheitsbestimmungen angepasst: in Kriegsländern, an Grenzen, in Banken, Schulhäusern, Regierungsgebäuden, im Internet. Nun bleiben auch wir hier im Westen von Bern nicht davon verschont, Sicherheitsbestimmungen anzupassen, denn es wurde ein “immenser Schaden” angerichtet. Ein Dieb, so ein Tummer, hat im Quartierzentrum 700 SBB-Tageskarten gestohlen (“Der Bund” hat berichtet am 27.03.2012). Diese 700 Billette für die Schweizerische Bundesbahn waren in einem Ordner aufbewahrt, den ein Mitarbeiter auf dem Schreibtisch “leicht zugänglich” liegen liess – und weg waren Ordner (Wert Fr. 34 000) und Dieb. Weil Quartierzentren immer sparen müssen, ist der Verlust der Karten bitter. Ab jetzt, ihr Schelme, werdet ihr es schwerer haben, Ordner zu stehlen, denn “einstweilen hat man die Sicherheitsbestimmungen angepasst”! (Von “angepasst” kann nicht die Rede sein, denn es gab ja vorher keine, und “einstweilen” bedeutet ja wohl, dass sie auch wieder aufgehoben werden können). Wo der Ordner nun wäre, falls …? “Permanent in einem Tresor gelagert”. Das sei für die Mitarbeiter “aufwendiger und zeitraubend, aber wenigstens sicher”, meint der Co-Leiter des Quartierzentrums. Wie bei dieser permanenten Lagerung die Tageskarten dann aus dem Ordner genommen werden, ist nicht bekannt.
Zu hoffen ist, dass der Täter nun seine Beute geniesst und das ganze 2012 jeden Tag mit seiner Grossfamilie (15 Pers.) im Zug durchs schöne Schweizerland reist.

Kleinesmaedchen-Bibliothek

Als ich mich heute Mittag an meinen Schreibtisch setzte, fand ich darunter diese Minibibliothek, eingerichtet und saisongerecht
mit Osterhasen dekoriert von Kleinesmädchen. Ein passendes Erinnerungsbild für den heutigen Abstimmungssonntag.

Frauentag 2012

36 : 9

Maennertag 2012

Männer und Frauen geschnipselt und sortiert aus “Der Bund” von heute.

Fasnacht 2012

(Posting im Auftrag von 2nd2nd, male. Wunderbar!)

Tunken Sie einen angebissenen Gemüsestängel immer wieder in die Sauce, bis er ratzebutzi verspeist ist? Langen Sie mit den Fingern, statt mit dem Löffel ins Nüsslischälchen? Haben Sie sogar die Angewohnheit, in eine Scheibe Brot zu beissen? Oi, oi oi – kleine Stückchen davon abbrechen!
Mit dem Glas sollte bitte nur andeutungsweise angestossen werden, und die Serviette wird links …
Wie können sich Gesellschaftsschichten wieder besser von einander unterscheiden, nachdem Kretis und Pletis Markenkleider tragen, sich auf Golfplätzen breit machen und sogar eine Beleuchtung fürs Klobürstli besitzen? Eine Möglichkeit:
Man schicke seine Kinder in ein Knigge-Seminar, wo sie u.a. Spaghetti ohne Löffel aufröllelen und aus dem Stielglas trinken lernen. Vielleicht wird die Trainerin noch die Geschichte von den beiden übrig gebliebenen Bewerbern für einen Top-Job erzählen, mit denen man essen ging. Sie errraten es: der Messerabschlecker kam über die Vorspeise nicht hinaus – ätsch. Alles kann das beste Seminar nicht übernehmen, denn

Die Eltern haben das Finale in, wie ihre Kinder aufgezogen, so Grosseltern müssen flexibel sein, wenn es um Regeln und Konsequenzen zu sagen.... mehr

Ich persönlich bin froh, dass an meinem Tisch sämtliche Essmäntel durch Servietten ersetzt werden konnten.

Nun haben die letzten Mitglieder der Blogk-Familie das Quartier am westlichen Rand der Stadt verlassen.
Vierzig Jahre waren die drei Blöcke mit viel Béton brut nach Le Corbusier unser Zuhause. Meine Töchter und ich liebten die grosse, helle Wohnung auf dem Dach, verbrachten unzählige Sommertage auf dem Balkon, beobachteten Sonnenuntergänge, Feuerwerke, Regenbogen und Gewitter, stellten uns vor, wir stünden auf dem Deck eines Schiffes, wenn uns der Wind um die Ohren blies. Wir gärtnerten, zeichneten Blöcke, liessen Ostereier und Weihnachtguezli abkühlen.
Unser Haus war offen für Gäste aus nah und fern, besonders auch für die Kinder aus dem Quartier, für Pflegekinder (auch von nah und fern). Wir integrierten und wurden integriert, gaben Nachhilfestunden, lernten nette Nachbarinnen und Nachbarn und oft auch ihre Lebensgeschichten und das Essen aus anderen Ländern kennen. Wir lasen uns durch die Quartierbibliothek, töpferten im Keramikatelier, zogen in der Weihnachtszeit Kerzen und bastelten Laternen. Zusammen mit anderen Müttern und deren Kindern wanderten wir bei jedem Wetter dem nahen Bach entlang durch den Wald, liessen Schiffchen treiben, machten Feuer und verputzten Würste mit Kartoffel- und Bohnensalat.
Eine “gute Adresse” war es nie, zu viele Ausländer, zu viele gewöhnliche Arbeiter. Regelmässig wurde das Quartier in den Medien schlecht gemacht, und immer wieder bekamen wir zu hören: “Ich könnte nie hier leben.” Auch von “Küngeliställen” und “Schlaf-Stadt” war die Rede. Wollten Lehrer und Lehrerinnen jeder Stufe eine besonders nicht erstrebenswerte Wohnform zeigen, machten sie mit ihren Klassen einen Ausflug zu uns. Einige Jahre lang versuchten wir Beobachteten, diese Gäste eines andern zu belehren, erfolglos. (Der einzige aus meiner Bekanntschaft, der es wagte, in diese verrufene Ecke von Berns Westen zu ziehen, war mein Schwiegersohn 2nd, male, der seine Kindheit in einem EFH in der Agglomeration verbracht hatte.)

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Umzug-2nds-1

Mit dem Ärger darüber verblassen auch die Gefühle für die Heimat,
sagt Peter Bichsel sinngemäss.

Umzug-2nds-2

Wir ärgern uns am neuen Ort noch nicht und über den alten nicht mehr.
Es lebt sich ganz gut in der Schwebe.

Gut gemacht

Wenns draussen Stein und Bein gefroren ist, ists drinnen besonders gemütlich. Heute werden alle Bauklötze mit Spaghettizangen zu Türmen aufgbaut, in deren Schiessscharten bald meine Fingeringe liegen. Suppenkellen und Schöpflöffel werden ständig umfunktioniert und dunkle Ecken in der Wohnung mit der Taschenlampe nach Gespenstern abgesucht. Welche Bücher stehen eigentlich auf den obersten Tablaren? Man verschiebt mit vereinten Kräften das Sofa und klettert auf die Lehne. Johnson, Kemal, Lawrence & Co. mögen vielleicht ein bisschen erschrecken, lassen sich aber gerne wieder einmal mit höchstem Interesse durchblättern. Anschliesssend bin ich für eine Weile gefordert und erzähle von Entchens neuer Brille, den kleinen Wölfen und dem bösen Schwein und zu 1000sten Mal die Geburt von Barbapapa Stefans Garten. Nun ist es Zeit, den Bärenhunger zu stillen. Und was machen wir danach?
Wir kneten Luft in den Teig – und dann sind wir müde – aber nur ein bisschen.

Teiggen

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Heute widme ich mich pflichtgemäss dem blauen Brief vom Amt für Bevölkerungsschutz, Sport und Militär, den ich vor einigen Tagen im Milchkasten (passte nicht in den Briefkasten) vorfand – nicht überraschend, denn er wurde mir via Medien angekündigt. Da der grösste Teil der Bevölkerung bereits mindestens 1 IKEA-Möbelstück zusammengebaut hat, sind die Anleitungen zum richtigen Verhalten klar.

Check-Liste

“Obwohl die Nukleartechnologie als sehr sicher erachtet wird, ist es Aufgabe der Behörde, das Schadensrisiko bei einem Unfall maximal zu reduzieren.”

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